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Darmstadt, 26. März. Das Großherzogliche Regierungsblatt (Beilage Nr. 6) enthält:
1. Bekanntmachung Großh. Kreisamts Offenbach, die für das Jahr 1886/87 zur Bestreitung der Communal-Bedürfnisse der Stadt Offenbach zu erhebenden Umlagen betreffend.
2. Uebersicht der für das Jahr 1886/87 zur Bestreitung der Communal- Bedürsniffe der Gemeinden des Kreises Lauterbach von Großh. Ministerium des Innern und der Justiz genehmigten Umlagen.
3. Uebersicht der für das Rechnungsjahr 1886/87 von Großh. Ministerium des Innern und der Justiz genehmigten Umlagen zur Bestreitung von Com- munal-Bedürsnissen der israelitischen Religions-Gemeinden des Kreises Schotten.
4. Uebersicht der pro 1. Aprll 1886/87 von Großh. Ministerium des Innern und der Justiz genehmigten Umlagen zur Bestreitung von Communal- Bedürmissen in den Gemeinden des Kreises Alsfeld.
5. Uebersicht der von Großh. Ministerium des Innern und der Justiz für das Jahr 1886/87 genehmigten Umlagen zur Bestreitung der Bedürfniffe der israelitischen Religions-Gemeinden des Kreises Bingen.
6. Concurrenzeröffnungen:
Erledigt sind: Eine (die 2.) mit einem evang. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Gruningen mit einem Gehalt von 900 Jt. Eine mit einem evang. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Wersau mit einem Gehalt von 900 Die mit einem evang. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Elpenrod mit einem Gehalt von 900 «X; mit der Stelle ist Kirchendienst verbunden. Die mit einem kath. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Mörlenbach mit einem Gehalt von 900 «X.; dem kath. Pfarrer und dem Ortsvorstande zu Mörlenbach steht das Präsentationsrecht zu dieser Stelle zu. Dem zu ernennenden Lehrer kann der Organistendienst übertragen werden.
Berlin, 27. März. Herrenhaus. Vor Eintritt in die Tagesordnung beanrragt Prinz Schönaich»Carolath die Verweisung des Amendements Kopp an die bestehende Commission und erklärt Namens seiner politischen Freunde, daß sie durch diesen Antrag keine, auch nur eventuelle Zustimmung zu dem Abänderungs-Antrage vorweg ausdrücken wollen. Wenn sie auch bereit feien, den Wünschen der katholischen Kirche unter der Voraussetzung der Herstellung eines friedlichen Verhältniffes zwischen Staat und Kirche in weitem Umfange entgegenzukommen, so seien sie doch unter keinen Umständen gewillt, die durch die Interessen und die Würde des Staates gezogenen Grenzen außer Acht zu lassen. Für den Antrag stimmten alle Mitglieder, auch Fürst Bismarck und der Justizminister.
Nächste Sitzung Mittwoch.
— Das Abgeordnetenhaus überwies die Kanal-Vorlage an eine 21glie- derige Commission. Im Lause der Debatte erklärte Szmula, für den Oder- Spree-Kanal nicht stimmen zu können, wenn nicht die Regelung der oberen Oder gleichzeitig in Aussicht gestellt werde. Regierungs'Commissär Schultz erklärt, der Kanal von der Mittel-Oder nach der Ober-Spree sei deshalb zunächst vorgelegt, weil der Vertreter Schlesiens diesen selbst als sehr wichtig bezeichnet hatte. Eine Concurrenz der Kanäle gegen die Eisenbahnen befürchte der Minister nicht, jedenfalls würde ihn eine solche nicht veranlassen können, einen Stillstand in der Regulirung der Wasserstraßen eintreten zu lassen. Hammerstein erkennt die Wichtigkeit und die Nothwendigkeit der Vermehrung der Wasserstraßen an. Nachdem noch Berger und Windthorst für die Vorlage gesprochen, wurde die Debatte geschlossen.
Montag Sekundär-Bahnen.
Belgien.
Charleroi, 27. März. Die ganze Nacht dauerten die Ruhestörungen und Verwüstungen fort. In Roux gab ein Trupp Soldaten auf die Strikenden Feuer, lödtete fünf und verwundete eine große Anzahl derselben.. Viele Landhauser und Schlöster der Umgegend sind in Brand gesteckt. In Marchrenne und Roux wird um einen weiteren Zuzug von Truppen gebeten. Zahlreiche Verhaftungen, darunter auch von Fremden, fanden statt. Die Strikenden, mit Hacken und Knütteln bewaffnet, setzen sich den Truppen zur Wehre und bedrohen die Stadt, welche von der Bürgergarde öcr- theidigt wird. Der Schaden ist sehr beträchtlich.
— Nach weiteren Ermittelungen sind in der letzten Nacht 5 Schlösser und 8 große Glasfabriken vollständig geplündert und niedergebrannt worden.
— Aus Chatelet ist daS dringende Ersuchen um Hilfe gegen die Ausschreitungen der Strikenden hierher gelangt. Dieselben fahren fort, die Fabriken zu Plündern und die Arbeiter durch Drohungen zum Einstcllen der Arbeit zu zwingen. AuS Ehateau-Oultremont bei Preslcs, aus Marchienne, sowie auS Monceau werden Verwüstungen und Brandstiftungen durch die strikenden Arbeiter gemeldet. In den Werken wo augenblicklich noch gearbeitet wird, dürfte wegen Mangel an Kohlen ebenfalls die Arbeit demnächst eingestellt werden müssen In Lambert - Billette fand ein Zusammenstoß zwischen den Strikenden und der Artillerie der Bürgergarde statt, wober die ersteren gesprengt und mehrere Gefangene gemacht wurden.
— In Roux hat ein neuer blutiger Zusammenstoß zwischen den Strikenden und dem 2. Jägerbataillon, welches zweimal Feuer gab stattgefunden. 2 Personen wurden getödtet, viele verwundet. In der Umgegend ist em Kloster rn Brand gesteckt worden. Hier sind 4000 Mann Verstärkungen eingetroffen.
— Während der Plünderung der Glasfabriken in Bardoux griffen zweiunddreißig Lanciers die Strikenden an, wurden aber zurückgeworfen. EinOsstcier und einige Soldaten wurden verwundet. Die Etablissements mPrrmez und Mondron sind von den Strikenden eingeschlossen. Wre es heißt, soll tn der Kohlengrube von Martemont Feuer ausgebrochen sein.
— Tie Zugänge zu dem Rathhause sind gesperrt. Chasseurs ä cheval befinden sich auf den Höhen voo Montigny, um die Bewegungen der Strikenden zu beobachten. Chasseurs 6chaireurs stehen bei Mambourg, Artillerie und Infanterie bewachen die Brücken, den Dammübergang und den Bahnhof. Ohne Erlaubniß darf Niemand passiren. Weitere zahlreiche Verhaftungen sind erfolgt. Die Einwohner werden durch Bekanntmachungen der Behörden aufgefordert, in ihren Wohnungen zu bleiben. Abends versuchten die Strikenden die Mauer eines Hüttenwerkes zu übersteigen. Da sie der Aufforderung, sich zurückzuziehen, nicht Folge leisteten, gaben die Truppen mehrere Male Feuer, worauf die Strikenden zurückgingen mit der Drohung, in größerer Anzahl wiederzukommen.
Reichstag.
E. B. Berlin, 27. März 1886.
Es wurde heute die zweite Berathung über den Gesetzentwurf, betr. das Brannt- weimnonopol fortgesetzt.
Fürst Bismarck, erschien im Laufe der Sitzung, ergriff aber glicht das Wort.
Der erste Redner Abg. v. Voll mar (Socdem.) bestritt die gestrige Aeußerung deS Reichskanzlers, daß die Socialdemokraten ReichSfeindc seien. Feinde deS gegenwärtigen Regierungssystems seien sie allerdings, aber Feinde des deutschen Volkes könnten fie nicht sein, da sie dieses ja hier vertreten. Zufriedenheit der Bürger, von der der Reichskanzler gesprochen, sei seiner Partei die Hauptsache; wenn die Büraer zufrieden sind, würden sich die übrigen Dinge von selbst ergeben. Früher seien die Socialdemokraten als Revolutionäre bezeichnet worden, weil sie die jetzigen Zustände abändern zu müssen glaubten und nun droht der Reichskanzler mit einer Umwälzung der gesummten Reichsverfassung.
Abg. v. Kardorff lReichSpartei) freut sich, daß die socialdemokratische Partei sich nunmehr auf den Boocff deS deutschen Reichs gestellt und den früheren internationalen Standpunkt verlassen habe. Bisher haben sie für die Arbeiter nur Phrasen gehabt, der Reichskanzler sei bisher der Einzige gewesen, der den Arbeitern wirklich geholfen hat. (Großer Lärm bei den Socialdemokraten. Rufe: Monopolvorlage!) Gerade die Erträgnisse des Monopols sollten doch dazu dienen, die geplante Altersund Jnvalidenoersorgung auszuführen. Unerhört ist es, daß die Majorität deS Reichstages die Monopolvorlage mit der Absicht in die Commission verwiesen habe, sie dort nicht zu prüfen, sondern einfach abzulehnen. Die Vorlage ist in der Commission nicht genügend geprüft worden — ich beantrage daher, die Vorlage nochmals an die Comnnffion zu verweisen (Heiterkeit) und zwar werde ich namentliche Abstimmung übc. diesen Antraa beantragen. (Unruhe.) Ich sage Ihnen, meine Herren, daS deutsche Volk ist es müde, sich von der Majorität der Herren Richter, Windthorst imd -Ueöknechi beherrschen zu lassen. (Beifall rechts, Lachen links.)
Finanzministcr v. Scholz polcmisirt gegen die gestrige Rede des Abg. Richter. Wenn man weiß, wie manche Petition zu Stande gekommen ist, kann man wohl sagen, daß die Regierung nicht gebeugt und geknickt aus dieser Gelegenheit hervorgeht. Wir haben keineswegs daS Gefühl oaoongetragen, daß unsere Vorlage wiederlegt worden ist.
Abg. Dr. Windthorst: Der Gedanke eines Monopols ist socialistisch und vermehrt die Staatsomnipotenz in gefährlicher Weise. Wir wollen kein Monopol. Uns heute schon für eine Branntweinsteuer-Vorlage engagiren, geht nicht an, da wir die Vorlage prüfen, aber wir wollen endlich wissen, wie groß die Bedürfnisse sind und damit muß es dann ein Ende haben.
Nach einigen Bemerkungen des Abg. v. Wöllwarth und Payer wird der Antrag deS Abg. v. Kardorff auf Rückverweisung der Vorlage an die Commission, in namentlicher Abstimmung mit 181 gegen 66 Stimmen abgelehnt.
Es folgt sodann die namentliche Abstimmung über die SS 1 und 2 der Monopolvorlage. Gegen dieselbe stimmen 181 Abgeordnete für dieselbe 3 Abgeordnete, während die übrigen Mitglieder der Neichspartei, die Conservativen und einige Nationalliberale sich der Abstimmung enthalten.
Die 1 und 2 sind damit abgelehnt.
Hierauf werden ohne Debatte die übrigen Paragraphen der Vorlage gleichfalls abgelehnt.
Abg. Gamp (Reichspartei) unterzieht die Petitionen einer Kritik, in deren Verlauf er dieselben als Dutzend- und Fabrikarbeit bezeichnet. Man müsse die Stimmen nicht zählen, sondern wägen; auf einer Petition mit mehr als 3000 Stimmen hätte er nicht Den Namen eines einzigen Gebildeten gefunden.
Abg. Rickert: Der Vorredner scheint die Absicht gehabt zu haben, die Niederlage der Negierung zu verschleiern und im Lande der allgemeinen Wahlfreiheit wagt cs Herr Gamp, der doch wohl auch zu denen gehört hat, die im Wahlkampfe dem „Bruder Bauer" die Hand drücken, Leute, die ihr Petitionsrecht auSüben, als nicht gebildete Leute zu bezeichnen. Es wird Ihnen nicht gelingen, die Bedeutung dieser Petitionen abzuschwächen.
Die Discussiou wird geschlossen und die Sitzung vertagt.
Nächste Sitzung Montag. Servistarif, kleinere Vorlagen.
Telegraphische Depesche«.
Wolss'r telegr. «orrrs-orrdenr-Brrrea«»
Karlsruhe, 28. März. Der Erbgroßherzog ist nach reichlichem Schlaf in der Nacht nahezu frei von Fieber. Die Pleuritis ist unverändert, die Gelenkgeschwulst ist wenig schmerzhaft. c ~ .. n
Charleroi, 28. März. In Folge der Anwesenheit der Trupen ist dre Lage beruhigter. General van der Smisscn hat eine Proklamation erlassen, worin er strenges Einschreiten im Falle erneuter Unruhen ankündigt.
— Die Nacht ist hier verhältnißmäßig ruhig verlaufen. Die^ruppen haben die Anhöhen und die Bürgergarde die Brücken besetzt. Die Strikenden, die sich gestern innerhalb der Stadt befanden, werden nicht hinausgelassen. Es finden zahlrelche Verhaftungen statt und werden auch von auswärts viele Gefangene eingeliefert. Nachts wurde in der Richtung nach Chatelet, Farciennes und Frameries Gewehrfeuer gehört. Gegen Mitternacht wurde von Louoiöre Hilfe angerufem wo die Hutten- und Kohlenwerke geplündert wurden, und sind in Folge dessen 500 Mann dahin abgegangen. General van der Smisscn läßt die Truppen concentrische Bewegungen aussuhren, um die Strikenden in den verschiedenen Gemeinden des Kohlenreviers von Charleroi ein- zuschließen. ,
- In Roux, Farciennes und Ehatelineau haben neue Zusammenstöße stattgefunden, wobei mehrere Personen getödtet oder verwundet wurden. Rene Truppenverstärkungen kommen durch Charleroi und werden nach Mons und Lou- vidrs dirigirt.
— Nach hier eingegangenen Nachrichten sind mehrere Schaaren von Strikenden im Anmarsch auf Lorwiöre, wo heute Abend ein Meeting stattfinden soll. Von Lon-


