Nr. TT lFreitag den 1. April 1887.
Amts- und Anzcigeblatt für den Kreis Gießen.
Burcattr S ch u l st r a ß c 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.
Durch die Poft bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Einladung )um Abonnement
auf den
Gießener Anzeiger,
Amis- unö AnzeigeMatl für Den Kreis Achen.
Der „Gießener Anzeiger" erscheint, wie gewohnt, täglich, mit Ausnahme der Tage nach Sonn« und Feiertagen, incl. der Beilage „Gießener FmuMenblatter", welche dreimal wöchentlich dem Anzeiger beigelegt werden.
Der Abonnementspreis für den Anzeiger, frei ins Haus geliefert, beträgt 2 Mark 20 Pfg.; für auswärtige Abonnenten, welche nur bei der Post abonniren können, 2 Mark ercl. Postgebühr.
Den seitherigen Monnenten in der Stadt Gießen werden wir, wenn vorher keine ausdrückliche Abbestellung erfolgt, den Anzeiger auch im II. Quartal 1887 zusenden und den Abonncmentsbetrag durch Quittung erheben lassen.
Wir bitten die neuen Abonnenten, namentlich auswärtige, ihre Bestellungen baldgefälligst aufgeben zu wollen, damit wi, vollzählige Exemplare liefern können.
Gleichzeitig machen wir darauf aufmerksam, daß den Abonnenten ves Anzeigers die „Derwaltuugsblätter" zum ermäßigten Preise von 50 pro Quartal geliefert werden. Die Expedition.
Amtlicher Hkei l.
Bekanntmachung.
Im Interesse des Publikums macht man noch ausdrücklich daraus aufmerksam, daß Reclamationen gegen Einkommen- und Kapitalrentensteueransätze 1. Abteilung immer, aber auch Remonstrationen gegen Ansätze dieser AbtheUung, sowie Reclamationen gegen Einkommen- und Kapitalrentensteueransätze 2. AbtheUung möglichst schriftlich und zwar unter genauer Angabe der für eine etwaige Ermäßigung sprechenden Gründe (wenn aber mündlich, nur an den Amtstagen Dienstags und Samstags) während der gesetzlichen Frist bei dem Unterzeichneten vorzubringen sind, damit der Commission das zur Beschlußfassung erforderliche Material demnächst unterbreitet werden kann.
Gießen, den 1. April 1887. Der Vorsitzende:
__Süfsert. ___________________________________________ _
GroßherzoqlicheS Steuer-Commiffariat Gießen.
Amtstage: Dienstag und SamStag Vormittags von 8—12 Uhr und Nachmittags von 2—4 Uhr.
Politische Übersicht.
Gießen, 31. März.
Der Reichstag erledigte am Montag die dritte Lesung des Reichshaushalts-Etats und hat sich somit in Folge der definitiven Feststellung hes Etats feine Arbeitslast wesentlich verringert. Eine Generaldiscussion wurde nicht erst beliebt, sondern das Laus trat sofort in die Specialberathung ein, welche indessen durchweg die Bestätigung der Beschlüsse zweiter Lesung ergab. Eine eingehendere Debatte knüpfte sich nur an den Etat der Retchspostver- waltung an, indem hierbei vom Centrums-Abgeordneten Dr. Lingens wiederum die Frage der Sonntagsruhe der Postbeamten angeregt und die Meinung geäußert wurde, als ob in dieser Beziehung noch nichts gebessert worden sei, welcher Annahme Director Fischer im Reichspostamte entschieden entgegentrat. Nationalliberalerseits brachte Abg. Struckmann die Angelegenheit der Postsparkassen zur Sprache und schlug er vor, die Postanstalten gegen entsprechende Entschädigung zu Annahmestellen für die Communal-Sparkaffen zu machen, um auf diesem Wege die berechtigten Ziele der s. Z. abgelehnten Postsparkaffen- Vorlage zu erreichen. Staatssecretär Dr. v. Stephan erklärte, daß über einen neuen Entwurf hinsichtlich der Postsparkassen zur Zeit Erwägungen im Bundes- rathe schwebten. Die Redner der Freisinnigen und der beiden conservativen Fraktionen erklärten wenigstens im Princip ihr Einverständnjß mit dem Struck- mann'schen Vorschläge, während sie sich aber zugleich gegen die in Aussicht gestellte neue Postsparkassen-Vorlage wandten, gegen welche auch Dr. Windthorst polemifirte, während Abg. v. Bennigsen sich im Allgemeinen für die Postsparkassen aussprach. Der genannte Etat wurde schließlich saft einstimmig angenommen, ebenso das Etats- und Anleihegesetz, woraus das Haus das bis jetzt nur provisorisch gewählte Präsidium für die Dauer der Session definitiv bestätigte ; alsdann vertagte sich das Haus bis zum 19. April.
Zur diplomatischen Vorgeschichte des kirchenpolitischen Kampfes in Preußen sind in der „Nordd. Allg. Zeitung" jüngst eine Reihe interessanter Actenstücke, enthaltend die zwischen dem Fürsten Bismarck und dem früheren preußischen Geschäftsträger beim Vatikan, Grasen Tauffkirchen, geführte Correspondenz aus dem Jahre 1871, veröffentlicht worden. Aus diesen Docu- menten erhellt, daß die preußische Regierung die Intervention des heil. Stuhle« gegen die regierungsfeindliche Haltung des Centrums angerufen hatte und daß diese Vorstellungen ansänglich beim Lardinal-Staatssecretär Antonelli und bei Pius IX. selber eine wohlwollende Ausnahme sanden. Aber den Centrums- Politikern gelang es, namentlich durch eine nach Rom entsandte Deputation mit dem Fürsten Löwenstein an der Spitze, den Papst und Antonelli sür die Bestre
bungen der Centrumspartei zu gewinnen und auf die Aufforderung des Grasen Tauffkirchen, mit dieser regierungssetndltchen Partei zu brechen, antwortete Antonelli entschieden ablehnend, indem er zugleich bestimmt versicherte, daß die Kurie die Haltung der klerikalen Partei in Deutschland nie beeinstußt habe und dies auch niemals thun werde. (Depesche Tauffkirchen's vom 22. Juli 1871). Mit der osficiellen Erklärung des leitenden Staatsmannes des Vatikans war eine Verständigung zwischen dem päpstlichen Stuhle und der preußischen Regierung unmöglich geworden und letztere antwortete mit dem Erlaß der Maigesetze, womit die Aera des „Culturkampfes" eröffnet war. Welche mancherlei und höchst seltsame Stadien derselbe durchlausen hat, ehe endlich heute Preußen und Rom chren Frieden machen konnten, ist hinlänglich bekannt; nur müßte es verwunderlich erscheinen, daß die Veröffentlichung jener Actenstücke gerade in dem Momente, in welcher dieser Friedensschluß durch die neue Kirchenvorlage perfect geworden ist, erfolgte. Indessen wird hierdurch wohl lediglich eine Erläuterung und Ergänzung der Motive bezweckt, welche Fürst Bismarck in seiner neulichen Herrcnhausrcde dargelegt und die ihn zum Beginn des kirchenpolitischen Kampfer veranlaßten, denn zur heutigen kirchenpolitischen Situation, wie sie sich äußerlich wenigstens darstellt, paßt diese Erinnerung an die Vorgeschichte des „Cultur- kampses" doch nicht mehr. Die auszeichnende Ausnahme, welche Monsignore Galimberti am Berliner Hofe erfahren und die in der Verleihung des Groß- kreuzes des Rothen Adler-Ordens an den Specialgesandten des Papste» chren besonderen Ausdruck sand, spricht ebenso sehr für die ausgezeichneten osficiellen Beziehungen, die gegenwärtig zwischen Preußen und der Kurie herrschen, wie die Versicherung Galimberti'», daß mit Annahme der neuen kirchenpolitischen Novelle der Friedensschluß zwischen Berlin und Rom besiegelt werde und daß den Centrumssührern diese Auffassung kundgegeben worden sei.
Dem Prinzen Heinrich von Preußen wurde am Sonntag Abend ein von der Stadt Kiel veranstalteter glänzender Fackelzug anläßlich seiner Verlobung mit Prinzeß Irene von Hessen dargeoracht.
Das „Berl. Tagebl." bringt die noch sehr der Bestätigung bedürfende Miitheilung, daß der neue Börsensteuer-Gesetzentwurf sertrggestellt und vom Finanzminister v. Scholz dem Reichskanzler bereits unterbreitet
worden fei.
Die wiirttembergischeStändekammer hat den bayerisch-watttem- bergischen Staatrvertrag, belr. die Herstellung der Eisenbahn-Lmien Memoüng Leutkirch und Warden-Hergatz, einstimmig genehmigt. In der Deb Staatrminister v. Mittnacht, daß gegenwärtig die Verhältnisse e Z kommen der Bodenseebahn-Projecte» nicht günstig seien, dochsp 4 _
die persönliche Meinung au», daß vielleicht in nicht ,u ferner Zeil vie rrnge


