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16.11.1886 Zweites Blatt
 
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Nr. 267 zweites Blatt Dienstag dttl 16. November 1886.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigtblatt für den Kreis Gießen.

Breis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringtri*

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 60 Pf.

Erscheint täglich mit Snvnahme de« Montag».

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Allgemeiner Anzeiger

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Niederlage bei I. Horn, Kreuzplatz 11, Gießen.

A Mainz, 12. November. Eine Volks- oder Wählerversammlung wie Minz noch selten eine gesehen, fand heute Abend in der hiesigen ^-tatthalle statt. Die durch Plakate erfolgte Einladung zu der Volksversammlung war von einem anonymen Comitö ausgegangen, das sich dieOpposition der Arbeiterpartei" nannte. Jeder, der mit den Mainzer Verhältnissen bekannt, wußte, daß dieses anonyme Cornitä Niemand anders als der aus der socialdemokratischen Partei ausgeschiedene frühere Führer Schneider Leyendecker mit einigen seiner Freunde ist, der die Versammlung nur zu dem Zwecke einberufen, um sich an dem dermaligen Führer der hiesigen Social- Demokraten, Landtagsabgeordneten Jöst, der Leyendecker bei der Arbeiterpartei aus dem Sattel gehoben, zu reiben. Da sich hierbei interessante Erörterungen und Controversen erwarten ließen, ist nicht zu verwundern, daß die geräumigeStadthalle" fast bis in den letzten Winkel besetzt war. Pünktlich zu der angesetzten Stunde erschien Leyendecker mit einigen Getreuen und nahm an dem Bureautisch Platz. Einer seiner Begleiter

Zur Znnungssrage.

Der Kampf der Meinungen über Wesen und Bedeutung der Innungen wogt noch immer unentschieden hin und her und die Uriheile über den Werth der Innungen in unserer heutigen Zeit lauten je nach dem Standpunkte sehr verschieden. Die Einen sprechen ihnen alle und jede Berechtigung ab und meinen, sie paßten zu unserer Gewerbcfreiheit wie die Faust auf's Auge, die Andern erhoffen alles Heil für die Gesundung unserer unleugbar im Argen liegenden gewerblichen Zustände von einer Wiederbelebung der Innungen und wollen hierbei der heutigen ZeU möglichst wenige Zugeständnisse machen. ,

Wir glauben, die Wahrheit liegt, wie in so melen Dmgen, auch hier in der Mitten Heutzutage ist allerdings der herrschende Zug in unserem industriellen und gewerblichen Leben auf Wegschaffung aller Schranken gerichtet, die irgendwie den Einzelnen beengen können, auf Auflösung derjenigen Verbände, derjenigen Innungen, die noch zwischen dem Staate und dem Einzelnen stehen. Aber dieser Zug ist bis zu «ineni gewissen Grade ein krankhafter, denn was den Kleingewerbe- und Handwerker­stand heute drückt und schädigt, ist gerade der Umstand, daß zwischen dem einzelnen Gewerbetreibenden, Meister u. s. w. der losgelöst von seinen natürlichen Ver­bindungen sozusagen nur als ein Atom im Vergleich zum Ganzen existirt und eben dem großen Ganzen kein Bindeglied, keine Mittelmacht mehr besteht.

Gerade zu den blühendsten Zeiten des deutschen gewerblichen Bürgerthums, in bcn goldenen Tagen der Hansa, standen solche Mittelmächte in Gestalt der Innungen verbindend zwischen dem Ganzen und dem Einzelnen und jene wurden hierdurch zugleich zu einem bedeutsamen Bindegliede zwischen dem Staate und dem Individuum.

Freilich, seit jenen längst entschwundenen Tagen und heute haben sich die Zeiten gewaltig geändert und wie im politischen Leben, so haben sich auch im gewerblichen Leben die Dinge von Grund aus umgestaltet und neue Strömungen und neue Er­scheinungen machen sich geltend. Diese neuen Strömungen haben aber neben ent­schiedenen Fortschritten auch zahlreiche Mißstände für die gewerblichen Verhältnisse im Gefolge gehabt und als eine natürliche Reaction erklärt sich daher das Bestreben, die Innungen, aus denen früher die hohe Blüthe des deutschen Handwerks entsproßte, wieder mehr zur Geltung bringen. Dieses Bestreben ist an und für sich berechtigt und Diejenigen, welche principielle Gegner desselben sind, stehen da auf einem ziemlich schiefen Standpunkte. Dagegen läßt sich auch nicht verkennen, daß die von der entgegengesetzten Seite befürwortete Regenerirung der Innungen etwa unter Anlehnung an die frühere Zunftordnung wiederum über's Ziel hinausschießen würde, dies wäre mit dem Geiste unserer Zeit unvereinbar. Auch das Verlangen nach der obligatorischen Wiederein­führung der gewerblichen (Korporationen fällt unter den angedeuteten Gesichtspunkt, wahrend eine nur facultative Einführung derselben gerade nichts Reactionäres an sich hat Dieser letzteren steht ja auch nach den gegenwärtigen gewerbegesetzlichen Be­stimmungen nichts im Wege und es fragt sich nur, wo die Hebel anzusetzen sind, um die facultativen Innungen in der That zu lebenskräftigen Institutionen zu machen, geeignet, die eigentlichen Träger der practisch-reformatorischen Bewegung zur Hebung unseres Gewerbcftandes zu sein. .

Verschiedene Vorschläge sind da nun schon aulgetaucht und des Langen und Breiten erörtert worben; vor einigen Jahren legte man den Schwerpunkt auf die Jnnungsgerichte, auf die Rechtsprechung, die den Innungen zuerkannt werden sollte gegenwärtig wird mehr das Lehrlingswesen, seine Leitung und Beaufsichtigung betont und waren bekanntlich in der vorigen Reichstagssession dahin zielende umfassende Anträge eingebracht worden, die aber schließlichem stilles Commissionsbegräbniß fanden. Nun, es steht zu hoffen, daß sich die Anschauungen über die Entwickelung der Innungen im Sinne der modernen Zeit, über die ihr zukommenden Aufgaben u. s. w. noch weiter klären und endlich zu einem greifbaren Resultate führen werden, zumal da ja auch die Reichsregierung dem Jnnungswesen fortgesetzt lebhaftes Interesse entgegenbringt. Kein Freund eines besonnenen Fortschrittes wird wünschen, daß die Innungen wieder im Sinne der früheren Zunfteinrichtungen aufleben sollen, deren hervorstehendster Zug die Beschränkung und theilweise Monopolisirung des wirtyschastlichen Lebens bildete, denn was damals dem Gedeihen des Handwerkerthums zum Segen gereichte, würde unter den heutigen Verhältnissen ein Unding sein. Wohl aber würde sich eine Belebung der Innungen im wahrhaft liberalen Sinne als von den segensreichsten Folgen für den Handwerker- und Kleingewerbestand erweisen und ihm, da die reformirten Innungen <tn mächtiges Element moralischer und sachlicher Kräftigung repräsentiren, die seiner würdige Stelle im Staate zurückerkämpfen helfen.

Freitag den 19. November geschlossen.

Samstag den 20. November: Junker Heinz. Große Preise.

Sonntag den 21. November: Johann von Lothringen. Große Preise.

Schauspielhaus.

Dienstag den 16. November: Alfred. Große Preise.

Mittwoch den 17. November: Don Cesar. Große Preise.

Donnerstag den 18. November geschlossen.

Freitag den 19. November: Hamlet. Große Preise.

Samstag den 20. November: Maria Stuart. Große Preise.

Sonntag den 21. November: Zum ersten Male: Der Kernpunkt. Schwank 4 Auszügen nach E. Labiche von A. Gerstmann. Große Preise.

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eröffnete die Versammlung in üblicher Weise und nun wollte Leyendecker, ohne daß vorher, wie sonst geschehen, ein Bureau gebildet worden, sofort zu reden beginnen, um so zu verhindern, daß seine Gegner nicht die Leitung der Versammlung in die Hände bekämen. Leyendecker hatte hierbei die Rechnung ohne den Wirth gemacht, denn kaum hatte er einige Worte gesprochen, so ertönte es von allen Seiten:Bureau bilden Bureau bilden!" Eine kurze Pause machend, wollte Leyendecker wieder fortfahren, aber auf's Neue und lebhafter erschallten die RufeBureau bilden!" So ging cd etwa 20 Minuten, während welcher Zeit Leyendecker verzweiflungsvolle Blicke nach dem Überwachenden Polizeicommissär warf, der seinerseits auch rathlos der immer lebhafter werdenden Versammlung gegenüberstand. Endlich wurde Leyendecker die Zeit zu lang, mit einem unverständlichen Fluch und einem grimmigen Blick verließ er Rednerpult und Tribüne, begleitet von riesigem Hohngelächter der sich hierauf ohne jegliche Störung auflösenden Versammlung. Nach dieser Versammlung steht fest, daß .Herr Leyendecker sich bei den hiesigen Arbeitern unmöglich gemacht und daß er die Führerschaft der Socialdemokratie feinem ehemaligen Freunde Jöst nicht mehr streitig machen kann.

sDie Nickte eines Mörders.) Vor einiger Zeit hatte ein lunger, sehr wohl- fititirter Geschäftsmann, der demnächst in der Hamburger Vorstadt St. Georg ein größeres Geschäft zu eröffnen beabsichtigte, die Tochter eines der bedeutendsten Schlächter­meister Hamburgs kennen gelernt. Das Paar hatte an einander Gefallen gefunden und es war bald die Verlobung gefeiert worden, nachdem festgesetzt, daß dem jungen Mädchen bei der Verheirathung sofort eine baare Mitgift von 62,000 JL ausgezahlt werden solle. Die Verlobten, welche sich gegenseitig zu vergöttern schienen, wurden allseitig beneidet und es war bereits die Hochzeit festgesetzt, welche dieser Tage statt- finoen sollte. Da glaubten sich gute Freunde des Bräutigams berufen, diesen darüber au zuklären, daß die längst verstorbene Mutter seiner Braut die Schwester eines vor mehr als 30 Jahren Hingerichteten Mannes gewesen sei. Diese freundschaftliche Mit­theilung übte auf den jungen Mann eine furchtbare Wirkung; er machte sofort alle Schritte zur Verheirathung, die bereits geschehen, rückgängig und erklärte der Braut, daß er sie auf keinen Fall heirathen werde. Bei diesem Entschlüsse ist der junge Mann auch trotz aller Vorstellungen geblieben, indem er erklärte, daß nichts ihn werde be­wegen können, mit einer solchen Familie in verwandtschaftliche Beziehungen zu treten. Der Vater des jungen Mädchens hat in Folge dessen nunmehr auch einen anderen Ton angeschlagen und ist fest entschlossen, den wortbrüchigen Bräutigam auf dem Wege der Klage $u belangen. Dann konnte es allerdings eine Ehe werden wie im siebenten Himmel.

Edmond Regnier, der geheimnißvolle Mann, der während der Belagerung von Metz den Friedensvermittler zwischen Bismarck und der Exkaiserin spielen wollte, ist in England gestorben. Die Franzosen klagten ihn an, er habe Beziehungen zu dem Feinde unterhalten, um ihm die Festung Metz zu überliefern. Das Kriegsgericht ver- urtheilte ihn zum Tode. Er flüchtete sich nach Ramsgate, wo er ziemlich kümmerlich l bte. Im Juli 1880 fand sich Regnier in der französischen Botschaft in London ein, um zu fragen, ob die Wohlthaten der Amnestie auch ihm zu Theil würden. Er bekam verneinende Antwort, da er unter keinen Umständen als ein politischer Verbrecher zu betrachten sei.Zwei Wanner", sagte man ihm,werden niemals amneftirt werden, Bazaine und Sie". Diese Mittheilung war ihm ungemein schmerzlich.Ich muß die Kapitulation von Metz büßen", seufzte er,und doch weiß Gott, ob ich ein böser Mensch bin!"

Wie sehr unsere Industrie auf allen Gebieten das Ausland zu überflügeln sucht und wie glänzend das in vielen Fällen gelingt, beweist die 6fache Prämiirung innerhalb Jahresfrist der Firma B. Meising in Düsseldorf, deren Deutsche Liqueure an vielen Orten Deutschlands in Concurrenz mit den feinsten und theuersten aus­ländischen Marken heute schon vorgezogen werden. Zudem sind die Preise wesentlich billiger, weil der hohe Eingangszoll nicht darauf lastet. Die Firma hat sich die Auf­gabe gestellt, nur das Allerfeinste zu liefern und bittet nur ihre Fabrikate einer Prüfung zu unterziehen.

Niederlage befindet sich bei Ferd. Drebes, oorm/ G g. Wilh. SB ei big in Gießen.

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Opernhaus.

Dienstag den 16. November: Zum ersten Male wiederholt: Junker Heinz. Große Preise.

Mittwoch den 17. November: Vorstellung bet ermäßigten Preisen. Egmont. Außer Abonnement.

Donnerstag den 18. November: Herodias. Große Preise.