Ausgabe 
25.11.1886 Erstes Blatt
 
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Gießen. 24. November. [Selbstmords Gestern Nachmittag erschoß sich an der Lahn, nahe der Wismarer Grenze, aus noch nicht bekannten Grinden ein hiesiger Schlossergeselle.

Das Concert der Leipziger Quartett- und Concert-Säng er in Stein's Garten war nicht so besucht, als zu erwarten gewesen wäre. Ohne auf die einzelnen Piecen einzugehen, können wir die Leistungen als sehr gut bezeichnen. Gute Stimmmittel, ganz vorzüglich der Bassist, Herr Küster, sowie die urkomischen Vor­träge der Herren Frische, Hanke und Maaß, ebenso die gut geschulten ernsten und komischen Ensemble-Vorträge füllen in angenehmer Abwechslung dm Abend reichlich aus und ist ganz besonders Mitgliedern von Gesangvereinen der Besuch der heute statt­findenden zweiten Soiröe auf's Wärmste zu empfehlen.

Gießen, 23. November. Den Mittheilungen der Großh. Hessischen Central- stelle für dre Landesstatistik (November-Heft) entnehmen wir die nachstehenden Angaben: Im Jahre 1885 betrug die Zahl der allgemeinen Krankenhäuser im Großherzog- thum Hessen 30, von welchen 24 öffentliche und 6 private Anstalten sind. Es entfallen auf die Provinzen Starkenburg 12, Oberhessen und Rheinhessen je 6 öffentliche; auf die beiden letzteren außerdem noch 5 resp. 1 private Anstalten. In dem genannten Jahre betrug die Zahl

der Betten oder Plätze der Verpflegten

a. in den öffentlichen Krankenhäusern

1. der Provinz Starkenburg

561

3434

2. Oberhessen

342

2278

darunter die chirurgische Klinik und die medicinische Klinik des

/115

659\

akad. Hospitals zu Gießen

\114

1014-

3. der Provinz Rheinhessen

449

3239

mithin Gesammtsumine

b. in den Privatkrankenhäusern (soweit dieselben 11 und mehr Betten haben)

1352

8951

1. der Provinz Starkenburg

2. Oberhessen

105

423

3. Rheinhessen

54

317

mithin Gesammtsumme

Es bestehen im Großherzogthum Hessen 4 Augenheilanstalten und zwar eine öffentliche in Oberhessen und je eine private in den drei Provinzen. Es kommen auf:

1. die Augenklinik des akad. Hospitals zu

159

740

Gießen

2. die Klinik des Medicinalraths Dr. A. Weber

44

611

zu Darmstadt

48

165

3. die Balserische Stiftung zu Gießen

4. die Augenheilanstalt des Dr. E. Keller

24

397

in Mainz

Oeffentliche Irrenanstalten zählt das Großherzogthum 2, das Landeshospital zu

24

69

Hofheim mit

412

454

und die Landesirrenanstalt Heppenheim mit Privatanstalten sind nicht vorhanden.

Es wurden im vorigen Jahre 510 männliche und 502 weibliche Irren verpflegt.

Außer diesen Anstalten sind noch zwei öffentliche Entbindungsanstalten vorhanden,

440

558

diejenige zu Mainz mit

24

236

und die zu Gießen mit

20

190

Die Zahl der Todesfälle im Großherzogthum Hessen betrug im 2. Quartal 1886 bei einer Einwohnerzahl von 956 600:

darunter

Gesammtzahl Kinder von zus. Erwachsene 1 Jahr 2-15 I.

5216 1318 808 2126 3090

Hiervon entfallen auf die Provinzen:

a. Starkenburg 2172 583 311 894 1278

b. Oberhessen 1390 251 229 480 910

c. Rheinhessen 1654 484 268 752 902

Gewaltsame Todesfälle kamen vor in

Starkenburg Oberhessen Rheinhessen Gesammtzahl

1. durch Verunglückung 31 7 23 61

2. durch Selbstmord 23 22 32 77

3. durch Mord und tödtliche

Körperverletzung 4 13 8

58

30

58

146

Gießen, 24. November. [Eisverein.j Die Generalversammlung am gestrigen Abend war leider nur schwach besucht. Aus der von dem Rechner des Vereins, Herrn E. Balser, oorgetragenen Rechnung pro 1885/86 entnehmen wir u. A., daß über 800 JL für das Reinigen der Eisbahn bezahlt wurden, fernere 750 JL für neu an- geschaM Geräthe sowie für den Bau der Garderobe verwandt wurden, über 100 JC. wurdew für Reparaturen an Gerälhen verausgabt und betrug die Gesammtsumme der Ausgaben ca. 2400 -A. Herr Director Bansa legte das Inventur - Verzeichniß vor. Aus den Mittbeilungen wurde bekannt, daß die Stadt Gießen wie im vorigen Jahre wiederum 200 A Wiesenpacht verlange und solche auch erhalte. In den Vor­stand wurden neu- beziehungsweise wiedergewählt die Herren: Dr. Noack, Haupt­mann Hiepe, Dr. Steffahny, Prof. Fromme, Pros. Thaer, Prof. Las- peyres, I. Kirch, E. Balser, Ehr. Bansa und Aug. Heß.

Universität- - Chronik.

Die neuerrichtete ordentliche Professurder indogermanischen Sprachwissen­schaft" in Leipzig ist dem Dr. K. Brugmann, ordentlicher Professor der ver­gleichenden Sprachwissenschaften in Freiburg i. B., übertragen worden. Derselbe wird dem Rufe Ostern n. I. Folge leisten.

Vermischte

Bromberg, 20. November. Heute Nachmittag wurde der Apotheker Speichert, nachdem er zehn Jahre unschuldig im Zuchthause zugebracht, auf Grund des Gut­achtens der SachverständigenCommission, welche die Exhumirung der Leiche der Frau Speichert vorgenommen, aus dem Zuchthause zu Kronthal entlassen. Sein Bruder, der Amtsrichter in Kronthal ist, holte den Unglücklichen, der zur Zeit von einer ernsten Krankheit heimgefucht ist, aus der Anstalt ab.

Husarenlieutenant Baron C., der eine reiche, aber nicht mehr sehr jugend­liche Frau geheirathet, hatte, vielleicht absichtlich, vergessen, einen Freund aus früherer Zeit einzuladen. Dieser schwur, sich zu rächen. Er begegnet den Neuvermählten, grüßt sie mit aller Förmlichkeit und geht weiter. Am nächsten Tage trifft er C. allein. Sobald er ihn sieht, schüttelt er ihm die Hand und ruft mit Wärme:Wie sehr freut es mich, Dich wieder zu finden, alter Kamerad. Gestern wagte ich es nicht, Dich anzureden, als ich Dich mit Deiner Schwiegermutter bemerkte."

Das Schöffengericht zu Meerane wird dieser Tage darüber zu entscheiden haben, ob der Zuruf:Sie sind ja der reine Kaulbarsch!" eine Beleidigung darstellt. Mit diesem Zurufe wurde der Vorsteher eines Meeraner Vereins in der Hitze der Verhandlungen von einem Vereinsmitgliede bedacht. Es handelte sich um Ausgaben aus der Vereinskasse, über welche der Vorstand eigenmächtig verfügt haben sollte. Die Gleichstellung mit dem von aller Welt gehaßten Peiniger der Bulgaren konnte der Mann nicht ertragen und stellte darob den Strafantrag. Der Sühnetermin blieb ohne Erfolg. Somit kommt Kaulbarsch vor die Schranken des Gerichts.

Heber unseren hessischen Landsmann, den in New-Iork verstorbenen Dr. Eugen Lauer, lesen wir in derNew-Aorker Staatsztg." folgenden Nachruf:Wiederum ist einer hinweggegangen mitten im vollen lebensfrtschen Wirken, im Kampfe mit den nimmer rastenden Feinden menschlicher Gesundheit, allen unerwartet, so plötzlich, daß

selbst nahestehende Freunde erst nach seinem Hinscheiden Kenntniß von den näheren Umständen seines Erkrankens erhielten. Eine höchst bösartige Diphtherie (wahrscheinlich im Beruf erworben), gegen die alle Anstrengungen ferner, im Kampfe mit dieser Pest erfahrenen Eollegen erfolglos blieben, raffte ihn in drei Tagen hinweg. Er starb den Tod des Arztes, wie ein Held auf dem Schlachtfelde, wo ihm noch manche Siege zu winken schienen. Dr. Lauer war ein Hessen-Darmstädter von Geburt und empfing seine erste Ausbildung auf dem Gymnasium zu Gießen, wo er feinemedicinischenStudien begann, um sie in dem benachbarten Marburg abzuschließen. Nach einigen Reisen als Arzt eines Hamburger Dampfers machte er den deutfch-französifchen Krieg mit, um sich Ende 1873, von einem hiesigen befreundeten College» dazu ermuthigt, hier als Praktiker niederzulassen. Wenn das hiesige Publikum, welches ihn als Arzt kennen lernte, in dem bescheidenen Manne mit dem anspruchlosen Auftreten nicht sehr rasch die glänzenden Eigenschaften des Arztes entdeckte, so lag dies ganz besonders in jenen Vorzügen seines Charakters, die ihn bei näherem Umgang immer höher schätzen ließen. Sein um­fassendes und gründliches Wissen auf medicinischem Gebiete, das sich niemals hervor­drängte, es sei denn, um selbst weiter vorwärts zu streben; seine strenge Selbstkritik im Handeln, seine absolute Abneigung gegen Alles, was nach Charlatanismus schmeckte, machten es dem Publikum nicht sehr leicht, den soliden Kern des Mannes zu entdecken; aber es hat ihn gefunden und heute ist nur eine Stimme über den aufopferungsvollen, gewissenhaften Arzt mit der feinen Diagnostik, der sicheren Vorausschau und Thatkraft, der nur eine etwas zarte Constitution ihre Grenzen setzte. Lauer's Hauptfeld war das Gebiet der inneren Medicin, in welcher er 13 Jahre hindurch unausgesetzt dem deutschen Dispenfary in der 2. Avenue seine Dienste zur Verfügung gestellt hat. Die Anstalt verliert in ihm einen ihrer besten Aerzte, den seine Collegen hoch schätzten, nicht nur wegen seiner Leistungen, sondern ganz besonders wegen seiner edlen Bescheidenheit und seines liebenswürdigen Auftretens. Den wenigen aber, die seinem idealen Wesen als Freunde näher gestanden haben, wird er unvergeßlich bleiben. Im Namen der Aerzte des deutschen Dispensary der Ostseite: Dr. August Caillö.

Schwindel würde man sagen

wenn heute eine Zahntinktur empfohlen würde, die neue Zähne in alte Lucken hervor­bringt und doch wäre dieses gleichbedeutend mit dem Versprechen neuer Haare auf kahlen Stellen! Deßhalb kann man bei den sich massenhaft mehrenden Mitteln für Haarleidende nicht genug auf das seit Jahren bewährte, von allen Autoritäten em- unb Billigkeit sich ausz^ichnende Carl Ketter'sche Haarwasser München aufmerksam machen, welches wirklich leistet, was es verspricht, nämlich Con- servirung und Kräftigung oes Haares, Reinigung aller Kopfhautübeln, als Schuppen rc. Herstellung eines weichen glänzenden Haares und festen Scheitels. Zu haben um 40 und «A 1.10 bei I. H. Fuhr, Sonnenstraße 25, Gießen. 211

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Land wirtschaftliches.

Ein neuer Mendepflug.

Viele Landwirthe dürfte es interessiren zu erfahren, daß gegenwärtig von der bekannten Firma PH. Mayfarth u. Co., Maschinenfabriken und Eisengießereien in Frankfurt a. Di. und Wien ein neuer Wendepflug geliefert wird, mit dem man ebenso tief pflügen und ebenso gut wenden kann, wie mit den besten Beetpflügen.

Bei diesem neuen Wendepflug ist gar kein Gußeisen und Holz, sondern nur Schmiedeeisen und Stahl verwendet, deshalb hat er wesentlich größere Dauerhaftigkeit und Solidität als die viel schwereren Gußeisen- und Holzgründelpflüge.

Er wiegt nur 90 Kgr. und erfordert daher eine geringere Zugkraft als die er­wähnten schwereren Pflüge, ist auch leichter herumzuheben.

Dies und der außerordentlich billige Preis von mir 54 A incl. Vorderkarre oder 34 A ohne Vorderkarre, lassen die Anwendung dieses neuen Wendepfluges als wirklich rationell und öconomisch empfehlen, zumal er zugleich auch so eingerichtet ist, daß es durch einfaches Anschrauben entsprechender Schaare auch als Universal-Tief- cultur-Beetpflug, als Hack- und Häufelpflug, kurz, zu jeder sonstigen Pflugarbeit als Specialpflug benutzt werden kann.

Um die Vortheile dieses neuen Wendepfluges selbst dem kleinsten Landwirth zugänglich zu machen, werden, wie wir hören, auch einzelne complete Wendeschaar- Pflugkörper zum Preis von 18 A abgegeben, so daß dadurch jeder bereits vorhandene Pflug auf einfache und billige Weise in einen Wendepflug umgewandelt werden kann..

Wer also seine Ackerwirthschaft verbessern und seine Zugthiere schonen will, wird gut daran thun, bei Zeit die Vortheile auszunützen, die durch Anwendung des neuen. Wendepflugs geboten werden.

Von diesen Vortheilen kann jeder leicht sich überzeugen, da solche Pflüge von der Fabrik bereitwilligst und kostenfrei zur Probe abgegeben werden.

Wöchentliche Uebersicht der Todesfälle in der Stadt Gießen.

47. Woche. Vom 14. November bis 20. November 1886.

Einwohnerzahl: 19 327. Sterblichkeitsziffer (auf das Jahr berechnet): 24,2%®.

Kinder

Es starben an:

Zusammen:

Erwachsene:

im

1. Lebensjahr:

vom

2.-15. Jahr:

Lungenschwindsucht

1

1

Eiterbrust

1

1

Lungenentzündung

1

1

_

Organischer Herzkrankheit

1

1

Diarrhöe

1

1

Krämpfen

1

1

Magen-Darmkatarrh

1

1

.

Keuchhusten

1

1

Diphtherie

1

1

Summa: 9

4

4

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