Ausgabe 
21.3.1886 Drittes Blatt
 
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Sonntag den 21. Marz

Drittes Blatt

Nr 6

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* Gießen, 18. März, dklltung der Impffrage, welche bekämpft wird, erörterte Herr

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Lokales.

fGewerbe- und Volksbildungsverein.j Die hohe De­von den Jmpfgegnern mit einem wahren Heroismus Prof. Dr. Birnbaum heute Abend im Lenz'schen

Mehrere junge Leute zertrümmerten in der Nacht von Donnerstag 'auf Freitag mittelst Steinwürfen in einem Hause im Gartfeld mehrere Fensterscheiben, sowie die im Zimmer befindliche Lampe. Die Thäter sind bekannt und iverden ihrer Bestrafung nicht entgehen.

. Einen großen Menschenauflauf verursachte gestern Nachmittag ein schon öfters bestrafter Trunkenbold in der Ostanlage. Derselbe ruhte von seinen Strapatzen im Schnee aus und war trotz vieler Versuche der Umstehenden nicht zum Aufstehen zu bewegen. Zwei zugezogene Schutzmänner ließen die Jammergestalt mittelst Tragbahre in das Arresthaus verbringen.

Ein Act der Rohheit wurde Ausgangs Februar in einem Dorfe auf der Rabenau verübt. Ein junger Mann, welcher sich zum Antritt seines Dienstes nach Ilschhausen begeben wollte, kehrte unterwegs im Wirthshause ein, woselbst sich bereits eine kleine Gesellschaft befand, die sich sofort damit vergnügte, den etwas angetrunkenen Burschen zu verspotten. Als derselbe seine ausgebrannte Pfeife auf den Tisch legte, machten sich zwei der Gäste alsbald daran, diese zu stopfen und zwar mit Tabak und einer Quantität Pulver. Kaum hatte der Ahnungslose die Pfeife in Brand gesetzt, als dieselbe explodirtc und ihm Gesicht und Augen verbrannte. Die Thäter brachten ihn nun zum Dorfe hinaus; der Unglückliche konnte jedoch zur Nachtzeit und in Folge der Beschädigung seiner Augen den Weg nicht finden und verharrte deßhalb bis zum frühen Morgen auf der Landstraße, wo ihn vorübergehende Holzhauer fanden und zum Arzte nach Allendorf a. d. Lda. verbrachten. Dieses Späßchen hat ein gerichtliches Nachspiel zur Folge, welches für die Betheiligten übel ausfallen dürfte.

Gießen, 20. März, lieber die Leistungen des Theaters Wallenda cnt- nehnren wir derBadener Badezeitung" vom 20. November v. I. Folgendes:

Im Theater Wallenda, das auch am gestrigen Tage sich luiebcr eines außer­ordentlichen Besuches zu erfreuen hatte, errangen die sämmtlichen guten Leistungen der Mitmirkenden stets ungetheilten Beifall. In erster Linie wird die wirklich interessante Dressur der Hunde bewundert. Sehr amüsant wirkt dabei der dresfirte Mops, welcher in einem verschlossenen Körbchen von einem Pudel auf die Scene gebracht und nach gethaner Arbeit, die er musterhaft ausführt, freiwillig wieder in den Korb zurück- gekehrt, wieder von dem Pudel hinausgetragen wird. Es würde uns zu weit führen, wollten wir jede einzelne Nummer des sehr reichhaltigen Programms näher besprechen. Besonders hervorzubeben sind: Herr Mendel, der Schlangenmensch, dessen unglaub­liche Windungen stets gerechtes Erstaunen erregen, der Neger Zaurbrillo, welcher an den Füßen, den Kopf nach unten, am First des Zeltes hängend, in seinen Händen ein Trapez hält, an welchem Mr. Herrmann seine schwierigen Trapezkünste aus­führt, Herr Charles Ypsilanti als Kugelläufer, Herr Karl Heese, welcher 11 Stühle auf dem Munde balancirte und endlich die beiden Kinder Clara und Rosa Wallenda, welche durch ihre gymnastischen Hebungen sehr vielen Beifall errangen.

Zu der in Nr. 64 dss. Bl. gebrachten Notiz, betreffend das Ableben eines dem Tranke ergebenen Einwohners eines benachbarten Dorfes fügen wir berichtigend bei, daß der Mann nicht auf dem Stuhle, sondern im Bette verstorben ist.

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teiltet Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

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Gingesandr.

Zur Itraßenreinigungssrage.

Gießen, 20. März.

Endlich verschwinden Eis und Schnee in Der Stadt und die Straßen gewinnen wieder ihr sonstiges freundliches Aussehen. Aber welche Mühe, Anstrengung und Kosten bereitete auck die Wegschaffung den Hausbesitzern, und war diese Calamität so recht geeignet, zu zeigen, wie ungerecht es ist, von einem kleinen Theile der Bewohner ni verlangen, daß er die Lasten trage für das Wohlergehen aller; doppelt ungerecht, da auch noch diese Lasten so außerordentlich ungleich vertheilt sind.

Und warum ist das so? Gibt es irgend einen Grund, aus dem es sich recht­fertigen läßt? Wir wüßten keinen Grund, denn daß die Straßenreinigung die Stadl zu viel kosten würde, ist gewiß kein stichhaltiger Grund. Wer ist denn die Stadt? doch nur die Gemeinsamkeit sämmtlicher Bewohner, und da sämmtliche die Reinlichkeit der Straßen verlangen, warum sollen es einzelne bezahlen?

Noch weniger dürfte als Grund der Belastung Einzelner gelten, daß die Stadt zur Wegschoffung so großer Schneemassen, wie die diesjährigen, so viele Fuhrwerke anschaffen müßte, für die sie im Somzner keine Verwendung habe; im Winter gibt es Fuhrwerksbesitzer genug, die gerne und für billige Preise fahren; auch an Arbeitern hat es der Stadt noch niemals gefehlt und dürfte es bei der Arbeiterfrage gewiß nichts schaden, wenn dabei die Unterstützungslisten ein wenig in Betracht gezogen würden, da doch mancher lieber verdient, als sich schenken läßt.

Es gibt eben unseres Erachtens keinen Grund für Beibehaltung dieser mittel­alterlichen Einrichtung als den: Es war so und da mag es auch bleiben.

Aber das ist gerade der am wenigsten zu rechtfertigende, denn warum soll man nicht ändern, was nicht mehr in unsere Zeit paßt, warum soll man ein Unrecht be­stehen lassen, nur darum, weil es schon lange bestand ? Was vor hundert Jahren paßte, paßt heute nicht mehr, sonst möchten unsere Straßen wohl ein ganz anderes Aussehen haben wie jetzt, und manche Einrichtung bestände noch, die man deßhalb, weil man sie nicht für gerechtfertigt fand, beseitigt, wie beispielsweise die in der Communalsteuer von Juden und Katholiken bezahlten Beiträge zur evangeli­schen Kirche.

Warum also hier au dem Alten halten, wo das Unrecht so sehr in's Auge fällt?Ein Hausbesitzer.

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Literarisches.

Quintessenz der Lebensweisheit und Weltkunst. Nach Lord Chesterfield's Briefen an seinen Sohn frei bearbeitet von Dr. Car! Munding. Brosch. JL 3.60. Eleg. geb. «X 5. Stuttgart. Verlag vvn Levy u. Müller.

» Der reiche Inhalt charakterisirt sich durch folgende Kapitel: 1. Die Bildung des Geistes. 2. Gelehrsamkeit und Weltbildung. 3. Stil und Rede.- 4. Die Arbeit und ihre Stützen. 5. Die Ausbildung der sittlichen Persönlichkeit. 6. Gute und schlechte Gesellschaft. 7. Der äußere Anstand im socialen Verkehr. 8. Die gesell­schaftlichen Kardinaltugenden. 9. Die Kunst zu gefallen. 10. Die höfische Gesellschaft. 11. Zur Naturgeschichte des Menschen. 12. Die Frauen und ihr Einfluß. 13. Ver­bindungen und Freundschaften. 14. lieber Vergnügungen. 15. Aphorismen zur Staats­weisheit. 16. Vorsichtsregeln und Nathschläge.

In jedem dieser Kapitel werden überaus werthvolle Winke für das Leben ge­geben. Auch ein Virtuose der Lebenskunst wird noch aus dem Buche lernen können. Jedenfalls ist es für die reifere Jugend ein unübertrefflicher Führer .durch's Leben, denn es ist, wie Hermann Hettner von dem Werke Chesterfield's sagt,ein herrlicher Schatz der feinsten Beobachtungen und Lebensmarimen" darin niedergelegt. Die glänzende Ausstattung empfiehlt cs besonders auch als Geschenkwerk.

Zelsenkeller durch einen längeren, reich mit statistischen Beweisen ausgestatteten Vortrag.

Er begann mit einer ausführlichen Beschreibung des Schrcckensgespcnstes Blattern" genannt und führte an, daß diese grauenhafteste aller Jnfectionskrankheiten memals aus sich selbst heraus entstände, sondern lediglich durch Ansteckungsstoff. Der von derselben Betroffene ahnt nicht, was ihm bevorsteht, wenn heftiges Kopfweh, intensive Rückenschmerzen, hochgradiges Fieber u. s. w. ihn plötzlich befallen; die Krankheit nimmt einen ganz regelmäßigen Verlauf, indem sic verschiedene Stadien durchmacht: Brütestadium, Vorläuferstadium, Reifestadium und Vertrocknungsstadium. Tas Schlimmste von diesen ist das Reifestadium.

Der Verlauf der Krankheit ist also ungefähr folgender: Nach der Ansteckung vergehen 1214 Tage, bis sich die ersten Symptome zeigen; dann nach wieder 11 bis 12 Tagen tritt Fieber ein, welches die Höhe von 41 Grad erreicht, begleitet von den oben erwähnten Kopf- und Rückenschmerzen, endlich bildet sich rothe Punkte auf einzelnen Stellen der Haut, die sich allmälig über den ganzen Körper und das Gesicht verbreiten. Diese rothen Flecken werden immer feuriger, bis sich ein weißes Bläschen von 23 Millimeter Größe auf denselben bildet, welches in der Mitte verflacht, nebel- sörmig ericheint und eine ganz durchsichtige Farbe hat. Die Anschwellungen, welche nun folgen, entstellen den Kranken auf eine entsetzliche Art, so daß derselbe zuletzt nur noch einer schwer athmenden, unkenntlichen Masse gleich! und in vielen Fällen an Er­schöpfung stirbt. Nach dem Reifestadium läßt das Fieber in der Regel nach, die Bläschen werden trocken, die Haut fängt an sich zu schälen und ein Patient, der die Fcuche überstanden hat, erholt sich mühsam mit von Narben entstelltem Gesicht. In den meisten Fällen führt die Krankheit aber noch andere Leiden im Gefolge.

Die Ansteckungskraft ist eine so große, daß selbst Kleidungsstücke, welche im Zimmer eines Blatternkranken gelegen, nach 3 Jahren noch Unbeil anrichten können, wenn solche nicht einer gründlichen Reinigung unterworfen werden.

Woher die Krankheit stammt, ob aus Indien oder Afrika oder aus einem anderen Laude, woher uns so viele unheilvolle Ansteckungsstoffe eingeführt werden, darüber liegen nur unbestimmte Nachrichten vor.

In den ältesten Zeiten finden wir keine Andeutungen vermerkt, daß die Blattern eriftirt haben; selbst Hyppokrit sagt in seinen Aufzeichnungen nichts über eine ähnliche (bibemie.

Im 6. Jahrhunbert beschreibt zum ersten Male ein Bischof Gregor eine Seuche, die ber besprochenen viel ähnelt.

In den Jahren 1520 und 1837 kamen die Blattern bis an die Westküste Amerikas und griffen mit einer solchen Vehemenz um sich, daß über 60 000 Menschen denselben erlagen. Nicht in den Hütten der Armen allein treibt die Krankheit ihr verheerendes Wesen, sie schont eben keine Stätte, sie hält Einzug überall, selbst Fürsten­häuser mußten, wie die Geschichte meldet, den schlimmen Gast aufnehmen.

Kinder unter 3 und 4 Jahren starben ganz enorm viele, z. B. in Baden-Baden erlagen (17941801) bei einer Blatternepidemie von einer Einwohnerzahl von 4000 allein 320 Kinder, das würde auf die Einwohnerzahl Gießens pro Jahr 200 betragen.

Wer die Krankheit überstanden hat, bleibt in der Regel ein zweites Mal verschont.

Redner bemerkte, daß. wenn dieselbe einmal ausgebrochen sei, vom Arzt nur Linderung verschafft werden könne.

Der erste Jmpfversuch ging aus ber Entbeckung hervor, baß etwas von bem .Krankengift in eine Wunde gekommen, bei dem Betreffenden nur ganz gelinde Er­scheinungen hervorrief und man kam auf die Idee deskünstlichen Blätterns". Diese Idee zeigte sich als sehr erfolgreich. Hufe land verlor von seinen 2000 künstlich Geblätterten nur einen einzigen.

Die Georgier, welche bekanntlich sehr schöne Töchter besaßen und dieselben auf ben Markt brachten, um sie zu verkaufen, ließen die Mädchen künstlich blättern, um sie vor den Menschenblattern und vor entstellten Gesichtern zu schützen. Es stellte sich aber bald heraus, daß ein künstlich Geblätterter wohl für sich geschützt war, aber den Ansteckungsstoff auf andere übertrug.

Später machte man die Beobachtung ber Pocken bei den Kühen unb versuchte nun biefe auf ben Menschen zu übertragen, ein Verfahren, welches besonbers durch Kenner angewendet wurde und bald die weiteste Verbreitung fand.

Ludwig Sacco in Italien impfte auf diese Weise in einem Zeitraum von 8 Jahren ca. V2 Million Menschen mit den glücklichsten Erfolgen. Die Epidemie ver­schwand mehr und mehr, tauchte aber nach 1215 Jahren wieder in gelinderer Form (Ulf. Die Geimpften erkrankten viel leichter und nur zu 23pCt., während bei Un- ' geimpften ber Procentsatz ca. 50 betrug. Die Empfänglichkeit tritt also nach 12 Jahren ? ungefähr wieber ein und macht eine zweite Impfung nothwenbig.

Schätzbare Beweise für biefe Thatsache liefert bas preußische Militär. In ben fahren 1825-1834 starben 50, von 18351844 39, von 18451854 13, von 1855 Ins 1864 12 und im Jahre 1865 nur 1, während 1866 wieder 8 erlagen; jedenfalls -ine Folge der schnellen Mobilmachung, welche die Vorsichtsmaßregeln nicht genügend in Anwendung kommen ließ.

Herr Prof. Birnbaum schilderte auch die Schattenseite des Impfens bei huma- nifirter Lymphe und bemerkte, daß es durch Leichtsinnigkeit oder Unachtsamkeit des impfenden Arztes vorkommen könne, eine Krankheit bösartiger Gestalt auf ein gesundes «int> zu übertragen, aber bei einer Lymphe, die vollständig durchsichtig sein müsse (er reichte ein Präparat herum), wäre nie etwas zu befürchten und es käme überhaupt auf Millionen höchstens 1 Fall solcher Art. Skropheln re. wären niemals übertragbar und Ausschläge verschiedener Natur, die von den Jmpfgegnern als Folgen der Impfung bezeichnet würden,- entständen durch das Zahnen ber Kinber u. s. w. u. s. w.

Die Jmpfgegner haben überhaupt, wie Rebner anführt, förmliche Bücher voll ^urkomische Tinge geschrieben, wie z. B-: Feber Geimpfte wäre zu erkennen an einem sogenannten Oelkopf (!), schwefelgelber Gesichtsfarbe, Affengesicht u. bergl. ergötzlichen Dinge mehr. Die Geistlichen haben gegen bie Impfung geeifert und Niemand hat den Legen derselben anerkennen wollen.

Herr Pros. Birnbaum schloß seinen Vortrag mit dem Wunsche, daß auch die Gegner allmälig zu der Ueberzeugung gelangen mögen, wie hoch das Impfen zu schätzen ist und wir pflichten diesem Wunsche aus voller Ueberzeugung bei.

Herr Buchhändler Ferber, ber an Stelle des durch Unwohlsein verhinderten Herrn Prof. Buchner den Vorsitz führte, sprach dem Herrn Redner im Namen der Versammlung den wärmsten Dank für den schönen und lehrreichen Vortrag aus.

Giessen, 20. März. In einem Hause in der Marburgerstraße wurde Donnerstag stacht ein Einbruch versucht. Der Thäter ist bis jetzt nicht ermittelt.

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