Ur. 1'1 Drittes Blatt Sonntag oen 21. Februar L 86
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Schulstraße 7. Erscheint tAKliH rmt Statin afcmc M 2
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Darmstadt, 18. Februar. Das Großherzogliche Regierungsblatt (Beilage Nr. 2) enthält:
1. Bekanntmachung Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz, den Ausschlag der zur Bestreitung der allgemeinen Bedürfnisse der evangelischen Kirche des Großherzogthums im Etatsjahre 1886/87 erforderlichen Steuern betreffend.
In Ausführung eines zu dem Voranschlag über Einnahme und Ausgabe des evangelischen Centralkirchen-Fonds für die Periode vom 1. April 1885 bis zum 1. April 1890 von dem evangelischen Kirchenregiment mit Zustimmung der Landessynode gefaßten und von dem unterzeichneten Ministerium genehmigten Beschlusses soll zur Bestreitung des Bedürfnisses der Gesammtheit der evangelischen Kirche des Großherzogthums im Etatsjahr 1886/87 nach den Bestimmungen des Art. 5 des Gesetzes vom 23. April 1875, das Besteuerungsrecht der Kirchen- und Religions«Gemeinschaften betreffend, auf das Communal- Steuerkapital der Angehörigen der evangelischen Kirche ein Beitrag von Einem und sechs Zehntel Pfennig auf die Mark Steuerkapital ausgeschlagen und mit den Communalsteuern der volitischen Gemeinden erhoben werden.
2. Verzeichniß der Vorlesungen, welche auf der Großherzoglich Hessischen Ludewigs-Univerjität zu Gießen im Sommer-Halbjahre <886 gehalten werden und am 3. Moi ihren Anfang nehmen.
3. Concurrenzeröffnungen:
Erledigt sind: Eine (die erste) mit einem evang. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Walldorf mit einem Gehalt von 900 «X; mit der Stelle ist Organistendienst verbunden. Dem evang. Pfarrer und dem Ortsvorstande zu Walloors steht das Präsentationsrecht zu dieser Stelle zu. Eine mit einem evang. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Partenheim mit einem Gehalt von 900 mit der Stelle ist ein Theil des Organistendienstes verbunden.
Lokale-.
Gießen, 20. Februar. fStadtverordnetensitzung vom 18 Februar, Nachmittags 4 Ufer.] Anwesend Herr Bürgermeister Bramm als Vorsitzender, die Herren Beigeordneten Keller und Heß, von Seiten der Stadtverordneten die Herren Baist, Georgi, Grüneberg, Dr. Gutfleisch, Haustein, Homberger, Kauf, Ad. Noll, Aug. Noll, Petri, Scheel, Schopbach, Simon, Vogt und Wortmann.
Die Verwerthung von Eichenstammholz pro 1886/87. Zu der in voriger Sitzung genehmigten Submissionsofferte wurde heute von der Firma, welcher der Zuschlag ertheilt wurde, Bürgschaftsurkunde oorgelegt und dieselbe nicht beanstandet.
Die Erhöhung der Gebühren des Ortsdieners in Allendorf a. d. Lahn für Bekanntmachungen auf ortsübliche Weise wird, da sie der jetzigen Einwohnerzahl des Ortes entspricht, gutgeheißen.
Das Baugesuch des Directors Herrn Georg Heß wird nach Antrag der Raudeputation genehmigt.
Den Uebergang über die Oberhessischen Eisenbahnen an der katholischen Kirche betreffend, über welchen Gegenstand sich eine lange Verhandlung entwickelt, die wiederzugeben uns zu weit führen würde, wird beschlossen, nochmals bei Großh. Ministerium vorstellig zu werden. Da Dringlichkeit in dieser Angelegenheit in höchstem Maße vorliegt, so sollen unsere beiden hiesigen Landtags-Abgeordneten, die Herren Haustein und Metz veranlaßt werden, die Regierung wegen dieses Gegenstandes zu interpelliren; außerdem hat sich Herr Dr. Gutfleisch erboten, bei seiner nächsten Anwesenheit in Darmstadt an maßgebender Stelle die Nothwendigkeit der schleunigsten Herstellung fragl. Uebergangcs anzuregen.
Was den Uebergang über die Deutz-Gießener und die Main-Weser-Bahn bei Station 98 betrifft, so soll, nachdem man mit Versprechungen lange genug hinausgezogen wurde, klagend gegen die betreffende Eisenbahndirection vorgegangen werden; dagegen soll in einem Ersuchen die Wiedereröffnung des Parallelweges nach dem Güterschuppen der Deutz-Gießener Bahn, wenigstens für den Personenverkehr, an- geftrebt werden.
Bezüglich des Baugesuchs des Weißbindermeisters Herrn Karl Sch mall in der Mühlgasse wird Festsetzung der Baufluchtlinien nach vorheriger Vorlage eines Situationsplanes beschlossen und soll bei Großh. Polizeiamt beantragt werden, daß das Dach des zu errichtenden Hauses nach der Straßenseite zu, behufs besseren Aussehens abgewalmt werde. /
Die Erbauung der Herberge zur Heimath wird jetzt nach dem vorliegenden Plane und dem Antrag der Baudeputation mit allen gegen 2 Stimmen genehmigt.
Einige Aenderungen in den ersten Paragraphen des dem Kreisausschuß zur Prüfung vorgelegten Lokalbaustatuts der Stadt Gießen wurden gutgeheißen.
Auf Antrag des Metzgermeisters Herrn Klein behufs demnächstiger Einreichung eines Baugesuches, wird die Festsetzung der Baufluchtlinien am Asterweg beschlossen. m Behufs Abänderung des gegenwärtigen Zustandes des Fluthgrabens in den Eichgärten wird der Dtadtbaumeister beauftragt, einen Voranschlag für Pflasterung desselben anzufertigen.
Verschiedene Kostendecreturen werden genehmigt.
Schluß der öffentlichen Sitzung Vs7 Uhr.
Verwischte
Erbach i. O. Auf Anregung des Rhein-Main-Gastwirtheverbands fand am 18. d. M. im Schützenhofe dahier eine von verschiedenen Städten und Orten gut besuchte Versammlung statt, um das Branntweinmonopol zu besprechen. Der als Referent erschienene Präsident des Verbandes, Carl Reinemer aus Darmstadt beleuchtete das Monopol von allen Seiten; er wies nach, wie schwer dasselbe alle Betroffenen schädigen würde, ganz besonders jedoch den Wirth, Kaufmann und Kleinbrenner. Nach einer lebhaften, das Monopol allseitig verurtheilenden Debatte wurde einstimmig folgende Resolution angenommen: „Die heute zu Erbach i. O. tagende Versammlung von Gastwirthen, Brennereibesitzern und sonstigen Interessenten erblickt in der Einführung des Branntweinmonopols eine schwere Schädigung ihres Erwerbslebens, sowie eine Verkümmerung der gewerblichen Selbstständigkeit eines jeden Einzelnen. Sie ist der Ueberzeugung, daß die Trunksucht dadurch nicht vermindert, sondern im Gegentheil derselben Vorschub geleistet würde. Das Bureau wird beauftragt, die
geeigneten Schritte bei der Großh. Staatsregierung, dem deutschen Reichstage und dem Reichstagsabgeordneten Herrn Scipio zu ergreifen, um eine Ablehnung der Monopolvorlage, in welcher Gestalt sie auch erscheinen möge, herbeizuführen." Petitions- formulare wurden sofort vertheilt.
Hierauf fand eine Besprechung der hessischen Weinstcuer statt; alle Anwesende verurtheilten dieselbe als höchst ungerecht und schwer drückend. Nachfolgender Beschluß fand einstimmige Annahme. „Wir erblicken in der unter falschem Namen bestehenden Weinsteuer nur eine den Gastwirthestand hart schädigende doppelte Gewerbesteuer; wir werden mit allen gesetzlichen Mitteln dahin arbeiten, daß eine gerechte, alle Con- sumenten, ohne Ausnahme, gleichmäßig treffende Weinsteuer, welche die verschiedenen Weinsorten nach ihrem Werthe belasten würde, eingeführt werde; dieselbe müßte an der Quelle erhoben werden, ohne den Producenten zu belästigen und zwar sowie der Wein in andere Hände übergeht oder gezapft wird. Wenn ferner statt der jetzt 7 JL bez. 5 JL pro 100 Liter betragenden Steuer nur 2 pro 100 Liter erhoben würden, wäre der Steuerertrag ein höherer als jetzt und die Steuer doch so gering, daß sie zu Defraudationen wenig oder gar keinen Anlaß bieten würde."
Nachdem noch eine Anzahl der Anwesenden dem Verbände als Mitglieder beigetreten, wurde die Versammlung geschlossen.
Lahr. Das Reichswaisenhaus hat, wie die „Lahrer Zeitung" meldet, wieder zahlreiche Gaben und zwar zum Theil aus den entferntesten Ländern erhalten. So ist z. B. aus Amassia in Kleinasien eine werthvolle Sammlung Briefmarken eingegangen, sechs Freunde aus Teheran, der Hauptstadt Persiens, haben die Summe von 50 JL geschickt. Ein kürzlich in Davos verstorbener Gönner des Waisenhauses hat demselben ein Legat von 100 JL testamentarisch vermacht. Das genannte Blatt knüpft hieran die Nachricht, daß nunmehr der Ausgleich mit der Reichsoberfechtschule in Magdeburg endgiltig geregelt worden. Dieselbe hat die Vergleichsumme von etwa 82,000 dieser Tage dem Verwaltungsrath übermittelt und ist am 7. d. M. bereits der erste derjenigen 36 Plätze im Reichswaiscnhause besetzt worden, deren Besetzung der Reichsoberfechtschule vertragsmäßig zusteht. Poraussichtlich werden in den nächste» Tagen noch weitere 8—10 solche Zöglinge eintreffen. Bis heute befinden sich 33 Zöglinge in der Anstalt.
— sAus dem 30jährigen Krieg.j Vor uns liegt ein Kirchenbuch, auf christliche Anordnung und Befehl des hochedelgeborenen strengen und vesten Junkers Johann Friedrich von Schmalbach, Burgmanns zu Gießen Magistrate politici, Episcopi und Collatoris zu Münchholzhausen angefangen 1664 durch Johannes Macrander, derzeit Pastor zu Garbenheim und Münchholzhausen. Dasselbe erzählt zuletzt, was sich Wunderbarliches und Denkwürdiges zugetragen mit Krieg, Sterbensläufen, Theurung, Feuersbrunst rc. in einem Catalogus rerum novaram. Wir führen hieraus Folgendes an:
„Anno 1634 kam im Herbste eine große Armee, verderbte dieser Oerter das ganze Land, sie ward genannt die Mansfeldische oder Kaiserliche Armee, und währete das Plündern und Verderben viele Jahre, dazu kam auch anno 1635 die Pestilenz, davon die Hälfte der Menschen starb, dazu auch viel half die Kriegsgefahr, Schrecken und Mangel der Nahrung, sonderlich auf dem Land, bei dem armen Bauervolk.
Anno 1636 kam wieder eine Kaiserliche Armee, genannt die Götzische, weil sie Graf Goetz führte, lag um die Kornerndte um Wetzlar und dahcrum im Feldlager etliche Wochen still, schnitten olles Korn ab, darauf eine große Theuerung dieser Oerter erfolgte, daß anno 1637 ein Achtel Korn 8 Rthlr., auch endlich 10 Rthlr. galt; daher viele Menschen Hungers starben und die übrigen aussahen wie die Todten.
Mittlerzeit fingen die beiden Fürsten von Hessen-Darmstadt und Kassel einen schrecklichen Krieg unter sich an, verderbten dieser Oerter das Land gar sehr, brannten das Schloß Gleiberg ab, item das Schloß und Thurm Königsberg, zersprengten den Thurm zu Staufenberg, in Summa alle Benachbarte mußten sich mitleiden und hielten die Kasselischen bei die Schweden, die Darmstädtischen aber bei den Kaiser und jeder gebrauchte sich seines Beistandes, unterdessen ward das Sprichwort wahr: Wenn große Herren sich mit einander raufen, müssen die Bauern die Haare dazu thun, und ward in etlichen Jahren kein Huhn oder Hahn, sonderlich auf dem Land, auch zu Wetzflar gefunden. In Summa, die Historienbücher weisen genugsam aus, was Unheils viele Jahre her der Krieg nach sich gezogen mit Plündern, schrecklichen Durchzügen, Brennen, Morden rc. Unsere Kinder und Nachkommen werden's kaum glauben können, was wir in diesen Zeiten ausgestanden haben.
Zu Garbenheim hatten wir anno 1634 700 Schafe, die wurden in 2 Tagen von 3 Regimenter zu Fuß alle gefressen, auch alle Schweine, Hühner rc., auch viel Rindvieh; die Kirche, darin alle Mobilien gebracht, wurde geplündert; es blieb kein Pferd, mußten endlich, des Hungers sich zu erwehren, mit Kühen und Ochsen den Acker bauen.
Manche Kindbetterin mußte in der ersten Nacht der Geburt mit ihrem Kinde beneben anderen Leuten in die Hecken sich verkriechen oder sonst an einen sichern Ort. Hatte etwa ein Bauer eine Kuh, mußte er sie gar heimlich verstecken oder zu Wetzflar erhalten. Etliche Male wurden wir auch in Wetzflar geplündert. (Wetzl. Anz.)
— sEine altgriechische Orakelstätte.j Die französische Schule in Athen hat durch Herrn M. Holleaux während des abgelaufenen Jahres im einstigen Tempelbezirke des ptoischen Apollo beim Dorfe Karditza in Böotien Ausgrabungen vornehmen lassen. Außer den Substructionen und Baugliedern eines dorischen Tempels fanden sich zahlreiche Bildwerke aus Stein, Erz und Terracotta, Vasen und andere Gebrauchsgegenstände aus Bronce und Thon, sowie viele Inschriften. Unter den Skulpturen überwiegen die Torsen und Fragmente nackter Apollo-Statuen von dem aus Tenea, Thera, Archomenos und anderen Orten bekannten archaischen Typus. Ein überlebensgroßer Marmorkopf ist von so alterthümlicher Arbeit, daß man ihn für die Copie eines in Holz geschnitzten Originals und somit für eines der allerältesten griechischen Marmor- werke halten darf. Gleiches gilt von einem beinahe cylinderischen Torso mit eng anliegenden Armen. Aus Bronce fanden sich nebst den Statuetten von Göttern, Menschen und Thieren namentlich Ueberreste von Dreifüßen und kunstreichen Gefäßen, ferner Lampen, Ringe, Haarnadeln, Lorbeerblätter von Votivkränzen, Schwertgriffe, Lanzen- und Pfeilspitzen — Alles schon dadurch werthvoll, daß es den älteren Entwicklungsstufen der griechischen Kunst und Cultur angehört. Unter den bemalten Thonfigürchen ist eine von frappanter Ähnlichkeit mit gewissen egyptischen Sculpturen. Aus literarischen Quellen besitzen wir vom Orakel des ptoischen Apollo nur spärliche Nachrichten. Es imponirte den Griechen und Ausländern besonders dadurch, daß es auch Fragen, die ihm in fremder Zunge vorgelegt wurden, verstand und in derselben beantwortete. Nach der Zerstörung Thebens durch Alexander den Großen gerieth es in Verfall. Gerade deshalb, weil es im Alterthume nie, auch nur annähernd, so berühmt war, wie z. B. Delphi oder Dodona, überrascht es uns^ jetzt durch die Fülle an Weihgeschenken und anderen Kunstwerken, welche einst den Tempelbezirk schmückten und nun dem Schoße desselben auf's Neue entstiegen sind.


