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31.10.1886 Drittes Blatt
 
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A)x. 2S4 Drittes Blatt. Sonntag den 31. Oktober

1886.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS.

Bttreatt t Schulstraße 7.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bring«

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50

Wochen - Ueberfkcht.

Gießen. 30. October.

Mit Befriedigung ist das andauernde Wohlbefinden des Kai­sers auch nach seiner Rückkehr von Baden-Baden nach Berlin zu constatiren. Der Jagdausflug nach dem Harz legte hiervon wieder in erfreulichster Weife Zeugniß ab, denn er ist dem greisen Monarchen auf's Beste bekommen und hat man hierbei aufis Neue Gelegenheit gehabt, die schier wunderbar kräftige Con­stitution des nun fast 90jährigen Herrschers zu bewundern. An diesem <Sam6t(n Vormittag hat sich der Kaiser mit seinen fürstlichen Gästen, dem König Albert und dem Prinzen Georg von Sachsen, dem Herzog von Sachsen-Altenburg rc. nach Schloß Hubertusstock zu den in dortiger Gegend stattfindenden Hofjagden begeben. Von dem Aufenthalte des Kaisers in Blankenburg wird noch nach­träglich berichtet, daß der Monarch am 26. October während der Tafel im Schlosse an die Tischgesellschaft eine kleine Ansprache gehalten habe. In der­selben habe er aus sein Freundschafts-Verhältniß zu dem verstorbenen Herzog Wilhelm hingewiesen und betont, daß daflelbe selbst durch einige kleine, in den letzten Jahren vorgefallene Mißhelligkeiten nicht gestört worden sei. Weiter sei vom Kaiser hervorgehoben worden, wie sehr er sich über den ihm in Blanken­burg bereiteten Empfang freue und wie er auch darüber Genugthuung empfinde, daß es dem Prinz-Regenten Albrecht in so kurzer Zeit gelungen sei, die Liebe und Verehrung der Braunschweiger zu erwerben.

Die Empfangs-Audienz des neuen französischen Botschaft ters Herbette beim Kaiser beherrschte in dieser Woche zum Theil mit die deutsche Tagespresse. Die friedlichen Versicherungen, welche der neue Ver­treter Frankreichs abgegeben hat und die überaus freundlichen und entgegen­kommenden Worte, mit denen das greise Oberhaupt des Reiches jene beantwortete, gehen über die Bedeutung sonstiger Botschafter-Empfänge weit hinaus und mit Recht mag man in diesem Vorgänge eine Wendung zum Besseren wenigstens in den officiellen Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich erblicken. Von Werth ist es, daß auch derjenige Theil der französischen Presse, der nicht das unsinnige Revanchegeschrei zu seiner Parole erwählt hat, den friedlichen Kund­gebungen Herrn Herbette's vollständig zuftimmt. Von diesem anständigen Theile der französischen Presse wird den Pariser Hetzblättern jedes Recht abge­sprochen, die Meinung der sranzösischen Nation zu vertreten, diese wolle entschie­den den Frieden, ohne allerdings die Hoffnung aufzugeben, Elsaß-Lothringen früher oder später wieder zu erlangen. Nun, man kann nicht verlangen, daß die Franzosen mit einem Male aushören sollten, nach dm verlorenen Provinzen auszuschauen; aber immerhin ist das Austaucheu einer versöhnlicheren Strömung in einem Theile der französischen Presse mit Genugthuung zu begrüßen, die friedlichen Versicherungen des Herrn Herbette erhalten hierdurch einen nicht zu unterschätzenden Rückhalt.

Die allarmirende Nachricht vom Auftreten der Cholera in der Umgeaenb von Mainz hat sich glücklicher Weise nicht bestätigt. Durch die amtlicherseits angeordnete Untersuchung an Ort und Stelle und die Section der in Finthen und Gonsenheim unter choleraähnlichen Symptomen verstorbenen Personen ist sestgestellt worden, daß es sich hierbei keineswegs um Cholerafälle gehandelt hat. Die vorgekommenen Erkrankungen und Todesfälle dürsten dem­nach eher mit dem übermäßigen Genüsse verdorbenen Obstes der betr. Personen Zusammenhängen, was um so glaubhafter erscheint, als in den genannten Ort- schastm ein äußerst schwunghafter Obstbau und Obsihandel betrieben wird.

Aus Oesterreich ist als ein bemerkenswerthes Ereigniß das Ableben des ehemaligen österreichischen Reichskanzlers, Grasen Beust, zu registriren, wodurch die Aufmerksamkeit noch einmal auf diese einstige, aber in den letzten Jahren fast ganz verschollen gewesene politische Tagesgröße gelenkt wurde. Von einer nochmaligen Skizzirung der politischen Thätigkeit des nun Verblichenen können wir an dieser Stelle absehen, da dies ja inzwischen Seitens der öster­reichischen wie der deutschen Presse bereits eingehend geschehen ist. Daß man an leitender Wiener Stelle die speciellen Verdienste des Grasen Beust zu wür­digen wußte, bezeugte die überaus zahlreiche Theilnahme der Wiener Hof- und politischen Kreise an dem am Mittwoch stattgefundenen Leichenbegängnisse des Grasen Beust. Der Kaiser und der Kronprinz Rudolf ließen sich hierbei ver­treten, während Erzherzog Karl Ludwig und Prinz Hermann von Weimar per­sönlich zugegen waren; außerdem wohnten der Trauerseier die Minister Taaffe und Kalnoky sowie einige andere Mitglieder des Wiener Cabinets, die Spitzen der Hof- und Staatsbehörden, zahlreiche Mitglieder des Herrenhauses und ves diplomatischen Corps bei. Außer der Trauerrede des protestantischen Oberkirchen- rathes Kanka wurden keine weiteren Reden gehalten.

Aus dem österreichischen Abgeordnetenhause ist die Ableh­nung der von deutsch-nationaler Seite beantragten Resolution zu erwähnen, die Regierung zu Verhandlungen mit Ungarn behuss Abschlusses eines wirthschaft- lichen Bündnisses mit Deutschland aufzufordern. Der schon öfters angeregte Gedanke eines engeren Anschlusses Oesterreich - Ungarns an Deutschland auch in wirthschastlicher Hinsicht scheint demnach aus österreichischer Seite selbst nur wenig Anhänger zu haben.

Die Cholera-Berichte aus Pesth und Triest weisen unter dem Einflüsse der andauernden kalten Temperatur endlich minder zahlreiche Cholera­fälle aus, als noch in voriger Woche. Vom Mittwoch wurden aus Pesth 10 Erkrankungen und 13 Todesfälle, aus Triest nur noch 5 Erkrankungen und 2 Todesfälle gemeldet. Mit Rücksicht auf die aus diesen Ziffern erhellende Ab­

nahme der Cholera in Pesth werden die Delegationen nun jedenfalls doch in der ungarischen Hauptstadt zusammentreten.

Die vielerörterte Frage, wer den bisherigen französischen Bot­schafter Appert in Petersburg ersetzen solle, ist demTemps" zufolge endlich entschieden worden. Das genannte Blatt versichert, daß der seitherige Ver- reter Frankreichs in Lissabon, Billot, zum Botschafter in Petersburg designirt ei, woraus zu schließen ist, daß der Czar seine Zustimmung zu dieser Wahl bereits gegeben hat. Billot war, ehe er in die diplomatische Laufbahn eintrat, commandirender General des 15. Armeekorps; im Kriege von 1870/71 nahm er besonders an der Schlacht bei Beaune la Rolande (28. November) und dann an den Kämpfen an der Lisaine, unter Bourbaki, Theil, ohne sich indessen besonders auszuzeichnen. Er gehört der entschieden republikanischen Partei an und war ein persönlicher Freund Gambetta's ; mit seinen entschieden republikanischen Gesinnungen wird indessen General Billot in Petersburg ge­rade nicht prahlen dürfen, da es bekannt ist, wie verhaßt dem Czaren gerade diese politische Richtung ist.

Im südlichen Frankreich haben Ueberschwemmungen bedeutenden Schaden, namentlich an Eisenbahnen, angerichtet.

Lord Randolph Churchill, der vielgenannte englische Schatz­kanzler, hat am Dienstag im konservativen Vereine zu Bradford eine Rede zehalten, von welcher man aber nach der Bedeutung, die Lord Churchill in England erlangt hat, etwas Besseres hätte erwarten können. Die allgemeine Erwartung, Aussührliches über die auswärtige Politik Englands zu hören, speiste Churchill mit einigen unbedeutenden Aeußerungen über die bulgarischen Angelegenheiten ab und nur über die irischen Angelegenheiten ließ sich der edle Lord einigermaßen des Näheren aus. Im Uebrigen vertröstete Churchill auf die anläßlich des Londoner Guildhall-Banketts in Aussicht stehende große politische Rede des Premiers Salisbury; also warten wir dieselbe ab. Der Polizeichef der Londoner City hat alle für den 9. November den Tag des Guildhall-Banketts beabsichtigten Kundgebungen verboten, nur die übliche Lordmayor-Procession ist gestattet.

In der bulgarischen Affaire ist nach der diplomatischen Seite hin ein gewisser Stillstand eingetreten, es scheint fast, als ob die Machte die Dinge in Bulgarien sich noch ferner von selber entwickeln lassen wollten. Nur von russischer Seite fährt man fort, die bulgarische Regierung mit den be­kannten Liebenswürdigkeiten zu regaliren, die russische Regierungspresse bringt spaltenlange Artikel über diebulgarische Anarchie" und die angeblichen Miß­handlungen russischer Unterthanen in Varna, und General Kaulbars hat noch­mals erklärt, daß Rußland alle Beschlüsse der Sobranje als nichtig betrachten würde, selbst wenn sie einen Rußland genehmen Throncandidaten^wahlen würde.' Letzteres wird nun allerdings geschehen, denn in einer zu ^irnowa stattgesundenen Versamnllung der Deputirten erklärte der Regent Stambulow, man müsse von einer Wiederwahl des Fürsten Alexander absehen und einen Rußland genehmen Thronkandidaten wählen. Man darf begierig sein, wre sich dieser politische Rattenkönig auflösen wird. -- Sofia hat tue Re­gierung wiederum den Belagerungszustand proklamiren lassen.

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Frankfurt. Der erste Jahresbericht über die Arbeitercolonie Neu-Ulrich­stein wird in diesen Tagen verbreitet. Das Vereinsjahr beginnt mit dem 1. Jul: 1885 und endet mi^bem^ 3^1886. ^^-h^ Aufnahme aufber C°l°nie gefunden. War her Anfang gemacht mit 6 Mann, so stieg die Zahl im Januar 1886 auf 100 In den Sommermonaten war dieselbe von etwa 35 besucht. Für die Rechnung ist ein Durchschnitt von 70 Mann pro Monat angenommen.

5 aus dem Auslande. Wie viele gingen ab? 279, für o2 sorgte Die uoiome sur

'ist selbstverständlich, daß die Herrichtung der Gebäude für die Zwecke der stvlvni^viel Geld kos et und zwar 19 026 Für das Mobiliar wurden ausgegeben 12500 JL SDerB tri b der Golonte erfordert- einen Zuschuß non 14 650 M Heber Tbfef Äen die Einnahmequellen, die Zufchüsfe non Seiten der Communal- "mrdlage in Bjiesbaden und Kaffel, wie der Großherzoglichen Regierung gibt der Bericht

Morgen E rste und ^rhanden ist, an die Feld-

gewöhnen sich 'die Handwerker, für welche @^ü[fen M Geduld unv Nachsicht arbeit; freilich müssen der OT fmndarisfe gelernt sind. Bei dem erfreulichen Ge^midheitszustand'^der^Eolonisten ist^die^oerfugbare Mannschaft stets in Beschäftigung, lernt bald den Werth der Arbeit schÄnunb wkb ein solcher, in feinen guten Vorsätzen bestärkt durch d.e rel.g.os- sittlichen Anregungen, die auf ihn einwirken.