Ausgabe 
4.12.1887 Viertes Blatt
 
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Nr. 283 Viertes Blatt Sonntag dm 4. December 1887.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzcigcblatt für den Kreis Gießen.

- Dchulstr-ß- 7. Erscheint «L«,ich mit Ausnahme des Montags. I«ch dl!^K,°°m^NnchWarf 50 W

Deutschland.

Berlin, 2. December. Se. Majestät der Kaiser nahm im Laufe des Vormittags eine Reihe militärischer Meldungen entgegen, ertheilte mehrere Audienzen und machte Nach­mittags eine Ausfahrt.

*4 DieNorddeutsche Allg. Ztg." bezeichnet den Bericht des PariserTimes"» Korrespondenten über die Unterredung zwischen dem russischen Kaiser und Fürst Bismarck als von Anfang bis Ende erfunden und erlogen.

K4 ^Dresden, 2. December. In der zweiten Kammer interpellirte der Abgeordnete Bramsch wegen der Zwecklosigkeit des Verfahrens bei Ausrottung der Reblaus in den sächsischen Weinbergen und namentlich hinsichtlich der großen Geldopfer, die zu den Er­folgen in keinem Verhältniß ständen. Der Staatsminister v. Nostitz-Wallwitz erklärte, die Regierung werde beim Bundesrathe wegen Abänderung des betreffenden Gesetzes vorstellig werden.

Arankreich.

PartS, 2. Decbr. Tie Polizei hat heute besondere Vorsichtsmaßregeln ge­troffen. Die Zugänge zum Parlament sind abgesperrt. Auf dem Concordtenplatz sind zahlreiche Neugierige versammelt, auf den Terrassen und im Tuileriengarten ist eine dichtgedrängte Volksmenge. Man singt vereinzelt dieMarseillaise" und ruft: a bas Ferry! Floquet eröffnet die Sitzung der Kammer um 2 Uhr. Nouvier verliest unter lautloser Stille die Botschaft des Präsidenten. Der Inhalt derselben ist Folgender: Als sich häufende Schwierigkeiten und die Unmöglichkeit, ein Ministe­rium zu bilden, mir entgegenstanden, habe ich gekämpft und bin geblieben, wohin mich meine Pflicht rief. Aber im Augenblick, da die öffentliche Meinung, aufgeklärt, mir d'e Bildung eines Ministeriums ermöglichen wollte, gaben Senat und Kammer durch ihr Votum kund, daß sie meinen Rücktritt erwarten. Mein Recht wäre es, zu widerstehen, aber da ein Konflikt zwischen der Exekutivgewalt und dem Parlament traurige Folgen haben kann, gebietet mir mein Patriotismus, zu weichen. Ich lasse denen, die sie übernehmen, die Verantwortlichkeit für diesen Präcedenzfall und seine Folgen. Ich lege ohne Reue, aber traurig mein Amt nieder, zu dem ich zwei Mal, ohne es zu wünschen, gewählt worden bin, und mit dem Bewußtsein, meine Pflicht erfüllt zu haben, berufe ich mich auf Frankreich. Es wird sagen, daß ihm meine neunjährige Regierung den Frieden und die Freiheit gesichert und die Achtung der Welt bewahrt, daß sie ohne Unterlaß an seiner Erhebung gearbeitet und es inmitten des bewaffneten Europa'6 in den Stand gesetzt, die Ehre und seine Rechte zu ver- theidigen, und daß sie im Innern die Republik auf den Weg geführt hat, den der Wille des Landes oorzeichnete. Beim Verlassen des polttischcy Lebens spreche ich nur den Wunsch aus, daß die Republik nicht durch die gegen mich gerichteten Angriffe leide und siegreich die Gefahren überstehe, in die man sie stürzt. Ich lege auf den Tisch des Hauses meine Demifsion nieder. Die Kammer hört lautlos die Botschaft an. Floquet verliest die Artikel der Nersassung, die über die Präsidentenwahl handeln und verkündigt auf morgen Nachmittag 3 Uhr den Kongreß zu Versailles. Die Sitzung wird aufgehoben. Im Senat wurde die Botschaft mit Beifall und größerer Bewegung ausgenommen. Fr. Z.

England.

London, 2. Decbr. Bei der Parlamentswahl in Dulwich (Londoner Stadt­viertel) wurde der Konservative Maple ipit 4621 Stimmen gegen den Gladstonianer Henderson, welcher 2609 Stimmen erhielt, gewählt. Die jetzige konservative Majori­tät ist um ein wenig geringer als bei der Wahl des früheren konservativen Abge­ordneten Howard.

DerStandard" erfährt betreffs der jüngsten Enthüllungen derKölnischen Zeitung", daß der Prinz von Koburg, ehe er nach Bulgarien ging,_ sich als letzte Hilfsquelle an den Zaren gewandt und seine lebhafteste Mißbilligung über die einge- fchiagene Politik des Baltenbergers ausgedrückt habe. Er beklagte die zwischen Ruß­land und Bulgarien entstehende Entfremdung, weil Bulgarien seine Existenz nur Rußland verdanke; er sei entschlossen, alle Jrrthümer der Vergangenheit wieder gut zu machen und das alte Loyalitätsgefühl wieder herzustellen. Es sei guter Grund für die Annahme vorhanden, daß einige Freunde deS Prinzen von Koburg, um demselben das Wohlwollen des Zaren zu sichen, so weit gegangen seien, der russischen Reichs­kanzlei Dokumente vorzulegen, welche Ermunterungen Bismarck's, sowie Versprechungen bezüglich einer schweigenden Unterstützung Deutschlands enthielten, wenn der Prinz von Koburg 'orlfahre, seine Politik gemäß den Erklärungen Kalnoky's betreffs einer freien unabhängigen Entwickelung der Balkanstaaten unter Ausschließung eines vor­wiegend fremden Einflusses anzupassen. Die angeblichen Dokumente standen in that- fächltchem Widerspruch mit den in Petersburg abgegebenen amtlichen Erklärungen.

Aurnänien.

Bukarest, 2. December. Der Abg. Fleva interpellirt in der Kammer wegen der Demission des Kriegsministers Angelescu und verweist auf die Gerüchte, wonach die Demission mit bei Lieferungen von Arbeiten begangenen Unterschleifen in Verbindung stehen soll. Ministerpräsident Bratiann weist die Behauptung Flevas zurück und erklärt, daß keine Unregelmäßigkeiten vorgekommen seien. Die Tagesordnung wird darauf mit großer Majorität angenommen.

Lokale*.

+ Gießen, 3. December. Dieser Tage ist eine Petition betr. Erhöhung der Getreidezölle aus unserem Wahlkreise an den Reichstag abgegangen. Der Wortlaut derselben war in einer conseroattven, vorwiegend von Parteimitgliedern aus der länd­lichen Bevölkerung besuchten Versammlung am 2. November festgestellt worden. Es wurde tn ihr der Ueberzeugung Ausdruck verliehen, daß nur eine starke und finanziell unabhängige Centralgewalt die Freiheit und Wehrhaftigkeit Deutschlands gegen außen sichern und den Ausbau seiner Verfassung nach innen durchführen könne; zu denjenigen Einnahmen aber, die dem Reiche unmittelbar zu gute kämen, feien die Getreidezölle zu rechnen. Nachdem die Erfahrung der letzten Jahre u. 51. insbesondere den Vorwurf entkräftet habe, daß durch dieselben die Landwirthschaft auf Kosten der übrigen Be­völkerung übermäßig bevorzugt und dem armen Manne das Brod vertheuert werde, so erscheine eine weitere Erhöhung der Getreidezölle als ein ebenso unschädliches wie wirksames Mittel, um die Reichseinnahmen zu erhöhen und somit auch die Matrikular- beiträge der Einzelstaaten auf ein geringeres Maß zu beschränken. Außerdem werde durch eine solche Zollerhöbung ein ferneres Sinken der Getretdepreise verhütet und in Folge dessen werde diese Maßregel dazu dienen, von der so schwer geschädigten Land- wirthschast weitere Beschädigung abzuwenden und so zugleich auch dem größten Thetle

der Nation zu gute kommen. Man richte daher die Bitte an hohen Reichstag, derselbe »olle entweder aus eigener Initiative oder aus Veranlassung einer Regierungsvorlage eine angemessene Erhöhung der Getreidezölle beschließen.

Diese Petition wurde besonders im Kreise Gießen und in der Wetterau ver­breitet und erhielt in etwa 50 Ortschaften ca. 1700 Unterschriften fast ausschließlich aus bäuerlichen Kreisen.

Gießen, 3. December. Gestern Vormittag fiel beim Abnehmen eines Bau­gerüsts an einem Neubau in der Ludwigstraße, in Folge Brechens von Stricken ein Weißbindergeselle von Watzenborn aus einer Höhe von 9 bis 10 Metern herunter und verletzte sich derart im Rücken, daß er in die Klinik verbracht werden muhte.

Gutem Vernehmen nach hat die Stadt vorsorglich zur Erbreiterung der Wetzsteinsgasse verschiedene Häuser zur Ntederlegung angekauft, nämlich: das Schuh­macher Wallher'sche Häus für 7500 JL, einen Stall, denPoltzeidiener Vogel Erben gehörend, für 1000 Jt, die frühere Koch'sche Besitzung, jetzt Lehrer Rahn gehörend, für 4500 JL., das Gensdarm Kraft'sche Haus, jetzt den Herren Sattler und Loth gehörend, für 4000 Diese Summen verstehen sich nur für den Platz. Die fett- herigen Eigenthümer legen die Gebäude nieder und behalten dafür die Materialien. Sodann wurde noch das Zimmermann'sche Haus für 5800 angekauft. Bei diesem besorgt die Stadt die Niederlegung. Betreffs des Reinhardl'schen Hauses schweben noch Verhandlungen.

Bermtfchtes.

Hungen, 30. November. Das hiesige Schloß, welches bisher meist den fürst­lichen Frauen des Hauses Solms-Braunfels zum Wittwensitz diente, wird künftig von dem Prinzen Hermann zu Solms-Braunfels, dessen Hochzeit mit der Prinzessin Elisabeth von Reuß j. L. dieser Tage zu Gera stattfand, bewohnt werden.

Dux (Böhmen), 29. November, lieber den Wassereinbruch in den Duxer Kohlenbergwerken, den wir schon telegraphisch meldeten, liegt heute folgender ausführ­licher Bericht derN. Fr. Pr." vor: Gestern, Montag, Vormittag halb 11 Uhr, brach im Oberbau des Victorin Werkes, und zwar ungefähr 120 Schritte in der Strecke gegen den Döllinger-Schacht zu, nachdem vorher ein unerklärliches knarrendes Geräusch vernommen worden war, aus der Sohle Wasser hervor, welches, mit Gewalt dem Tiefbau sich zuwälzend, immer mehr zunahm. Die im Tiefbau arbeitenden Bergleute wurden rasch durch Oberhäuer Zussi verständigt und konnten sich nur dadurch retten, daß sie, bis an die Brust im Wasser watend, rasch dem Ausgange zuliefen. Herr Bergdirector Klier traf auf die Meldung von dem Anschlägen des Wassers rasch seine Maßnahmen und so konnte alle Mannschaft glücklich ausfahren. Das Wasser strömte unter Brausen und Sprudeln etwa einen Meter hoch aus einer Spalte von wenigstens anderthalb Meter Länge und einem halben Meter Breite, uyd bis heute erwiesen sich alle Versuche, diese Spalte zu verstopfen, als erfolglos. Man warf Säcke mit Eisen- bestandtheilen, als Hunderäder, Hundeachsen, Schienen u. s. w. hinein; dieselben wurden mit einem kurzgurgelnden Tone verschlungen. Versuche, die Spalte mit Fässern und Tonnen, in welche Letten gestampft war, zu verdämmen, erwiesen sich gleichfalls als vergeblich; das Wasser schleuderte dieselbe meterhoch wieder heraus. Man vermuthet nun, daß das Wasser aus einem großen Reservoir, dessen Fläche bedeutend höher liegt als die Sohle des Oberbaues, hervorquillt. Montag Abend nach 9 Uhr geschah plötz­lich und unvorhergesehen der Einbruch in den Tiefbau des Nelson-Werkes und stieg das Wasser rapid, wie verlautet, 40 Centimeter in der Stunde. Die Werkesleitung hatte auf die Nachricht von dem Ereignisse im Victorin - Werk bereits Vorsorge getroffen und sämmtliche dreizehn Grubenpferde, sowie die Hunde zu Tage fördern und den Betrieb einstellen lassen. Leider war die große Wasser­hebemaschine kurze Zeit zuvor außer Thätigkeit gesetzt worden. Das Nachbar- Werk Gisela ist noch vollständig intakt, und gestern wurde daselbst noch ge­fördert, doch fürchtet man im Laufe der nächsten Tage gleichfalls die Jnundation. Das Fortschritts-Werk hat für die nächsten Tage nichts vom Wasserandrang zu befürchten, doch wurde von Seite der Werksleitung die Förderung im Tiefbau eingestellt und nur im Oberbau für das Depot gearbeitet. Heute, Dienstag, kam die MAdung, daß sich im Tiefbaue ebenfalls ein Durchsickern des Wassers bemerkbar mache und wurden deshalb alle Vorsichtsmaßregeln getroffen. Sowohl am Montag als auch am Dienstag war am Victorin-Werke die Commission unter dem Vorsitze des Herrn Bergrathes Mlady in voller Action. Die in Folge des Stillstandes der Werke feiernde Mann­schaft ca. 1300 Mann verhält sich bis jetzt vollkommen ruhig, ja setzt, besonders jene des Dictorin-Werkes, volles Vertrauen in die Commission und die Werksleitungen. Wie wir erfahren, konnte übrigens für die Vertheilung der Mannschaft der zum vor­läufigen Stillstände gezwungenen Werke dadurch Vorsorge getroffen werden, daß sich die von der Katastrophe nicht berührten Werke herbeiließen, einen Theil der Arbeits­kräfte aufzunehmen. Zum Schlüsse sei noch bemerkt, daß das aus der Einbruchsstelle einströmende Wasser milchiges Aussehen und eine Temperatur von 21 Grad Celsius hat. Dasselbe führte in der ersten Zeit des Ausbruches Partikel von Porphyr in der Größe von einer Faust bis zu Kopfgröße mit sich und erweist sich dasselbe ähnlich in seiner Charakteristik wie das Döllinger-Wasser.

Telegraphischer Echiff-bericht

derRed Star Line" Antwerpen.

Philadelphia, 1. December. Der PostdampferSwitzerland" derRed Star Line", welcher am 16. Noobr. von Antwerpen abging, ist heute wohlbehalten hier angekommen. ________________

Hauptorgan der liberalen Partei Süddeutsch- ^lUllRpUIlCL c^UUrnul> lands, eine der billigsten großen Zeitungen. Vierteljährlich 6 JL 25 8873

Auszug aus den Standesamtsregistern des Standesamts Gießen.

(Nachdruck nur mit vollständiger Quellenangabe gestattet.)

November: 26. Johann Jacob Licht von Rotensee, ledig, Sergeant dahier, mit Anna Maria Keil, ledig, von Nieder-Ohmen, wohnhaft dahier. "Hann Friedrich Bosold, ledig, vom Rommerode, Schneider dahier, mit Luise Marie Emilie Muskulus, ledig, Hierselbst. 30. Heinrich Peter, ledig, Schlosser dahier, mit Mana Damm, ledig, von Reiskirchen, wohnhaft dahier.

November: 24. Dem Hüttenarbeiter Heinrich Sehrt ein Sohn, Karl. 24. Dem Fuhrmann Philipp Gans ein Sohn. 24. Dem Schuhmacher Franz Neumeyer eine Tochter, Elisabethe Karoline. 25. Dem Maurer Jakob Jost ein Sohn, Heinrich.