Mr. 2418 Zweites Blatt Sonntag dm 24. October MZ6.
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Wochen - Ueberficht
Gießen. 23. October.
Ein dreifacher Gedenktag für Deutschland und Preußen eröffnete diesmal mit dem 18. October die Reihe der Wochen-Begebenheiten. Zunächst vollendete an diesem Tage Kronprinz Friedrich Wilhelm sein 55. Lebensjahr, dann fiel auf diesen Tag die 80. Wiederkehr des entscheidenden Tages der Völkerschlacht bei Leipzig und endlich war am 18. October dieses Jahres ein Viertel Jahrhundert verflossen, feit Kafier Wilhelm zum König von Preußen gekrönt wurde. Er ist denn auch in der Tagespresse auf die dreifache historische Bedeutung des 18. October hingewiesen und die Verbindung hervorgehoben worden, in welcher diese drei historischen Daten in gewisser Beziehung mit einander stehen und demgemäß hat denn auch das deutsche Volk, wenn auch ohne besonderer äußerliches Gepränge, diesen dreifachen Gedenktag im Herzen gewürdigt und gefeiert.
Kaiser Wilhelm ist in dieser Woche aus seinem Herbste Tusculum in Baden-Baden nach der Reichshauptstadt zurückgekehrt, um nunmehr den Winter über beständig in derselben zu residiren. Mit Genugthuung ist zu conftatiren, daß sich der greise Monarch während seines mehrwöchentltchen Aufenthaltes von den Strapazen und Anstrengungen des vorangegangenen Besuches im Elsaß wieder vollständig erholt hat und daß auch kleine Unpäßlichkeiten, von denen er in Baden-Baden befallen wurde, für seine Gesundheit nicht den geringsten Nach- Iheit hinterlassen haben. Das nach jeder Richtung befriedigende Befinden des kaiserlichen Herrn berechtigt zu der Erwartung, daß er auch den Ansoroerungen der nun beginnenden Jagdzeit vollständig gewachsen sein werde. Schon in nächster Woche gedenkt der Kaiser einer Jagd beizuwohnen, welche der Prinz- Regent von Braunschweig bei Blankenburg veranstaltet. Außerdem beabsichtigt der Kaiser ebenfalls noch in kommender Woche an der bei Hubertusstock stattfindenden Hofjagd theilzunehmen; an derselben wird sich u. A. auch der König von Sachsen betheiligen.
Die Vorarbeiten zu der bevorstehenden Reichstags-Session haben durch den Eingang einer Reihe von Special-Etats beim Bundesrathe eine abermalige Förderung erfahren. Unter letzteren erregt der Etat der Reichs- Justizverwaltung fpecielle» Interesse, da sich in demselben die Forderung von 850,000 Jl. als erste Baurate für das Reichs-Justizgebäude in Leipzig vorfindet; die Gesammt-Bausumme für das Reichsgericht ist auf 5,902,750 «X vcranschlagt, was eine Ermäßigung um etwa 550,000 JL. gegenüber dem ursprünglschen Kostenanschläge bedeutet. Abgesehen vom Budget, lauten die Angaben über die anderen größeren, dem Reichstage zu machenden Vorlagen noch immer sehr ungewiß; nur wird jetzt gegenüber früheren Mittheilungen versichert, daß von einer abermaligen Branntweinsteuer-Vorlage Abstand genommen werden solle.
Aus kirchenpolitischem Gebiete ist die Nachricht zu verzeichnen, daß bei den neuerlichen Verhandlungen zwischen Berlin und Rom über die endgiltipe Revision ein Verfahren eingeschlagen worden sei, welches dem bei Abschließung eines Concordates gebräuchlichen ähnele. Die sensationelle Meldung stammt aus klerikal-römischer Quelle und muß vorerst stark bezweifelt werden.
Unter den sonstigen TageS-Begebenheiten erregt die Verhaftung des welfifchen Rechtsanwalts Dr. Dedekind in Wolfenbüttel bedeutendes Aufsehen, um so mehr, als über die Ursachen der Verhaftung des genannten welfifchen Agitators noch durchaus nichts Positives bekannt ist. Es verlautet nur, daß seine Verhaftung aus Grund Der Requisition einer auswärtigen Behörde erfolgt sein soll.
Unter den Tagesfragen der auswärtigen Politik beanspruchten die Nachrichten aus und über Bulgarien auch in dieser Woche den Löwenantheil. Dieselben lassen erkennen, daß sich in den bulgarischen Dmgen eine merkliche Wendung zu Gunsten Rußlands vollzieht, was schon daraus hervorgeht, daß sich im Cabinet von Sofia w'-e in der radikalen Partei der So- branje Stimmen erheben, welche eine entgegenkommende Politik gegenüber Rußland fordern. Letzteres hat sich nun auch bereit erklärt, sich mit Bulgarien zu verständigen, fordert aber einen vollständigen Regierungswechsel im russischen Sinne und die Einberufung einer neuen Sobranje durch das neue Cabinet. Diese Forderungen Rußlands werden in schwerwiegender Weise dadurch unterstützt, daß sich jetzt auch die Psorte als Souzerain Bulgariens in die weitere Entwickelung der Dinge mischt und durch ihren Commiffar Gadban Effendi in Sofia verlangt hat, der auf kommenden Mittwoch vorgesehene Zusammentritt der Sobranje habe bis auf Weiteres zu unterbleiben. Die türkische Regierung weist hierbei darauf hin, daß Rußland mit den Wahlen und der Einberufung der Sobranje nicht einverstanden sei, daß auch die Mächte noch keinen Entschluß über den Thron-Candidaten gesaßt hätten und da ferner mehrere Bulgarien betr. Fragen schwebten und letzteres überdies an den Berliner Vertrag gebunden fei, so erweise sich der Zusammentritt der Sobranje als zwecklos. — In Anbetracht der außerordentlichen Reserve, welche die Pforte gegenüber den bulgarischen Dingen seit dem Staatsstreiche von Sofia beobachtet hat, erscheint ihr jetziges energisches Auftreten doppelt bemerkenswerth und die bulgarischen Staatsmänner sind mehr als je zu einer Entscheidung gedrängt, die aber Ange- sicht- der Thatsache, daß sich für Bulgarien keine Hand regt, kaum zweifelhaft fCllt russischer Seite selbst ist eine werthvolle Aeußerung bezüglich t>er „Localifirung" der bulgarischen Krisis zu verzeichnen. Anläßlich einer Con-
troveise über das angebliche Sinken der russischen Fonds, welche Gerüchte das „Joumal de St. Pötersbourg" als ungerechtfertigt bezeichnet, sagt letzteres Blatt die bulgarischen Angelegenheiten seien zur Störung des Friedens nicht angetkan. Die Mächte erkennten die unbestreitbaren Rechte Bulgariens an; die bulgarische Krisis scheine localisirt und sei anzunehmen, daß vielfache Fragen, tie mit ihr zusammenhingen, in friedlicher Weise gelöst werden könnten. Das Zournal betont schließlich die Mäßigung Rußlands. — Nun, die russische Politi! ist im Abwarten von jeher Meister gewesen!
Aus Oesterreich liegt aus dieser Woche nichts von allgemeinerem Jnterifle vor, es seien denn die stehenden Cholerabulletins. Die Verschleppung der Seuche von Pesth nach Wien war allerdings geeignet, auch außerhalb der österrächischen Grenzen Beunruhigung Hervorzurusen, glücklicher Weise scheint es ab:r bei dem vereinzelten Falle des Dr. Schmidt geblieben zu sein und darf timt somit annehmen, daß die Seuche in der österreichischen Hauptstadt gleich im Keime erstickt worden ist. Dagegen behauptet sie in Pesth, von wo vvm Dienstag immer wieder 27 Erkrankungen und 19 Todesfälle an Cholera gemeldet wurden, noch ihren verhältnißmäßig hohen Stand; auch aus Szegebin und Triest will sie noch nicht weichen und außerdem ist sie jetzt von Ungarn aus auch auf serbisches Gebiet übergetreten, wo die Cholera in Semlm aufgetreten ist.
In Frankreich haben in jüngster Zeit sonderbare parlamentarische Zwischenfälle gespielt, welche beinahe zur Demission des Finanzministers und des Ministers des Innern geführt hätten. Zwar haben sich die Herren Sidi Carnot und Sarrien wieder bewegen lassen, zu bleiben, namentlich im Hinblick darauf, daß durch ihren Rücktritt wahrscheinlich eine allgemeine Minister- krisis entstanden wäre, aber jedenfalls zeigen diese Vorgänge, wie selbst das angeblich von allen republikanischen Parteien getragene Cabinet Freycinet von jedem parlamentarischen Windstoße umzustürzen droht.
Die Einigkeit unter den belgischen Liberalen, die anläßlich der bevorstehenden Brüsseler Ersatzwahl zur Deputirtenkammer in die Brüche zu gehen drohte, ist nothdürftig wieder hergestellt worden. Die Radi- calen haben den durch seinen antiministeriellen Toast bekannten Namurer Schöffen Nonvaux als ihren Candidaten für die Brüsseler Wahl fallen lassen und werden nun alle Liberale für den Candidaten der Doctrinäre, Guillery, stimmen.
Für die Engländer machen sich die Nachwehen des birmanischen' Feldzugs noch immer in unangenehmster Weise bemerkbar. Unter der englischen Occupationsarmee in Birma grajsiren bösartige Fieber, denen der Ober- Commandirende, General Mac Pherson, selbst am Mittwoch erlegen ist. Das Ableben des Höchstcommandirenden gestattet einen sicheren Schluß darauf, wie schlecht es um die sanitären Zustände in den Reihen der englischen Occupationsarmee bestellt sein muß. In London soll man auch den Gedanken, den Hauptheil der Truppen wieder aus Birma zurückzuziehen, ernstlich erwägen.
Verwischtes.
— [(Sine Musterarmee.^ Die „Rio-Post" schreibt: „Zur Charakteristik des brasilianischen Militärwesens lieferte im Senat Visconde de Pelotas die folgende Statistik: Es wurden bestraft wegen Insubordination 321 Soldaten, wegen Mordes 12, wegen Verwundung oder körperlicher Verletzung 118, wegen Desertion 298, wegen Raubes und Diebstahls 122, wegen Verleumdung und Beleidigung von Vorgesetzten 33„ wegen Verkaufs oder Verspielens der Uniform 76, wegen Ersteigens von Mauern 32, wegen Schlafens oder Betrunkenseins beim Wachestehen 134, wegen anderer Verbrechen 5904. Mit Entlassung wurden 951 bestraft, 25 wurden den Civilgerichten überliefert, 201 vor das Kriegsgericht gestellt, 27 wurden zum Tode verurtheilt und 164 zu anderen entehrenden Strafen.
— Die Spielbank in Monaco war wieder einmal der Schauplatz eines blutigen Ereignisses. An einem Roulettetisch saßen 7 Spieler, darunter ein angeblicher russischer Graf, dem von einem Mitspieler Unregelmäßigkeiten vorgeworfen wurden. Der Graf führte einen Faustschlag in das Gesicht des Gegners, die anderen Spieler mengten sich ein und es entstand ein furchtbarer Kampf mit Revolvern und Messern, bei welchem 2 Personen getödtet und 2 verwundet wurden.
— Weihwasser zur Milchfälschung/j Das Landgericht zu Augsburg verurtheilte eine Bauersfrau, welche längere Zeit bei ihren Milchlieferungen an einen Käsereibesitzer einer Quantität von sieben Litern Milch etwa einen Liter Wasser beimengte, zu 30 JL Geldstrafe. Die Bauersfrau gab die Anklage zu, wollte aber hierbei nicht eine Nahrungsmittelfälschung begangen haben, denn sie habe ihren religiösen Gefühlen gehorchend, nicht gewöhnliches Wasser, sondern Weihwasser beigemischt. Sie betrachte die Vermischung der Milch mit Weihwasser als einen Dank für die ihr von ihren Kühen gewordene Gabe Gottes.
— sDie Korallenschnur der Königin von Italiens Italienische Blätter erzählen: „Königin Margherita besitzt eine Schnur Rosen-Korallen, die sie weder bei Tag noch bet Nacht ablegt. Hat die Königin eine Toilette, zu welcher der Schmuck nicht paßt, so wird die Korallenschnur unsichtbar getragen. An diesen Korallenschmuck knüpft sich folgende Geschichte: Vor fünf Jahren ging der italienische Kronprinz Victor Emanuel mit seinem Erzieher in Venedig spazieren. Da sah er in einem Schaufenster Korallen, die ihm außerordentlich gefielen. Er sagte: „Das werde ich meiner Mama kaufen!" Sofort trat er ein, fragte nach dem Preis und als man ihm diesen nannte, meinte er: „So viel Geld habe ich nicht. Aber ich werde ihnen einen Vorschlag machen: Ich kaufe einstweilen fünf Korallen; heben Sie mir die anderen auf, und so oft ich mir von meinem Taschengeld etwas erspare, schicke ich es Ihnen und Sie senden mir dafür Korallen." Der Handel ward abgeschlossen und es bedurfte zweier Jahre, bis der Prinz die Freude hatte, seiner Mutter die Schnur zu überreichen. Die Königin war so gerührt, als man ihr die näheren Umstände des Kaufes mittheilte, daß sie zu ihrem Sohne sagte: „Das ist nun das kostbarste Juwel meines Schmuckes, das ich niemals ablegen werde."


