Ausgabe 
21.2.1886 Zweites Blatt
 
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-will, krümmt sich bei Zeiten. Wer als Schulbube keine Lust zum Lernen gehabt, der Hal sie als Lehrling erst recht nicht, und wer kann's schließlich dem Meister verdenken, wenn er bei gar zu großer Unwissenheit oder Schwerfälligkeit seines Zöglings einfach denkt:Laß das Ding gehen, wie es will! Anzufangen ist mit dem Menschen doch nichts!" Der Junge ist's zufrieden, wenn ihm nur nicht mehr mit Lernen zugesetzt wird, aber die Eltern wundern sich hinterher, wenn ihr Sohn nie etwas Anderes wird, als schlichter Arbeiter. Sie haben es selbst nicht besser gewollt. Tüchtige Schulbildung wandelt den ganzen Menschen und macht ihn erst für das Gewerbsleben empfänglich. Mit dürftiger Schulbildung doch ein großer Geschäftsmann werden zu wollen, ist heute unmöglich.

Was vom Handwerk gilt, gilt erst recht vom Kaufmannsstand. Massenhaft laufen junge Leute umher, die vergeblich nach Stellen suchen. Sie klagen über die schlechten Zeiten, aber die Prineipale noch^mchr darüber, daß man kaum einen tüchtigen Arbeiter bekommen könne. Die Eltern meinen gar zu oft, ihre Söhne müßten mindestens Kaufmann werden; aber ihnen für dies heute sehr schwierige Gewerbe die richtige Vorbildung geben zu lassen, daran denken sie nicht. Düten anfertigen und Maaren abwiegen, das macht den Kaufmann nicht, bei aller Fingerfertigkeit bleibt er ein arm­seliger Kerl, wenn er nicht Kenntnisse im Kopfe hat. Ganz zweifelsohne hat einen großen Theil daran, daß heute so viele Kaufleute stellenlos sind, der Umstand schuld, daß sie keine genügende Schulbildung genossen, und das mag den Eltern, deren Söhne bald hr's Leben eintreten sollen, zur Warnung bienen.

Im eigensten Interesse aller Geschäftsleute, die mit Lehrlingen arbeiten, liegt cs, darauf zu achten, daß ihre Zöglinge beim Eintritt in die Lehrzeit bereits einen ent­sprechenden Grad von Schulkenntnissen besitzen, daß die jungen Leute nicht nur die Schulbänke gedrückt, sondern auf denselben auch etwas gelernt haben. Ein Lehrling ohne Wahl macht Dual! Aus dem jungen Menschen wird wenigstens in der Mehrzahl nichts Rechtes, der Lehrherr hat Aerger und Verdruß und bekommt -schließlich noch die Eltern des Lehrlings mit Klagen und Lamentationen auf den Hals. Die Eltern von jungen Leuten, die sich dem gewerblichen Leben widmen sollen, müssen einsehen, daß ihre Kinder nicht fleißig genug sein können, um würdig in die Lehrzeit einzutreten, statt daß sie jetzt oft meinen, der Junge wisse schon zu viel oder sei eigentlich für den künftigen Beruf zu gut. Damit muß aufgeräumt werden, nicht so obenhin, sondern gründlich. _____________ (W. A.)

Vermischtes.

x Coblenz, 16. Februar. Obwohl wir bis jetzt hier am engeren Rheinthale von Frösten verschont geblieben sind und die Arbeiten im Freien nicht stillstanden, scheinen sich nun doch noch die schlimmeren Befürchtungen zu erfüllen, denn die Be­richte aus Holland melden von starkem Frost, der sich nach und nach von England herüberzuziehen scheint und seit heute sind zahlreiche Eisvögel (aleyon), sowie Möven hier angekommen, was als ein böses Vorzeichen gilt. Bisher ging der Stromverkehr immer noch leidlich und vorn Oberrhein kommen noch heute mehrere bedeutende Floß- fendungen, so daß man dort also noch kein starkes Eis gefürchtet haben kann. Hier war auffallender Weise die größte Kälte bisher nur 6 Gr. R. und vorher fiel eine leichte Schneedecke, so daß der Wein ohne Zweifel gut davonkam. Trotzdem zeigen sich diesmal die Wildschweine in großer Zahl und so dicht in der Nähe der Städte, daß fast täglich kleine Abenteuer passiren. Auch dies deutet wohl kommende kalte Tage noch an. Nichtdestoweniger steht diesen Winter auch hier der Carneoal in einer unglaublichen Blüthe und die Vereine, an denen sich endlich auch wieder die besseren Stände betheiligen, schießen wie die Pilze aus der Erde, während auch die Dörfer weit und breit ihre speciellen Narrengesellschaften haben. Freilich sind wir hier nicht so weit wie die Mainzer, wo das große Carnevalseomitä für den Rosenmontagszug gleich 20,000 <X anweisen konnte, aber es ist doch immerhin ein erfreuliches Zeichen, baß sich wieder mehr Lebenslust und Wohlstand entwickelt, wenn man so allenthalben den alten Fasching wieder aufleben sieht. Wer über letzteren eine Statistik schriebe, der würde ganz bestimmt eonstatiren müssen, daß seit Deeennien ein so tolles und trotz der längeren Zeit bis zu Aschermittwoch so nachhaltiges Treiben am Rhein nicht ge­herrscht hat als 1886. Die Weinhändler werden die guten Folgen davon spüren und hoffentlich um so weniger pantschen, zumal ihnen erst eben in Rheinbreitbach die Poli­zei ein warnendes Exempel ftatiiirte und bei einem bekannten Gastwirthe unter riesigem Halloh der Menge drei ganze Fuder gefälschten Rothwein auf die Straße laufen Uetz. Zu der neulich erwähnten Moselcanalisirung kommt jetzt auch noch die Durch­führung der Rheincorreetion von Basel bis Mannheim, die in 36 Jahren fertig sein nnd noch 1,372,000 <X dem Reiche kosten soll. Dafür aber werden wir denn auch einen Strom verkehr und -Handel mit der Schweiz haben, den bisher zwischen Baden und Elsaß die unaufhörliche Versandung verhinderte. Dann wird Basel wieder eine deutsche Handelsstadt sein, Altbreisach Wiedererstehen.

* Diez, 15. Februar. In unserem Nachbarorte Freiendiez erschoß sich heute Nacht der erst vor kurzer Zeit nach dort verzogene pensionirte Oberstlieutenant W., ein ehemals nassauischer Osfieier. Eine bevorstehende Zwangsversteigerung seiner Mobilien soll das Motiv der That gewesen sein. W., der zwei Kinder hinterläßt, hatte zuletzt bei einem Regiment in der Nähe Berlins gestanden.

Nord Haus en, 14. Februar. Der Brandstifter Hornickel, welcher aus Rache am Himmelfahrttage 1885 in Uftrungen einen Brand anlegte, durch welchen 102 Ge- bäude in Asche gelegt wurden, ist, wie dieMagd. Ztg." berichtet, heute vom Schwur­gericht zu 14 Jahren Zuchthaus verurtheilt worden.

Haina, 14. Februar. Auch auf den hiesigen Hospitalswaldungen geht man dem Schwarzwild energisch zu Leibe. So wurden bei einer am 11. ds. Mts. auf der Oberförsterei Löhlbach abgehaltenen Treibjagd 6 Sauen zur Strecke gebracht und eine siebente angeschossen.

Die Zurückforderung der im falschen Spiel einem Spieler abgenommenen Gelder unter Drohung oder Anwendung von Gewalt ist nach einem Urtheil des Reichsgerichts, 2. Strafsenats, vom 10. November 1885, nicht als Erpressung oder Erpressungsversuch zu bestrafen. In den Erkenntnißgründen heißt es:In einem solchen Falle ist nicht das Spiel, sondern der verübte Betrug das Fundament, auf Grund dessen dem Spieler nach allgemeinen Nechtsregeln ein Anspruch auf Erstattung des gezahlten Geldes zusteht. Somit beruht die Annahme des ersten Richters, daß der Angeklagte die zum Tatbestände der Erpressung und eines Erpressungsversuchs erforderliche Absicht gehabt habe, sich einen rechtswidrigen Vermögensvortheil zu ver­schaffen, auf irrigen Rechtsanschauungen.

^Hinter den Eoulissen gestorben.) Ein erschütterndes Ereigniß wird Pariser Blättern aus Perpignan unterm 8. Februar gemeldet:Die Donnerstags-Vor­stellung im dortigen Theater fand ein tragisches Ende; man gab die OperetteDer ckleine Herzog", und die ersten beiden Acte wurden flott heruntergespielt. Die Sängerin Madame Ange erzielte durch ihre Grazie wie ihre Verve einen glänzenden Erfolg und mußte eine Viummcr da capo fingen. Zwischen dem zweiten und dritten Acte währte die Pause aber auffallend lange und das Publikum stimmte schon die bekannten Un­geduldszeichen an; da erschien plötzlich der Regisseur, bleich und vor Erregung bebend, vor dem Vorhang und sprach Folgendes:Meine Damen und Herren! Es wird mir die traurige Mission übertragen, Ihnen eine erschütternde Mittheilung zu machen.

Madame Ange, deren Spiel und Gesang Sie soeben mit Ihrem Beifallszeichen be­gleitet haben, ist plötzlich gestorben." Da das Publikum eine nähere Aufklärung ver­langte, fügte der Regisseur hinzu, daß Madame Ange, kaum daß sie nach ihrem letzten Auftntte die Scene verlassen hatte, ein heftiges Herzklopfen verspürt. Trotzdem begad sie sich in ihre Garderobe, da sic sich umzuziehen hatte, als sie plötzlich, vom Schlage getroffen, niederfank. Man kann sich denken, in welcher Bewegung das Publikum anhörte; nachdem der Redner geendet, zog sich Alles in tiefer Erschütterung aus dem Theater zurück."

^Dreimal verlobt.) Man schreibt aus Frankfurt a. M.: Ein in der Blüthe der Jahre stehender Kaufmann von hier beschloß, die Monotonie seiner Ge­schäftsreisen durch den persönlichen Umgang mit einem hübschen Mädchen zu beleben- Nachdem er über diese Sache des Längeren und Breiteren nachgedacht und, eingesehen, daß, wenn er sich auch hier verlobe, der langweilige Characler der Geschäftsreisen damit noch lange kein anderes Gesicht bekomme, beeilte er sich, einen kühnen, ihm von seinem Genius eingegebenen Gedanken sofort zu verwirklichen. Er verlobte sich hier, in Mannheim und in Wiesbaden mit einer blonden, einer schwarzen und einer roth- gelockten Dame. Wohin er auch kam, überall fand er dieselbe freundliche Ausnahme. Ein Zufall klärte die drei Damen zusammen über ihren Bräutigam auf. Nun be­stürmte man den Aermsten, endlich eine Wahl zu treffen. Er wählte in seiner Ver­legenheit die Dame in Mannheim, den beiden andern verehrte er als Zeichen feiner Erkenntlichkeit ein Geschenk von je 2000 «X.

Die Einwanderung in die Union ist wieder im Steigen begriffen. Wie uns nämlich aus Newyork, Anfangs ds. Bits., geschrieben wird, kamen im Januar 7199 Einwanderer in Newyork an gegen 5191 im gleichen Monat des Vorjahres, was mithin eine Zunahme von 2108 Personen ergibt. Die Beamten im Castle Garden sind der Ansicht, daß die Einwanderung sich in diesem Jahre wieder heben und die­jenige des letzten Jahres um 1215,000 überfteigen werde; die Herren vergessen jedoch, anzugeben, auf welche Grundlage sie ihre Ansicht stützen.

lieber das schreckliche Unglück, welches den Tod eines österreichischen See- Kadetten und 5 Matrosen zur Folge hatte, lesen wir in Newyorker Blättern voin 4. Februar: Gegenüber der 26. Straße, im North River (Hudson) liegt die öster­reichische CoroetteDonau", die vor einigen Tagen auf einer Uebungsfahrt von Havanna hier eingetroffen ist, vor Anker. Gestern Abend um 6V2 Uhr wurde eine Jolle, die in's Wasser gelassen worden war und an einem Taue 'neben dem Schiss schaukelte, vom Eise losgerissen und, da zur Zeit die Fluth den Hudson hinaufströmte, mit fortgeschwemmt. Von derDonau" aus wurde sofort der Kutter klar gemacht und mit 10 Matrosen unter Führung des ersten Kadetten Otto Karsch bemannt. Der Kutter machte Jagd^ auf die Jolle und erwischte dieselbe auch glücklich. Das Boot wurde dann in's Schlepptau genommen und die Rückfahrt nach derDonau" an­getreten. Da kam ihnen der SchleppdampferBlanche Page" entgegen, der mehrere große Prahme, die mit Frachtwaggons der Pennsylvania-Bahn beladen waren, nach dem Fuß der 33. Straße bugfiren wollte. Wie sich nun das Unglück ereignete, konnte bis jetzt nicht festgestellt werden, aber Kutter und Jolle geriethen unter einen der Prahme und die österreichischen Matrosen mit ihrem Führer versanken in d,cn eisigen Wogen. Freilich wurde von Seiten der Bemannung derBlanche Page" Alles ge- tban, um die Unglücklichen zu retten, auch der DampferRichard M. Garret" eilte hinzu, aber es gelang letzteren nur, einen Matrosen aufzuschiffen, während vier an Bord derBlanche Page" gezögen wurden. Die Namen der ertrunkenen Matrosen sind: A. Pariz, Tanpan, Martinovic, Mac-Keasan und Lorenzen. Der unglückliche See-Kadett war 18 Jahre alt, der einzige Sohn des Hofraths Karsch am obersten Gerichtshof in Wien, hatte bis zum letzten October an der Marineschule in Fiume studirt und war dann als erster Kadett auf dieDonau" commandirt worden. Die Leicken der Verunglückten wurden bis heute Morgen nicht gehtnben. Capitän Herbert, der den SchleppdampferBlanche Page" commandirte, wurde verhaftet, nachdem die Schiffsoffieiere derDonau" sich mit der hiesigen Hafenpolizei in Verbindung gesetzt hatten und der PolizeidampferPatrol" Stunden lang die River - Front nach dem Schlepper abgesucht hatte. Schließlich wurde derselbe am Pier 21, North River, ge­funden. Die Meldung des Unglücks verzögerte sich dadurch, daß von den Schifss- officieren viele an Land waren und erst spät an Bord zurückkehrten. Natürlich herrschte auf derDonau", nachdem das Unglück bekannt geworden war, die größte Bestürzung, um so mehr, als das Schiff in Havanna bereits seinen Capitän ver­loren hat.

sGröße der Oceanwellen.) Das hydrographische Bureau der Vereinigten Staaten von Nordamerika veröffentlicht das Resultat zahlreicher Versuche, welche oor- genommen wurden, um so genau als möglich die Länge, Höhe und Dauer der Oecan- wellen zu bestimmen. Die längste bis jetzt beobachtete Oceanwelle hatte eine Länge von einer halben Seemeile und brauchte zum Passiren eines festen Punktes 25 Sekunden. Während der heftigen Stürme im nordatlantischen Ocean erreichen die Wellen mit­unter eine Länge von 160200 Meter und eine Dauer von 1011 Sekunden. Die genauesten Messungen ergaben 13,4114,63 Meter als Maximum der Höhe. Die mittlere Höhe der großen Oceanwellen beträgt 9,14 Meter. Es beziehen sich diese Angaben nur auf solche Wellen, die durch gewöhnliche Stürme erzeugt und nicht auf jene ungeheuren Undulationen des Meeresspiegels, die durch Erd- oder Seebeben und dergleichen verursacht werden.

Paris, 14.Februar. Aus Mouftns (Alliers) wird Folgendes gemeldet: Vor­gestern Nacht gegen 10 Uhr wurde das Dors Valigny durch fürchterliches Geschrei aus dem Schlafe geweckt. Die Leute, die an die Fenster und Thüren liefen, fahen einen brennenden Menschen, über dem die Flammen hoch zusammenschlugen, durch die Haupt­straße rennen. Es war dies ein gewisser Jean Bonueau, von dem man wußte, daß. er seit einigen Tagen seine junge kranke Frau sorgfältig pflegte. Das Feuer konnte gelöscht werden, aber die Aerzte erklärten, an eine Rettung sei nicht zu denken, und Bonneau starb in der That nach wenigen Stunden. Vorher erklärte er, während er am Bette seiner Frau sitzend, eingeschlummert war, hätte seine Schwiegermutter ihn mit Petroleum übergossen und angezündet. Diese aber ihm gegenüber gestellt, be­hauptete, er hätte selbst die Petroleumlampe umgeworfen. Sie ist verhaftet und eine Untersuchung eingeleitet. So viel ist sicher, daß die Frau mit ihrer Tochter und ihrem. Schwiegersöhne im Streit gelebt und gegen ihn Drohungen ausgestoßen hatte.

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