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Nr. s.

Mittwoch den 5. Januar

ISST

icßcncr Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Dureaur Schulstraße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

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Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Amtlicher Hheil.

Betreffend: Die Wahl der Schulvorstandsmitglicder. Gießen, am 28. December 1886.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Schulvorstände des Kreises.

Diejenigen von Ihnen, welche noch im Rückstände sind, werden an Erledigung unserer Verfügung vom 11. December 1886 binnen 5 Tagen erinnert.

__Dr. Boekmann.___________________________________________________

Bekanntmachung.

Betreffend: Die Reinhaltung der Straßen, Plätze und Kanäle in der Provinzialhauptstadt Gießen.

Bei dem letzten Thauwetter sowohl, als bei früheren ähnlichen Gelegenheiten ist die Wahrnehmung gemacht worden, daß das von den gepflasterten Trottoirs rc entfernte Eis bez«. Schnee auf die nicht gepflasterte Fahrbahn, oder auf andere nicht gepflasterte Theile der Straßen geworfen wird. Der & 5 Reglements vom 10. November 1879, die Reinhaltung und Wegsamkeit der Straßen rc. betreffend, setzt fest, daß bei eintretendem Thauwetter nach Aufforderung der Localpolizeibehörde ohne Verzug die Straßen, öffentlichen Plätze und insbesondere Floßrinnen aufeisen, kehren und Schnee und EiS alsbald von den Straßen rc. entfernen zu lassen find. Wir können diesen ordnungswidrigen Zustand nicht länger dulden und bringen deßhalb die gesetzlichen Bestimmungen vorstehend wiederholt mit dem Bemerken zur öffentlichen Kenntniß, daß das Aufsichtspersonal strengstens angewiesen ist, Zuwiderhandlungen zur Anzeige zu bringen. .

Gießen, am 30. December 1886. Grobherzogliches Polizeiamt Gießen.

______Frese nius.

Politische Ueberficht.

Gießen, 4. Januar.

Die große schwebende Tagesfrage der inneren Politik, die Militärfrage, ist aus dem alten Jahre in das neue mit hinüber ge- nommen worden, ohne daß sich über ihre Lösung etwas Endgiltige« sagen ließe. Indessen dürfte die Entscheidung im Parlamente nicht mehr lange auf sich warten lassen, denn der Reichstag hat diesmal nur kurze Weihnachtsferien ge­halten und tritt das Plenum bekanntlich an diesem Dienstag, die Commission für die Vorberathung de» Septennatsgesetze» am folgenden Tage zusammen. Am Dienstag halten das Centrum wie die deutfchsreisinnige Partei Fraktion»« Sitzung'en ab und es steht zu erwarten, daß hierbei die Stimmung in den Wählerkreisen beider Parteien gegenüber der Militär-Vorlage ihre volle Berück­sichtigung finden wird. Weder Herrn Windthorst noch Herrn Richter dürfte e» verborgen sein, daß auch in der Centrumrpartei und in der deutschsreifinnigen Partei sehr viel Leute den Geldpunkt als nicht ausschlaggebend in der Militär- frage betrachten und die genannten Partei-Chef» werden diese Stimmung wohl oder übel berücksichtigen müffen. Was die fernere geschäftliche Behandlung der Militär-Vorlage anbelangt, so erwartet man, daß die Commission noch am 5. Januar zur zweiten Abstimmung schreiten wird und soll der gedruckte Com- misfionsbericht etwa am 8. Januar vertheilt werden, so daß da» Plenum spätestens am 12. Januar zur zweiten Lesung schreiten kann. Die letztere könnte al« Specialdebatte über die verhältnißmäßig kurze Vorlage ganz gut an einem Tage erledigt werden wenigsten« würde eine weitere Verschleppung dieser so hochwichtigen Angelegenheit in weiten Kreisen der Nation peinlich empfunden werden. t

Die Schauermähr von der Erschießung des deutschen Militär- bevollmächtigten in Petersburg, der Herrn v. Villaume, oder wenigstens von seiner schweren Verwundung durch den Czaren kann noch immer nicht zur Ruhe kommen. Jetzt weiß wieder ein Potsdamer Blatt .ganz bestimmt" zu berichten, daß Herr v. Villaume schwer oder gar hoffnung«lo» darntederliegt. Und doch hat ja der militärische Vertreter Deutschland, in Petersburg seinen Verwandten in Deutschland die telegraphische Nachricht zukom­men lassen, daß er sich äußerst wohl befinde und außerdem auch derNeuen Fr. Preffe" gegenüber auf eine directe Anfrage das erwähnte Gerücht als eine böswillige Elfindung bezeichnet. Warum will man nur yctnt v. Villaume durchaus das Leben nicht gönnen? Es ist indessen eine alte Erfahrung, daß in bewegten Zeiten sensationelle Gerüchte, und wenn sie den Stempel der Erfindung an der Stirn tragen, sofort die weiteste Verbreitung finden und sich allen Dementis zum Trotz mit einer merkwürdige« Zähigkeit behaupten, und so ist ee auch dieses Mal. Hoffentlich wird der von dem bösen Czaren erschaffene Herr v. Villaume noch lange leben!

Die Meldung, daß die Verhängung de» Kleinen Belagerung«. Zustande« über München beabsichtigt sei, wird jetzt osficiöserselt« &Cme®em Prinzen Ludwig von Bayern, dem ältesten Sohne de» Vrim-Regenten, ist vom deutschen Kronprinzen ein prächtiger Ehrensäbel zum Weibnachtigeschenk gemacht worden. Die freundschaftlichen Beziehungen, welche »wischen dem deutschen Kronprinzen und dem Erben der bayerischen Königs- tbrones bestehen und welche besonder» seit der Theilnahme de» Prinzen Ludwig an den vorjährigen Kaisermanövern im Elsaß und seinem bald daraus folgen- den Besuche am Berliner Hofe hervortraten, haben durch diese Widmung eine neue erfreuliche Illustration erhalten.

V Der französische Handelrminister, Herr Lockroy, hat jüngst lne recht seltsame Rede , gehalten. In der Syndicatrkammer der Pariser Bau- Mlndwerker erklärte er u A. sehr gelaflen: .Für die französischen Jntereffen

darf er auf dem Gebiete des Handel« keinen andern Feind geben, als da« Aus­land." Ist es schon seltsam, daß Herr Lockroy in seiner Eigenschaft als General-Commiffar der Pariser internationalen Weltausstellung für dar Jahr 1889 sich eine derartige Aeußerung gestattet, welche für das die Ausstellung beschickende Ausland gerade nicht besonders schmeichelhaft lautet, so muß sein Aurspruch um so verwunderlicher erscheinen, als sich Lockroy demnächst mit der Erneuerung verschiedener Handelsverträge zu beschäftigen haben wird. Wenn der französische Handelrminister in einer solch' eigenthümlichen Weise für die Weltaurstellung in Pari» Propaganda macht, so dürste die schon jetzt sehr mäßige Bereitwilligkeit der Völker, die Ausstellung zu beschicken, sich wohl noch erheblich verringern!

Die bulgarische Rundreise-Deputation ist am Mittwoch Nach­mittag von dem Leiter der englischen auswärtigen Politik, Lord Jddesleigh, empfangen worden. Der osficiöse Telegraph weiß zu berichten, daß dieser Em« pfang sehr herzlich ausgefallen sei und daß Lord Jdderleigh hierbei die Sym­pathien England, für Bulgarien betont habe. Nun, Sympathien sind so billig zu haben wie Brombeeren, aber mit bloßen Sympathien wird der bulgarischen Deputation schwerlich gedient sein und wenn sie von dem edlen Lord hinterher eingeladen worden ist, sein Schloß bei Exeter zu besichtigen, so dürste mit dieser Jnspection den Jntereffen Bulgarien» wohl auch herzlich wenig gedient sein! Von London au» will sich übrigen» die Deputation doch noch nach Pari» begeben.

General Kaulbars ist zur Versügung des Obercommandirenden ber russischen Gardetruppen und de, Petersburger Militärbezirk« gestellt worden. Es scheint die, die Belohnung de» Generals für dieschneidige" Ausführung seiner bulgarischen Mission zu sein und wäre hieraus zu schließen, daß dar ganz Europa mit Entrüstung ersüllende Auftreten de» Generals in Bulgarien an allerhöchster Stelle in Petersburg dochbefriedigt" hat. Nun, der Geschmack ist eben verschieden! Gleichzeitig wird gemeldet, daß der Vertreter der Pforte in Sofia, Gadban Effmdt, zur Berichterstattung nach Konstantinopel berufen worden ist. Gabbau Effendi hat stch, wie erinnerlich, berufen gefühlt, die Rolle de» G-nerals Kaulbars nach dessen Abreise von Sofia fortzuspielen, allerdings mit demselben Ungeschick, und wie alsdann sein Bericht über die Lage in Sofia aussallen wird, kann man sich ungefähr denken.

In der Herzegowina soll das Räuber-Unwesen wieder in Blüthe stehen. Die Banden find aus Montenegro herübergekommen und werden fie wohl nach Verübung verschiedentlicher Raub- und Mordthaten wieder in den schwarzen Bergen" verschwinden. Osficiell weiß man natürlich von solchen Vorgängen in Cettinje nichts, heimlich lacht man fich daselbst aber in'S Fäust­chen , daß Montenegro dem österreichischen Nachbar durch dm Schutz oder auch nur die Duldung solcher Banden einen kleinen Schabernack spielen kann!

][ Darmstadt, 3. Januar. Die übliche Neujahrs-Galatasel, welche der Großherzog dem diplomatischen Corps, den Spitzen der Militär- und Civil- behörden sowie seinen Hofstaaten alljährlich zu geben pflegt, findet heute Abend 7 Uhr im Weißen Saale der Schlosse» statt. E» find ungefähr 80 Gedecke aufgelegt. Von aurwärts wohnenden, am hiefigen Hofe accreditirten Diplo- maten werden u. A. auch Graf Tauffkirchen und Baron Soden erwartet.

In den nächsten Tagen wird hier die neuerbaute Mädchen-Mittel­schule in dem Blumenthal-Stadtviertel feierlich eröffnet werden. Der stattliche Bau kostet mit Gelände und Einrichtung ca. 260,000 «M. Der Geheime Ober« schulrath Greim, Oberbürgermeister Ohly und Kreisschulinspeclor Müller wer« den bei dem Einweihung»-Acte al» Redner sungiren.

Wie schon erwähnt, wird seitens der Primaner des hiesigen Gymnairum» eine Aufführung von Sophokles' TragödiePhil oct et" vorbereitet. Wie wir hören, ist auch eine die Chöre begleitende Musik eigene componirt worden.