Mr. SK
Zweites Blatt
Freitag den 23 April
1186
M«riS VicrteljährUch 2 Mark 2€ Pf. mit
Durch he Poft b-roacn vierteljährlich 2 $?or! dO Pt.
Erscheint -Sprich mit fce* Misrrt^K-.
k
Lohn- und Arbeitsverhiiltnisse in Belgien-
Man schreibt der „Soeiol-Corr." aus Mecheln: Anläßlich der jüngsten anarchistischen Verbrechen in unferm Königreich und der von Jahr zu Jahr wachsenden Auswanderung von deutschen Handwerkern, Kausmannsdienern und weiblichen Dienstboten aus den westlichen preußischen Provinzen Hannover, Rheinland und Westfalen nach Brüssel, Antwerpen, Lüttich und Verviers. überhaupt nach den größeren Plätzen dieses Landes, durfte es von Interesse sein, über Arbeitszeit, Leistung und Löhnung sowohl in den vlamischen als auch wallonischen Provinzen einige Zahlen festzustellen
Die Arbeitszeit fiir Zimmerer und Maurer, ebenso für Tischler, Schlosser Metallarbeiter, Tüncher, Maler u. s. w. währt im Sommer durchschnittlich 11 Stunden' ausnahmsweise 12 und 13 Stunden. Die Bezahlung schwankt zwischen 30 bis 35 Centimes pro Stunde, nur besonders geschickte Arbeiter erhalten bis zu 40 Centimes Eine derartige Honorirung erfolgt aber nur in den größeren Städten, auf dem platten Lande empfangen die Bauhandwerker für die Stunde oft nur bis zu 25 und 30 Centimes. Hier ist auch eine zwölfstündtge Arbeitszeit nicht ungewöhnlich. Die Hafenarbeiter in Antwerpen bringen es auf 16-18 Franken die Woche, allerdings bei einer schweren zehn-, im Sommer bisweilen auch dreizehnstündigen täglichen Arbeitszeit.
Im Allgemeinen sind in den nördlichen vlämischen Districten die Löhne höher als in den südlichen wallonischen Bezirken. Junge Kaufmannsdiener werden als Lehrlinge gewöhnlich nur ein Jahr ohne Salär beschäftigt, dann empfangen sie sofort Gehalt. Dasselbe beläuft sich anfänglich in der Regel auf 700-800 Franken pro Jahr und steigt alsdann in betreffenden Zwischenräumen bis zu ziemlich hohen Sätzen. In Antwerpen, Brüssel, Brugge u. f. w. waren auf den Bureaux der großen Handelshäuser bislang deutsche Commis bevorzugt, weil sie fleißiger, kenntnißreicher und anspruchsloser als die einheimischen Kräfte sind und obendrein sich schneller fremde Sprachen aneignen. Jetzt sieht man infolge der national-vlämischcn Agitation, die einen speciell deutschfeindlichen Charakter zur Schau trägt, mehr und mehr von unfern Landsleuten ab. Der deutsche Verein „Germania" in Antwerpen hat alljährlich hunderte dieser stellenlos gewordenen jungen Leute zu unterstützen, bez. mit dem Reisegeld nach der alten Heimath zu versehen. Feld- und Erntearbeiter in den fruchtbaren Districten -von Gheel, Löwen, Gent, Tournhout u. s. w., wo die belgische Landwirthschaft am Besten rentirt, sind schlecht gelohnt, im günstigsten Falle gewährt man ihnen 1 bis 2 Franken auf den Tag; die Beschäftigung in dieser Richtung wird aber ausschließlich von eingeborenen Kräften ausgeübt, lieber die Lage der wallonischen Kohlen- und Eisenindustrie-Arbeiter im Süden hat erst jüngst die Tagespresse erschöpfend berichtet. Was die qualisicirten Arbeiter anbetrifft, Kunsthandwerker, Maschinenbauer, Techniker, im Weiteren auch Geometer, Ingenieure, Chemiker, so werden.Franzosen und Engländer den Deutschen gegenüber bevorzugt.
Von den Eingewanderten werden deutsche Dienst- und Stubenmädchen, Köchinnen, Verkäuferinnen, sofern sie der beiden Landessprachen mächtig, ebenso Kellnerinnen, sehr hoch bezahlt. Aber gerade für das weibliche Geschlecht ist die größte Vorsicht geboten und deutsche Mädchen aller Berufsarten sind vor einer Übersiedelung nach Belgien entschieden zu warnen. Wenn auch nicht allen, so leider den meisten ist der moralische Untergang gewiß. Auch fei erwähnt, daß deutsche Apothekergehilfen, Buchhändler, Schriftsetzer, Gärtner und Bildhauer, die früher sehr gesucht waren jetzt durchaus nicht mehr verlangt werden, da die Wallonen und Vlamländer in diesen Erwerbszweigen wenigstens wesentlich billiger arbeiten.
Im Ganzen und Großen ist der arbeitsuchende Deutsche augenblicklich in Belgien scheel angesehen. Es haben sich in den letzten Jahren aus Deutschland zuviel unlautere, arbeitsscheue, bisweilen auch gerichtlich verfolgte. Existenzen hinüber nach Belgien gewandt, Personen, die noch obendrein zum Oefteren socjaldemvkratischen Bestrebungen huldigen. Daneben schürt die vlamische Presse den Haß gegen die Deutschen, „die den Landeskindern das Brot von dem Tische nehmen", mehr denn je. In Antwerpen und Brüssel sind allerdings eine ganze Reihe der ersten Ausfuhr- und Speditionshäuser in deutschen Händen, gegründet von wohlhabenden deutschen Einwanderern in den dreißiger und vierziger Jahren dieses Jahrhunderts, aber an den bekannten Wohlthätigkeitssinn Lieser Kreise werden heute unaufhörlich die größten Anforderungen gestellt. So hat Ler erwähnte deutsche Verein „Germania" in Antwerpen unter der langjährigen bewährten Leitung des protestantischen Pfarrers Seitz im Jahre 1885 nicht weniger Senn 18,000 Franken für unterstützungsbedürftige Deutsche in dieser belgischen Hafenstadt verausgabt.
UniverfitätS - dThronif •
~ Der bisherige außerordentliche Professor Dr. Hahn zu Köniasl,-^ worden" OrbentIt$en ^rofe^or in ber philosophischen Fakultät daselbst ernanM ~ .c — Professor Edwin Robde zu Tübingen und Professor Wachsmutb rr berufen^9 mb 8U orbcntüd)en Professoren der klassischen Philologie nach Leipzig m ™ Der praktische Arzt Dr. med. Th. Escherich aus Würzburg wurde als Pnvatdocent in die medicinische Fakultät zu Würzburg aufgenommen 8 ö
_ — Der bisherige Privatdocent in der philosophischen Fakultät ru ginn« außerordentlichen Professor für niederdeutsche und nieder' ländische Sprache und Literatur ernannt worden. ocr'
Darmstadt, 20. April. Das Großherzogliche Regierungsblatt (Beilage Nr. öj enthalt:
1. Oeffentliche Anerkennung einer edlen That:
_.ff .Se. König!. Hoheit der Großherzog haben dem Gymnasiasten Wilhelm Kohl m Mainz, 15sähngem Sohn des Architekten Wilhelm Köhl daselbst, in Anerkennung der von demselben am 13. December v. Js. mit Muth und Ent- schloffenhett und unter eigener Lebensgefahr bewirkten Rettung des Unterofficiers vom zweiten Nassauischen Jnfantcrie-Regiment Nr. 88 Wilhelm Weitkus in Mamz vom Tode des Ertrinkens die Rettungsmedaille zu verleihen geruht.
In Gemäßheit Allerhöchster Entschließung Sr. Königl. Hoheit des Großherzogs wird dieses hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht.
2- Bekanntmachung Großh. Ministeriums der Finanzen, die Erhebung und Kontroltrung der Uebergangsabgabe von Bier und Branntwein und die Steuervecgütung bei der Ausfuhr von inländischem Bier und Branntwein betreffend.
.3. Zusammenstellung der Ergebnisse der Rechnung über die Staatsschulden- Verwaltung für das Etatsjahr 1882/83.
4. Namensveränderungen.
5. Dienstnachrichten:
Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht: Am 19. Februar den Musiker August Wiedemann zum Hofmusiker zu ernennen.
6. Concurrenzeröffnungen:
Erledigt sind: Die evang. Pfarrstelle zu Sprendlingen. Die evang. Pfarrstelle zu Eich. Eine mit einem evang. Lehrer zu besetzende Lehrersteüe an der Gemeindefchule zu Raibach mit einem jährlichen Gehalt von 900 eX; mit der Stelle ist Organistendienst verbunden.
Vermischte-.
2)armftabt, 17. April. Nach ber Statistik ber evangelischen Kirche im ®ro6- 6erjo8tf)um betrug im Jahr- 1884 di- Zahl ber von ber evangelischen Land-Ercb- formell Getrennten (Alt-Lutheraner, Darbysten, Baptisten, Tempelbrüder fri°rter?AtenV9A3\1 ■3ur evangelischen Landeskirche übergetreten sind 213 (von6 ber katholischen Kirche 41, von anderen chriftlichen Konfessionen 161, von anderen Ne/i gran-n b) aus der evangelischen Landeskirche ausgetreten sind 31 (jur katholischen Konfession 9 , zu anderen chriftlichen Consessionen 22). Tie Zahl der EotnmuiiT fantenroor 337 847, eonfirmiri wurden 13,497 (aus rein evangelischen Ehen 12 779 auä Mischehen 718). Aus hundert bürgerliche Eheschließungen kamen 84)9 kirchliche Trauungen durch evangelische Geistliche, die Zahl ber nur cioiliter abgeschlos enen Eben tft 'M Zähre 1884 von den evangelischen Psarramtern zu 270 angegeben worden A hundert L-bendgeboren- kamen 88,3 von evangelische» Geistlichen Gelauste, in einen! Falle haben die Eltern die laufe verweigert. Von 13,121 verstorbenen Evangelisch»? EU'^r «« Kinder unter sechs Jahre,i, wurden unter Mitwirkung evang ,ch?r Geistlichen 9839 (darunter 2054 Kinder unter 6 Jahren), ohne Mitwirkuna 3282 darunter 2810 K uder unter 6 Jahren) beerdigt. Die Zahl der Echeschechungen^I- trug 44, von welchen 31 auf rem evangelische Ehen, 13 auf Mischehen kamen lind $ra?.r, ® auf solche, bei denen der Mann, und 8, bei denen die Frau -van- gelisch war. u u cv“n'
Mit Entlasfungsurkunden unb Reisepässen sind im Jahre 1885 aus bem Groß- herzogthum nach überseeischen außereuropäischen Länbern 1408 Personen ausgewandert gegen 2176 tm obre 1884. Ueberhaupt hat in ben Jahren 1871 bis 188» dsi ber überseeischen Auswanderer aus dem Großherzogthum nach außereuropäischen Lanbern 32,995 betragen, von biesen gingen 32,649 nach ben Vereinigten Nordamerika 23 nach Britisch - Norbamerika, 5 nach Centralamerika und Mercko 6 nach Westindien, 146 nach Brasilien, 27 nach den Argentinischen Staaten 4 Ä deru, 23 nach Chili, 36 nach anderen südamerikanischen Staaten, 24 nach Afrika und 52 nach Australien. 1 uu uno
r be” brej Provinzialarresthäusern unb 45 weiteren Hafilocalen des Groü- herzogthums befanoen sich tm Etatsjahre 1884—85 zusammen 18185 (15 305 1nxnn ^e und 2880 weibliche) Gefangene, darunter 3955 llnterfu^^ung^efan9enOe, 14002 Strafgefangene unb 28 Ctvtlgefangene. (A. H V)
i r r ain j, 18. Ap.ril Bei den Erbarbeiten in ber Rheinallee ist vorgestern eine sehr seltene römische Amphora aufgefunden unb bem stäbtischen Museum^ enverleibt worben. Der Fundgegenstand soll ein Alter Don über 2000 Jahren besitzen ™W r .— Wegen Verkaufs von Wurst aus verenbetem Vieh ist nunmehr aeaen hm seitherigen Wasenmeister von Marienborn eine Untersuchung von Amtswegen ein gekettet wsrben. cin'
«n i. Pr. Vor sechs Jahren verschwanb plötzlich ber Executor
Wagner. Alle Nachforschungen nach ihm blieben erfolglos unb da er mehrere hundert S SR angenommen, baß man ihn irgendwo ermordet habe
Diese Nachrtch bestätigte sich, denn einige Tage nach bem Verschwinden des Wagner fanden Holzfäller denselben tm $8aubeler Walde bei Tilsit an einem Saume erhännt wahrend unter seinem Körper Feuer gebrannt, das denselben zum Theil nerfoblt
Offenbar hatte man es hier mit einem Raubmorde zu thun, da man weder das Geld, noch die Uhr, noch die Sücher bei ihm vorfand. Wagner war erfdiiagen unb um ben Anschein zu erwecken, als hatte er sich selbst bas Leben genommen batte man ben Leichitam aufgehängt. Die gerichtlichen Untersuchungen nahmen den weitesten Umfang an, Segnungen wurden ausgeboten, Geheimpolizisten durchstreiften die Gegend; aber binnen Jahresfrist ließ sich nichts ermitteln unb die Recherchen mußten abgeschlosien werben, ^etzt nach sechs Jahren sind die Thäter entdeckt auf eine Weise die einzig in ihrer Art dastehen mag. Gleich nach dem Morde zog ein Schlachter S nach Sachsen, und da er hier das erhoffte Glück auf ehelichem Wege nicht fand legte er sich auf Setrugereien 4Uib Urkundenfälschungen, die ihn aber bald in's Gefangniß brachten. Emer semer Collegen, em Fleischergeselle, wanderte nach Serlin aus- aber auch diesem war Fortuna nicht hold, unb so schrieb er beim in seiner Noth an feinen ^-reunb nach Sachsin, er möge ihm umgehenb 300 von bem Wagner'schen Gelbe fenben, ba S. als Meister ben größten Antheil bekommen, wibrigenfalls er, ber Srief' fchreiber, verschwinben unb bie ganze Sache bem Gericht anzeigen werbe. Nun saß aber der Freunb in Magdeburg .im Gefängniß; der Srief fand ihn aber auch hier auf, wurde natürlich vorerst vom Gericht geöffnet und gelesen, und so kam der ganze grausige Raubmord an's Tageslicht. Der Fleischermeister S. soll bereits ein um- fafsendes Geständniß abgelegt haben, ebeitfo der auf telegraphische Ordre sofort verhaftete Geselle; außerdem sind noch zwei andere Personen bei dem Morde betheiligt gewesen, deren man indessen noch nicht hat habhaft werden können. Auf die gerichtlichen Verhandlungen ist man natürlich sehr gespannt. Wagner hinterließ eine starke Familie in den traurigsten Verhältnissen.
— Einem Bauer in Heusweiler passirte ein seltenes Unglück. Ein Gaft- hofoefitzer sammelte die Sierrefte zusammen, goß sie in ein leeres Faß und stellte diefes in den Keller. Sein Hausknecht holte das Faß anderen Tages heraus, um es bem Nachbar für seine Kuh zu geben. Aber schon Abenbs war es ber Kuh aus den Trunk nicht gut zu Muthe, sie stand nicht auf. Es wurden einige Nachbarn gerufen und die Kuh aufgehoben, umfonft, sie konnte auf keinem Beine mehr stehen. Da wurde allgemein gesagt, die hat einen Hexenschuß bekommen, und man überließ sie ihrem Schicksal. Anderen Tages hatte das Vieh furchtbaren Katzenjammer unb gleichzeilig stellte sich heraus, baß es anstatt Bier 26 Liter Kornbranntwein, welche dem Gasthofs- besitzer fehlten, gesoffen hatte.
7- In jüngster Zeit hat ein Husar der 3. Eskadron in Merseburg eine Anzahl seiner neu eingetretenen Kameraden in arge Verlegenheit gebracht. Der schlaue Patron hatte den Orbonnanzdienst bazu benutzt, sich gelegentlich verschiedene beim Regiment eingelaufene Postadressen anzueignen und die Sendungen, über bereu kostbaren" Inhalt er einigermaßen orientirt war, feiner werthen Person zuzuführen Sei'
NchulstraKe 7.


