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Ar. 230. Dienstag den 4. Oktober 1887.

Meßmer Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Dureaur Schulftraße 7«

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

PreiS vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlshn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Amtlicher Hheil.

Nr. 39 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 28. v. M., enthält: (Nr. 1750.) Verordnung, betreffend die Besteuerung des Branntweins im Königreich Bayern. Vom 27. September 1887.

Nr. 40 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 30. v. M., enthält:

(Nr. 1751.) Übereinkunft, betreffend die Bildung eines internationalen Verbandes zum Schutze von Werken der Literatur und Kunst.

Gießen, am 3. Oktober 1887. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

Dr. Boekmann.

Politische Ueberstcht.

Gießen, 3. October.

Die Ungewißheit über den Stand der Vorarbeiten zur Alters- und Znvaliditäts-Verstcherungs-Vorlage scheint vteljach die Anschauung heroorgerusen zu haben, daß diese Frage einstweilen von der Reichsregierung vertagt worden sei. Nach anscheinend osficiösen Mittheilungen liegt aber der Regierung eine derartige Abstcht durchaus fern, nur verzögert sich allerdings die Fertigstellung des bezüglichen Entwurfes durch die verschiedenen Vorfragen, welche es noch zu erledigen gtebt. Namentlich handelt es sich darum, dem Entwürfe durch Einführung der Versicherungspflicht für das Handwerk die erforderliche breite und sichere Grundlage zu schaffen und die Beschleunigung der Vorlage über die Alters- und JnvalideN'Versorgung der Arbeiter hierdurch herbeizu­führen. Selbstverständlich erfordert diese schwierige Materie eine eingehende Sichtung, und es dürfte daher noch einige Zeit vergehen, ehe sie aus dem Reichr- amte des Innern an die gesetzgebenden Körperschaften gelangt. Mit der Fertig­stellung des Altersversorgungs-Gesetzes wird sodann die Reihe der socialpolitischen Resormen zunächst einen gewissen Abschluß erreicht haben und eine längere legislatorische Ruhepause etntrelen müssen. Jedenfalls steht zu erwarten, daß die socialpolitischen Fragen auch den nächsten Reichstag wiederum beschäftigen werben, nur dürfte dies erst in dem letzten Theile der kommenden Session geschehen.

Die ungarische Thronrede bestätigt jetzt, wo sie in ihrem Wortlaut vorliegt, nur den ersten Eindruck, den dec dürftige telegraphische Auszug machte. Es ist im Großen und Ganzen eine nüchterneGeschäftsrede", die keinerlei sensationelle Wendungen oder besondere Ueberraschungen enthält. In Bezug aus die inneren Angelegenheiten empfiehlt die Rede eine sparsame Finanzwirthschaft, berührt den Finanzausgleich mit Croatien und zählt im Uebrigen in üblicher Weise die in dem Reichstage zu machenden Vorlagen auf. Aber auch der Paffus über die auswärtige Politik bietet weiter nichts Bemerkenswerthes dar. Selbst- verständlich werden die Beziehungen der Monarchie zu allen Mächten als befrie­digende geschildert und wenn die Thronrede nicht umhin kann, die Weltlage immerhin al» etwas ernst aufzufaffen, so wird doch sofort hierauf der Hoffnung auf Erhaltung de» Friedens Ausdruck gegeben, freilich unter gleichzeitiger Be­tonung der fortdauernden Vervollkommnung der Wehrmacht Oesterreich-Ungarn«. Hoffentlich werden die signalisirten ministeriellen Erklärungen über die auswärige Lage anläßlich der Budgetdebatte des ungarischen Reichstages etwas Positiveres bringen, als es die Thronrede gethan hat.

In Pesth fand am Donnerstag die feierliche Enthüllung des dem ungarischen Staatsmanne und Patrioten Franz Deal errichteten National- Denkmals unter großer Betheiligung der Bevölkerung statt. Die Gegenwart Kaiser Franz Josefs bei dieser Feier, die dem Andenken eines Mannes galt, der lange Jahre al« Führer der ungarischen Nationalpartei ein Gegner Oester­reichs war, bekundet wohl am besten die inzwischen erfolgte Wandlung in dem Verhältnisse Oesterreichs zu Ungarn.

In der ober-österreichischen Bischossstadt Linz tagte am Donnerstag und Freitag der österreichische Katholikentag. Bemerkenswerth erscheint au» den Donnerstags-Verhandlungen die Annahme einer vom Bischof Müller bean­tragten Resolution, welche sich für die Wiederherstellung der weltlichen Herrschaft der Papstes ausspricht bemerkenswerth deshalb, weil auf der Versammlung v. Ä. Der Statthalter und der Landeshauptmann als RegierungS'Vertreter an­wesend waren. Die Gegenwart dieser osficiellen Persönlichkeiten bet einem Be­schlüsse , der, wie der erwähnte, sich inbirect gegen die italienische Regierung richtet, trägt entschieden etwas Auffallendes an sich vielleicht haben die genannten Herren gar nicht für die Resolution gestimmt?

DerGraschdanin", Organ des bekannten russischen Fürsten Mefr lcherrky, brachte am 22. v. Mts. einen niederschmetternden Artikel, der sich gegen den Optimismus richtete, der französtscherseit» über den Erfolg des Mobil- machungs-Versuche» an den Tag gelegt wurde. Das Blatt vernrtheilt das Uebermaß an Vertrauensseligkeit, welches darin liege, blind den Versicherungen der militärischen Führer und der französischen Zeitungen Glauben zu schenken, von denen erstere ein Interesse daran haben, ihre Popularität zu wahren, wäh­rend für die Zeitungen eine Bürgschaft des Erfolges darin liegt, den Chauvlnls- ^us zu nähren. DerGrafchdanin" unternimmt es sodann, Punkt für Punkt die bei der Mobilmachung offenbar gewordenen Mängel hervorzuheben und Meßt mit der Bemerkung, daß wenn die Deutschen den Erfolg dieses Ver­suches nicht gestört haben, es einzig und allein deshalb geschah, weil sie großes Interesse bmn haben, bie Franzosen (n der Selbsttäuschung zu belasten, um Wenen Falles desto größeren Vortheil aus bem militärischen Uebergewichte "ber letztere zu ziehen. Dieser hier scizzirte Artikel wirb nunmehr in ben

verschiedensten Kreisen der Petersburger Gesellschaft aus da» Lebhafteste be­sprochen. Seine Ausführungen gewinnen dadurch an Gewicht, daß das Mest- fchersky'fche Blatt anerkanntermaßen in Hofkreifen und beim hiesigen High-Lise sehr beliebt ist. Man findet, daß der Versaffer, wenn auch nicht durchgängig, so doch im Wesentlichen Recht haben könnte mit seinem Bemühen, dem für die optimistischen Folgerungen einer gefälligen Presse allzu sehr zugänglichen franzö­sischen Volke die Augen zu öffnen. Nichtsdestoweniger verurthellt man einstimmig den übertrieben gehässigen, unpaffenden und unzeitgemäßen Ton dieser Kund­gebung, deren Argumente übrigen» durchaus nicht unwiderlegliche sind.

Deutschland.

Darmstadt, 1. Octbr. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht:

Am 24. Septbr. ben Kreisarzt bes Kreisgefundheltsamt« Darmstadt, Medi- cinalrath Dr. Karl Neidhart, zum Vortragenden Rath beider Abthellung des Ministeriums bes Innern und der Justiz für öffentliche Gesundheitspflege, mit bem AmtstitelOdermedicinalrath" mit Wirkung vom 1. October b. Js. an, ben Kreisarzt des Kreisgesunbheitsamts Bingen, Dr. Karl Spam er, zum Kreisarzt des Kreisgefundheitsamts Darmstadt mit Wirkung vom 1. October b. I». an zu ernennen.

Se. Königl. Hoheit ber Großherzog haben Wergnädigst geruht:

Am 1. Octbr. dem Bürgermeister der Kreisstadt Offenbach Wilh. Brink ben Cbarakter alsOber-Bürgermeister" zu verleihen.

Darmstadt, 1. Octbr. Das Großherzogliche Regierungsblatt Nr. 29 enthält:

Bekanntmachung Großh. Ministeriums ber Finanzen, betr. die Ausführung bes Branntweinsteuer-Gesetzes vom 24. Juni 1887.

Desgleichen das Großh. Regierungsblatt Nr. 30 enthält das Gesetz, die Gemeinde-Umlagen betreffend.

Berlin, 1. October. DieNorddeutsche" meldet: Der Staatssecretär Graf Herbert Bismarck ist heute Nachmittag abgereist, um Ministerpräsident Crispi in Büchen zu empfangen und nach Frtedrtchsruh zu geleiten.

Baden-Baden, 1. October. Der Kaiser von Brasilien, welcher hier zwei Monate lang weilte, verließ mit seiner Familie heute früh 10 Uhr Badm-Baden, um sich vorerst nach Coburg, von dort über Köln nach Brüssel und sodann nach Paris zu betzeben. Zur Verabschiedung war Se. Majestät der Kaiser auf dem Bahnhofe er­schienen, außerdem Ihre Königl. Hoheiten der Großherzog und die Großherzogin von Baden, der Prinz Heinrich von Preußen und der Großherzog von Sachsen-Weimar. Die Spitzen der Behörden und viele Personen von Diftinction waren ebenfalls anwesend.

Arankreich.

Pari», 30. September. Nach einer der Regierung zugegangenen Mittheilung soll die deutsche Regierung sich bereit erklärt haben, der Wittwe Brtgnon eine Unter­stützung zu gewähren und zwar ohne das Resultat der gerichtlichen Untersuchung ab­zuwarten, die ihren Fortgang nehmen soll.

ßngkanb.

Dublin, 1. October. Der Deputirte O'Brien und der Lordmayor von Dub­lin, Sulltoan, besuchten gestern Luggacurran, wo vor einigen Tagen die gerichtlich ver­fügte Entfernung einiger Pächter von ihren Grundstücken stattgefunden hatte, und htttten daselbst ohne vorherige Anmeldung bei den Behörden ein Meeting ab. O'Brien forderte in einer Rede die Pächter auf, bet ihrer bisherigen Haltung zu verharrm, um eine Reductton der Pachtgelder durchzusetzen.

Spanien.

Madrid, 1. October. Die amtlicheGaceta" veröffentlicht eine königliche Ver­ordnung, der zufolge deutscher Alkohol, welcher bei spanischen Zollämtern eingeht, ohne ein Zeugniß über die Ausfuhrprämie nicht zulässig ist.

Telegraphische Depeschen.

Wolff*- telegr. «Korrespondenz-Brrrean.

Wien, 2. October. Der hygieinische Congreß ist heute geschlossen worden. Kahr (München), Mosso (Turin), Trelat (Paris) und Roth (London) sprachen im Namen ihrer Landsleute dem Kaiser und dem Kronprinzen für die dem Congrepe zu­gewendete Huld und Gnade ihren Dank aus. Für den nächsten Congreß, welcher int Jahre 1891 ftattfinden soll, wurde einstimmig London als Versammlungsort an­genommen. Der Vorsitzende des Congresses, Professor Ludwig, dankte der ^taot -vnn und der Universität für ihre Gastfreundschaft und schloß mit einem vretmaltgen s.oa> auf den Kaiser und den Kronprinzen Rudolf, in das die Versammlung bereister. - stimmte. Bet dem Abschtedsbankett im Kursalon brachte Professor Ludwig den Toast auf den Kaiser, Gehetmrath Köhler (Berlin), den Toast aus den Kron- PttniCntRom, 2. October. DieRisorma" lagt mit Bezug °us die Entreoue zwiicheir dem Fürsten Bismarck und Crispi, die vatikanische Frage habe mit derselben nichts zu