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Nr 68 Erstes Blatt. Sonntag den 21. März L88G
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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Amtlicher Hßeik.
Gefunden: 1 Hundehalsband. Zugeflogen: 1 Kanarienvogl- Gießen, am 20. März 1886. Großherzogliches Prlizeiamt Gießen.
Fresenius.
AeutMand.
][ Darrrrstadt, 19. März. Den neuesten telegraphischen Nachrichten zufolge ist Se. König!. Hoheit der Großherzog mit der Prinzessin Irene gestern Mittag von Petersburg abgereist, um über Berlin nach Darmstadt zurückzukehren. Da nun der fahrplanmäßige Zug, den Se. Königl. Hoheit benutzt, morgen früh in Berlin eintrifft, die Ankunft aber des Großherzogs in seiner Restdenz hier am Sonntag früh erwartet wird, so wird sich der Aufenthalt des Großherzogs und der Prinzessin Irene am Berliner Hose auf einen Tag beschränken. Heute Nachmittag 5 Uhr ist auch der Erbgroßherzog in Begleitung seines militärischen Gouverneurs, Hauptmann v. Schwarzkoppen, zu einem Besuch der Kronprinzlichen Familie nach Berlin abgereist, wo er mit dem Großherzog und der Prinzessin Irene zusammentrifft. Am Samstag Abend reisen dann die Herrschaften zusammen nach Darmstadt zurück. — Prinz und Prinzessin Ludwig von Battenberg beabsichtigen im Laufe des nächsten Mo- nats, nach einem längeren Aufenthalt in der Heimath, nach England zurückzulehren, wr sich der Prinz auf's Neue dem Seedienst widmen wird. Gleich den Prinzen des preußischen Königshauses hat auch Prinz Ludwig von Battenberg ein bürgerliches Handwerk erlernt: er ist ein perfecter Schriftsetzer. Augen- dlicklich setzt und druckt derselbe im väterlichen Palais ein Werk seiner Schwester Marie, Gräfin zu Erbach-Schönberg, welches die hohe Dame über ihre Reise in Bulgarien versaßt hat.
England.
London, le). März. Zm Unterhaus erwiderte Gladstone auf eine Anfrage, das evang. Bisthum in Jerusalem sei noch nicht wieder besetzt. Die Reihe der Besetzung sei an Kaiser Wilhelm. Derselbe wünschte jedoch eine Modificirung oder gänzliche Aufhebung des Abkommens von 1841. Der Erzbischof von Canterbury hätte sich für Aufhebung ausgesprochen, es sei aber noch keine Entscheidung darüber erfolgt, wodurch das Abkommen ersetzt werden solle. Gladstone bemerkte ferner, er hoffe in nächster Woche einen Tag für die Erklärung über die irische Politik der Regierung angeben zu können. Die umlaufenden bezüglichen Gerüchte anlangcnd, möchte er daran erinnern, daß die Wahrheit ohne Treubruch nicht mittheilbar sei; er möchte betreffs der Gerüchte daher nur Zurückhaltung, wie er sagen möchte: eine gesunde Skeptik anempsehlen. Das Unterhaus verwarf alsdann mit 115 gegen 109 Stimmen den von Gladstone als unpraktisch bekämpften Antrag Richard's, der besagt, daß es ungerecht und unzweckmäßig sei, ohne Genehmigung des Parlaments Krieg zu erklären, Verträge zu schließen und Gebiete zu annectiren.
— Das Oberhaus nahm mit 76 gegen 62 Stimmen den Antrag Thur- low's, die Londoner Museen an Sonntagen für die Besucher zu öffnen, an.
— Unterhaus. Der Seeretär der Admiralität, Hibbert, theilte bei der fortgesetzten Berathung des Marine-Budgets mit, daß gegenwärtig 103 verschiedene Schiffe im Bau begriffen seien, darunter 20 gepanzerte und 54 Torpedoboote. Die Kosten für dieselben betrügen im Ganzen 13,100,000 Psd. St. Vorläufig seien keine weiteren neuen Schiffe in Aussicht genommen. Die Position „Löhnung" wurde nach mehrstündiger Debatte mit 2,900,000 Psd. Sterl. angenommen.
London, 19. März. Die amtliche „Gazette" macht bekannt, daß auf Grund der englisch-deutschen Packetpost-Convention mittelst Abkommen mit der Schweiz die Packetpost-Verbindung von und nach der Schweiz via Deutschland vom 1. April er. ab hergestellt wird.
Ausland.
Petersburg, 19. März. Ein Circular des Ministers des Innern weist die Gouverneure an, darauf zu achten, daß auch bei den Beerdigungen Andersgläubiger — Protestanten wie Katholiken — keine Kränze und andere Zeichen ohne kirchliche oder osficiell Zaatliche Bedeutung angewendet werden dürfen.
Reichstag.
E. B. Berlin, 19. März 1886.
Vor Eintritt in die Tagesordnung verlas Abg. Rickert einige Briefe aus dem Wahlkreise des verstorbenen Abg. Hüter, wonach die Vorsteher verschiedener Wahl- comitäs und Gastwirthe des Hüter'schen Wahlkreises die vom Abg. Graf Behr erhobene Behauptung als unrichtig erklären.
Abg. Graf Behr bemerkt, daß er gegen die Ehrenhaftigkeit des Verstorbenen einen Vorwurf nicht habe erheben wollen und spricht sein Bedauern aus, seiner Zeit die, wie er sich nun überzeuge, unrichtigen Aeußerungen gemacht zu haben.
Es folgt die dritte Berathung des Entwurfs, betreffend die Erhebung einer Schifffahrtsabgabe auf der Unterweser.
Abg. Windthorst und Abg. Gebhardt machten auf die Nachtheile aufmerksam, welche, den Plätzen unterhalb Bremens aus der Wesercorrection erwachsen würden.
Abg. Barth (dft.) bezweifelte, daß eine dauernde Benachtheiligung der Plätze an der Untcrweser eintreten werde.
Die Vorlage gelangte danach definitiv utr Annahme.
Es wurde dann die zweite Berathung der Zuckersteuervorlage fortgesetzt.
Abg. Gehlert (Reichsp.) polemisirte mit großer Schärfe gegen die Rohmaterial- steuer und das System der Exportprämie, die allein den Engländern Dorthell gebracht hätte.
Abg. Graf Hacke (liberal) bedauert, daß die Regierung nicht weiter entgegen- kommen wolle; die Melassebesteuerung sei schwierig, aber keineswegs unmöglich.
Abg. Müller (Sangerhausen) will der Melassebesteuerung noch Gewinn lassen; die Exportprämie dürfe nicht beseitigt werden, weil das Ausland solche nach deutschem Muster eingerichtet habe.
Geh. Reg.-Rath Boccius wiederholt, daß die Vorschläge der Commission mit einer Melassesteuer für die verbündeten Regierungen unannehmbar seien.
Abg. Pfaffe rott (Etr.) empfiehlt die Herabsetzung der Materialstener ix Verbindung mit einer Eonsumsteuer.
Abg. Trimborn (Etr.) hält die Regierungsvorlage für den zur Zeit annehmbarsten Vorschlag.
Die Debatte wird geschlossen. In der Abstimmung werden alle Abänderungsvorschläge, desgleichen aber auch die Paragraphen 1 und 2 der Regierungsvorlage abgclehnt. (Große Heiterkeit.)
Nächste Sitzung Samstag den 20. März.
Telegraphische Depeschen.
®oHP8 teleg«. rorrespoudenz - Bureau.
Berlin, 19. Marz. Das Abgeordnetenhaus erledigte in heutiger Sitzung ausschließlich Petitionen fast durchweg nach den Anträgen der Commission. Die Petition des Schänkers Filpiak in Posen wegen Zulassung seiner Kinder zum polnischen Sprach- uute-cricht wurde, entgegen dem Antrag der Commission. dieselbe der Staatsregierung zur nochmaligen Erwägung zu überweisen, durch Uebergang zur Tagesordnung beseitigt. — Morgen dritte Etatslesüng.
— Die Commission des Abgeordnetenhauses für Beförderung der deutschen Ansiedelungen in den -Ostprovinzen erledigte die 2. Lesung unter Annahme mehrerer Aenderungen, namenckich betreffs der Rentengüter, welche Wehr, Enneccerus und Rauchhaupt gemeinschaftlich gegenüber den Beschlüssen der ersten Lesung beantragt hatten. Kantak erklärte Namens der polnischen Commissionsmitglieder, das Gesetz involvire eine Verfassungsverletzung, weßhalb dieselben ihr Mandat zur Commission nicdcr- gelegt hätten.
— Die Reichstagscommission zur Vorberathung der Officierspensionsnovellc beende'' die erste Lesung des Moltke'schcn Gesetzesantrags und stimmte den Amendements Manteuffel und Delbrück, welche der Pensionserhöhung rückwirkende Kraft bis 1870 resp. 1864 geben wollen, bei. Zur genaueren Fassung der Amendements wird eine Redactionscommission eingesetzt, deren Vorschläge der zweiten Lesung zu Grunde gelegt werden sollen. Die zweite Lesung findet nächste Woche statt.
-- Die in Folge von Schnecstürmen und Schneeverwehungen eingetretenen Unterbrechungen der Postoerbindungen auf Eisenbahnlinien in den Provinzen Preußen, und Posen, sowie den angrenzenden Theilen Schlesiens sind zum größten Theilc beseitigt. Ebenso ist in Vorpommern, auf Rügen und in Mecklenburg der Betrieb auf den Eisenbahnen großentheils wicderhergestellt. In Schleswig-Holstein verkehren die Züge von Flensburg nach dem Süden wieder regelmäßig. Nördlich von Flensburg ist der Eisenbahnbetrieb noch gestört.
Pssen, 19. März. Der Verkehr auf den hier einmündenden Eisenbahnlinien ist gegenwärtig wieder frei und geregelt.
Bromberg, 19. März. Die Eisenbahnlinie nach Dirschau ist wieder frei. Die Linien nach Jnowrazlaw, ebenso die von Insterburg nach Allcnstein sind noch gesperrt.
Hamburg, 19. März. Der Postdampfcr „Rhaetia" der Hamburg - Amerikanischen Packetfahrt - Actien - Gesellschaft ist gestern Abend 7 Uhr in Ne» - York ein- getroffen.
Bremen, 19. März. Der Dampfer des Norddeutschen Lloyd, „Werra", ist» heute früh 4 Uhr in Southampton eingetroffen.
Karlsruhe, 19. März. Ueber das Befinden des Erbgroßherzvgs wird mit- getheilt: Unter mäßigem Ansteigen des bis gestern wieder eingetretenen Fiebers erfolgte ein Nachschub des Rheumatismus in mehrere Gelenke. Die inneren Veränderungen sind theils vollständig verschwunden, theils in anhaltender Besserung begriffen.
Lüttich, 19. März. Erst gegen Mitternacht war die Ruhe wieder einigermaßen hergestellt, doch durchziehen noch jetzt Patrouillen die Stadt. Unter den Verhafteten befindet sich ein Mann mit Namen Wagner, welcher die Menge durch eine Rede zur Plünderung aufforderte. Der verursachte Schaden wird auf mehrere 100,000 Francs geschätzt. Bei dem Zusammenstöße der bewaffneten Macht mit den Ruhestörern wurden zahlreiche Polizeicommissare, Gcnsdarmen und Bürgergardisten, auch der Commandant der Bürgergarde durch Steinwürse verletzt.
Petersburg, 19. März. Das „Journal de St. Petersbourg" schreibt: Es wird durchaus nothwendig sein, daß Fürst Alexander von Bulgarien auf die von ihm erhobenen Ansprüche verzichtet, denn wie wir wissen, halten es alle Mächte für nothwendig, daß das von der Pforte vorgeschlagene Arrangement, betreffend die Aufrechterhaltung der 5jährigen Frist bestätigt werde. Wenn der Fürst sich einbildete, daß er bei seinem Vorgehen Sympathien begegnen würde, durch welche die Karten anders gemischt würden, wenn er annahm, daß die durch Griechenland veranlaßten Schwierigkeiten Europa entgegenkommender machen würden, so befand er sich durchaus auf falschem Wege.
Lokale-.
Gießen, 20. März. Mittelst Eindrückens eines Fensters wurden in einer Cigarrenfabrik aus'der Marburgcrstraße eine Anzahl von Cigarrenkisten nebst Inhalt gestohlen.


