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Mr. 71 Zweites Blatt Donnerstag den 25 März L88«
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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Erscheint mit S»»w^ de- Ms«t<rgS.
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Handel renS Verkehr.
Berlin, 18. März. Die Wechselstempelmarken werden künftig in grüner statt wie bisher in violetter Farbe hergestellt werden. Mit dem Vertriebe der neuen Marken wird am 1. April begonnen. Von diesem Zeitpunkte, aber nicht früher, bis zum 31. März 1887 dürfen dem Publikum nur die neuen Marken verkauft werden.
Darmstadt, 22. März. Das Großherzogliche Regierungsblatt (Beilage Nr. ö) enthält:
1. Bekanntmachung Großh. Ministeriums der Finanzen, die allgemeine Einkommensteuer und die Kapitalrentensteuer betreffend.
Der Großh. Ministerialrath Baur ist von den ihm laut Bekanntmachung ücm 7. August 1868, die Einkommensteuer betr., übertragenen Obliegenheiten ■entbunben und an seiner Stelle der Großh. Dirigent des Katasteramts und Steuerinspector Steuerrath Weigel zu dem Commiffär, welcher die Functionen des Vorsitzenden der LandeS-Commisston für die Einkommensteuer bezw. Kapitalrentensteuer zu versehen hat, ernannt worden.
2. Zusammenstellung der Ergebnisse der Rechnung über die StaatSschulden- Verwaltung für das Elatsjahr 1881/82.
3. Üeberstcht der Umlage der israelitischen Religions-Gemeinden des Kreises Worms für 1886/87.
4. Dienstnachrichten:
Am 19. Februar wurde der Schullehrer an der Gemeindeschule zu Griesheim Heinrich Seibert von der ihm übertragenen Lehrerstelle an der Volksschule ru Mainz auf sein Nachsuchen enthoben und bis aus Weiteres auf seiner bisherigen Stelle belassen; am 20. Februar wurde dem Schulamtsaspiranten Peter Wolf aus Hainstadt die Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Traisa, am 22. Februar wurde dem Schulamtsasviranten Wilhelm Diehl aus Bleichenbach die Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Wippenbach, am 25. Februar wurde dem Schulamtsaspiranten Joh. Nonnenmacher aus Zornheim eine Lehrerstelle on der Gemeindeschule zu Dietesheim, am 26. Februar wurde dem Schulamtsaspiranten Georg Hechler aus Wurzelbach die zweite Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Zotzenbach, am 3. März wurde dem Schulamtsaspiranten Ludwig Linck aus Nieder-Saulheim eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Ober-Ingelheim, am 4. März wurde dem Schulamtsaspiranten Adam Becker -us Nieder-Brechen die zweite Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Oppershofen, am 5. März wurde dem Schullehrer Friedrich Chantre zu Dreieichenhain die Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Bubenheim, am 6. März wurde dem Schulamtsaspiranten Philipp Scholl aus Heppenheim die Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Weickartshain übertragen.
5. Concurrenzeröffnungen:
Erledigt sind: Eine (die 2.) Lehrerstelle an der evang. Schule zu Lützel- Wiebelsbach mit einem Gehalt von 900 X; dem Herrn Fürsten zu Löwenstein- Wertheim-Rosenberg und dem Herrn Grasen zu Erbach-Schönberg steht das Präsentationsrecht zu dieser Stelle zu. Die mit einem evang. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Rainrod mit einem Gehalt von 900 X; mit der Stelle ist Organistendienst verbunden. 'Eine (die 3.) mit einem kath. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Münster mit einem Gehalt von 1000 X; dem Herrn Fürsten zu Asenburg-Birstein steht das Präsentationsrecht zu dieser Stelle zu. •
letzungen zu erhalten. Leider konnten fünf Kinder, die sich wahrscheinlich schlaftrunken aus den Boden geflüchtet, nicht gefunden werden und wurden am Morgen verkohlt aus dem Schutte ausgegraben. Außer diesen Kindern ist auch der seit langen Jahren auf Loher-Rocken beschäftigte 55 Jahre alte Schneider Leßmann aus Hirschberg bei Ausübung des Rettungswerkes verbrannt. Seine aufgefundene und vom Feuer schwarz gewordene Uhr zeigte auf 20 Minuten vor 1 Uhr. Bei der schnellen Verbreitung des Feuers konnte die zahlreich herbeigeeilte Bürgerschaft an Retten nicht mehr denken und so sind sämmtliche im Hause befindlichen Vorräthe an Heu, Stroh und Kartoffeln, sowie Betten und Kleidungsstücken vollständig verbrannt. Der hiesige Frauenverein hat nun in recht dankenswerther Weise gleich Hand an's Werk gelegt, um den von Allem entblößten Kindern Kleider und Bettzeug anzufertigen, ebenso waren mehrere Familien gleich bereit, den Kindern Obdach unb Verpflegung zu gewähren. Der in's Auge gefaßte Neubau wird jetzt zur dringenden Nothwendigkeit.
— Das abgeänderte Bahnpolizeireglement, welches am 1. April d. I. in Kraft tritt, bestimmt, wie das „Chemn. Tagbl." mittheill, daß künftig alle Personenzüge, welche mit einer Geschwindigkeit von 60 Km. in der Stunde und mehr fahren, mit einer durchgehenden Bremse auszurüsten sind. Die preußischen Bahnen werden dieser Bestimmung voraussichtlich bald auf allen ihren Hauptlinien nachkommen, und zwar unter Anwendung der Earpenterbremse, welche in Preußen als die beste continuirlicke Bremse erkannt worden ist. Seit Anfang dieses Monats ist z. B. bei den Courier- zügen der Linie Leipzig-Bitterfeld-Berlin die neue Bremse zur Einführung gekommen und ab 1. April soll gleiche Einrichtung auch auf die Strecke Röderau-Berlin erfolgen. Auf vielen anderen Strecken ist die Bremse schon längere Zeit in Thätigkcit. An der Vervollkommnung der Luftdruckbremse von Carpenter ist unausgesetzt gearbeitet worden, alle Betriebsvorkommnisse werden sorgfältig studirt und führen zu Verbesserungen und Vereinfachungen. Seitdem die preußische Staatseisenbahnvcrwaltung sich für die Einführung der durchgehenden Bremsen entschlossen hatte, siud durch den Minister der öffentlichen Arbeiten die Mittel in außerordentlichem Umfange zur Verfügung gestellt worden, so daß jetzt bereits eine im Verhältniß zu der kurzen Zeit bedeutende Anzahl von Betriebsmitteln ausgerüstet ist. Bisher wurden bei den mit Earpenterbremsen bedienten preußischen Zügen im Ganzen 2307 autzerfahrplanmäßige Bremsungen vorgenommen. Eine wirkliche Gefahr lag vor und wurde beseitigt in 28 Fällen, wobei in 18 Fällen durch den Locomotivführer, in 9 Fällen vöm Zuge aus und in einem Falle durch Selbstbremsung das Halten veranlaßt wurde. In allen Fällen wurde durch das Bremsen der Zweck erreicht.
— Die erste Papierschlittschuhbahn ist nach einer Mittheilung des Patent- und technischen Bureaus von G. Dedreux in München in Indianapolis (Nordamerika) angelegt worden. Die Herstellung geschah in der Weise, daß Strohpappdeckel zusammen- gekleistert und einem hohen hydraulischen Druck ausgesetzt wurden mit einem Verfahren, wie solches bei Herstellung von papiernen Eisenbahnrädern angewendet wird. Die dicken Platten wurden alsdann mit der Säge zerschnitten. Die Bahn wurde mit Sandpapier so behandelt, daß sie keine Fuge mehr hat und so glatt wie eine Eisfläche ist. Man fährt auf der Bahn ausgezeichnet, fast vollständig geräuschlos.
— Monte Carlo hat wieder einmal ein Opfer gefordert, das mehr von sich reden macht als die gewöhnlichen, die vertuscht zu werden pflegen. Es handelt sich um den englischen Vicomte Dupplin, der sich in Folge seiner enormen Spielverluste, die er in Monte Carlo erlitten, am 9. d. M. in Cannes entleibt hat. Einen anderen Fall erzählt der „Secolo" aus Mentone. Dort habe sich vor etwa vierzehn Tagen ein englischer Baronet gleichfalls wegen Spielverluste erschossen, die er sich in Monte Carlo zugezogen, und ihm sei seine Hauswirthin gefolgt, die ihn liebte und ein paar Tage nach seinem Tode sich vergiftete. Von der Agitation gegen die Abschaffung der Spielhölle ist es in der letzten Zeit wieder etwas stille geworden; vielleicht geben ihr diese Fälle neues Leben.
— sVacante Stellen für Militäranwärter im Bezirk des 11. Armeecorps.) Berka (Ilm), Gemeindevorstand, zweiter Gemeindediener, zugleich Flurschütze, 312 X Gehalt, 36 X Kleidergeld und freie Wohnung. Berleburg, Landrathsamt, Kreisbote, 810 X Gehalt und 60 X Wohnungsgeldzuschuß. Bockenheim, Magistrat, Steueraufseher, 1200 X jährlich. Kassel, Polizeidirection, Schutzmann, während der Probezeit monatlich 80 X Remuneration, nach definitiver Anstellung monatlich 80 X und den gesetzlichen Wohnungsgeldzuschuß. Kassel, Postamt, Postschaffner im inneren Dienst, 800 X Gehalt und 180 X Wohnungsgeldzuschuß. Kassel, Stadtrath der Residenz. 3 Expedienten in der Stadtkanzlei, zu Anfang je 60 X monatlich. Eisenach, Bahnpostamt Nr. 6, Postschaffner, 800 X Gehalt und 144 X Wohnungsgeldzuschuß, Gehalt steigt bis 1350 X jährlich.
— (Die erste Nähmaschine in Berlin.! Vor dreißig Jahren erhielt der Schneidermeister Pommerenke die erste Nähmaschine, welche nach Berlin verkauft worden war. Sie kam wohlverpackt aus Amerika und wurde begreiflicherweise als ein Wunderwerk angestaunt. Sie erregte so großes Aufsehen, daß nach ihrer Aufstellung König Friedrich Wilhelm IV. selbst die Schneiderwerkstatt aufsuchte und mit großem Jnteresfc der Arbeit der rvstlos fleißigen „eisernen Nähmamsell" — wie der König sie nannte — zuschaute. Auch Papa Wrangel erschien und wurde so begeistert von der Maschine, daß er ihrem Besitzer am nächsten Tage eine ganze Schneider-Compagnie vom zweiten Garderegiment zu Fuß auf den Hals schickte, damit die Leute auf ihr nähen lernen sollten. Mit Zustimmung des Königs beabsichtigte er, die Nähmaschine der Militärschneiderei dienstbar zu machen. Der alte Herr Hatto sich die Sache zu leicht oor- gestellt, denn die braven Grenadiere konnten mit dem „kuriosen Dinge" nicht fertig werden, allzu oft riß ihnen der Zwirn. Die Maschine, welche sich gegenwärtig noch in dem Besitze des Herrn Pommerenke befindet, war in ihrer Construction noch sehr unvollkommen. König Friedrich Wilhelm IV. hatte mit seltenem Scharfblick sofort ihren Hauptfehler, der in der mangelhaften Greifervorrichtung lag, erkannt; genau in dem Sinne des Monarchen ist später die Verbesserung der Maschine erfolgt. Das erste Arbeitserzeugniß der „eisernen Nähmamsell" war eine für den König bestimmte Steppjacke, die der Monarch bei einem zweiten Besuche, den er in Begleitung der Prinzessinnen der Werkstatt machte, huldvoll als Geschenk annahm und auch getragen hat. Weniger Glück hatte der Meister mit einer zweiten Steppjacke, die er dem „Papa Wrangel" bestimmt hatte. Bei der Überreichung derselben musterte Wrangel die Jacke mit einer unbezahlbaren Miene der Geringschätzung und sagte trocken: „Danke scheen, lieber Sohn, das is aber nichts vor mir." Hieraus wendete er sich zu seinem damaligen Adjutanten, Herrn v. Natzmer, und übergab diesem das Geschenk mit den Worten: „Da, lieber Natzmer, hast Du das Dings, verbrauch es mit Jesundheit."
Vermischtes.
— Die sensationelle Verhaftung von 65 Zahlmeistern der preußischen Armee, welche vor einiger Zeit sogar eine Interpellation im Reichstage heroorrief und den Kriegsminister zu der Erklärung veranlaßte, wenn man schon in ein Wespennest steche, müsse man energisch zugreifen, wird nun demnächst ihren Abschluß durch eine Ver- dandlung vor der zweiten Strafkammer des Berliner Landgerichts finden. Von den 65 ursprünglich verhaftet gewesenen Zahlmeistern sind zur Zeit nur noch 2 in Haft unb zwar in einer westfälischen Kreisstadt. Die beiden Hauptangeklagten, welche sich im Untersuchungsgefängniß befinden, sind der ehemalige Jntendantursecretär Hagemann und der Armeelieferant Wollank aus Hildesheim. Sie sind beide der wiederholten vollendeten und versuchten Beamtenbestechung, ersterer außerdem noch des Betruges angeklagt.
— (Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger.! lieber die Schiffbrüchigen an deutschen Küsten, die Zahl der Geretteten und die Art der Rettung bringt die letzte Nummer der vom Vorstande der deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger herausgegebenen Vierteljahrsschrift „Von den Küsten und aus See" (Verlag von Tiercksen & Wichlein in Bremen) eine interessante Zusammenstellung. Danach sind, unter lediglicher Berücksichtigung der schwereren Seeunfälle, in den letzten 20 Jahren nachweislich durch Schiffbrüche an deutschen Küsten gefährdet gewesen 9524 Personen. Hiervon sind nachweislich gerettet 8755, nachweislich umgekommen 769 Personen. Gerettet wurden durch etaenc Hilfe 3778, durch Hilfe Seitens Anderer 4976 und zwar durch die Stationen der deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger 1578, durch Privathilfe vom Lande 1585, durch Hilfe von Schiffen in See 1813. Die Zahl der Gefährdeten und Geretteten ist natürlich in den verschiedenen Jahren eine sehr verschiedene, je nachdem die Witterimgsverhältnisse derselben der Schiffahrt günstiger oder ungünstiger waren. Die höchste Zahl der Gefährdeten und Geretteten wies das Jahr 1872 auf mit 793 und 745 Personen, die geringste Zahl das Jahr 1885 mit 191 und 172 Personen. Die größte Zahl der durch Stationen der deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger geretteten Personen ergab das Jahr 1873 mit 145 Personen, die geringste das Jahr 1879 mit 12 Personen. Im Durchschnitt sind jährlich durch Schiffbrüche an deutschen Küsten gefährdet gewesen 472 Personen, gerettet 438, um- 'Oefontmen 38 Personen. Von den 438 Personen wurden durchschnittlich 189 durch Selbsthilfe, 249 durch Hilfe Anderer und zwar 79 durch Rettungsstationen, 79 durch Privathilfe vom Lande und 91 durch Hilfe von Schiffen in See gerettet. Gegenüber der Gesammtzahl der an unseren Küsten durch Schiffbruch gefährdeten Personen ist nach obigen Zahlen die Gesammtzahl der Geretteten sicher eine recht erfreuliche.
Vörde (Kreis Hagen), 12. März. In vergangener Nacht ist, wie schon kurz siemeldet wurde, das Erziehungs- und Waisenhaus Loher-Rocken ein Raub der flammen geworden. Das Feuer entstand gegen 12 Uhr im unteren Stockwerk und flriff in dem aus altem Fachwerk bestehenden Knabeuhause so rasch um sich, daß in turzer Zeit beide Treppen, sowohl die Haupt- als die vor Kurzem angelegte Noth- trcppe in Flammen standen, bevor alle im zweiten Stockwerk schlafenden Knaben gebettet' waren. Einige Kinder retteten sich durch die Fenster, ohne irgend welche Ver-


