Berlin, 29. Novbr. Die außerordentliche Plenar-Versammlung bei deutschen Handrlstage» wurde Vormittag» eröffnet. Nach der Begrüßung durch Comwerzienrath Frentzel Namens der Aeltesten der hiesigen Kaufmannschaft ge* dachte der Vorsitzende Delbrück in wärmsten Worten des Kaisers und des Kron« prinzen und schloß die innigsten Wünsche um Genesung del Letzteren in das dem Kaiser und dem kaiserlichen Hause gebrachte Hoch ein. Nach längerer Motivirung durch Commerzienralh Frentzel nahm der Handelstag die gegen Erhöhung der Getreidezölle gerichtete Resolution au.
— Der „Nordd. Allg. Ztg.* zufolge ist dem Operndirector v. Strantz heute seine Entlassung ohne Pension von Neujahr 1888 ab mitgetheilt worden.
— Profeffor Mommsen lehnte den ihm anläßlich seines bevorstehenden 70. Geburtstages von der Studentenschaft zugedachten Festcommers ab. Der Studenten-Ausschuß wird in Folge dessen eine Glückwunsch-Adresse überreichen.
— Der „Berl. Börsen-Courier" meldet: Auf Veranlassung Ihrer Königl. Hoheiten der Prinzen und der Prinzessin Wilhelm fand gestern in der Wohnung de- Grafen Waldersee eine Versammlung statt von meist orthodoxen oder ktrch- ltch-conseroalioen Kreisen angehörigen notablen Persönlichkeiten, darunter die Hosprediger Kögel, Stöcker, Frommel und Geheimerath Hansemann. Au- rheini- schen kaufmännischen Kreisen waren einige Vertreter der conservativen Richtung anwesend. Se. Königl. Hoheit Prinz Wilhelm, welcher mit Prinzessin Wilhelm erschienen war, setzte in einer etwa 20 Minuten dauernden Rede eingehend den Zweck, welcher zur Berufung der Versammlung geführt hatte, auseinander. Er gelte den fortdauernden socialistischen, anarchistischen und anderen verwandten Bestrebungen in festgeschloffener Einheit entgegenzutreten. Ihre Königl. Hoheiten Prinz und Prinzessin Wilhelm wohnten den etwa 2 Stunden dauernden Verhandlungen bei.
San Remo, 29. November. Der Kronprinz machte heute einen Aus« flug nach Ospedaletto.
Pari», 29. November. In parlamentarischen Kreisen herrschen widersprechende Ansichten über die Chancen Freycinet's für die Wahl zum Präsidenten der Republik. Einige Deputirte begaben sich heute nach dem Elysöe, um Grövy zu ersuchen, auf seinem Posten zu verbleiben.
— Die Gruppe der vereinigten Linken lehnte die Theilnahme an der von der radikalen und äußersten Linken für Donnerstag Abend in Aussicht genommenen vorbereitenden Versammlung ab; sie wird nur der Plenar-Versammlung am Donnerstag Vormittag in Versailles beiwohnen.
Petersburg, 29. November. Nach dem „Regier.-Anz." begnadigte der Kaiser die von dem Petersburger Kriegsgericht wegen der rechtzeitig entdeckten, ohne Folgen gebliebenen Empörung gegen die oberste Gewalt zu Zwangsarbeit, refp. Deportation verurtheilten 13 Land-Officiere, auch 5 See-Cadetten, weil dieselben minderjährig seien und durch Andere verleitet wurden, und nun aufrichtig Reue zeigten, sämmtlich zur Degradirnng zu gemeinen Soldaten, unter Einräumung der Möglichkeit, nach einer gewiffen Frist den Officiersrang wieder zu erlangen. Ein See-Cadett ist noch in Hast; er bleibt nachher unter der Aufsicht der Vorgesetzten, ohne bestimmte Au-ficht auf Wiedererlangung de- Officier-ranges.
Chicago, 29. November. Die Anarchisten erließen an die Arbeiter ein Circular, worin sie gegen die jüngsten Hinrichtungen protesttrten.
Uutverfitäts • Chronik.
— Professor Runge aus Dorpat ist, wie uns geschrieben wird, als Director der Gynäkologischen Klinik zu Göttingen berufen worden und hat den Ruf angenommen.
— Der außerordentliche Professor an der Berliner Universität, vr. Senator, ist zum Geh. Medictnalrath ernannt worden.
Lokales.
Gießen, 30. November. (Theater.) Dor sehr gut besetztem Hause eröffnete die Rudolph'sche Gesellschaft mit dem neuesten Lustspiel von Kneisel: Wo ist die Frau? gestern Abend die diesjährige Theatersaison und hatte sich des lebhaftesten Beifalls Seitens des äußerst animirten Publikums zu erfreuen. — Eine ausführliche Kritik über die einzelnen Künstler bringen wir bet späterer Gelegenheit, wollen aber für heute mit Vergnügen constaliren, daß uns Herr Rudolph ein Ensemble ganz exquisiter Kräfte mitgebracht hat, welche sich gewiß recht bald die Gunst unseres kunstliebenden Publikums erwerben dürften. Jedenfalls dürfen wir bereits heute behaupten, daß die Künstler den vorjährigen bei Weitem überlegen sind. Die elegant ausgestattete neue Bühne prangte effectooll in der neuen Gasbeleuchtung und machte einen vornehmen Eindruck. Der weitere Verlauf der Theatersaison verspricht uns noch manchen genußreichen Abend. ß
X Die Logen des Großherzogthums haben mit Rücksicht auf die Krankheit des deutschen Kronprinzen alle Festlichkeiten bis auf weiteres verschoben.
— Mit Bezug auf unsere Lokal-Notiz in vorgestriger Nummer, betr. Brödchen- und Wäsche-Diebstahl durch eine Austragfrau, thellt uns Herr Gepäckträger Georg Le sch mit, daß seine Frau keine Brödchen austrägt und somit ganz außer Betracht in dieser Angelegenheit sei. Wir thellen dies zur Berichtigung mit.
— Es wird uns die Mittheilung, daß die „Dame", von welcher wir vor einiger Zeit berichteten, daß sie auf den Namen ihrer Herrschaft nicht unbedeutende Einkäufe bei hiesigen Gewerbetreibenden gemacht, aus der gerichtlichen Haft wieder entlassen worden sei. Dank der Opferwtlligkeit ihrer Freunde seien alle Rechnungen bezahlt worden.
«e»»ifchtes.
△ Mainz, 18. November. Don der Ciotlkammer des hiesigen Landgerichts wurde heute ein Urtheil erlassen, das nicht verfehlen wird, allseits gerechte Genug- thuung heroorzurufen. Der Ursprung des Prozesses datirt von einer Soldatenmißhandlung aus dem Jahre 1881, welch' letztere auf direkte Intervention des General v. Schlotheim die Derurthetlung von drei Unteroffizieren zu mehrjährigen Freiheitsstrafen zur Folge hatte. Die verurtheilten Unteroffiziere hatten sich in fortgesetzten groben Mißhandlungen eines Rekruten des 3. brandenburgischen Fußarlillerie- Regiments, des Postbotengehülfen Karl Burkhardt aus Frankfurt, ergangen, durch welche Mißhandlungen Burkhardt ein Nervenleiden bekam, das ihn nicht nur zu jeder Arbeit untauglich machte, sondern sogar eine Person zu den Dienstleistungen des Mißhandelten erforderte. Auf Grund letzterer Thatsache und gestützt auf oben erwähntes Urtheil strengte Burkhardt, dem nur eine monatliche alljährlich neu zu bewilligende Pension von 57 Mark zugesprochen war, eine Klage gegen den Mtlitärfiscus bei dem hiesigen Landgericht auf dauernde Feststellung und Erhöhung der Unterstützungsrente an. Bei dieser Klage bestritt der Mtlitärfiscus zunächst die Zuständigkeit des hiesigen Landgerichts, welche Emrede aber von allen Instanzen, einschließlich dem Reichsgericht als unbegründet abgewiesen wurde. Nach Erledigung dieser Vorfrage, wodurch die Entscheidung in der Hauptsache drei Jahre verzögert wurde, erließ die Civilkammer ein Urtheil, welches dahingeht, daß der Mtlitärfiscus verpflichtet sei, ven dem Jahre 1883 an dem in Folge von Mißhandlungen zum Krüppel gewordenen Soldaten Karl Burkhardt eine fortlaufende jährliche Rente von X 1260 zu bezahlen. Außerdem wurden dem Mtlitärfiscus sämmtliche Kosten des langwierigen Prozesses auferlegt
A Mainz, 29. November. Seit mehreren Jahren haben die hiesigen Fachvereine regelmäßig auf den zweiten Weihnachtstag in der „Stadthalle" gemeinschaftlich
eine sogenannte Chrrstbaumverloosung mit darauffolgendem Tanzvergnügen abgehalten, zu welcher Veranstaltung jeder gegen ein Eintrittsgeld Zutritt hatte. Für dieses Jahr ist zu einer solchen Christbaumoerloosung Seitens der Verwaltungsbehörde die Er- laubniß nicht ertheilt worden und zwar um deßwillen, weil man durch den jüngste» hiesigen Socialistenprozeß die Ueberzeugung erlangt zu haben glaubt, daß die bei dieser Veranstaltung erzielten finanziellen Ueberschüsse zu socialistischen Zwecken Verwendung
— Mit Rücksicht auf das Leiden des deutschen Kronprinzen ist man mit den Vorbereitungen für das im nächsten Jahr hier stattfindende Earnevalsjubiläum sehr zurückhaltend. Vielfach findet man die Ansicht laut werden, daß wenn nicht eine entschiedene Wendung zum Bessern in dem Befinden des Kronprinzen eintritt, man von jeglicher carnevalistischer Veranstaltung im kommenden Jahr absehen und die Jubiläumsfeierlichkeiten in das Jahr 1889 verlegen soll.
. s hiesigen Centralbahnhof ereignete sich heute Morgen ein Vorkommnis
das leicht ernste Folgen hätte nach sich ziehen können. Eine Truppe Soldaten salutirte einem vorübergehenden Offizier; bei „Gewehr über" entlud sich von selbst emes der Gewehre und ging die Kugel direkt über den Bahnhof weg
,, — Am 8. December kommt vor dem Reichsgericht zu Leipzig die gegen das Urtheil in dem hiesigen großen Socialistenprozeß von den Verurtheilten eingelegte Revision zur Verhandlung.
A Aus Rheinhessen, 28. November. Das Falliment des Bankhauses Franz Allmann Sohn in Bingen zieht die Provinz Rheinhessen und besonders den Kreis Bmgen-Alzey stark in Mitleidenschaft. In Folge des hohen Ansehens, welches der Firmeninhaber und dessen Familie genoß, haben insbesondere kleine Leute mit blindem Vertrauen ihre Ersparnisse dem Bankhaus überlassen und sind dieselben beim Falliment auch die meist betheiligten. Wie wir hören, beziffern sich die Passiven aus nahezu P/z Millionen, welcher Summe nur etwa 250,000 Mark Aktiven gegenüber stehen. ▲
A Aus Rheinhessen, 29. Nov. Wie mehrere Blätter mittheilen, hat durch das Falliment Allmann in Bingen eine dortige Wittwe ihr ganzes aus X 100 000 bestehendes Vermögen verloren und ist jetzt vollständig mittellos.
München, 29. Dtooember. Der frühere Dtrector der Leipziger Diskontobank, vr. Jerusalem, der sich bereits seit zwei Tagen hier aufgehalten, hat sich heute im „Rheinischen Hof" zwischen 6 und 7 Uhr Abends erschossen. Auf der Polizei war man gestern bereits über die Anwesenheit Je-usalem's informirt. Es war hierher berichtet worden, daß er eine große graue Perrücke und eine entstellende Brille trage. (Fr. Ztg.)
Wien. (Die Tournüre als Rucksack.) Diese „Nebenbeschäftigung" der Mode ist zwar nicht ganz neu — aber praktisch, so lange dies Ding nicht von egoistischen Fmanzwächtern auf seinen inneren Werth geprüft wird. In jüngster Zeit wurde, wie die „Wiener Jagdzeitung" erzählt, bei einer sehr frequenten Linie Wiens abermals „binterliftiger" Mißbrauch der künstlichen „Spiegel" constatirt. Eine recht hübsche, lunge Dame ging durch die Linie herein und hielt mit beiden Händen zierlich ihr Kleid hinten in die Höhe. In Wirklichkeit hielt sie aber nur den faltenreichen Stoff, den die Damen über dem Kleide rückwärts herunterhängen haben. Bei dieser Gelegenheit gewahrte der Wächter unterhalb des Faltenwurfs einen Stoff von anderer Farbe. Die Dame, »eiche sich als der besseren Gesellschast angehörig auswies, mußte in das Jnspecttonszimmer. Das Resultat war die Entdeckung von drei Paar Rebhühnern. Seit jenem Augenblick sind an der Linie nicht weniger als achtundvierzig Damen in dieser Weise angehalten worden und fanden sich hiervon bei fünf Damen noch ebenfalls Rebhühner, bet sieben Damen junge Tauben und anderes Geflügel und bei acht Damen andere Victualien, welche der an der Linie zu erhebenden Fleischsteuer entzogen werden sollten. Also in 20 von 48 Fällen war voller Grund zur Amtshandlung vorhanden.
Eingesandt.
Freunde des Gesangvereins „Liederkranz" und besonders Diejenigen, welche dem 50jahrigen Stiftungsfeste desselben beiwohnten, wollen wir an dieser Stelle auf das im Laden des Herrn C. A. Faber, Marktplatz, ausgestellte Bild der activen Mitglieder des Vereins aufmerksam machen.
So wie es dem Vereine selbst stets als eine schöne Erinnerung verbleiben wird, glauben wir auch mit Recht, dem Photographen Herrn Ludwig Orth, für die saubere und geschmackvolle Ausführung des Bildes, unser wärmstes Lob aussprechen zu können. M. J. O. A. L. M. A. A.
Literarisches.
— In ihrer Art wohl verschiedene, aber gleich werthe und liebe literarische Festgaben bringt die Verlagshandlung von I. I. Weber in Leipzig als erste Vorläufer für den Weihnachtstisch. Es ist dies zunächst Hagen's »gtorica* in sechster durchaus originell ausgestatteter Auflage. Diese, nach einer Handschrift des sechzehnten Jahrhunderts erzählten Nürnbergischen Novellen lassen uns einen köstlichen Einblick thun in das Leben und Treiben der alten Nürnberger Kunsthandelsstadt. Alte Künstlernamen, wie Peter Vischer, Kraft, Albrecht Dürer, Pirckhetmer, Hans Sachs, Veit Stoß, die Meistersinger, selbst Kaiser Maximilian begegnen uns und der Geist des 16. Jahrhunderts umweht uns in diesen alten Nürnberger Künstlernovellen. — Der zweite Band der Novelleu-Btbliother der Jllustrirten Zeitung ist die andere Festgabe, welche wir genannter Firma verdanken. Diese lievenswürdigen Erzählungen und novellistischen Cabinetsstückcheu lebender Autoren, die uns bereits in der Jllustrirten Zeitung erfreut haben, sind hier in seiner Auswahl in einem fein ausgestatteten Bändchen vereinigt, dessen Erfolg wohl seinem Vorgänger nicht nachstehen wird. Beide Werke mit ihrem Aeußern und ihrem Inhalt paffen so recht in die Weihnachtsstimmung hinein und seien unfern Lesern aufs Freundlichste empfohlen.
— Zwei in ihrer Art treffliche und geschätzte Kompendien, Schober's Slate* chismus der BolkswirthschaftSlehre und Kirchrnann's Katechismus der Philosophie, sind soeben in neuen Auflagen (Leipzig, I. I. Weber) erschienen.
handel «ud Derkehr
Herborn (an der Köln-Gießener Eisenbahn), 28. Nvobr. Auf den heutigen hiesigen Markt wurden gebracht 470 Stück Rindvieh und 523 Schweine. Der nächste Markt ist am 22. December d. I.
Frankfurt, 28. Novbr. Der heutige Diebmarkt war gut befahren. Angetrieben waren 424 Ochsen, ca. 24 Bullen, ca. 434 Kühe und Rinder, ca. 310 Kälber. Die Preise stellten sich: Ochsen 1. Qual. X 57—59, 2. Qual. X 50—52, Kühe und Rinder 1. Qual. X 48 —50, 2. Qual. X 38—44 per 100 Pfund Schlachtgewicht, Kälber 1. Qual. 48—50 2. Qual. 35—40 H per 1 Pfund Schlachtgewicht.
Frankfurt, 28. Novbr. (Getreide-Preise.) Weizen eff. hiesiger u. Wetterauer X 17,50—17,75, fremder X 17,00—19,00, Roggen eff. hies. X 13,75—14,60, fremder •X 00,00—,00,00 Gerste effectio Hiesige und Wetterauer X 15,00—17,00, fremde X 00,00—00,00, Hafer eff. hies. X 13,00—13,50, fremder X 00,00-00,00.
Larrdwirthschaftlichc Nachrichten.
(Nachdruck verboten.)
— sLandwirthschaftliche Buchführung.) In jeder geordneten Wirthschast ist die Führung eines Einnahmen- und Ausgabenbuches das erste Erforderniß, dadurch wird die Uebersicht über die Verwendung des Baargeldes ermöglicht. Ein Ueberblick über den Stand der gesummten Wirthschast ist aber dadurch noch nicht zu erreichen. Es gehört dazu in erster Linie eine fortlaufende Aufzeichnung der Schulden und der Forderungen. Die Aufzeichnungen sind getrennt zu machen, d. h. für die Schulden besonders und für die Forderungen ebenso. Für den Landwirth empfiehlt sich aber die kaufmännische Art der Buchung auf Einzelconten im Allgemeinen nicht, nur wenn er mit irgend Jemand in einem dauernden Verkehr steht, wird die Anlegung eine! Eontos als Controle nöthig. Sonst aber wird der Landmann seine Forderungen besser der Reihe nach aufführen. Das Buch, welches zu dem Zwecke einzurtchteri ist, muß 8 Rubriken haben und zwar eine für die Nummer, eine für das Datum, dann für den Namen des Schuldners, Art der Schuld, Betrag der Schuld, Tag der Zahlung,.


