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Nr. 241. Samstag den 16. October MM

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

»arMit t Schulstraße 7.

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Politische Ueberficht.

Gieße», 15. October.

Kaiser Wilhelm hat die Einladung des Prinz-Regenten von Braun­schweig, den gegen Ende October bei Blankenburg ftattfindenden Hosjagden bei- zuwohnen, endgültig angenommen. Da der Gesundheitszustand des greifen Monarchen zur Zeit nicht das Geringste zu wünschen übrig läßt, so ist anzu­nehmen, daß der Kaiser seine Zusage verwirklichen wird.

Uebereinstimmend mit früheren Meldungen wird jetzt allseitig der 18. November als Termin für den Zusammentritt des Reichs­tages zu seiner ordentlichen Session bezeichnet. Es trennen uns also wenig mehr als vier Wochen von dem Beginne des parlamentarischen Winterseldzuges und wird sich der Bundesrath demnach mit den nöthigen Vorarbeiten etwas beeilen muffen, wenn der Reichstag bei seinem Wiederzusammentritle sür'S Erste genügendes Arbeitsmaterial vorfinden soll. Es sollen denn auch spätestens in nächster Woche die Berathungen des Bundesrathes wieder beginnen, zu denen Staatssecretär v. Bötticher aus«Varzin, wo er seit voriger Woche weilte, reich­lichen Stoff mitgebracht haben dürste. Bestimmteres über die dem Reichstage zu machenden Vorlagen verlautet indessen noch immer nicht, nur im Allgemeinen wird versichert, daß den Reichstag von kleineren Entwürfen zunächst solche be­schäftigen würden, die in voriger Session keine Erledigung fanden, wie z. B die Vorlage über den neuen Servis Tarif. Von größeren Gesetz-Entwürfen find bekanntlich schon längst solche über wichtige Veränderungen und Umbildungen im Reichsheere angekündigt worden, ohne daß bis jetzt auch hierüber etwas Näheres zu erfahren gewesen wäre; außerdem sollen Vorlagen aus dem Gebiete des llnsall'Versicherungswesens zu erwarten stehen. Den eigentlichen Mittel- Punkt der Verhandlungen wird natürlich die Frage der Erneuerung des Milttär- Septennats bilden; vorläufig hüllt sich jedoch die Regierung über ihre Pläne nach dieser Richtung hin noch in vollständiges Schweigen, so daß die DiScussion der Tagespresse überSeptennat" undAeternat" für jetzt wohl wieder im Sande verlaufen wird.

Die Ersatzwahl für den verstorbenen Abg. Ludwig Löwe im ersten Berliner Landtagswahlkreise ist auf den 11. November, der Termin für die Wahl der durch Tod, Verzug u. s. w. ausgeschiedenen Wahlmänner auf den 4. November festgesetzt worden. Bezüglich der Ersatzwahl im ersten Berliner Reichstagswahlkreise, den gleichfalls Ludwig Löwe vertrat, ist noch nichts Wei­teres bekannt. Uebrigens herrscht bei allen Parteien arge Zerfahrenheit hin­sichtlich der Candidatensrage und können alle bisherigen Meldungen über die rufgestelltm Candidaten als noch nicht verbürgt betrachtet werden.

In dem bekannten Proceß Jhring-Berndt sind die Beklagten, Tüchler Berndt und Privatlehrer Christensen, von der Anklage, den Criminal- Schutzmann Jhring verleumdet zu haben, Seitens der Strafkammer des Berliner Landgerichtes kostenlos freigefprochen worden.

Der geheimnißvolle Mr. Spencer hat sich auf der Reife von Berlin nach Wien nun doch als der englische Schatzkanzler Lord Churchill entpuppt, denn am Montag Abend ist Lord Churchill in Wien eingetroffen, wo er imHotel Imperial" abstieg. Der engliche Minister soll einem ihninter­viewenden" ZeitungL'Correspondenten gegenüber seinem Erstaunen darüber Aus­druck gegeben haben, daß von der Presse seiner nur der Erholung gewidmeten Reise eine solche Bedeutung beigelegt worden fei. Demnach wäre die Meldung derKreuz-Ztg.", Lord Churchill beabsichtige, auf feiner Ruckreise Berlin wieder zu besuchen und werde er hier dann als osficiells Persönlichkeit auftrelen, nicht richtig.

Die Verhaftungen der Wiener Anarchisten scheinen nunmehr zum Abschluß gelangt zu fein, doch wird mit Nachrichten über das von ihnen geplante schändliche Complot abgesehen von dem, was hierüber schon bekannt ist von der Wiener Polizei aus begreiflichen Gründen sehr zurückgehalten. Auch die Pesther Polizei ist mit Nachforschungen nach einem beabsichtigten Ver­brechen beschäftigt. Der ehemalige Kapuziner Huth soll lebensgefährliche Drohun­gen gegen die österreichische Kaiserfamilie ausgestoßen haben und ist in Neu- Pesth ein Individuum verhaftet worden, aus welches das Signalement des Huth paßt.

In einem am Dienstag stattgefundenen französischen Ministerrathe theilte Freycinet mit, daß die Lage auf Madagaskar sich beständig bessere; Privat-Nachrichten aus Madagaskar wissen freilich das Gegentheil zu berichten.

Louise Michel, die bekannte Anarchistin, ist nach mehrmonatlicher Ge« fängnißhast, die sie wegen Ausreizung zum Ausruhr verbüßte, begnadigt worden.

Der canadische Fischereistreit zwischen England und Nordamerika, von dem man längere Zeit nichts mehr hörte, gewinnt plötzlich wieder ein be­drohlicheres Aussehen. Die amerikanische FischerbarkeMarion Grünes" wurde von dem canadischm KreuzerTerror" beschlagnahmt, da sie in den Hasen von Shelburne eingelausen war, ohne den dortigen Zollbehörden ihre Ankunft anzu- zeigen. Der Kapitän derMarion Grimes" erhielt eine Geldstrafe von 400 Dollars zudictirt und da er sich sehr widerspenstig zeigte, ließen die cana- bischen Behörden die amerikanische Flagge vom Mast derMarion Grimes" entfernen; auch wurde an Bord der Barke eine bewaffnete Wache zurückgelaffen. Der amerikanische General-Consul in Halifax erstattete feiner Regierung über den Vorfall sofort Bericht. Es sind im Lause dieses Jahres schon wieder­holt amerikanische Fischerbarken in den canadischen Gewässern durch englische

Kriegsschiffe ausgebracht worden, aber immer verständigte man sich schließlich zwischen London und Washington und obgleich der Fall derMarion Grimes" ernster als die vorhergehenden ist, so erscheint doch auch hier die Hoffung auf eine Verständigung durchaus nicht ausgeschlossen.

Der glänzende Erfolg Der bulgarischen Regierung bei den Wahlen zur großen Nationalversammlung, bei denen nur 20 Anhänger der Ruffenpanei durchdrangen, gegenüber 420 Anhängern der Regierung, ist der schlagendste Beweis, daß das Bulgarenvolk zu der jetzigen Regentschaft das größte Vertrauen hegt. Von dieser Thatsache wird man wohl oder übel auch in Petersburg Kenntniß nehmen müssen, denn aus dem Ausfall her Wahlen erhellt, daß weder das brutale Auftreten des Generals Kaulbars, noch alle russischen Jntriguen und Machinationen vermocht haben, die Bulgaren einzu- schüchtern und sie den Wünschen und Forderungen Rußlands gefügig zu machen. Vorerst wettert freilich die Petersburger Regierungspreffe gegen die bulgarische Regierung weiter und erklärt, Rußland betrachte nach wie vor die neue Sobranje und deren Beschlüsse für null und nichtig. Auch versuchen die Petersburger Blätter aus den Ruhestörungen in Sofia Kapital für die russische Regierung zu schlagen, indem sie aussühren, wie sehr die letzteren bewiesen, daß Rußlands Forderung, die Wahlen zu verschieben, gerechtfertigt gewesen sei; daß der ver­unglücktePutsch" der Landleute in Sofia erst durch russisches Gold in's Werk gesetzt worden ist, davon will man natürlich an der Newa nichts wissen. Jedenfalls ist die Situation in Bulgarien durch den Wahlsieg der Regierung einer- und dem Seitens de« russischen Vertreters erfolgten Abbruche der osfi- ciellen Beziehungen anderseits eine recht pikante geworden und man darf gespannt sein, welchen Ton jcht die russischen Politiker gegen dasundankbare" Bulga­rien anschlagen werden.

In Serbien haben am Dienstag Nachwahlen zur Skupschtina stattge­funden, bei denen die Regierung« - Candidaten überall mit großer Mehrheit siegten.

TriegrapWche Depesche«.

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Berlin, 14 October. DieNordd. Allg. Ztg." sieht in dem Ergebniß der Wahlen zur bulgarischen Sobranje einen weiteren Beweis für die Richtigkeit ihrer früheren Behauptung, daß in der Stimmung der bulgarischen Bevölkerung ein Grund zur Abreise des Prinzen von Battenberg nicht gelegen sei, die Mehrheit der Bevölkerung wurde sonst nicht für die von ihm eingesetzte, keineswegs einwandfreie Regentschaft votirt haben. Die Beantwortung der Frage, wodurch der Fürst zur Abdikation ver­anlaßt worden sei, lasse nur zwei Möglichkeiten zu: entweder habe der Fürst die Lage nicht erkannt und dieselbe für schlecht gehalten, während sie ihm günstig war und diese Annahme würde ungünstiges Licht auf seine staatsmännischen Fähigkeiten werfen oder sein werteres Verbleiben sei ihm unbehaglich erschienen. Zweifellos würde der Fürst wenn er ausgeharrt hätte, dem Lande wenigstens die mit Wahlen verbundenen Stürme und Erregunaen erspart haben, die, wie auch immer der Ausgang sei, einen schlimmen Einfluß auf die weitere Entwickelung Bulgariens haben müßten.

Elberfeld, 14. October. DieElberf. Ztg." meldet: Das Barmer Gewerbe- gencht verurtheilte heute 23 strikende Buchdrucker wegen Arbeitseinstellung ohne Kündigung zum Ersatz des 14tägigen Lohnes und zu den Kosten.

Düsseldorf, 14. October. In einer heute stattgehabten Versammlung von Buchdruckereibeslhern wurde beschlossen, in Strikefällen mit Contractbruch die Hilfe des Gewerbegerichts anzurufen und auf Schadenersatz zu klagen, sowie die Namen aller sinkenden, welche die Kündigungsfrist nicht eingehalten, sofort dem Vorsitzenden der ^ection mitzutheilen behufs möglichst schleunigster Bekanntgabe an die Mitglieder der Section. Ferner verpflichteten sich die anwesenden 43 Principale, keinen dieser Ge­hilfen wieder zu beschäftigen und bei den nichtanwesenden aus ein gleiches Verfahren hinzuwirken. Endlich beauftragte die Versammlung den Sectionsvorstand, eine wirklich allgemeine Urabstimmung der deutschen Principale über den neuen Tarif mittelst unter­schriebener Stimmzettel herbeizuführen.

München, 14. October. Der bayerische Minister des Auswärtigen und für Verkehrssachen, Baron Crailsheim, ist heute Abend um 6 Uhr 55 Min. nach Frank­furt a. 9)L zur Einweihung des neuen Hafens abgereist.

Wien, 14. October. Meldung derPolit. Corr." aus Sofia: Die bulgarische Regierung beantwortete die russische Note betreffs Ungiltigkeit der Wahlen unter Hin­weis auf die unter der Aegide eines russischen Commissars ausgearbeitete bulgarische Verfassung, nach welcher die Sobranje der ausschließliche Richter über die Giltigkeit der Wahlen sei.

o/a Wien, 14- October. Cholerabulletin. Es erkrankten, resp. starben in Triest 8/2, Pesth 25/16 Personen.

_ . Bafel, 14. October. Nachdem die Commission des Nationalraths mit 8 gegen 3 stimmen im Princip sich für das Alkoholmonopol erklärt hat, ist heute zwischen den Anhängern der Fabrikatsteuer und des Verkaufsmonopols ein Kompromiß erfolgt, nach welchem der Import, die Fabrikation und die Reinigung des Sprits Sache des Bundes sein solle. Für die Abfindung der Brenner und Kartoffelproducenten sind geeignete Maßregeln in Aussicht genommen.

Paris, 14. October. Anläßlich der englischen Zeitungsartikel, die sich den An­schein geben, an die Eventualität eines französisch-deutschen Kriegs zu glauben, con- statirtLiberte", es gäbe augenblicklich keine Frage zwischen Frankreich und Deutsch­land, die irgendwelche Schwierigkeit herbeiführen könne, während mehrere Fragen existirten, wo die Interessen und Ansichten beider Länder nach der Natur der in Frage steheuden Dinge einander sich näherten. Frankreich dürfe sich nicht präokkupiren lassen durch Nathschläge Londoner Blätter, die auf unbegründeter Voraussetzung beruhten. Der Versuch englischer Blätter, die eingeschläferten nationalen Leidenschaften zwischen Deutschland und Frankreich wieder zu erweitern, sei ein Manöver im englichen In­teresse, das den Samen der Uneinigkeit zwischen Frankreich und den Großmächten aus- ftreuen solle.

Freycinet wies den Gesandten in Peking telegraphisch an, Verhandlungen über mehrere Punkte des Handelsvertrags, namentlich betreffs der Opium - Frage, einzuleiten.

London, 14. October. Der britische Viceconsul in Rustschuk zeigte der Re- gierung an, die Nachricht, bei einer öffentlichen Versammlung in Rustschuk sei eine