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Beilage ;u Ur. 121 desGießener Anzeiger".

Politische Ueberficht.

Gießen, 25. Mai.

Das glänzende militärische Schauspiel, mit welchem am vori­gen Freitage die diesjährigen Frühjahrs-Besichtigungen der einzelnen Truppen- theile des Garde-Corps in üblicher Weise ihren Abschluß fanden, die große Parade über die Berliner und Spandauer Garnison aus dem Tempelhofer Felde, ist in befriedigendster Weise verlaufen. Der Kaiser, vom Kronprinzen, dem Herzog Max Emanuel von Bayern und einer glänzenden Suite zu Pferde, von der Kronprinzessin, der Großherzogin von Baden und den Prinzessinnen des Königshauses zu Wagen gefolgt, fuhr zunächst die Front der in zwei Treffen ausgestellten Truppen ab und ließ dieselben dann zwei Mal an sich vorüber- defiliren. Der Kaiser wurde von den zahlreichen Zuschauermaffen sowohl bei der Ankunft aus dem Paradeselde, als auch bei der Rückfahrt nach der Residenz mit stürmischen, nicht endenwollenden Jubelrufen begrüßt. Der greise Monarch sah ungemein wohl aus und schien die mit ungewöhnlicher Gluth herabbrennen­den Sonnenstrahlen nicht besonders zu empfinden.

Die eine von den beiden wichtigen steuerpolitischen Vor­lagen, welche an der Spitze des Arbeitsmaterials für die gegenwärtige Nach- fession des Reichstages stehen, die Zuckersteuer-Vorlage, ist noch in voriger Woche definitiv zu Stande gekommen. Am Freitag genehmigte der Reichstag endgiltig in dritter Lesung den genannten Gesetzentwurf unter Ablehnung der von frei­sinniger Seite wiederholt eingebrachten Gegenvorschläge unverändert nach den Beschlüssen zweiter Lesung. Es beträgt demnach die Steuer 1,70 e/Z pro 100 Kilo Rüben und die Ausfuhr-Vergütung 18 bis 30. September 1887, von da an 17,25 Hiermit sind freilich noch nicht alle Wünsche nach einer befriedigenden Reform der Zuckerbesteuerung erfüllt, aber es ist erreicht, was sich eben unter den obwaltenden Umständen erreichen ließ und es kann daher nur mit Befriedigung erfüllen, daß zwischen der Regierung und der Reichstags- Mehrheit wenigstens über diesen Theil der steuerpolitischen Vorlagen endlich eine Verständigung erzielt worden ist. Wie freilich der zweite Theil der steuerpoli­tischen Campagne, die Berathung über die Branntweinsteuer-Vorlage worüber am Montag die General-Discusston im Reichstage begonnen hat verlaufen wird, ist noch durchaus in Dunkel gehüllt. Der bei weitem größte Theil der .Freitagssitzung des Reichstages war indessen der Besprechung der socialdemokra­tischerseits eingebrachten Interpellation gewidmet, welche die bekannte Verfügung des preußischen Ministers des Innern über das Verhalten der Behörden bei Arbeitseinstellungen betrifft und sich nach der Stellungnahme des Bundesrathes gegenüber der Verfügung erkundigt. In leidenschaftlicher Weise wendete sich der socialdcmokratische Abg. Hrsenclever gegen den Puttkamer'schen Erlaß, den er als mit den reichsgesetzlichen Bestimmungen über die Coalitionsfreiheit in Wider­spruch stehend und schließlich sogar als eine Schmach für Deuschland bezeichnete, für welche Aeußerung der Redner vom Präsidenten zur Ordnung gerufen wurde. Von Seiten der Reichsregierung erklärte zunächst Staatssecretär v. Bötticher, daß von der Verfügung des Herrn v. Puttkamer dem Bundesrathe keine Mit- theilung zugegangen sei und letzterer also auch nicht nöthig habe, hierbei Stellung .zu nehmen. Als preußischer Bevollmächtigter zum Bundesrathe erklärte aber Herr v. Bötticher weiter, daß die preußische Regierung aus dem Standpunkte stehe, der betr. Erlaß bedeute keinerlei Eingriff in die Reichsgesetzgebung und sei sich die preußische Regierung bewußt, hiermit nur die Interessen der friedlieben­den Bürger gewahrt zu haben. In anerlennenswerther sachlicher und gemäßigter Weise traten alsdann die Abgg. Meister (sociald.) und Bamberger (freis.) gegen den Erlaß aus, den Minister v. Puttkamer energisch vertheidigte, indem er den­selben gegenüber den anarchistischen und socialistischen Gefahren lediglich als eine prophylaktische (vorbeugende) Maßregel bezeichnete und der Anschauung widersprach, als ob es sich hierbei um eine Beschränkung des Versammlungs­rechtes handle. Zum Schluffe betonte der Minister in bestimmtester Weise, daß die Verfügung sich hauptsächlich gegen die socialistischen Agitationen richte und daß er sie nöthigensalls in drakonischer Weise handhaben würde. An der wei­teren Debatte betheiligten sich die Abgg. Hasenclever, Dr. Windthorst, Dr. Bam­berger und zum Schluß nochmals Minister v. Puttkamer, doch bot dieser Theil der Verhandlung nichts wesentlich Bemerkenswerthes dar.

Im preußischen Abgeordnetenhause ist nunmehr der schon signa- listrte conservative Antrag, betr. die der evangelischen Kirche zu gewährende größere Freiheit, eingebracht worden. Doch haben von den 130 Mitgliedern der conservativen Fraktion nur 44 den Antrag, der den Namen des Herrn v. Hammerstein trägt, unterzeichnet.

Leopold v. Ranke, der greise Altmeister der deutschen Geschichtsfor­schung, ist am Sonntag Abend gestorben.

Der bayerische Landtag hat durch königliches Rescript abermals eine Verlängerung bis znm 31. Mai erfahren.

An diesem Dienstag nehmen endlich auch die französischen Kam­mern ihre Arbeiten nach der langen Osterpause wieder aus, und zwar zu einer neuen Session. Die Kammern finden bei ihrem Wiederzusammentritte eine schon öfters dagewesene bedeutfame Frage der innern französischen Politik wieder vor, nämlich die Prinzen-Ausweisungs-Angelegenheit. Bekanntlich hat der vor Kurzem bei dem Grafen von Paris vor dessen Abreise zu den Lissaboner Hoch- zeits'Feierlichkeiten stattgefundene große Empfang, der sich zu einer orleaniftischen Demonstration gestaltete, die französische Regierung veranlaßt, der Ausweisungs- srage der Prinzen abermals näher zu treten. Daß die Regierung die Umtriebe der Thronprätendenten nicht unterschätzt, kann man nur erklärlich finden und es dürfte daher nicht überraschen, wenn in diesen Tagen ein scharfes Gesetz gegen die Prinzen beschlossen und dem französischen Parlamente vorgelegt wird.

In Italien haben am Sonntag, den 23. Mai, die Neuwahlen zur Deputirtenkammer stattgesunden, von deren Ausfall das Schicksal des gegen­wärtigen Cabinets Depretis abhängt. Noch in letzter Stunde hat Minister­präsident Depretis aus einem vorige Woche im Hotel Quirinal zu Rom abge­haltenen Wahlbanket sein Wahlprogramm und zugleich seine innere und äußere Politik entwickelt und hierbei die gegen dieselbe erhobenen zahlreichen Beschuldi­gungen energisch zurückgewiesen. Ob Herr Depretis die ihm gerade nicht besonders freundliche Stimmung in der italienischen Wählerschaft hierdurch wie­der günstiger für sich gestaltet hat, wird man ja nun sehen.

Auf der Insel Sicilien setzt die unheimliche Thätigkeit des Aetna die Bevölkerung in Furcht und Schrecken. Die Ausbrüche des Berges nehmen fortwährend zu, aus zahlreichen neuen Kratern speit er Dämpfe und Asche, breite Lavamassen fließen an seinen Abhängen nieder und in weitem Umkreise wird die Gegend durch Erdstöße erschüttert. Die meisten Einwohner der von den Eruptionen des Aetna zunächst bedrohten Ortschaften Bellpaffo und Nicolosi haben sich vor der herannahenden Lava geflüchtet. Glücklicherweise ist der Ver­lust von Menschenleben bis jetzt noch nicht zu beklagen gewesen, wenngleich die Situation sehr drohend ist.

Die neue griechische Kammersession ist mit der Bildung eines abermaligen neuen griechischen Cabinets eingeleitet worden, an dessen Spitze Herr Trikupis, der alte Widerpart des verabschiedeten Hrn. Delyannis, steht. Trikupis entwickelte in der Kammer ein im Allgemeinen friedliches Programm und hat auch dem Athener Correspondenten desStandard" gegenüber versichert, daß er gesonnen sei, an diesem Programme festzuhalten. Das Heer, fügte Trikupis hinzu, würde auf Friedensfuß gesetzt und Maßnahmen würden zur Abwehr der drohenden Finanzkrisis getroffen werden. Wie Trikupis in der Deputirten­kammer noch mittheitte, handelt es sich bei dem abermaligen Kugelwechsel zwi­schen den türkischen und den griechischen Vorposten bei Larissa um ein einfaches Mißverständniß und hat der Vorfall weiter nichts auf sich.

Der Fürst von Bulgarien hat seine Rundreise durch Ost-Rumelien, auf welcher er Seitens der Bevölkerung eine enthusiastische Aufnahme fand, nahezu beendigt. Der Fürst gedenkt sich alsdann nach Varna zu begeben und dem König von Rumänien den schon angekündigten Besuch abzustatten.

Der Aussehen erregende Tagesbefehl, den der Czar von Seba- stopol aus an die Flotte des Schwarzen Meeres erließ, wird jetzt von der Petersburger Presse mit einem gewissen Eifer im friedlichen Sinne commentirt und versichern die Petersburger Blätter, daß Rußland keine Eroberungen, son­dern eine ruhige innere Entwickelung anstrebe. Schön!

Darmstadt, 22. Mai. Das Großherzogliche Regierungsblatt (Bei­lage Nr. 13) enthält:

1. Oeffentliche Anerkennung einer edlen That:

Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben dem Dachdecker August Philipp Heinrich Kopp in Offenbach in Anerkennung der von demselben am 10. Februar l. Js. mit Muth und Entschlossenheit und unter eigener Lebensgefahr bewirkten Rettung des 11jährigen Ludwig Winkler von Offenbach vom Tode des Ertrin­kens eine Geldprämie zu bewilligen geruht.

2. Bekanntmachung Großh. Ministeriums der Finanzen, den Verkehr zwi­schen dem Großherzogthurn Hessen und den angrenzenden Vereinsstaaten mit steuerpflichtigen Getränken, sowie die zur Ausfertigung von Uebergangsscheinen ermächtigten Stellen betreffend.

3. Uebersicht der von Großh. Ministerium des Innern und der Justiz für das Jahr 1886/87 genehmigten Umlagen zur Bestreitung der Communal- Bedürfnisse in den Gemeinden des Kreises Friedberg.

4. Ordensverleihungen.

5. Namensveränderungen.

6, Dienstnachrichten:

Am 1. April wurde dem Schullehrer Konrad Sauerwein zu Groß-Stein­heim eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Oppenheim übertragen; am 5. April wurde der von dem Herrn Fürsten zu Solms-Lich auf die Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Hausen präfentirte Schulamtsaspirant Ludwig Artz ans Gießen für diese Stelle bestätigt; an dems. Tage wurde dem Schulamts­aspiranten Peter Kalt aus Lampertheim eine Lehrerstelle an Der kath. Schule ZU Hirschhorn, am 9. April wurde dem Schullehrer Theodor Repp zu Groß- Hausen die Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Albig, an dems. Tage wurde dem Schulamtsaspiranten Theodor Weitert aus Ranstadt die Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Angenrod übertragen; am 11. April wurde der von Dem derzeitigen Verwalter der evang. Pfarrei Walldorf und dem Ortsvorstand da­selbst aus die erledigte erste Lchrerstelle an der Gemeindeschule zu Walldorf prä- ientirte Schullehrer Wilhelm Bangel daselbst für diese Stelle bestätigt; am 12. April wurde den Schulamtsaspiranten August Storch aus Bad Nauheim und Johs. Wehrheim aus Rodheim v. d. H. Lehrerstellen an der Volksschule zu Butzbach übertragen, am 14. April wurden Sebastian Dang IV. zu Bretzen­heim und Karl Füg zu Büdingen zu Steuercommiffariats-Gehülsen, am 16. April wurden die HMssbrernser Johann Georg Jochim aus Ulfa und Joh. Heinrich Schneider aus Elbenrod zu Bremsern bei den Oberhessischen Eisenbahnen er­nannt ; am 20. April wurde dem Franz Joseph Vogt aus Rieder-Ingelheim Das Patent als Geometer 2. Klaffe für den Kreis Bingen ertheilt; an dems. Tage wurde der Lehrer an der Realschule zu Oppenheim Philipp See, mit Wirkung vom 1. Mai d. Js. an, zum Lehrer an dem Realgymnasium und an der Realschule zu Mainz, unter Belassung in der Kategorie der Volksschullehrer ernannt; an dems. Tage wurde dem Schulamtsaspiranten Adam Kredel aus Mittel-Kinzig eine Lehrerstelle an der gemeinsamen Musterschule zu Friedberg, am 24. April wurde dem Schullehrer Simon Wagner zu Stangenrod die Leh­rerstelle an der Gemeindeschule zu Harbach übertragen; am 4. Mai wurde der Gefangenenwärter Jacob Kumpf zu Marienschloß zum Gefangenenaufseher am Landeszuchthause Marienschloß ernannt; an dems. Tage wurde dem Schulamts­aspiranten Philipp Köhler aus Langsdorf die Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Fauerbach bei Nidda, an dems. Tage wurde dem Schullehrer tzeinr. Chelius zu Ober-Schönmattenwag eine erledigte Lehrerstelle an der evang. Schule zu Neckar - Steinach, an dems. Tage wurde dem Schulamtsaspiranten Heinrich Schultheiß aus Einartshausen die zweite Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Wölfersheim, an dems. Tage wurde dem Schulamtsaspiranten Johs. Schmidt aus Rüdingshain eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Geiß-Nidda, an dems. Tage wurde dem Schulamtsaspiranten Karl Launspach ans Hattenrod die Leykerstelle an der Gemeindeschule zu Leidhecken, am 7. Mai wurde dem Schulamtsaspiranten Adam Seemann aus Selzen eine Lehrerstelle an der Ge­meindeschule zu Heimersheim übertragen; an dems. Tage wurde der Forstwart der Forstwartei Maulbach Georg Bernius zum Amtsgerichtsdiener bei dem Amtsgerichte Michelstadt ernannt.

7. Dienstentlassungen.

8. Charakterertheilungen. < (Schluß folgt.)