Misere Finanzen. Die Einwirkung der Zölle auf die Preise habe sich nur langsam rind in geringem Maße gezeigt; zu Tage getreten aber sei sie doch. Augenblicklich haben wir aber trotz der Zölle die niedrigsten Weizen- und Roggenpretse seit 30 Jahren. Die Wirkung der Zölle zergt sich nur in der Differenz zwischen den deutschen Durchschnittspreisen und den Notirungen des Londoner Marktes. Diese Differenz sei aber zu gering, als daß der Consument davon berührt würde. Deutschland könne seinen Bedarf in der Hauptsache selbst decken; Import und Export stellten sich im Wesentlichen nur als Transit dar. Unsere Production könne durch Eulttvirung der Moor- und Haideflächen noch erheblich vermehrt werden; wir verfügen da noch über Hunderte von Quadratmetlen; aber freilich erfordert die Cultioirung ein nicht unerhebliches Anlagekavital, dessen Verzinsung durch gesicherte Absatzverhältnisse gesichert werden müsse. Günstig haben die bisherigen Zölle auch dadurch gewirkt, daß sie für uns die Wirkungen einer schädlichen Speculation abschmächten; ganz zu verhindern vermochten sie sie nicht. Der ständige Rückgang der Preise müsse zu einem Punkte führen, wo die Productionskosten den Ertrag übersteigen, umsomehr als sich die Productionskosten nicht verminderten, sondern thetlweise noch stiegen. Die Pachterträge der Domänen sowie privater landwtrthschaftlicher Güter zeigten demgemäß überall erhebliche Rückgänge — 25—50pCt. Der Rückgang der Gutspretse zeige sich noch nicht in gleich ^stappantem Maße. Die Verschuldung ländlicher Güter im Königreich Preußen sei allein im Jahre 1886/87 um 132 Millionen gestiegen. Wenn nicht besondere Der- Hältnisse mitgewtrkt hätten, wie die deutsche Colonisation in Posen und Westpreußen, fo würde sich diese Ziffer noch höher stellen. Dazu komme die Zunahme der Sub- hastationen. Alle diese Thatsachen dürften doch wohl hinreichend sein, um den Beweis zu führen, daß wir in der That vor einer ernsten Krisis stehen. Was das Verlangen nach weiteren statistischen Feststellungen anlange, so seien die Selbstverwaltungsorgane schon zu sehr belastet; außerdem müsse rasch gehandelt werden. Die vorgeschlagenen Sätze seien richtig bemessen, jedenfalls könne er einer Herabsetzung derselben nicht zu- ' stimmen. Empfehlen könne er auch nicht, die Regierung zu ermächtigen, in gewissen Fällen, bei geringen Ernten im Jnlande, die Zölle zu ermäßigen; damit werde nur eine stete Unsicherheit herbeigesührt. Trete Mißernte ein, so sei es richtiger, den Reichstag schleunigst zu berufen, um eine Herabsetzung oder Nichterhebung der Getreidezölle beschließen zu können. (Beifall rechts.)
Abg. Dr. Retchensperger (Centr.) spricht sich gegen die vorgeschlagene Erhöhung der Getreidezölle aus, durch welche der Nordosten einseitig auf Kosten der anderen Landestheile bevorzugt werden solle. Aufgabe des Schutzzollsystems müsse sein, alle Interessen gleichmäßig zu fördern, nicht aber einzelne einseitig zu begünstigen. Die vom Minister mitgethetlten Angaben über Pachtsätze und den Werth ländlicher Grundstücke beweisen, daß die Productionskosten gedeckt sein müssen, denn man zahlt gern noch zu, sei es Pacht, sei es Kaufpreis. Die Zollerhöhung werde umsomehr eine entsprechende Preissteigerung herbeiführen, als wir ausländischen Getreides bedürften. Der Vortheil von der geplanten Brodkornvertheuerung könne nur Demjenigen zufallen, der mehr Getreide producirt als er consumirt. Diur ein Fünftel der ländlichen Besitzer habe Vortheil davon, ein weiteres Fünftel stehe indifferent und drei Fünftel endlich würden direct benachtheiligt. Die Industrie aber werde durch höhere Brodpreise in ihrer Concurrenzsähigkett geschmälert, während sie doch auf den Export angewiesen und nicht minder nothleidend sei als die Landwirthschast.
Abg. v. Helldorf-Bedra (cons.) weist den Rückgang der landwirthschastlichen Erträgnisse ziffernmäßig nach. Die Productionskosten würden durch die stetig steigenden Löhne erhöht und es sei der Landwirthschast viel weniger möglich, diesen Theil der Productionskosten zu mildern. Die Bebel'sche Behauptung von der Gedrücktheit der landwirthschastlichen Arbeiter werde schon durch die Thatsache hinfällig, daß die Land- wirthe froh sind, wenn sie Arbeiter haben. Herr Reichensperger habe nicht gesagt, wie der Landwirthschast in dieser Nothlage geholfen werden solle. Es bandle sich keineswegs, wie man behaupte, hier um die Interessen lediglich der Großgrundbesitzer, sondern um die des breitesten Standes, des Bauernstandes. Der Großgrundbesitz bilde nur einen kleinen Procentsatz des gesammten landwirthschastlichen Grund und Bodens, während der mittlere Besitz bis zu 100 Hectaren den Hauptantheil hat. Aber auch die kleinen Besitzer seien bei den Zöllen interessirt, auch die Besitzer von 5 Hectaren verkaufen ihre Producte; was sollten diese armen Kleinbesitzer thun, um ihre Steuer zahlen und die Mittel für ihre Bedürfnisse erlangen zu können? Daran, daß wir bezüglich unseres Getreidebaues einmal auf den Export angewiesen sein könnten wie bezüglich des Branntweins, sei nicht zu denken. Bet unserer rasch wachsenden Bevölkerung wollen wir zufrieden sein, wenn sich Production und Consumtion decken. Noch kann allerdings der Getreidebau eine erhebliche Ausdehnung erfahren. Nicht um die Vertretung einseitiger Agrartnteressen handele es sich hier, sondern um das Interesse des ganzen Volkes.
Abg. Geibel (natl.): Nicht als Gegner der Landwirthschast, sondern als Freund derselben erkläre er sich gegen die Vorlage. Er bedauere, daß nicht eine Enquete stattgefunden habe. Eine solche sei freilich schwierig, da es in den Kreisen der Landwirthe meist an einer geordneten Buchführung fehle. Er habe eine kleine Privatenquete veranstaltet. Da habe sich ergeben, daß von 1881 bis 1887 die Preise für Getreide zwar wesentlich zurückgegangen, daß aber dafür die Produktion zugenommen habe, so daß das Erträgniß schließlich dasselbe geblieben sei. Die Getreidezölle werden nur einem Theil der Landwirthe und auch diesem nur für kurze Zeit nützen. Der Rückgang der Grundstückspreise sei ein Gesundungsproceß, der nicht unterbrochen werden dürfe, wie dies durch die Zollerhöhung geschehen würde. Der kleine Land- wirth consumtre das Brodkorn, welches er baue, selbst und verkaufe Gerste und Hafer. Wollte man dem kleinen Landwirth nützen, so müßte man einen höheren Zoll auf den Hafer legen. Durch diese Vorlage werde der Landwirthschast im Allgemeinen nicht geholfen; wolle sie der Staat fördern, so könne er das durch ein gerechtes Steuersystem, Entlastung der Communen, zweckmäßige Regelung des Hypothekarkredtts, Erleichterung des Personalkredits, Förderung des Genossenschaftswesens rc. Die Rente aus dem Grundbesitz sei gesunken wie jede andere, das sei eben ein naturgemäßer Vorgang. Die Erhöhung werde in der Arbetterbevölkerung Erbitterung Hervorrufen und unsere Social- resorm gefährden.
Abg. Gehlert (Rchsp.) tritt der Annahme entgegen, als ob Zölle und in- directe Steuern eine Classe der Bevölkerung ausschließlich treffen könnten. Höhere Lebensmittelpreise führten zur Steigerung der Löhne und so finde sich denn, daß der Arbeiter dort, wo das Leben theurer sei, nicht schlechter gestellt sei, als da, wo die Lebensmittel sehr billig seien. Die Nothlage der Landwirthschast schädige den in- dusttiellen Arbeiter, indem die ländlichen Arbeiter nach den Städten strömten und hier den städtischen Arbeitern Concurrenz machten, ferner dadurch, daß sie die Consumtions- fähigkeit der ländlichen Bevölkerung beschränke. Den Arbeitern werde also kein Nach- khetl, sondern nur Vortheil aus der Zollerhöhung erwachsen. Der wirkliche „arme Mann", dessen sich der Freihändler annehme, sei der Börsenmann, der Großhändler. Derselbe sei ja ein nothivendiges Glied, aber der Staat könne in ihm doch unmöglich keine erste und beste Stütze erblicken. Angesichts der vom Minister gegebenen und in den Motiven enthaltenen statistischen Nachweise müsse man zugeben, daß die Land- wtrthschaft unter ganz unmöglichen Bedingungen arbeite. Es war eine wirthschaftliche Sünde, die Wollzucht verfallen zu lassen; sie wird nie wieder erstehen; erhalten wir uns wenigstens unsere Landwirthschast in den bestehenden Grenzen. — Redner wendet sich dann noch gegen die Goldwährung als beide Zweige unseres wirthschaftlichen Lebens, Landwirthschaftund Industrie, gleichmäßig schädigend. Es werde häufig behauptet, daß Deutschland für andere Länder den Impuls gegeben habe, sich mit Schutzzöllen zu umgeben; neuerdings finde sich diese Behauptung in einer Petition der Stettiner Kaufmannschaft. Sie sei einfach unwahr. Zur Zeit, als Deutschland Freihandel hatte, gingen Amerika und Rußland zu starken Schutzzollsystemen über. Seine Fraktion sei fast einstimmig von der Nothwendigkeit einer Erhöhung der landwirthschastlichen Zölle überzeugt und trete entschieden dafür ein, dagegen bestünden Meinungsverschiedenheiten über die Ziffer. Er beantrage daher die Ueberweisung der Vorlage an eine 21gliederiae Commission. (Beifall.)
Abg. Lorenzen (frs.) hält es noch keineswegs für bewiesen, daß die Kornzoll- erhöhunq eine Besserung der Preise zur Folge habe und so der Landwirthschaft von Nutzen sein werde. Jedenfalls aber werde sie schwere politische Conflikte zur Folge haben. Schon aus diesem Grunde müsse er sich dagegen erklären.
Hierauf wird die Weiterberathung auf morgen Vormittag 11 Uhr vertagt.
Telegraphische Depesche«.
Wolff'S tele-e. Eor*ksv<mdenz-Bureau«
Berlin, 1. December. Bulletin der Aerzte des Kronprinzen: Sa« Remo, 30. November. Das örtliche L iien der Kronprinzen zngt augenblicklich keinerlei Symptome umsichgreifender Ausdehnung, Beschwerden irgend welcher Art find nicht vorhanden, die allgemeinen Köcperfunctionen find andauernd sehr gut. Der Kronprinz unternimmt täglich bei günstigem Wetter regelmäßige Spaziergänge und Ausfahrten.
— Prinz Wilhelm ist mit dem Prinzen Ludwig von Bay rn heute Abend 6 Uhr nach Letzlingen abgereist.
— Den Stadtverordneten ging ein Antwortschreiben der Kronprinzessin aus die ihr gesandte Geburtstags-Glückwunschadreffe zu, worin sie für den Ausdruck herzlichen Antheils an der schweren Prüfung, die Golt ihr und dem ganzen Vaterlande durch die Krankheit des Kronprinzen auferlegt, dankt und mit dem Wunsche schließt, daß in dieser schweren Zeit des Himmels Segen auf der Hauptstadt und dem ganzen Vaterlande ruhen möge.
— Der Bundesrarh nahm den Ausschußantrag in Betreff der Eingabe» über Ausführung des Branntweinsteuer-Gesetzes an und stimmte dem Gesetz- Entwurf über, drs unter Ausschluß der Oeffentlichkeit stattfiadenven Gerichtsverhandlungen zu.
London, 1. December. Die von der Zucker«Conferenz ernannte Commission zwecks Bsrathung über dis Frage der Raffinerie des in Lägern ruhenden Zuckers besteht aus englischen, österreichischen, französischen, deutschen und belgischen Delsgirten. Der Delegirte Kufstein fuhrt den Vorsitz.
— Heute früh wurde eine heftige Erderschütterung unter starkem Getöse in der Stadt Chorley (Lancashire) wahrgenommen. Die Häuser geriethen in'S Schwanken und die Einwohner flüchteten in'S Freie. Der Schaden ist jedoch nicht erhebl'-ch.
Pari-, 1. December. Das „Journal officiel" bestätigt heute, daß da» Ministerium Rouoier auf Ersuchen Greoy's feine Demission zurückzog.
— General Ferron wurde zum Großofficier her Ehrenlegion ernannt.
— Die äußerste Linke wird im Laufe des Vormittags eine Abordnung, zu der auch Clemenceau gehört, zu Floquet entsenden, um eine Einigung über d e Präfidentschafrs-Candidaten herbelzuführen. Er scheint j?ht sicher, daß die Rechte für keinen republikanischen Candidattn stimmt. Das „Journal des Dö- bats" empfiehlt die Candidatur Ferry's.
— Gestern Abend fand im Saale Fav6 eine Volksversammlung statt, in welcher Reden gehalten wurden, worin zu Kundgebungen vor dem Palais Bourbon ausgefordert wurde. Eine Resolution wurde nicht gefaßt.
— Gegen 3 Uhr hielt D^coulöde an die vor dem Palais Bourbon versammelte Menge eine Ansprache, die er mit Hochrufen auf Grevy und Bou- langer schloß. Von anderer Seite ertönten Rufe: „A bas Ferry! ä bas Grövy!“ Ernstere Zwischenfälle sind bisher nicht vorgekommen. Die republikanische Garde und die Polizei säuberten den ganzen Platz zwischen dem Palais Bourbon und den Quais. Der Eintritt in das Erstere ist dem Publikum unterfaßt. Die Menge betrug Igegen 3'/z Uhr etwa 5000. An den Zugängen zum Elyfse herrscht Ruh?.
— Däroulöde wurde verhaftet, als er der Polizei den Gehorsam verweigerte. Er ließ sich zwar nach der Polizeiwache sühren, protefürte aber gegen die Verhaftung mit dem Bemerken, die Polizei habe zu ihrer Handlungsweise kein Recht, es sei ein conftitutioneQer und legaler Ruf, den er ausgestoßen. Eine Stunde später wurde er wieder in Freiheit gesetzt und begab sich alsbald in das Redactionslokal des „Jntransigeant", um einen Protest gegen seine Verhaftung zu entwerfen.
San Remo, 1. December. Heute Mittag passirte das deutsche Geschwader hier vorbei und falutirte den Kronprinzen durch 21 Kanonenschüsse.
Zanzibar, 1. December. Die dem Oderrichter Mahomed Bensoli Mendri gehörige, eine Stunde von der Stadt Zanzibar günstig am Meere gelegene Plantage Kibneni ist durch Ankauf in den Besitz der deutsch'afrikanischen Vlantaaen-Gefellfchaft übergegangen.
Lokale».
Gießen, 2. December. Alle Verehrer eines geistvollen Lustspiels werden gewiß die heutige Aufführung von Hackländer's berühmten Jntriguenstück: „Der geheime Agent" mit Freuden begrüßen. Es ist bekanntlich das einzige Theaterstück, welches der gefeierte Erzähler verfaßt hat.
vermischtes.
Neu-Ulrichstein, 1. December. sMonats-Bericht der Arbeiter - Colonie pro November 1887.] Ultimo November sind in der Colonie arbeits-, resp. stellenlos ins- gesammt 120.
Hiervon waren landw. Arbeiter rc. 40, Bäcker 2, Barbiere 1, Beamte 1, Bergleute 1, Böttcher 1, Brauer 1, Buchbinder 4, Cigarrenmacher 2, Dachdecker 1, Fleischer 2, Former 3, Gärtner 2, Glasarbeiter 3, Kaufleute 4, Kellner 4, Landwirth 1, Bronceur 1, Condttor 1, Heizer 1, Lacktrer 1, Töpfer 1, Klempner 1, Maler (Anstreicher und Tüncher) 7, Maurer 2, Müller 1, Schlosser 6, Schneider 6, Schuhmacher 7, Stellmacher 1, Weber 2, Zimmerleute 2, Schreiber 1, Pflasterer 1, Steindrucker 1, Mühlenbauer 1, Metallpolier 1, Mechaniker 1.
Dm Staatm nach kommen auf: Großherzogthum Hessen 44, Nassau 8, Thüringen 4, Baden 1. Bayern 8, Württemberg 2, »Lachsen 2. Von Preußen auf die Provinzen: Brandenburg 5 (3 Berliner), Hessen (Cassel) 16, Pommern 1, Ostpreußen 1, Westpreußen 1, Schlesien 3, Sachsen 2, Rheinland 16, Hamburger 1, Frankreich 2. Oldenburg 1, Schweiz 1, Oesterreich 1.
Abgegangen sind im Laufe des Monats November 20.
Davon gingen auf »eigenen Wunsch 14, durch die Colonie in Stellung 1, durch eigenes Bemühen rc. 1, durch Entlassung 1, durch Krankheit der Hetmathbehorde überwiesen 2, verhaftet 1.
Im Ganzen wurden seit Eröffnung der Anstalt ausgenommen 794 Colonisten.
Verpflegungstage 2642, Arbeitstage 2277, darunter sind 495 für fremde Rechnung im Monat November.
— In Fulda sind während der letztm 10 Monate 249 Kinder durch Diph- theritis hinweggerafft worden. Manche Famllie hat in wenigen Tagen drei Kinder verloren.
Mainz, 1. Dezember. In der jüngsten Zeit ist es hier verschiedentlich vorgekommen, daß Berichte und Beschlüsse aus geheimen Sitzungen der städtischen Verwaltungen vorzeitig in die Oeffentlichkeit gekommen sind und zwar ist dies letzter Tage in einem Falle geschehen, in welchem sich die Mitglieder einer städtischen Commission ausdrücklich Schweigen auferlegt hatten. Letztere Thatsache gab Veranlassung, die Sache in der gestrigen Stadtoerordneten-Sitzung zur Sprache zu bringen, wobei allgemein die Ueberzeugung zum Ausdruck kam, daß die Indiskretionen auf städtische Beamte zurückzuführen seien. Mit Rücksicht hierauf hat nun die Bürgermeisterei eine strenge Untersuchung angeordnet und gleichzeitig mit verschiedenen Entlassungen gedroht.


