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2O£, Sumstag den 3. September 1887.
Kichmer AnzeiMv
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
VUkM«- S ch «l st r a ß - 7. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montag». W
Amtlicher Hheit.
Bekanntmachung.
Wegen Wafferleitungsarbeiten ist bis auf Weiteres der Weg am langen Stein (von der Schiffenbergerstraße bis zur Ludwigstraße) für Fahren, Men und Viehtreiben gesperrt.
Gießen, am 2. September 1887. Grobherzogliches Polizeiamt Gießen.
Fresenius.
Politische Ueberstcht.
Gießen, 2. September.
Noch kurz vor Beginn der Manöverretsen der Kaiser» nach Ost- vreußen ist die Ueberstedelung der kaiserlichen Majestäten von ihrem Sommer-
Babelsberg nach dem königlichen Schlöffe in Berlin erfolgt, wo fie nach Mündiger Erschöpfung des heurigen Reiseprogramm» der Majestäten, welche» ^och den üblichen Herbstausenthalt in Baden-Baden umschließt, wieder ständig Mdiren werden. Bereit» in den letzten Tagen der vorigen Woche hatte der Kaiser den Hebungen der Gardetruppen beigewohnt und beabstchttgte er dies uich am Dienstag Vormittag zu thun, an welchem Tage die Garde-Jnsanterie- Mrlgaben aus dem Tempelhofer Felde im Feuer exercirten; doch nahm der March noch in letzter Stunde hiervon Übstand. Die Hebungen des Garde- Aps haben mit der großen Parade auf dem Tempelhofer Felde am Donnerstag ü herkömmlicher Weise ihren Abschluß gesunden.
Das bereits im Frühjahr aufgetauchte Gerücht von einer Zusammen- limnit zwischen Kaiser Wilhelm und dem Czaren durchläuft jetzt Mer die Spalten der Preffe. Den Anstoß hierzu hat eine Petersburger Meldung der „Köln. Ztg." gegeben, wonach man in russischen Kreisen aus eine Mmmenkunft zwischen beiden Monarchen in Danzig rechne, um das Mitte September ablaufende Einvernehmen zwischen Deutschland und Rußland zu uneuern. Da zur Zeit die zwischen Berlin und Petersburg bestandene politische Spannung wieder als beseitigt erscheint, so stünden in dieser Beziehung einer Begegnung beider Herrscher allerdings keine besonderen Hinderniffe entgegen. A lAuch die Wahl Danzigs als Ort des Rendez-oous fände leicht ihre Erklärung; Kaiser Wilhelm berührt die westpreußische Hauptstadt auf seiner Rückreise von hen Manövern in Ostpreußen und da Kaiser Alexander III. bis Ende September m Kopenhagen zu weilen gedenkt, so wäre für ihn der Abstecher nach Danzig tein großer; selbstverständlich bleibt aber eine Bestätigung der erwähnten Peter»- kurger Meldung noch abzuwarten. Seltsam nimmt sich nur die Versicherung m, daß aus der signalisirten Entrevue bas Mitte September ablaufende iMsch-russische Einvernehmen erneuert werden solle. Bis jetzt hat Niemand non einem bestimmt sormulirten Einverständniß zwischen Deutschland und Ruß- hmb etwas gehört und es ist auch nicht wahrscheinlich, daß ein solches je existirt Kuben sollte; es ist daher unerfindlich, wie die Petersburger Meldung von dem Mause eines gar nicht vorhandenen Vertrages sprechen kann.
Der deutsche Kronprinz hat mit seiner Familie England wieder ver- lvffen, um noch einen Herbstausenthalt in Tyrol zu nehmen.
Der Reichskanzler Fürst Bismarck empfing am Dienstag in Mngen den Besuch des Staatssecretär» im Reichsamte de» Innern, v. Bötticher. Offenbar hängt dieser Besuch mit den demnächst wieder beginnenden ingelnWgen Sitzungen des Bundesrathes zusammen, welcher sich zuvörderst mit ton Ausführungs-Bestimmungen zum Branntweinsteuergesetz und dann mit dem Adget für 1887/88 zu befassen haben wird.
In der altehrwürdigen Bischossstadt Trier hat in dieser Woche die Eurige Generalversammlung der Katholiken Deutschlands statt- sesunden. Die Verhandlungen der nur schwach besuchten Versammlung, denen ^uch der Centrumssührer, Herr Dr. Windthorst, beiwohnte, wiesen zwar im Mgemeinen einen ziemlich versöhnlichen Ton aus, doch fehlte es auch nicht an herausfordernden Reden, wie eine solche der Trierer Oberbürgermeister de Nys Schalten zu haben scheint. Von den gefaßten Beschlüssen ist eine vom Fürsten ^wenstein eingebrachte Resolution zu erwähnen, welche sich für die Wiederher- raing der weltlichen Souveränität des Papstes ausspricht.
Das württembergische Staatsministerium hat den Verlust feiner hervorragendsten Mitglieder, des Ministers des Innern, v. H öl der, ^beklagen, welcher am Dienstag Vormittag im Alter von 68 Jahren zu Stuttgart verschieden ist. Höloer war bis zu seiner 1881 erfolgten Berufung n bas Cablnet der Führer der nationalen Partei Württemberg», die ihm ungern viel zu danken hat, wie er denn auch ein eifriger Förderer des Reichs- Wankens in seinem engeren Heimathlande war. Der Verstorbene führte lange sichre das Präsidium oer württemdergischen Abgeordnetenkammer und gehörte dem Reichstage von 1871 bis 1881 als Mitglied an. In seiner ministe- men Thätigkeit hat der nun Verewigte seinem Lande eine liberale Verwaltung schert und namentlich widmete er der Vorbereitung zu einer umfassenden Xtprm der Verwaltungs-Einrichtungen seine Arbeitskraft. — Fast zur selben ant ist auch ein hervorragendes Mitglied der deutschsreisinnigen Partei, Pro- Wor Dr. Möller, in Königsberg in Preußen aus dem Leben geschieden, vli. Möller, geboten den 7. Juni 1819 in Königsberg, bekleidete früher eine । vmntenstelle an der medicinischen Fakultät der dortigen Hniversität, die er |
jedoch wegen seiner politischen Gesinnungen niederlegen mußte. Der Verstorbene war zu verschiedenen Zeiten Vertreter Königsberg» im Abgeordnetenhause wie im Reichstage, Abgeordneter des ostpreußischen Provinzial-Landtage» und Stadtverordneter, wie es denn kaum ein Gebiet der öffentlichen Thätigkeit gegeben hat, aus dem er nicht mitgewirkt hätte. 1881 und 1884 wurde Dr. Möller von der freisinnigen Bürgerschaft seiner Vaterstadt in den Reichstag gewählt, bei der letzten Wahl unterlag er jedoch seinem nationalliberalen Mitbewerber, dem Bürgermeister Hoffmann in Königsberg.
Die „Mobilmachung aus Probe" geht jenseits der Vogesen seitdem letzten Augusttage in Scene, doch liegen über den bisherigen Verlaus dieser militärischen Comödie noch keine speciellen Berichte vor. Ihren comödienhasten Charakter hat die Prodemobilisirung des 17. französischen Armee-Corps vor Allem durch die vorzeitige Veröffentlichung des Mobilmachungsbefehls und feiner Einzelheiten, wodurch natürlich der Mobilmachung vollständig das Heberraschende und Plötzliche genommen wird, erhalten und weitere Nachrichten bestätigen nur das Possenhafte der „Probe." Z. B. wurde in Castelnaudary, welches einen Hauptconcentrationspunkt der Truppen des 17. Armee-Corps bei der Mobilist- rung bildet, schon vor 14 Tagen an der Hmgestaltung des Bahnhofes zur Ausnahme der Truppen gearbeitet, was nur ein neuer Beweis dafür ist, wie sorg- fältig Alles schon längst vorbereitet war, während solche Vorbereitungen bei einer ernsten Mobilisirung selbstredend nicht erst getroffen werden können.
Die verschiedentlich dementirte Meldung von dem Rückttitte General Brialmont's, des belgischen Generalstabs-Chefs, soll sich doch bestätigen. Der König hatte sich nur anfänglich geweigert, die Demission des tüchtigen Generals anzunehmen, erst als dieser bet seinem Rücktrittsgesuche verharrte, genehmigte es der König. General Brialmont behält jedoch die Leitung der Befestigungsarbeiten an der Maas. Darüber, wer ihn als Generalstabschef der belgischen Armee ersetzen soll, scheinen an maßgebender Stelle noch keine Bestimmungen getroffen zu sein.
Bekanntlich tauchte jüngst da» Gerücht von einem gegen den Kaiser Alexander III. während dessen Fahrt von Petersburg nach Krasnoje-Selo versuchten nihilistischen Attentate aus. Dasselbe sollte von einem als Nihilist „verkleideten" Gardeosficier ausgeübt worden sein und hieß es, letzterer habe mehrere Kugeln aus den Czaren abgefeuert, von denen eine den Rockärmel de» Monarchen durchbohrt haben sollte. Bald daraus erfolgte die Abreise de» Czaren und feiner Familie nach Kopenhagen und nunmehr kommt aus der dänischen Hauptstadt auf dem Umroege über London die befremdliche Meldung, daß der Czar an Rheumatismus in der linken Schulter leide und den Arm in der Schlinge trage. Die Richtigkeit dieser Meldung vorausgesetzt, läge es allerdings nahe, in dem angeblichen Rheumatismus nur eine Hmschreibung für eine Verwundung zu erblicken, welche der russische Herrscher bei dem Attentat erhalten hat. Indessen ist die ganze Attentatsgeschichte in ein so geheimnißvolles Dunkel gehüllt, daß es nicht angebracht erscheint, hieran weitgehende Combinationen zu knüpfen und vielleicht wird schließlich auch der verdächtige Rheumatismus de» Czaren nur in der Phantasie irgend eine» „findigen" Reporter» existiren.
Da» „Journal de St. P^tersbourg" ertheilt jetzt seine Antwort auf die Drohungen der Wiener Blätter mit einem Ausbruche von Hnruheu in Macedonien, falls die Pforte militärisch gegen Bulgarien vorginge. Da» osficiöse Petersburger Blatt bemerkt: Hierzu könnte gerade das Gehenlaffen aufmuntern, welches die Wiener Blätter der Pforte anriethen. Jene Drohungen brauche die Pforte nicht zu fürchten, wohl könne es aber für die Pforte übel ausschlagen, wenn fie die ihr vertragsmäßig zugestcherten Rechte bei Seite lasse und den Koburger die illegale Gewalt ruhig ausüben lasse. Die Pforte müsse die Consequenzen tragen, wenn fie aus die Ausübung der vertragsmäßigm Rechte verzichte.
Diese Auslassung des „Journals de St. P^tersbourg" beweist wiederum, wie man russischerseits fortgesetzt und mit allem Elser bemüht ist, die Pforte gegen den Koburger auszuspielen und sich dafür in bequemer Desenfivstellung zu halten.
Telegraphische Depeschen.
Wolff'S telegr. Correspondenz-Bureau.
Berlin, 1. September. Seine Majestät der Kaiser ist gegen 10 Uhr Vormittags zur Herbstparade des Gardecorps auf das Tempelhofer Feld gefahren. Kurz vorher auch die Kaiserin. - <
— Die „Nordd. Allgem. Ztg." schreibt: Die Petitionen um Erhöhung der Getreidezölle mehren sich noch immer. Eine derartige Petition ist kürzlich auch von Interessenten der Berliner Getreidebörse an den Reichskanzler gerichtet worden. Die Petenten klagen, daß durch die bisherige Uebersiuthung fremdlandrschen Getreide» und


