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Freitag den 31. December

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1886

VMNMr Schusstraße 7.

Erscheint mit A«»n<chme de« Montag».

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elsaß-lothringischen Gemeinderaths-Wahlen und in gewissem Sinne auch da» Heidelberger Universitäts-Jubiläum zu verzeichnen. Mit dem Hinweise auf da» achtzigjährige militärische Dienstjubiläum, welches Kaiser Wilhelm gerade zur Jahreswende begeht (1. Januar 1887) sei der Ueberblick über die deutschen Begebenheiten beschlossen.

Gehen wir nun zu den anderen europäischen Staaten über, so müssen wir uns zunächst dem treuen Verbündeten des deutschen Reiches, der österreichisch­ungarischen Monarchie, zuwenden. Besondere Ereignisse, die für die innere Politik des Donau-Kaiserstaates von einschneidender Bedeutung gewesen wären, hat indessen das Jahr 1886 nicht gebracht, obwohl es an mancherlei Fragen nicht gefehlt hat. Von der Fortdauer des leidigen Nationalitäten-Haders legte die vielberufene Jansky-Affaire wiederum drastisches Zeugniß ab; in diese» Capitel gehören ferner die antideutschen Kravalle in Laibach und der noch vor Jahreswechsel vollzogene Austritt der deutschen Abgeordneten aus dem böhmi­schen Landtage. In dem österreichischen Cabinet fand eine Personalveränderung statt, indem der seitherige Handelsminister Baron Pino durch den Statthalter von Schlesien, Marquis Bacquehnem, ersetzt wurde. Unter allgemeiner Antheil- nahme auch des Auslandes wurde in Qfen am 2. September die 200jährige Jubelfeier zur Erinnerung an die Befreiung Ofens von der Türkenherrschast begangen. Von der Thatsache, daß die österreichische Hauptstadt mit zu den Sitzen der Anarchistenbanden gehört, zeugte die glücklicherweise noch rechtzeitig erfolgte Entdeckung jenes schändlichen Complottes, wonach ganze Stadttheile Wiens und seiner Vororte in die Luft gesprengt werden sollten. Die Theil- nehmer an dem Complotte wurden sämmtlich verhaftet- Verschiedene Theile der Monarchie wurden von der Cholera heimgesucht und behauptete sich die Seuche am längsten in Budapesth, wo sie erst im November vollständig erlosch. Ma­die auswärtige Politik Oesterreich-Ungarns anbelangt, so wurde dasselbe in erster Linie durch die Vorgänge in Bulgarien berührt unv daß Oesterreich-Ungarn fest entschossen ist, seine berechtigten Interessen daselbst unter allen Umständen zu wahren, haben die wiederholten Erklärungen Kalnoky'S in den Delegationen hin­länglich bewiesen.

Die Zerfahrenheit der inneren Zustände der franzö­sischen Republik spiegelte auch das Jahr 1886 durch die verschiedenen Ministerkrisen wider. Im Anfänge des Jahres mußte das Ministerium Ferry dem Ministerium Freycinet Platz machen und letzteres war wiederum ge- nöthigt, noch vor Jahresende dem Ministerium Goblet Platz zu machen, und wie einerseits zwischen Monarchisten und Republikanern stete Feindschaft herrscht, so sind auch letztere untereinander gespalten. Doch hat dieser Zwie­spalt im republikanischen Lager die Ausführung durchgreifender anti­monarchistischer Maßregeln, vor Allem die Ausweisung der bonapartistischen und orleanistischen Thronprätendenten, nicht gehindert. Rach Außen legte sich Frankreich in der orientalischen Frage eine gewisse Reserve auf und betonte dafür seine Interessen in Egypten, ohne daselbst indessen England gegenüber etwas Wesentliches zu erreichen. Mit den Howas auf Madagaskar setzte sich Frankreich durch einen günstigen Vertrag friedlich auseinander, während die Pacification" Tongkings noch immer nicht gelingen will. Im Uebrigen hat auch das vergangene Jahr mehrfach Zeugniß davon abgelegt, daß jenseits der Vogesen die Revanche-Idee nach wie vor ungeschwächt fortdauert.

Das markanteste Ereigniß in England im abgelaufenen Jahre bildete der zweimalige Cabinetswechsel. Zuerst wurde das conservative Ca- binet Salisbury durch ein abermaliges liberales Cabinet Gladstone ersetzt und dann war letzteres wegen seiner Niederlage in der irischen Frage genöthigt, wiederum dem Ministerium Salisbury zu weichen, welches jetzt seinerseits durch den Austritt des Schatzkanzlers Lord Churchills einen harten Stoß er­litten hat. Während nach Innen die irische Frage noch ungelöst ist, schwenkte die Politik Englands in der bulgarischen Angelegenheit unentschlossen hin und her, raffte sich dagegen in der egyptischen Frage zu dem Entschlüsse aus, die Occupationstruppen bis auf einige Bataillone ganz zurückzuziehen und bewirkte in Asien die Annexion Oberbirmas an das indo-britische Reich.

Rußland wurde nach Außen fast gänzlich durch die bulgarische Frage in Anspruch genommen. Nach Innen gefiel sich die Regierung in bedrückenden Maßregeln gegen das Deutschthum in den Ostsee-Provinzen. In Polen wurde eine weitverzweigte nihilistische revolutionäre Bewegung entdeckt; vier der Haupt- theilnehmer erlitten den Tod durch Henkershand.

Von den Ländern der Balkan-Halbinsel erregte Bulgarien durch die Abdankung des Fürsten Alexander und die Einjetzung der Regentschaft na­türlich das meiste Interesse, wobei die Mission des russischen Generals Kaulbars ein besonderes Intermezzo blldete. Die Frage, wer der Nachfolger des Fürsten Alexander auf dem bulgarischen Throne werden solle, ist bis heute noch unentschieden. _, , L ,

In Griechenland machte das Cabinet Delyannis dem Ministerium Trikupis Platz.

Der Grenzconflict mit der Türkei wurde durch das energische Eingreifen der Mächte beigelegt.

In Spanien bildete die Geburt König Alfonso's XIII. ein freudiges Ereigniß. Außerdem vollzog sich daselbst eine Umbildung des Ministerium» Sagasta und fand das verunglückte Pronunciamento von Madrid statt.

Politische Jahres - Uebersicht.

Gießen, 30. December.

Wiederum stehen wir an der Schwelle eines neuen Zeit­raumes und wie schon im bürgerlichen Leben der Mensch in diesem bedeutungs­vollen Momente nochmal- einen Blick aus die hervorragendsten Ereignisse des verflossenen Zeitabschnittes zurückwirft, so unterzieht auch der Politiker am Jahreswechsel die hervorragenderen Begebenheiten, die sich während des ver­flossenen Jahres im Leben der Völker abgespielt haben, nochmals einer ernsten Prüfung. Fassen wir nun zunächst die allgemeine Lage in's Auge, so stellt sich dieselbe am diesmaligen Jahreswechsel allerdings nicht gerade im rosigsten Lichte dar. Die bulgarische Krisis, welche noch immer ihrer Lösung harrt, hat in den internationalen Beziehungen eine unverkennbare Trübung her- beigesührt und diese Trübung beherrscht zur Zeit noch die allgemeine politische Situation. Dennoch hat sich aber die letztere noch nicht derartig zugespitzt, um demnächst den Ausbruch eines Weltkrieges befürchten zu müssen, im Gegentheile hat sich gerade noch vor Jahreswechsel durch die Wiederannäherung zwischen Deutschland und Rußland die Hoffnung aus Erhaltung des Friedens wieder vermehrt und namentlich ist in diesem Sinne die deutsche Politik unermüd­lich thätig, wenn man auch diese vermittelnde Thätigkeit nur mehr ahnen, als äußerlich bemerken kann. Dankbar wendet sich daher der Blick den Männern zu, in deren Händen die Geschicke des deutschen Reiches ruhen und vor Allem bleibt er an der greifen Heldengestalt unseres Kaisers hängen, der trotz der Last seiner neunzig Jahre unermüdlich für das Wohlergehen des Reiches nach jeder Richtung hin wirkt und schafft. Erfreulicher Weise ist der greise Monarch auch im vergangenen Jahre im Stande gewesen, die gewohnten Badereisen nach Ems und Gastein zu unternehmen und die Emser wie die Gasteiner Quellen haben auch diesmal ihre heilkräftige Wirkung im vollen Umfange aus das Be­finden des Kaisers geäußert. In Gastein fand die herkömmliche Begegnung zwischen Kaiser Wilhelm und Kaiser Franz Joses statt, die zwar zunächst von der unverbrüchlichen Fortdauer der beide Monarchen verbindenden persönlichen Freundschaft abermaliges Zeugniß ablegte, die aber zugleich durch die Theilnahme des Fürsten Bismarck, des Grafen Kalnoky u. s. w. eine ungewöhnliche politische Bedeutung erhielt. Unter den diplomatischen Zusammenkünften des vergangenen Sommers sind außerdem die Conferenzen des Fürsten Bismarck mit dem Grafen

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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

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Kalnoky in Kisstngen und mit dem Leiter der auswärtigen Politik Rußlands, Herrn v. Giers, in Franzensbad, hervorzuheben. Von den inneren Bege­benheiten nimmt die bayerische Königs-Katastrophe die erste Stelle mit ein. Durch das erschütternde Ende König» Ludwig II. in den Wellen des Starnberger Sees wurde der greife Oheim des unglücklichen Monarchen, Prinz Luitpold, be­rufen, die Geschicke Bayerns in die Hand zu nehmen und nur mit innigster Genugthuung kann constatirt werden, daß Bayern auch unter Prinz Luitpold fest zu Kaiser und Reich hält und der erst kürzlich stattgesundene bedeutungs­volle Besuch des Prinz-Regenten Luitpold in Berlin hat sichtlich zu einer wet­teren und für die Reichsinteressen bedeutsamen Annäherung zwischen den Höfen von Berlin und München beigetragen. Hochwichtig waren die Verhandlungen in den beiden größten deutschen Parlamenten, im Reichstage und im preußischen Landtage. In letzterem kamen allerdings gegen den hefti­gen Widerspruch des Centrums und der freisinnigen Partei diePolen­gesetze" zu Stande, die bestimmt sind, dem Polonisirungsgesetze im Osten der Preußischen Monarchie einen festen Riegel vorzuschieben; außerdem genehmigte der Landtag die neue kirchenpolitische Vorlage. In der Fortsetzung der am | qW lV11 19. November 1885 eröffneten neuen Reichstags-Session erlangten vor Allem Mell und E r>ie wichtigen Vorlagen über den Bau des Nordostsee-Kanals, über die Aus- tchnung der Unfallversicherung auf gewisse Beamten-Kategorten und auf die . HM., Land- und forstwirthschaftlichen Arbeiter, die Verlängerung des Socialistengefetze» W: Md über die Zuckersteuer die Zustimmung des Reichstages. Abgelehnt wurde

dagegen namentlich die Branntweinsteuer-Vorlage, worauf unmittelbar der Schluß der Winter-Sefsion erfolgte (26. Juni). Vom 16. bis 21. September fonb eine außerordentliche Reichstags-Session behufs Genehmigung des verlän- oten deutsch-spanischen Handelsvertrages statt. Am 25. November wurde die -.eue Session des Reichstages eröffnet, die vollständig von der Militärfrage be­herrscht wird, ohne daß doch die Verhandlungen in dieser Beziehung eine Ent­scheidung wenn man von den Beschlüssen der ersten Lesung in der Com­mission für das Septennatsgesetz absieht gezeitigt hätten. Hoffentlich wird das neue Jahr recht bald die im Interesse der Sicherheit einzig richtige Entscheidung in der Mllitärfrage durch die unverkürzte Bewilligung der Regie­rungs-Vorlage bringen. Auf kirchenpolitischem Gebiete war durch die erfolgreiche päpstliche Vermittelung im Caroltnenstreite von selbst eine

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11Ät'S die "erfolgreiche päpstliche Vermittelung im Caroltnenstreite von selbst eine °e* abermalige Annäherung zwischen Preußen und dem Vatikan bewirkt worden, iden. r-b-° tie durch die Annahme der neuen kirchenpolitischen Vorlage, sowie nament- lich durch die Wiederbesetzung des erzbischöflichen Stuhles von Posen durch einen Deutschen, Probst Dtnder, äußerte; auch die rasche Wtederbesetzung der erz« bischöflichen Stuhle» von Freiburg durch Dr. Roo» und de» Bischossstuhles von 6u[m Dr. Redner, sowie die Ernennung Dr. Hoffner's zum Bischof von Mainz entsprachen nur der Wiederherstellung des kirchlichen Friedens in Deutsch« Ktk"'tob. Leider ist noch im alten Jahre durch das Ableben des Breslauer Fürst«

,Tal>V6' bischofs Dr. Herzog wiederum eine Diöcese verwaist. Als sonstige bemerkens« mrths Vorgänge aus der inneren Politik stnd noch die Eröffnung der ftboentionirten Dampferlinien, der den Altdeutschen günstige Ausfall der