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Forderungen der Postoerwaltung bedürften besonderer Prüfung; bedenklich sei eS, daß eine Kategorie von Beamten herau-gegriffen werde, um eine Gehaltsbesserung zu erfahren. Große Anforderungen stehen bevor, zunächst die Alters- und Jnvaliden- versorgung, dann aber werde es nolhwendig sein, an eine Amortisation der Reichs- schulden heranzutreten. Für den Gedanken einer allgemeinen Aufbesserung der Beamten- gehälter könne er sich nicht erwärmen. Die Beamten seien tm Allgemeinen nicht schlechter gestellt als andere Berufsstände. Beginne das Reich, so müßten die übrigen Staaten nachfolgen und so entstehe eine höhere Belastung auch dort. Eine andere Frage sei die der Aufbesserung der Gehälter, wo dazu wirklich ein Bedürfniß vorliege. Wir müssen tm Reiche durch größte Sparsamkeit zu Ueberschüssen zu kommen trachten, um die Reform der direkten Steuern in den Einzelstaaten in der Richtung einer Entlastung zu ermöglichen. Beim Militäretat sei eine Ersparniß nicht möglich, sie würde Ver­schwendung sein. (Beifall rechts.)

Abg. Bebel (Soc.-Dem.) wendet sich gegen den Militäretat, der von Jahr zu Jahr angeschwollen sei. Redner bezeichnet dabei den deutsch-österreichischen Krieg als einenunchristltchen Angriff" deutscherseits. Damals sei deutscherseits versucht worden, eine Revolution in Ungarn gegen Oesterreich zu erregen. Man solle also nicht thun, als ob Deutschland eine so tugendhafte Nation sei; er gebe diese Reminiscenz nur, um der Heuchelei entgegenzutreten, die in jenem Worte liege. (Der Präsident ruft den Redner wegen dieser Aeußerung, als einer Kritik der Thronrede, zur Ordnung.) Die Annexion Elsaß-Lothringens habe diese ganze stetige Beunruhigung, von der Europa heimaesucht sei, heroorgernsen. Die immer stärkere Rüstung der Staaten beschleunige nur den Ausbruch des Krieges; der nächste Krieg aber werde furchtbarer sein als je zuvor. Redner spricht sich dann gegen die indirecten Steuer» und für die progressive Einkommensteuer aus. Sachsen habe noch das relativ beste Etnkommensteuersystem; werde dasselbe auf Preußen übertragen, so würden statt 155 192 Millionen aufkommen. Dieser Schritt werde aber nicht gethan. Der Staat sei eine große Versicherungsanstalt zu Gunsten der Reichen auf Kosten der Armen. Die vorgeschlagene Getreidezollerhöhung belaste nach niedrigster Berechnung eine vierköpfige Arbeiterfamilie jährlich mit 30 Die hohe Aristokratie habe den Hauptvorthetl davon. Es war ihm intereffant zu hören, daß sich schon viele große Güter in jüdischen Länden befänden; die Juden seien gute Geschäftsleute, wenn sie Güter kauften, so geschehe es, weil sie eine gute Rente davon erwarteten. Was den Arbeitern durch die Altersversorgung gegeben werden solle, das werde ihnen zehnfach durch die indirecten Steuern genommen. Früher hieß es, wenn erst das Gebäude der Socialreform durch die Jnvaltdenversvrgung gekrönt sein werde, so werde es Zett sein, an die Aufhebung des Socialistengesetzes zu gehen. Jetzt werden sogar Verschärfungen desselben in Aussicht genommen rind die allerhöchsten Personen betheiligen sich bet der Berathung an Maßregeln gegen die Socialisten. Die Zustände Europas würden immer drohender; die Rechte denke vielleicht: apree nous le dtiuge, aber die Fluth könne leicht früher hereinbrechen.

Abg. Dr. Windthorst: Das Rütteln an den Ueberweisungen habe nur einen Sinn, wenn man, wie in der nationalltberalen Partei, an dem Plane des Einheits­staates festhalte. Zeit sei es allerdings, daß mit indirecten Steuern endlich aufgehört werde, man gebe sonst den Arbeitern das Recht zu sagen, daß man sie vornehmlich treffe. Bei der jetzigen Lage Europas brauche Deutschland eine starke Armee; wie stark dieselbe sein müsse, habe die Armeeverwaltung zu bemessen. Seien die Ansprüche aber zu hoch gestellt, so werde die Grundbedingung unserer Wehrkraft in Frage gestellt. Forderungen, wie die für die Verlegung des Augusta-Regiments nach Berlin, lehne er ab. Was nothwendig zur Vertheidigung sei, bewillige das Centrum. Das Socialisten- gesetz habe die Zahl der Socialisten bis auf's Aeußerste vermehrt. Hat man an den bisherigen Erfahrungen nicht genug, daß man an eine Verlängerung und vielleicht gar Erweiterung desselben denke? Eine Besserung weise der Etat eigentlich nicht auf, da die höheren Einnahmen nur die Wirkung der neuen Steuern sei.

Die Debatte wird geschlossen.

Der Etatsentwurf wird zum Theil an die Budgetcommission zur Vorberathung verwiesen, zum Theil zur directen Berathung im Plenum gestellt.

Die Denkschrift über die Ausführung der seit 1875 erlassenen Anleihegesetze, die Uebersicht der Reichsausgaben und Einnahmen für 1886/87 und die Rechnung der Kasse der Oberrechnungskammer für 1885/86 werden der Rechnungscommission überwiesen, der Gesetzentwurf betr. die Controle des Reichshaushalts und des Landeshaushalts für Elsaß-Lothringen für 1887/88 wird in 1. und 2. Lesung angenommen.

Nächste Sitzung morgen Donnerstag den 1. December, Vormittags 11 Uhr. Erste Berathung der Getreidezollvorlage.

Telegraphische Depeschen.

Wolff'S telegr. Gotcespondenz-Bnrean.

Berlin, 30. November. Se. Maj. der Kaiser nahm heute Vormittag den Vortrag der Ches» vom Cioil-Cabinet, Wirklichen Geheimeraths v. Wil- mowskt, entgegen; Höchstderselbe machte sodann eine Spazierfahrt und empfing nach seiner Rückfahrt den Minister v. Puttkamer und später den Staatsseccekär Gras Herbert v. Bismarck. Ihre Majestät die Kaiserin empfing im Lause des Nachmittag« Ihre König!. Hoheiten Prinz und Prinzessin W-lhelm. Der Erbprinz und die Erbprtnzesstn von Meiningen find heute Abend bei Ihren Majestäten zum Tbee geladen.

Berlin, 30. November. DerReichs-Anz/ veröffentlicht eine Verord­nung, betr. da« Verbot der Einfuhr von Schweinen, Schweinefleisch und Wür­sten dänischen, schwedischen oder norwegischen Ursprung«. Die Verordnung tritt am Tage der Verkündigung in Kraft.

Wien, 30. November. Nachrichten derNeuen Presse" au« Teplitz zufolge steht auch der Nelfon-Schacht unter Wasser. Im Fortschritts-Schachte wird der Eintritt de» Wassers heute erwartet. Der Quellenspiegel des Teplitzer Etadtbades ist um 4 Centimeter gesunken.

Pari», 30. November. Gröoy empfing gestern die Besuche zahlreicher politischer Persönlichkeiten. Seiten« Derjenigen, welche für das Verbleiben Gröoy's sind, wurde Gablet angegangen, ein Cabinet zu bilden. Gablet lehnte indessen ab. N inmehr dürfte kein weiterer Versuch gemacht werden, die Präfi- dentschafts-Krise zu vermeidm.

Gegen Lisbonne und die anderen Unterzeichner des im Quartier Mont- matre verbreiteten Anschlages, in dem zur Jnsurrcction aufgesordert wird, ist die Untersuchung eingeleitet.

Der Kaiser von Brasilien, welcher sich heute in Marseille nach Alexandrien einschiffen wollte, verschob die Abreise au« Gesundheits-Rücksichten auf unbestimmte Dauer.

Nach Berichten aus Algier hat gestern Abend 7% Uhr in Oran Masciro und Relizaune ein starke Erdstoß stattgefunden. Schwere Unglücks­fälle sind nicht zu verzeichnen.

London, 30. Novbr. Die am 13. Noobr. gelegentlich der Zusammen­rottung auf dem Trafalgar Square unter der Anklage des versuchten Aufruhrs und des Angriffs auf die Polizei verhafteten Graham und Burns wurden heute vor die Afsifen verwiesen.

Dublin, 30. November. Dar Parlaments-Mitglied Sheehy ist wegen einer jüngst gehaltenen aufrührerischen Rede heute früh unweit Limerick ver­haftet worden.

New-Kork, 30. November. Most wurde schuldig gesprochen. Das Urtheil wird Montag verkündigt werden.

Briese aus San Demo.

(Nachdruck verboten.) in.

(Don unserem Special-Eorrefpondenten.)

E. C. e»n «emo, 28. November.

Herrliche Frühlingslüste, lachender Sonnenschem, über uns das tiefblaue Himmelsgewölbe, nach langen Tagen trüber Regenzeit scheint alles Ungemach ver­gessen, man eilt in's Freie, um die balsamische Lust in vollen Zügen einzuathmen, um sich an dem buntbeleblen Bilde, das sich uns auf der Promenade am Meere darbtetet, zu ergötzen.

Der Kronprinz, der am Donnerstag zum ersten Male ausgefahren «ar, hat seit vorgestern feine Ausfahrten wieder aufnehmen können. Im halbverdeckten Landauer fährt er, gewöhnlich begleitet von seiner Gemahlin und dem Prinzen Heinrich, sowie einem der Aerzte oder einem Herrn aus dem Gefolge, hinaus in die entzückende Land­schaft, um erst am späten Nachmittag zurückzukehren. Zwar lagert unverkennbar stiller Ernst auf seinen Zügen, aber seine Gesichtsfarbe ist so frisch, sein Auge blickt so klar und freundlich, daß man sich so gern dem Gedanken hingcben möchte, es sei nur ein Trugbild der Phantasie, welches uns glauben machen will, der Mann, der eben an uns vorübergefahren, sei ein Schwerkranker, einem unheilbaren Leiden zum Opfer Anhetmgegebener!

Und ist das Leiden wirklich ein unheilbares? Ich wage auf Grund einer mir gewordene» Versicherung die Vermuthung auszusprechen, daß selbst unter den den Kronprinzen behandelnden Aerzten leise Zweifel wach werden, ob man es wirklich mit einem Krebsleiden zu thun habe. Man wird sich erinnern, daß der Kronprinz erst vor wenig Jahren eine Masernkrankheit zu überstehen hatte. Nun weiß man aber, daß bet Personen, die in erwachsenem Alter noch von den Masern befallen werden, sich oft als Folge der nicht recht zum Durchbruch gekommenen Masern eine Entzündung der Halsknorbelhaut einstellt, die in ihren Entwickelungsstadien einen krebsartigen Charakter zeigt. Bei dem wider Erwarten günstigen Verlauf, den das Halsletden detz Kronprinzen in letzter Zett und namentlich seit Anordnung des neuen Heilverfahrens (Einblasen von aus Sabtnablättern bereitetem Pulver) genommen, ist man in der That versucht, an eine zwar bösartige und in ihrem Heilungsprocesse langwierige, aber keineswegs krebsartige Erkrankung zu glauben.

Natürlich beschäftigt sich hier alle Welt mit den einfachen Bewohnern der Villa Cirio und es ist für den gewissenhaften Berichterstatter eine recht schwierige Aufgabe, Wahres vom Falschen zu unterscheiden. So las ich in den jüngst cingetroffcnen deutschen Zeitungen, der Kronprinz habe an verschiedene, ihm besonders nahestehende Fürstlichkeiten, so besonders an den Großherzog von Baden, an dcn Kronprinzen Rudolf und an den Prinzen von Wales eigenhändige Briefe geschrieben, in welchen er für ihre Theilnahme gedankt und schließlich von ihnen Abschied genommen habe. Man sollte glauben, der Kronprinz hätte dem betreffenden Berichterstatter die Briese in die Feder dictirt. Thatsächlich pflegt der Kronprinz einen sehr regen Briefwechsel, aber was er dem Papier anvertraut, das wird er wohl einem neuigkeitslüsternen Reporter mit Verlaub nicht auf die Nase binden.

Die Lebensweise des Kronprinzen und seiner Familie ist der altgewohnten mög­lichst angepaßt. Nur begibt sich der Kronprinz jetzt früher zu Bett, während er sonst bis spät tn die Nacht hinein seinen Studien oblag. Prinz Heinrich wirb bis zum Weihnachtsfeste, zu welchem auch das erbprinzliche Paar von Meiningen erwartet wird, hier bleiben. Morgen Vormittag gedenkt der Kronprinz wieder eine längere Ausfahrt zu machen, die sich bei anhaltend gutem Wetter täglich wiederholen soll.

Uaiverfitäts »Chronik.

Der Kanzler der Universität Tübingen, Staatsrath v. Rümelin, feiert am 9. December fein 50jähriges Jubiläum als Doctor der Philosophie.

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Sieben, 1. December. Wie die nachfolgenden Zahlen ergeben, hat die Stadt Gießen einen für ihre Größe recht respectablen Fleischcontum aufzuwetsen. Es wurden nämlich fett der obligatorisch gewordenen Benutzung des städtischen Schlachthauses also, innerhalb 11 Tagen geschlachtet: 35 Ochsen, 35 Rinder, 155 Kalber, 36 Hümmel, 247 Schweine und 6 Pferde.

Vermischte».

A Mainz, 30. November. Gelegentlich einer Interpellation rombe in der heutigen Stadlverordnetensitzung von der Bürgermeisterei die erfreuliche Mitheilung gemacht, daß von dem städtischen Bauamt in aller Kürze eine Vorlage um theilweise Restaurirung unseres herrlichen kurfürstlichen Schlosses zu erwarten sei. Nach beregter Mitthetlung soll die Restauration zunächst am rechten Flügel, an der der Schloßcaserne gegenüber liegenden Seite, in Angriff genommen werden.

A Mainz, 30. November. In nichtöffentlicher Sitzung erledigten heute Abend unsere Stadtverordneten eine Angelegenheit, die schon ziemlich lange die öffentliche Dis­kussion hier beschäftigte. Nämlich die Vergebung der Direction unseres Stadttheaters. Mit Schluß der diesmaligen Saison läuft das Pachtoerhältniß zu dem damaligen, im vorigen Jahre von einem Theil der Presse heftig angegriffenen Theaterdirector, Herrn Preymaier, ab. Auf ein diesbezügliches Ausschreiben hin, dem eine wesentliche Aenderung des Theateroertrags vorausgegangen, haben sich 17 Bewerber.um Uebernahme unseres Musentempels gemeldet, darunter auch der bisherige Director. Ungeachtet solch zahl­reicher Liebhaber beschloß die Versammlung nach langen Beratungen, gemäß den An­trägen der Deputation, dem seitherigen Director Preymaier das Stadttheater wieder auf 3 Jahre zu übertragen und zwar unter im Allgemeinen wesentlich günstigeren Bedingungen wie früher, jedoch soll für die Folge wieder eine Entschädigung für das Gas geleistet werben.

Das Untersuchungsgericht von Darmstabt war heute in Ginsheim anwefenb, um in der angeblichen Morbaffaire bes Müllers Fischer Vernehmungen vorzunehmen. Der unter bem Verdacht der Täterschaft in Hast befindliche Müller Schröpfer von Bischofsheim stellt jeden Zusammenhang seiner Person mit dem Schicksal des Müllers Fischer in Abrede.

Wegen eines unheilbaren Leidens hat sich gestern ein hiesiger im besten Mannesalter stehender Küfer erhängt.

In einem hiesigen Ladengeschäft entstand gestern Abend eine Gasexplosion, durch welche ein Arbeiter nicht unbedeutend verletzt wurde.

Dem frankfurter Journal, tXrtir. stehen neber? der großen Zahl regelmäßiger Korrespondenten hervorragende Männer in Hessen zur Seite, um auch über solche wichtige Landesangelegenheiten ein sicheres und freies Urtheil abgeben zu können, welche von hessischen Blättern zur Besprechung nicht für geeignet gehalten werden. 8873

Die meist verbreiteten Leiden sind Husten und BerdauungS- beschwerden, die leichiest zu beschaffende Kur dieser Leiden aber bestehl im Ge­brauch der vielbewährten Sodener Mineral-Pastillen, erhältlich in allen Apotheken ä 85 per Schachtel. Aus Würzburg wurde uns über den Erfolg atteftirt: Geehner Herr! Die von Ihnen empfohlenen Sodener Mineral-Pastillen bewähren sich in der That. Nicht nur, daß dieselben Affeciionen des Kehlkopfes rc. lindern und heben, wirken sie auch auf den Verdauungsproceß wohlthuend ein und steigern so das allge­meine Wohlbefinden. Hochachtungsvoll gez. Fritz Schwemcr, Schauspieler. 6950

Handel und Verkehr.

Limburg, 30. November. Rother Weizen pro Malter JL 14 60, weißer Weizen X , Korn JL 10.20, Gerste X 9.80, Hafer 5.65, Erbsen X 00.00, Kartoffeln X 0.00.

Gottesdienst der israelitischen Religionsgesellschast.

Freitag Abend 3« Uhr, Samstag Vormittag 8ro Uhr, Samstag Nachm. 3* Uhr, Samstag Abend 4<0 Uhr.