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Nr. SOL Zweites Blatt Samstag den 25. Decembcr ? 1886.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
N«reqn t Gchulstraße 7.
Erscheint läßlich mit Awön^hme deö MontagS.
PreiA vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit BrNryerlotrr.
Durch die Pott bezogen mert-ffäbrNcb 2 Mark 50 Pf.
Politische Ueberficht.
Gießen, 24. December.
In dem soeben erschienenen amtlichen stenographischen Berichte über die Sitzung des Reichstages vom 18. d. Mts. befindet fich die genaue Angabe über den Namensausruf, durch welchen die Beschlußunsähigkeit des Hauses sestgestM wurde. Aus demselben ergiebt sich, daß 163 Mitglieder gestimmt haben, 4 waren als krank gemeldet, 29 beurlaubt und 17 für die Sitzung entschuldigt. Es haben demnach in dieser Sitzung 180 Mitglieder ohne Entschuldigung gefehlt. A?.'f die einzelnen Fraktionen vertheilt, stellt sich das Ver- hältniß folgendermaßen heraus. Deutsch-Conservative: 73 Mitglieder; gestimmt haben 48 Mitglieder, 19 haben ohne Entschuldigung gefehlt. Deutsche Retchs- partei: 27 Mitglieder; 10 ohne Entschuldigung haben gefehlt. Centrum: 106 Mitglieder, es fehlten 64 ohne Entschuloigung. Deutsch-Freifinnige: 65 Mitglieder, es fehlten 20 ohne Entschuldigung. Nationalliberale: 51 Mitglieder, es fehlten 14 ohne Entschuldigung. Bon den Polen haben 2 gestimmt, 1 war entschuldigt und 12 fehlten ohne Entschuldigung. Von der VolkSpartei fehlten 4 Mitglieder ohne Entschuldigung, 2 nahmen an der Abstimmung Theil, von den Socialdemokraten stimmten 3, 19 fehlten. Von den ReichstagS'Abge- ordneten, welche sich keiner Fraktion angeschloffen haben, nahmen 5 an der Abstimmung Theil, 2 waren beurlaubt und 18 fehlten ohne Entschuldigung.
Die Frauen und Mädchen des englischen Königreichs von jedem Rang, Alter, Klaffe, Glauben und Meinung werden aufgesordert, fich einer gemeinsamen Gabe an die Königen anzuschließen als Zeichen der Treue, Verehrung und Achtung gegen die einzige Herrscherin in der Geschichte, welche 50 Jahre lang die Arbeiten und Mühen des öffentlichen Lebens ertragen, -äße Trübseligkeiten, die das Loos der Frauen find, durchgemacht, und welche als Weib, Mutter, Wittwe und Herrscherin ihrer eignen und andern Nationen ein leuchtendes und makelloses Vorbild geworden ist. Die Gaben sollen nicht weniger als einen Penny und nicht mehr als einen Sovereign betragen; die Königin selber werde die Verwendung der Summe bestimmen. Unterzeichnet ist diese Zuschrift von 11 Herzoginnen, 3 Marquisen, 21 Gräfinnen u. s. w. Die Einsammlung der Gaben wird von den Frauen der Grafschafts-Statthalter, Parlaments-Mitglieder, Bürgermeister, Gemeindevorsteher, Geistlichen und von allen Eiger.thümern und Haushaltern in ihren betreffenden Bezirken besorgt
An demselben Tage, an welchem im russischen „Regier.-Anzeiger" die bekannte Mittheilung über das Verhältniß Rußlands zu Deutschland erschien, die vielleicht nebenher bestimmt war, den parlamentarischen Gegnern der deutschen Militär-Vorlage über die Unbehaglichkeit ihrer unpatriotischen Stellung hinwegzuhelfen, brachte die „Moskauer Zeitung" einen ungewöhnlich heftigen Artikel gegen Deutschland und Katkow's Blatt hat seitdem mehrere Tage vergehen lassen, ohne die Mgierungs-Mittheilung auch nur abzudrucken. Katkow, der einst erklärte, Frankreich sei eine Leiche, mit der man sich nicht verbünde, verfolgt eben in der bulgarischen Frage ein radikales Programm, welches nach seiner Ansicht nur im Bunde mit der französischen Republik verwirklicht werden kann. Im Uebrigen hat die russische Presse Deutschland gegenüber ihren Ton gedämpft, verlangt dafür aber von Deutschland nicht mehr und nicht weniger als die PreiSgebung Oesterreichs. Die Wirkung der frühem leidenschaftlichen Angriffe gegen Deutschland aber ist noch allenthalben zu ver- spüren. Dem Briese eines angesehenen und wohlunterrichteten Landsmannes, der seit geraumer Zeit in Warschau ansässig ist, entnimmt die „Köln. Ztg.", daß trotz der augenblicklich friedlichem Nachrichten, welche von Petersburg dort einlaufen, die kriegerische Stimmung unter den Russen und Soldaten in Warschau mit jedem Tage stärker wird. Die Hetzarttkel der russischen Presse sollen
Vermischtes.
— [93öfe Erfindung.^ In der nachstehenden lehrreichen Historiette sucht das „Journal des Debats" seinen Lesern den Nutzen einer neueren Erfindung auf dem Gebiete der Photographie zu illustrirett. Die Geschichte ereignete sich im letzten Frühling, nicht allzuweit von Paris, in schöner Gegend, wo sich etwa drei Kilometer von einem Dorfe entfernt auf einem Hügel ein altes Schloß erhebt, ein ehrwürdiges Denkmal früherer Seiten. In dem Dorfe lebte das Ehepaar X. Madame X. liebte die weiten Spaziergänge in frischer Luft; das that ihren Heroen so gut, und die Gegend war so schön: überdies gehorchte sie damit der Verordnung ihres Arztes. Herr X., bedeutend älter als sein Weibchen, litt an Rheumatismus und war somit wohl oder übel genöthigt, das Haus zu hüten. Zum Zeitvertreib beschäftigte er sich mit der * Anfertigung von Photographien. Warum auch nicht auf dem Lande, wenn man weiter nichts vor hat? An einem schönen Maitage, — die Sonne schien recht angenehm, die Vögel sangen, Fliedergeruch durchduftete Wege und Stege, — da sagte Madame X., sie mochte ausgehen. „Geh', ich bleibe zu Hause", erwiderte mit stoischer Ruhe der Herr Gemahl. Er war beim Frühstück auf den glücklichen Einfall gekommen, ob man nicht auch aus großer Entfernung photographiren könne. „Das Objectiv ist doch ein Auge wie jedes andere auch; das Auge sieht, mit einem Fernrohr bewaffnet, sehr weit; warum nicht ein Objectiv?" — Gedacht, gethan. — Rach mehreren Versuchen gelingt es, das Fernrohr anzubringen. Worauf nun den Apparat richten? Aus der Ferne blinkt im Sonnenschein das alte Schloß, das muß sich vortrefflich dazu eignen. Das Bild gelingt auch vorzüglich. Das ganze Schloß mit seinen Thürmchen und Zinnen, der Garten davor mit seinen Bäumen und Lauben ist wunderschön wledergegeben. Aber was ist das?" — In der einen Laube, deren offene Seite ihm gerade zugekehrt ist, erblickt Herr X. zwei sehr scharf ausgeprägte Gesichter, sehr nahe an einander. Er vergröbert das Bild. O Staunen! Die Hälfte des niedlichen Gesichtchens von Madame X. zeigt sich lächelnd; die Hälfte des anderen Gesichts — trägt einen Schnurrbart! Seitdem ist Herr X. bemüht, einen anderen Zeitvertreib zu finden, da ihm das Photographiren nicht mehr zusagt. Madame X. aber ist bei ihrer Mutter. In dem von Herrn X. angestrengten Scheidungsprozesse soll das Bild wider Madame X. zeugen.
— ^Triftiger Grund.) Fraulein Aurora befand sich in jenem Alter, in welchem die Vernunft gewöhnlich über das Herz den Sieg davonzutragen pflegt. Vielleicht noch vor 5 Jahren hätte sie den entsetzlich korpulenten Herrn Amtsrichter, einen Wittwer mit drei Kindern, entrüstet von sich gewiesen. Jetzt aber machte sie sich allen Ernstes mit dem Gedanken vertraut, die Lebensgefährtin dieser wandelnden Tonne zu werden. Beinahe wäre sie es auch geworden, wenn nicht ein Jugendfreund Aurora's plötzlich auf der Bildfläche erschienen wäre, welcher ihr deutlich seine noch immer unwandelbare Liebe zu erkennen gab. Wer wird daran zweifeln, daß sie ihm, den sie immer nur allein geliebt hatte, ihr Jawort gab? — Der Amtsrichter, welcher die Verlobungsanzeige erhielt, eilte entrüstet zu seiner Angebeteten. „Ich begreife Sie nicht, mein Fräulein", sagte er, „noch vor Kurzem machten Sie mir starke Hoffnungen und jetzt verloben Sie sic? mit einem Andern? Ich bin wohl berechtigt, eine Erklärung zu fordern." — „Natürlich", erwiderte Aurora, „und ich will Ihnen gern klaren Wein einschenken — mein Arzt hat mir nämlich alles Fette verboten."
namentlich dazu beitragen die Erbitterung hauptsächlich gegen Deutschland zu vermehren, das man, als den mächtigsten Staat, gern verantwortlich für die Mißerfolge Rußlands machen möchte. „Es giebt hier wohl Russen", so schließt unser Gewährsmann, „welche das Verderbliche eines Krieges für die eigentlichen Interessen Rußlands etnsehen, aber sif wagen nicht, ihre Herzensmeinung offen auszusprechen gegenüber der heute herrschenden Strömung, die sie als von oben für mehr wie geduldet betrachten." Und doch sollte man sich in den maßgebenden russischen Kreisen sagen, daß die Feinde Deutschlands im russischen Reiche nicht immer Freunde Rußlands und, wenn Russen, nicht immer Freunde des Czaren sind. ____ __________
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