Ausgabe 
2.2.1887
 
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Nr. 27

Mittwoch dm 2. Februar »887

ichener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für brit Kreis Gießen.

BureLur Schulstraße 7.

Erscheint täglich mit AnSnahmc des Montag».

rei» vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Dringerlobn.

-urch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Amtlicher Hh«il.

Gießen, am 1. Februar 1887.

Gießen

an die Großherzogliche« Bürgermeistereien des Kreises.

Betreffend: Das Ersatzgeschäft für 1887.

Der Civilvorsitzende der Großherzoglichen

__ , Sie willen nunmehr mit Aufstellung der Stammrollen sofort beginnen und dieselben mit denjenigen für 1885 und 1886 bis längstens 1O. 1* Wito, ernsenden.

Herbei wollen Sie die dem Formulare vorgedruckte Anmerkung genau beachten, insbesondere alle Bestrafungen rc. unter RubrikBemerkungen" emtragen. °

L ~ Falls ein Bruder eines Militärpflichtigen bei der Musterung mit zur Vorstellung kommen oder bereits im Heere dienen sollte, wollen Sie dies in »er Stammrolle bemerken.

Reclamationen aus früheren Jahren, welche pro 1887 erneuert werden sollen, find alsbald mittelst Bericht einzufordern. Neue Reclamationen sind mit den Stammrollen vorzulegen.

Jost.

Politische Ueberstcht.

Gießen, 1. Februar.

Die Berliner osficiösen und halbosficiösen Preßsttmmen iußern sich schon seit einiger Zett über die allgemeine Lage ziemlich skeptisch, «nter specieller Betonung der deutsch-französischen Verhältniffer und scheinen ßsermil auch auswärtige osficiöse Blätter angesteckt zu haben. So wird im BesitzerLloyd" eine längere Correspondenz aus Berlin veröffentlicht, die leb- Inst an dieKrieg - in - Sicht - Artikel" derPost" erinnert. Die Correspondenz rritt mit besonderem Nachdrucke der allgemein verbreiteten Anschauung entgegen, ule ob die Signalements der deutschen Osficiösen über die französischen Rüstun- nur Wahlmanüver gewesen seien, sie hätten vielmehr die Bedeutung eine« selten Wasserstrahls», einer Winkes an die Adresse Frankreichs, daß man sich bi Deu.schland nicht überraschen lassen werde und erinnert der Berliner Corre- tyonbent derLloyd" daran, daß schon in der unruhigen Periode des Jahres L875 ein ähnlichesAnrufen" Rußlands seitens der Berliner Osficiösen erfolgt s-i. Zum Schluß versichert der Correspondent, man wisse in Berlin, daß ®e> Mral Boulanger bereit sei, in längsten» einem Jahre auch ganz allein lorzu- schlagen, daß er aber schon eher hieran denken würde, wenn Rußland bereit sei, in di- Action mit einzutreten. Der Correspondent giebt schließlich zu verstehen, dvß Deutschland bei einer solchen Sachlage erwägen müsse, im Falle seine dies- fälligen Klarstellungs-Versuche kein befriedigendes Resultat ergeben würden, ob du nicht der bewährte alte Grundsatz, die beste Defensive bestehe in der Offensive, amzuwenden sei. Der PestherLloyd" scheint diese, wie man aestehen muß, ziemlich pessimistischen Auslassungen seine» Berliner Correspondenten sehr ernst­haft zu nehmen, denn er bringt sie an hervorragender Stelle und bezeichnet sie selber al» im höchsten Maße beachtenrwerth. Die Correspondenz scheint die in bien leitenben deutschen Kreisen herrschende Stimmung ziemlich getreu widerzu- soiegeln, denn in einem sehr bemerkenswerthen Artikel derKreuz-Zeitung" ß aoet sich die Meinung, baß, wenn wirklich in ben französischen Ostbepartemcnl» Druvpen-Concentrationen stattsänben, Deutschland diese Maßregel durch eine all- grmeme Mobilmachung beantworten würde. Berücksichtigt man nun noch die Meldungen der Berliner Abendblätter vom Freitag, wonach auch Deutschland bsabsichiigen soll, an der französischen Grenze Baracken zu errichten und daß giößere Reservisten-Einziehungen zur Einübung im Gebrauche des neuen Ge- »ehres beoorstünden und zieht anderseits die Mittheilung des PariserTempi" in Betracht, daß allerdings im Laufe dieses Jahres ein französisches Armee- ! S.otp»versuchsweise" modilisirt werden solle, so dürfte aus alle dem erhellen, daß sich in der Thal eine leichte Spannung zwischen Berlin und Paris zu markiren beginnt.

Der Bundesrath hielt am Donnerstag seine übliche Wochen-Plenar- sitzung ab; die ziemlich reichhaltige Tagesordnung bot kein allgemeinere» Jn- iereffe dar.

Im preußischen Abgcordnetenhause sind den bewegten Sitzungen v»m Ansange voriger Woche wieder ruhigere Tage gefolgt. Die Fortsetzung d^r Specialberathung de» Etats gab weder am Donnerstag noch am Freitag ,u besonders lebhaften Erörterungen Anlaß. Lediglich au» der Freitagssitzung dürfte die längere Discussion hervorzuheben sein, welche sich an den Etat der lcuidwirthschastlichen Verwaltung knüpfte und wobei von verschiedenen Seiten H'J Nothlage in der Landwirthschast hervorgehoben wurde; über die Mittel zur Süseittgung de» landwirthschastlichen Nothstande» gingen natürlich die Ansichten, v« immer in dieser Frage, wieder weit auseinander. Die Debatte, welche zeizen Ende auch aus da» Gebiet der Wahlbewegung hinüberspielte, schloß mit Genehmigung von Tit. 1 (Gehalt de» Minister»).

DieBerliner Polit. Nachr." bezeichnen das Gerücht, al« hätten sich im lsiunderrathe Stimmen gegen die Auflösung der Reichstage« erhoben, al« erfunden, der bezügliche Beschluß sei vom Bundesrathe einstimmig gebilligt varoen.

, Unser« greisen Kaiser ist der vierte Urenkel giborenl Pünnzesün Wilhelm von Preußen wurde am Samstag früh in Potsdam von einem Prinzen glücklich entbunden.

Der Herzog von Leuchtenberg ist ins Ausland abgereist, wie eine . Peitersburger Depesche lakonisch meldet. Sollte die Reise am Ende mit der I

Vorstellung des Herzogs an den europäischen Höfen als der eigentliche Candidat Rußlands für den bulgarischen Thron Zusammenhängen?

Eine wunderliche Mittheilung bringt dasHirsch'sche Telegra- phen-Bureau" aus Alexandrien. Danach würde die egypttsche Reise des Prinzen Alexander von Battenberg mit der Uebernahme des Commandos über die englischen Truppen in Wady Halsa Zusammenhängen. Der ehema­lige Bulgarensürst, der Sieger von Sltvntza und Pirot, als englischer Vor- posten-Commanbeur sich mit den Sudanesen herumschlagend das klingt denn doch ein wenig zu abenteuerlich!

lieber den Zusammenstoß zwischen den Italienern und den Abys- siniern vor Maffauah (Massovah) liegen auch jetzt seltsamer Weise noch keine authentische Berichte vor. Sollte der osstciöse italienische Telegraph mit Absicht über diese Vorgänge schweigen? Uebrigens sind die ersten Verstärkungen, welche am Montag von Neapel aus nach Maffauah abgegangen find, gar nicht so be­deutend vier Compagnien Infanterie, eine Genie Compagnie und zwei Ge­schütze da» ist vorläufig Alle». Daß die Stellung des Ministeriums Depretis durch die Vorgänge am Rothen Meere keineswegs erschüttert ist, beweist der Umstand, daß dem Ministerium seitens der Deputirtenkammer bei Schluß der Generaldiscussion über den Etat da« von Depretis geforderte Vertrauensvotum mit 229 gegen 154 Stimmen bewilligt wurde.

Deutschland.

][ Darmstadt, 31. Januar. Seine Königliche Hoheit der Prinz Heinrich von Preußen hat seine für gestern beabsichtigte Abreise um einen Tag verschoben und ist mit seinem militärischen Begleiter, dem Flügeladjutanten Sr. Maj. des Kaisers, Corvetten-Capitän Frhrn. v. Seckendorff, erst heute Nach­mittag 5 Uhr 20 Mtn. mit dem fahrplanmäßigen Schnellzug nach Berlin zu- rückgereist. Se. Königl. Hoheit der Erbgroßherzog gaben dem Besuche das Geleite bis zum Bahnhose.

Gelegentlich der mehrerwähnten .Phlloktet"-Aufführung seitens Primaner des hiesigen Gymnasiums sind durch Billetverkaus 1360 JL vereinnahmt wor­den. Die Tageskosten bet Großh. Hostheaters, welche von dieser Einnahme in Abzug zu bringen sind, betragen etwa 600 JL, daher für die deutsche Schiller­stiftung die erfreuliche Zubuße von 700 Jt. zu constatiren ist.

Berlin, 31. Januar. Der Kaiser nahm Vormittag» den Vortrag Wilmowski's entgegen, machte darauf eine Spazierfahrt und conferirte nach der Rückkehr mit dem Kriegsminister.

DerReichs-Anz." meldet: Der Herrenmeister des Johauniterorden» ernannte den Grafen Mollke zum Ehrencommendator de- Johanntterorden».

DiePost" schreibt in einem Leitartikel mit der UeberschriftAuf des Meffers Schneide": Die Stellung Boulanger's sei nicht nur befestigt, son­dern zur Zeit vielleicht unangreifbar. Der General, gestützt auf die Radikalen und Chauvinisten, beherrschte auch die friedliebenden Maffen, weil diese nicht im Stande feien, ihren Wünschen annehmbare Gestalt zu geben, vielmehr durch jahrelanges Schüren in ihrem Urtheil verwirrt seien. Dieser Zustand könne nur durch eine temporisirende Regierung geändert, vielleicht durch eine glückliche Eingebung zur Annahme des wahren Friedens gelenkt werden. Aber eine Re­gierung unter Boulanger werde kaum noch temporisiren. Derselbe sei Herr der Lage in einem Grade, wie es weder Thiers noch Gambetta gewesen. Aber er könne die Lage nur durch Fortsetzung des kriegerischen Impulses beherrschen, den er ihr gegeben. Nach den Eindrücken aller Beobachter würden die Rüstungen in Frankreich mit fieberhafter Energie betrieben. Boulanger habe e» nicht mehr in der Hand, da- französische Volk in die Friedensbahn zurückzulenken, ober er müßte feinen Platz räumen mit dem Vorwurf beladen, Frankreich an den Rand großer Gefahr geführt zu haben.

England.

London, 31. Januar. Da« Oberhaus verwarf in zweiter Lesung die Vorlage, welche das Wahlrecht den Frauen gewährt. Salisbury erklärte, es sei nicht üblich, daß ein Haus die Initiative zur Reform der Zusammen- setzung de- andern Hause- ergreife.