Hr. Zweites Blatt. Sonntag den 3. Juli 1 1887.
WVIJj>V Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Woche« * Ueberstcht.
Gießen, 2. Juli.
Zur Stunde liegen noch immer keine bestimmten Nachrichten über die Zeisedisposttionen des Kaisers vor, obwohl sich der erlauchte Monarch jetzt neoer eines derartig günstigen Befindens erfreut, daß er manchen Taz zwei Z ussahrten unternimmt. Jedenfalls erfolgt aber die Abreise des Kaisers nach Md Ems in den nächsten Tagen; die Meldung, daß der Badeausenthalt des toben Herrn in Ems diesmal etwas abgekürzt werden soll, hat von zuständiger Seite noch keine Bestätigung erfahren. Die Mittheilungen aus England Oer das Befinden des deutschen Kronprinzen lauten im Allgemeinen -ejt besriedizend; auch die am Dienstag neuerdings von Dr. Mackenzie am Stimmbande des Kronprinzen vorgenommene Operation ist durchaus günstig verrufen und nur ein ganz kleines Stück der Wucherung konnte noch nicht ent- "-rnt werden, lieber die Dauer des Aufenthaltes des Kronprinzen und seiner Milte in England scheinen noch keinerlei Bestimmungen getroffen zu fein.
Die Woche brachte in ihrem Anfänge zunächst aus social politisch em Gebiete eine ebenso bedeutsame wie erfreuliche Nachricht, indem Staatssecretär l Bötticher auf dem Frankfurter Berussgenossenschastentag die baldige Fertigstellung der Vorlage, betr. die Alters- und Jnvaliditäts-Versiche- mng der Arbeiter, bestimmt verhieß. Es kann wohl demnach deren Anbringung in der nächsten Reichstags-Sesston mit Sicherheit erwartet werden md in allen Kreisen, in denen man dem socialpolitischen Reformwerk aufrichtige Teilnahme widmet, wird man es mit Genugthuung begrüßen, daß deffen Krönung durch die Alters- und Jnvaliditäts-Verficherung nunmehr in naher Aus- fcht steht. Freilich ist gerade dieser letzte Theil des Reformwerkes noch ein Uwieriges Stück Arbeit und wenn die Vorlage bis kommenden Winter vollendet Hi soll, wird man im Bundesrathe wie in den verschiedenen hierbei in Betracht kommenden Reichsämtern da alle Kräfte anspannen müssen. Ueberhaupt Mrste Heuer die sommerliche Stille am Centralpunkte der politischen Geschäfte bch nicht besonders geltend machen, da die Ausführung der wichtigeren, vom Reichstage beschlossenen Gesetze — namentlich auch des Branntweinsteuergesetzes, rvelches am 1. October d. Js. in Kraft tritt — die Thätigkeit der betheiligten amtlichen Geschäftszweige auch den Sommer über in Anspruch nehmen wird.
Al» Nachfolger des zum Fürstbischof von Breslau ernannten Bischofs Dr. Kopv von Fulda wird jetzt von verschiedenen Seiten übereinstimmend Domcapitular Thoms in Mainz genannt. Derselbe hat in ähnlicher Weise, wie Dr. Kopp in Preußen, das Werk der Versöhnung zwischen Kirche md Staat in Hessen gefördert, wo bekanntlich die beiden Kammern den kirchen- p-olitischen Friedens-Gesetzentwurf einstimmig angenommen haben.
Das sich aus verschiedenen Specialfragen zusammensetzende große orientalische Problem beginnt wieder mehr und mehr in den Vordergrund der europäischen Tagespolitik zu rücken. Eine Reihe von Ereignissen, die sich theils bereits vollzogen haben, theils unmittelbar bevorstehen und welche schließlich mehr «der weniger mit einander zusammenhängen, tragen dazu bei, den Dingen im Orient wieder eine erhöhte Aufmerksamkeit zuzulenken. ES braucht da nur auf ben Ministerwechsel in Serbien, die Reise König Milans nach Wien, den Zu- srmmentritt der bulgarischen Sobranje am kommenden Sonntag, das französisch- Esche Jntriguenspiel am goldenen Horn wegen der egyptischen Frage, die für Montag angekündigte Ratification des englisch-türkischen Vertrages htngewiesen M werden, um hieraus zu ersehen, wie das orientalische Fragen-Kaleidoscop ®on Neuem das Interesse Europas erregen wird. War bis jetzt die Jnstallirung mnes Cabinets Ristics in Serbien und die hiermit eng verbundene Reise König Milan'» nach der österreichischen Hauptstadt der Gegenstand eingehender Be- Nrachtungen, so tritt mit der Wiedereröffnung der Sobranje die bulgarische 'Frage, von der es in letzter Zeit ziemlich still gewesen, mehr hervor. Nach den erst dieser Tage von Sofia aus verbreiteten Mittheilungen sollte fich die ^obranjr lediglich mit geschäftlichen Angelegenheiten befassen; nun aber meldet eine Depesche au» Philippopel, der Hauptstadl Ost-Rumeliens, daß aus einem von der dortigen Gemeindevertretung veranstalteten Banket der Regent Stam- duloff erklärte, die Regierung gedenke der Sobranje die Wahl eines Thron- Candidaten vorzuschlagen, welcher alle an ihn gestellte Bedingungen erfülle. Ferner soll Stambuloff in Tirnowa dem englischen Consul erklärt haben, die Sobranje werde den Prinzen Ferdinand von Coburg zum Fürsten wählen. Die Bestätigung dieser Meldungen, welche ein selbstständiges Vorgehen der bulgarischen Nationalversammlung in der Frage der Fürstenwahl ankündigen würde, Aaß jedoch abgewartet werden, denn das Bureau der „Agence Havas", welches dieselben übermittelt, gilt nicht als außergewöhnlich zuverlässig. Uebrigens war igerade in den letzten Tagen viel von einer „gewissen Persönlichkeit" die Rede, welche Rußland für den bulgarischen Thron vorzuschlagen gedenke; vielleicht wird man über diesen noch anonymen russischen Candidaten nunmehr etwas Näheres erfahren!
In Petersburg hat sich in aller Stille wieder einer jener Nihilisten- Broceffe abgespielt, die für die Verhältnisse im Czarenreiche längst typisch ge- Morden sind. Diesmal handelte es sich um einen Proceß gegen 21 Personen, Hie einer Reihe von Verbrechen — u. A. auch der Aussehen erregenden Ermordung des Polizei-Oberstlieutenants Sudeikin — angeklagt waren und welche mit M dem russischen revolutionär-socialen Geheimbunde „Narodnaja Wolja" (Volks- vville) gehörten. Das Urtheil lautete gegen 7 Angeklagte aus Tod durch den -Strang, für 11 aus Zwangsarbeit, refp. Deportation, 3 Angeklagte wurden
freigesprochen. Der Kaiser hat sich indessen bewogen gesunden, die zum Tode oerurtheilten Nihilisten zu Zwangsarbeit zu begnadigen; es muffen demnach besondere Gründe den Czaren bestimmt haben, ausnahmsweise Gnade für Recht ergehen zu lassen.
Die Ernennung Boulanger's zum commandirenden General des 13. Armee-Corps in Clermont-Ferrand wird von den französischen Radikalen heftig bekämpft, da sie einer politischen Kaltstellung ihres „Lieblings" so ziemlich gleichkommt. Auch ist noch nichts darüber bekannt, ob Boulanger selber gewillt ist, das Commando eines vom politischen Mittelpunkte Paris so entlegenen Armee - Corps anzunehmen, der tapfere Degen wird sich aber hierzu doch noch bequemen müssen, wenn er nicht ganz von der Bildfläche verschwinden will.
Die irische Strafrechtsbill wird nunmehr, nachdem sie viele Wochen lang das englische Unterhaus in Athem gehalten hat, die parlamentarische Sanction erhalten. In dieser Woche begann die Diskussion über die Fertigstellung des Berichts, wobei die Opposition ihr altbeliebtes Spiel, durch allerhand Anfragen und Amendements die Verhandlungen in die Länge zu ziehen, wiederholt. Diesmal ließ aber die Regierung das Treiben der Gladstonianer und Parnelliten nicht so lange gewähren, als bei der Special- berathung, denn am Donnerstag brachte Smith, der erste Lord der Admiralität, den Antrag ein, daß der Schluß der Debatte über den Bericht am nächsten Montag, Abends 7 Uhr, erfolgen solle, wenn der Bericht bis dahin nicht erledigt sein sollte. Am letztgenannten Tage wird demnach die definitive Abstimmung über die Bill vor sich gehen.
Die Londoner Jubiläumsseierlichkeiten haben mit einem glänzenden Gartenfeste im Buckingham-Palaste, welchem fast sämmtliche noch anwesenden Gäste beiwohnten, am Mittwoch ihren Abschluß gefunden. Am Abend kehrte die Königin Victoria nach Windsor zurück.
Bergab.
Ein Lebensbild.
„Der Tagner N. N. von G., zur Zeit im Amtsgerichtsgefängniß dahier zur Verbüßung längerer Haftstrasen inhaftirt, beschuldigt, seine Kinder zum Bettel ausgeschickt oder dieselben doch nicht hiervon abgehalten zu haben, erhielt eine Haftstrafe von einer Woche und Kosten; auch wurde dessen UebHweisung an die Landespolizei- behörde nach Strafverbüßung ausgesprochen."
Es hat mich ordentlich geschüttelt, als ich das gestern Abend im Lokalblättchen las. Ich kenne die Strafe. Sie ist nach den geltenden Bestimmungen die Anweisung auf ein zweijähriges Freiquartier im Arbeitshaus, sobald es der Verwaltungsbehörde beliebt, diese Anweisung auszustellen. Auch der Mann ist mir bekannt. Schon vor drei Jahren hatte er von der inneren Einrichtung jenes gern gemiedenen Hauses Einsicht genommen. Sie scheint ihm nicht gefallen zu haben, denn noch vor acht Tagen schrieb er mir aus dem Gefängniß einen wehmüthigen Brief mit der Bitte, ich möge doch sorgen, daß er nicht wieder dorthin komme; es sei dort zehnmal ärger als in jedem Zuchthaus.
Freilich hätte er selbst sorgen müssen. Er hat's leider nicht gethan. Der Weg bergauf hat ihm nicht behagt. Deshalb ist er bergab gegangen und zwar ziemlich rasch; zählt er doch heute noch nicht volle vierzig Jahre. Die Ellern des Armen haben auch gar zu wenig gethan, um ihn von der abschüssigen Bahn zurückzuhalten. Als Knabe und Jüngling lungerte er bei der Heerde, statt daß er in den Dienst eines tüchtigen Bauern getreten wäre. Ungeschick und Einfalt waren bald die hervorstechendsten Züge seines Wesens. Als er früh den Hausstand gründete, wäre ihm ein Vormund dienlicher als eine Frau aewesen. Doch er selbst sah das nicht ein und ließ sich natürlich auch nicht leiten weder im Hause noch außerhalb desselben, wenigstens von braven Leuten nicht. Trotz seines redlichen Willens zu arbeiten, mangelte es ihm wegen seiner Ungeschicklichkeit oft am Verdienst. Nur an Sorgen fehlte es im jungen Haushalte nicht. Sie wuchsen mit der wachsenden Kinderschaar. Der arme Vater besaß nicht soviel Kraft, um den Sorgen mit Ausdauer entgegenzuwirken. Er ward mißmuihig und ergab sich dem Branntwein, er wollte ersäufen, was ihn beengte und quälte. Die paar verdienten Pfennige wanderten in die Schenke, der Unfriede in die ärmliche Dachstube. Die anfangs noch ordentliche Frau verlor bald allen Halt. Sie gab ihm an Streitsucht bald nichts mehr nach. Ja sie ging dem Mann zum Haus des Bösen noch einen Schritt voran, sie wurde fremdem Eigenthum gefährlich.
Auch die Kinder gingen ihren eigenen Weg, nämlich Tag für Tag an fremde Thüren. Die Kinder des Branntweintrinkers wurden Bettelkinder. Die Eltern büßten's im Gefängniß und erneuerten die Bekanntschaft mit demselben, als die Kleinen schulpflichtig geworden waren. Sie genügten dieser Pflicht herzlich schlecht. Jetzt hatten sie kein Buch, dann keine Schuhe, aber immer keine Lust zum Lernen und zu einem geregelten Leben. Es regnete förmlich Strafen auf Vater und Mutter, der Unfriede machte im Hause dauernd Wohnung. Das betrunkene Familienhaupt schlug die letzte Kaffeetasse in Scherben und zerscheiterte in thierischcr Wuth die einzige noch vorhandene Bettlade. Die Polizei schritt ein, wegen Unfugs wurden neue Bußen aufgelegt. Der Branntwein drängte den Bedauernswerthen Schritt um Schritt weiter, immer rascher, immer bergab; jetzt steht er wieder vor der Thür des von ihm so sehr gefürchteten Arbeitshauses. Er wird eintreten, um dasselbe nach zwei Jahren innerlich gebrochen und hoffnungsarm zu verlassen. Auch seine besten Freunde wünschen, daß sich jene Hausthür bald hinter ihm schließe. Ein längerer Aufenthalt in der Freiheit — und aus dem mit sich selbst zerfallenen, arbeitsscheuen und trunksüchtigen Mann wäre im Handumdrehen ein Verbrecher geworden. Oft hat er fürchterliche Drohungen wider die Seinigen ausgestoßen. Weib und Kinder schliefen keine Nacht ihres Lebens sicher auf ihrem harten Lager. c m . a
Leider ist die Geschichte des Mannes noch nicht zu Ende. Das Leben des Vaters wirft seine dunkeln Schatten in die Zukunft seiner Kinder. Zuchtlos, ohne Bewohnung an ehrliche Arbeit sind sie herangewachsen, der Versuch, die au9 der Schule ent la v inen unter ihnen in ordentlichen Häusern unterzubringen, ist noch rmmer nnßMa. thaten nirgends gut, weil ihnen Arbeit und Ordnung zuwider waren. V • i gepflanzte böse Keim wuchert weiter; wenn sie vom Zuchthaus träumen, iP ein thörichter Traum. Aber ehe sie dorthin kommen, werden sie Ruthen fur thre Heimathsgemeinde. Sie schädigen durch ihr Betragen den Ruf !d s - ,
sie gefährden die Sicherheit innerhalb ihrer Mauern. Alles nur, weil Der 2VCß otr


