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Beilage M Nr. 123 desGießener Anzeiger".

Politische Ueberflcht.

Gießen, 27. Mai.

Die am Sonntag erfolgte feierliche Eröffnung der Jubi­läums-Ausstellung gestaltete sich durch die Theilnahme des Kaisers und der zur Zeit in Berlin anwesenden Mitglieder des Königshauses, des Hofes, der Minister, des diplomatischen Corps und zahlreicher Notabilüäten der Kunst und Wissenschaft zu einem glänzenden Acte. Den bedeutungsvollsten Moment der Feier bildete wohl die Erwiderung des Kaisers auf die Ansprachen des Kronprinzen und des Cultusministers v. Goßler. Mit kräftiger Stimme betonte der Monarch,' anknüpfend an die vor hundert Jahren erfolgte Eröffnung der ersten Berliner akademischen Kunstausstellung unter Friedrich dem Großen, daß der große König stets erkannt habe, was zum Besten des Vaterlandes fromme. Alles Gute und Große, das man heute im Vaterlande bewundere, sei aus dem von dem großen Herrscher gelegten Fundamente aufgebaut worden, überall, wo seine Hand eingegriffen, sei ein Werk entstanden, das den Dank der Nachwelt verdiene. Der Kaiser schloß mit dem Ausdrucke hoher Genugthuung, daß auch die gegenwärtige Ausstellung Gelegenheit dazu biete, den großen König zu erkennen und sei es ihm, dem Kaiser, eine besondere Freude gewesen, daß heute der Verdienste gedacht worden sei, die sich Friedrich der Große aus diesem Ge­biete erworben. Diese Worte und ihr fester Vortrag machten einen tiefen Ein­druck auf die Versammlung und als der Kaiser, nachdem er gesprochen, dem Eultusminister die Hand drückte, ging es wie eine lang anhaltende Bewegung durch die dichtgedrängten Reihen. Allgemein war die Freude über die geistige Frische und Regsamkeit, wie auch über das körperliche Wohlbefinden des greisen Monarchen.

Die längst erwartete Trauerkunde von dem Hinscheiden Leopold v. Ranke's, des Altmeisters der deutschen Geschichtsforschung und Geschichtsschreibung, ist nunmehr eingetroffen. Arn Sonntag, Abends 11 Uhr, ist der große Historiker nach tagelangem Ringen mit dem Tode im hohen Alter von 91 Jahren entschlafen und mit ihm hat das deutsche Volk einen seiner edelsten Söhne, die deutsche Wiffenschast einen ihrer glänzendsten Sterne verloren. Die Theilnahme der höchsten Kreise, wie der Künstler- und Gelehrtenwelt und des Publikums im Allgemeinen an dem schmerzlichen Ereignisse ist eine tief­gehende. Speciell vom Kaiser ist an den ältesten Sohn des Verblichenen, Pfarrer Ranke, ein eigenhändiges Schreiben gerichtet worden, in welchem der Kaiser sein innigstes Beileid anläßlich des Ablebens Leopold v. Ranke's aus­drückt und betont, daß ihm der Heimgegangene als Ehrenmann und Patriot nahe gestanden habe.

Die in den letzten Tagen inPesth stattgefundene anti-österreichische Straßenkundgebung ist ein Beweis, daß es in Ungarn noch immer Kreise giebt, die trotz desAusgleichs" Oesterreich noch feindlich gegenüberstehen. General Jensky hatte die Gräber der österreichischen Vertheidiger der Festung Ofen, des Generals Hentzi und Obersten Alnoch, am 21. Mai bekränzen lassen, an welchem Tage die aufständischen Ungarn vor 37 Jahren Ofen erstürmten und wobei 'die beiden Osficiere ihren Tod fanden. Für dieseunpatriotische" Handlung wurden in der Wohnung General Jensky's von magyarischen Heißspornen die Fenster eingeworsen, doch kam es nicht zu weiteren Ausschreitungen. In der Montagsfitzung des ungarischen Abgeordnetenhauses interpellirte ein Oppofitions- mitglied die Regierung wegen dieser Vorgänae und beantwortete Ministerpräsident Tisza die Interpellation dahin, daß die Wkränzung der Gräber Hentzi's und Alnoch's zwar keine das ungarische Nationalgefühl beleidigende amtliche Demon- Pration sei, doch müsse das hierbei beobachtete Verfahren als incorrect und tactlos bezeichnet werden. Die Versetzung des Generals Jensky in Folge dieses Vorganges ist wahrscheinlich und wird wohl die patriotischen Magyaren wieder beruhigen.

Die am vorigen Sonntag in Belgien stattgesundenen Provinzial- rathswahlen kann man gleich der Brüsseler Ersatzwahl zur Deputirtenkammer M ein Vorspiel zu den' im kommenden Monat bevorstehenden Kammerwahlen betrachten. Eine wesentliche Verschiebung der Stärkeverhältniffe der einzelnen Parteien in den Provinzialräthen ist zwar durch die Wahlen vom 20. Mai nicht herbeigeführt worden, immerhin mußten hier und da die klerikalen Dele- -girten den Liberalen weichen und es ist daher erklärlich, daß man auf libe­raler Seite den Kammerwahlen mit neuer Hoffnung entgegensieht, zumal da ja schon die Brüsseler Stichwahl der liberalen Sache günstig gewesen ist.

Aus Paris liegt zur Prinzen-Ausweisungsfrage die aller-- dings noch nicht bestätigte Meldung vor, daß die Regierung sich von Den mern die Ermächtigung geben lassen werde, jeden Prinzen einer früheren Regenten-Familie, der einen Act als Prätendent vollziehe, durch Decret auszuweisen.

Die griechische Regierung scheint nun in der That mit der Ab­rüstung Ernst machen zu wollen, da ein Athener Telegramm meldet, daß durch königliches Decret die Entlassung von fünf Klassen der Reserve verfügt worden ist. Hiermit entkleidet sich die griechische Frage des bedrohlichen Charakters, den sie durch die Nachrichten über abermalige Zusammenstöße zwischen den türkischen und den griechischen Vorposten neuerdings wieder erhalten hatte.

Die Gerüchte über eine Verschwörung gegen den Fürsten von Bulgarien haben nunmehr ihre Bestätigung erfahren. In Burgas sind gegen 30 Personen verhaftet worden, welche den Fürsten Alexander gele­gentlich seiner letzthin beendigten Rundreise durch Ost-Rumelien Überfällen wollten Unter Den Verhafteten befinden sich meistens Ausländer. Nach den bis jetzt vorliegenden Berichten sind bei den Wahlen zur bulgarischen Nationalversamm­lung in sechs von sieben ostrumelischen Wahlbezirken die ministeriellen Candidaten gewählt worden. In Dem Sagra kam es zu blutigen Tumulten.

Der amerikanisch-canadische Fischereistreit verschärft sich, indem jetzt die amerikanischen Behörden gegen canadische Fischerboote Repressalien ausüben. So wurde in Portland (Maine) die neuschottijche Fischerbarke Sifters" mit Beschlag belegt, da sie angeblich keinen Declarirschein besaß.

WesMäsichtrH.

Bingen, 24. Mai. Aus dem Rheingau treffen Nachrichten bedauerlicher Art über das dortige Unwetter ein. In Eltville und anderen Ortschaften gingen heftige Hagelschläge nieder und sind die Weinberge und die übrigen Felder sehr arg mit­genommen worden. In Finthen war ebenfalls heftiger Hagelschlag, der über eine halbe Stunde anhielt, und dehnte sich das Unwetter über den Gonsenheimer Wald bis nach Budenheim und Heidenheim aus. Reisende, welche von Alzey herkamen, berichten ebenfalls, daß dort der Hagelschlag empfindlichen Schaden verursacht habe. Die ganze Strecke von Alzey bis Bingen und von Rüdesheim bis Walluf wurden furchtbar heim- gesucht; auch in Heidesheim, Budenheim, Gau-Algesheim, Kempten, Bingen und einer Reihe anderer Ortschaften hauste der Regen, der wolkenbruchähnlich niederging und der Hagel ganz entsetzlich, und die Hoffnungen so vieler Weinproducenten und Land- wirthe sind zu Grabe getragen. In einigen Ortschaften siel der Regen so massenhaft daß das Wasser über 2 Fuß hoch in den.Straßen stand. r

Literarisches.

Neue Musik - Zeitung. Daß das Blatt fortwährend bemüht ist seinen Abonnenten nur Gutes und Gediegenes zu bieten, beweist wiederum die eben er­schienene Nr. 10. Dieselbe bringt außer den neuesten Nachrichten aus dem Künstler­leben unter Anderm:In der Bavaria." Eine lustige Humoreske von E. Montanus Rigoletto. Zeichnung von H. Kaulbach, Text von Carl Stieler. Musikalische Pharisäer, kritische Betrachtung über das Operettenwesen der Gegenwart. Der kleine Organist von Roncole. (Aus Verdi's Jugendzeit.) Nachtrag zum Con- versations-Lexikon der Tonkunst.

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Geschichts-Kalender.

28. Mai.

1779. Der berühmte irische Dichter Thomas Moore geboren.

1848. Die Dänen greifen die Deutschen bei Alfen an und drängen sie bis nach Graoenstein-

1875. In Gotha tagen die Dclegirten der socialistischen Arbeiterpartei Deutsch­lands.

Schiffs- Bewegung

der Postdampfschiffe der Hamburg-Amerikanischen Packetfahrt-Actien-Gesellschaft.

Allemannia", 18. Mai von St. Thomas nach Hamburg;Westphalia", 6. Mai von Newyork, 18. Mai in Hamburg angekommen;Hammonia", 16. Mai von Ham­burg nach Newyork, 18. Mai von Havre weitergegangen;Nhaetia", 8. Mai" von Newyork, 20. Mai in Hamburg angekommen;Wieland" 20. Mai von Newyork nach Hamburg;Saxonia", 28. April von St. Thomas, 21. Mai in Hamburg an­gekommen;Albingia", 6. Mai von St. Thomas nach Hamburg, 22. Mai von Havre weitergegangen;Gellert", 13. Mai von Newyork nach Hamburg, 23. Mai von Ply­mouth weitergegangen;Borussia", 21. Mai von Hamburg nach Westindien, 23. Mai in Havre angekommen;Rhenania", 24. Mai von Hamburg nach Westindien;Rugia" 9. Mai von Hamburg, 22. Mai in Newyork angekommen;Lessing", 12. Mai von Hamburg, 23. Mai in Newyork angekommen.

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