Beilage zu Nr. 13 des „Gießener Anzeiger".
Politische Ueberficht
(gieren, 15. Januar.
Kaiser Wilhelm feierte am Donnerstag, den 14. Januar, sein Jubiläum als Chef des 6. bayerischen Jnfanlerie-RegimentS. Aus diesem Anlasse lras aus Amberg, dem Garmionsorte des genannten Regiments, eine Deputation desselben — aus dem Obersten Harrach, dem Oberstlieutenant Nürnberger, dem Hauptmann Gaek und den Premierlieulenants Schlink und Hölzel bestehend — in Berlin ein, um dem erlauchten RegimenlS-Chef die Glückwünsche seines Regiments zu überbringen. Die Deputation wurde an dem gedachten Tage vom Kaiser empfangen.
Zwei Wochen hindurch schien es, als ob das durch den serbisch- bulgarischen Waffenstillstand eingeleitete FrüdenSwerk im Orient in'S Stocken gekommen, ja vielleicht gar in das bedenkliche Stadium der Versumpfung ge- rathen fei. Zur Genugthuung aller F.ieoensfreunde und zur Ehre der Kaisermächte darf aber jetzt consta'irt werden, oaß die Großmächte in eine nachhaltige Action zu Gunsten der vollständigen Beruhigung der Orients eingetreten sind. Bei dieser diplomatischen Action ist es außeroem vom höchsten Werthe, daß sie Rußland eingeleilet hat, indem es den Antrag gestellt hat, daß die Balkan- staatcn zur Abrüstung, d. h. zur ersten Bedingung eines dauernden Friedens, genöthigt werden sollen. Durch diesen von Rußland mit Energie festgehaltenen Antrag documenürt dasselbe offenbar, daß es Ruhe und Frieden auf der Balkan- Halbinskl wieder hergestellt haben will, es ist dies eine Thalsache, die bei der einflußreichen Stellung Rußlands im Orient fast so viel als eine Friedens- Bürgschaft gilt. , Es braucht auch kaum heroorgehoben zu werden, daß die übrLtii Großmächte mit Eifer sich dem russischen Abrüstungs-Autrage ange- schloffen haben und die Vertreter derselben in Belgrad, Sofia und Athen sehr deutlich g^gt haben, was sich in der gegenwärtigen Periode den Kleinstaaten des Balkans gezieme. Serbien wie Bulgarien dürften auch schwerlich Lust haben, den Krieg von Neuem zu beginnen, denn auch Bulgarien soll während der letzten Wochen des Feldzuges mit feinen Milizen und Freiwilligen äußerst unangenehme Erfahrungen gemacht haben. In Serbien wie Bulgarien fehlt es dock auch au Geld, dem wichtigsten Kriegsmittel, und die bereits abgekühllr Kampflust legt stch daher von selbst. — Einige Besorgniß flößt indessen die noch immer kriegslustige Haltung der leicht erregbaren Griechen ein, welche mit Mühe und Roth 60,000 Mann auf die Beine gebracht haben und dieselben nicht ohne Heldenthaten wieder nach Hause schicken möchten. Selbst die üblen Erfahrungen Serbiens scheinen auf Griechenland noch nicht abkühlend gewirkt zu haben und es hält seine Truppen noch immer drohend an der türkischen Grenze zusammen. Das herausfordernde Gebühren Griechenlands, welches keinen einzigen zuverlässigen Verbündeten hat, ist natürlich der reine politische Wahnsinn, zumal die Türken gegen Griechenland ein größere» und tüchtigeres Heer an ihrer Grenze aufgestellt haben. Um von Seiten Griechenlands eine Durchkreuzung des Friedenswerkes zu verhindern, haben die Großmächte eine Demonstration gegen Griechenlands Haltung in Aussicht genommen; wie es heißt, hätte Rußland das Erscheinen von Kriegsschiffen der Großmächte in den griechischen Gewässern vorgeschlagen. Hoffentlich wird es daher gelingen, die griechischen Heißsporne auch diesmal im Zaume zu halten und Schritt vor Schritt die Beruhigung des Orients durchzusetzen.
Der preußische Landtag ist am Donnerstag Mittag um halb 1 Uhr im Weißen Saale des königlichen Schlaffes eröffnet worden.
Prinz Wilhelm, der württembergische Thronfolger, hat sich mit Prinzeß Charlotte von Schaumburg-Lippe, geb. 1864, verlobt. Wie der „Staatr-Anz. für Württemb." meldet, erfüllt diese Verbindung den König Karl mit innigster Freude und findet jene auch im ganzen Lande den lebhaftesten Widerhall. Dies ist sehr begreiflich, denn da in Württemberg, wenn Prinz Wilhelm (geb. 1848) ohne männliche Nachkommen stürbe, eine katholische Nebenlinie zur Regierung käme, so war es schon lange der lebhafte Wunsch des weit überwiegend protestantischen Landes, daß der Thronfolger sich wieder vermählen möchte.
Das bisher vor Zanzibar ankernde deutsche Geschwader, aus dem „Bismarck", „Gneisenau" und der „Olga" bestehend, ist nach den australischen Gewässern beordert worden.
Das ungarische Unterhaus hat am Dienstag die Budgetdebatte begonnen. In seinem Expose gab der Finanzminister Szapary ein recht erfreu- liches Bild von der ungarischen Finanzlage, da die Staats-Einnahmen des Vorjahres die meisten Posten übersteigen. Speciell der Voranschlag zur Grundsteuer erqiebt ein Plus von 3 Millionen und der zur Verzehrungssteuer ein solches von einer Million Gulden. Freilich bleibt immerhin adzuwarten, ob Herr Szapary, der Gewohnheit der meisten Finanzminister folgend, nicht etwa die Farben zu glänzend aufgetragen hat.
Die Eröffnung der neuen Kammersession in Frankreich hat in der Depulirtenkammer zunächst die Wiederwahl des bisherigen Präsidiums ergeben. Demnach bekleidet Floquet wiederum das Präsidenten'Amt, Delaforge, Lesevre und Buyat sind abermals Vicepräsidenten; zum 4. Vice- Präsidenten wurde Casimir Perier an Stelle des in das Ministerium Freycinet eingetretenen Develle neu gewählt. Sämmtliche Präsidenten gehören mehr ober weniger der radikalen Richtung an, was jedenfalls bezeichnend für die Strömung innerhalb der republikanischen Elemente der neuen Kammer ist. Am Donnerstag hat die Kammer das Programm des Ministeriums entgegengenommen und wird demselben — abgesehen von den monarchistischen Gruppen — jedenfalls ihre Zustimmung ertheilt haben, da dasselbe ja den Wünschen der Radikalen speciell in Bezug auf die Tongking-Expedition ziemlich weitgehend Rechnung trägt. Die Kammer dürste sich im Verlause der Session auch mit der für das Jahr 1889 projectirten Weltausstellung in Paris zu beschäftigen haben, da der Handelsminister Lockroy einen hieraus bezüglichen Gesetzentwurf vorzulkgen gedenkt. Vorher sollen indessen die auswärtigen Regierungen durch die Vertreter Frankreichs befragt werden, inwieweit sie sich an der Ausstellung beteiligen würden. — Paul Bert, der Unterrichtsminister im Ministerium Gambetta, geht als sranzösischer Ministerresident nach §ue.
Die beiden Häuser des neuen englischen Parlaments sind am Dienstag ohne Sang und Klang zusammengetreten, denn die eigentliche Er- jisinung wird erst mit'der Thronrede der Königin Victoria am 21. d. Mts.
vor sich gehm. Im Unterlaufe wurde Peel einstimmig zum Präsidenten ober Sprecher gewählt, wobei Maccurty Namens der Pariullittn erklärte, daß dieselben zwar keinen Einspruch erheben wollten, daß ihnen aber die Wahl Peel'S aus persönlichen Gründen nicht genehm sei. In der Mittwochssitzung wurden die Schriftführer gewählt und andere Förmlichkeiten erieDigt.
Vermischtes.
Sad)ar ad), 8. Januar. [Zob in Folge Schreckens.) Herr Kaufmann F. aus Simmern wurde auf der hiesigen Station vom Schlage getroffen und da die Weiterreise nidit statlfinden konnte, im Hotel W. hier in ärztliche Behandlung genommen. Ein Telegramm, welches die Familie des Verunglückten in Kenntniß setzen sollte, hatte die traurige Folge, daß Frau F., vom Schlage getroffen, auf der Stelle todt blieb.
Buckau, 6. Januar. Der „Magd. Ztg." wird gemeldet: Bei einem heute Mittag in der Südstraße vorgekommenen Haus-Einsturz sind, so viel id) bis jetzt habe erfahren können, acht Menschen verunglückt. Fast alle sind mehr oder weniger schwer verletzt worden; Arm- und Beinbrüche und schwere Verstauchungen sollen _bcinabe alle davongetragen haben. Einer hat außer anderen Verletzungen auch einen Schädelbruch erlitten, so daß er wobl schwerlich mit dem Leben davonkommen wird. Die meisten der Verunglückten wurden nach dem Magdeburger Krankenhause geschafft, lieber die Ursache des Einsturzes fehlt nod) ein sicherer Anhalt.
— (Wenn oie Wände Ohren^ haben.) Seit einiger Zeit grübeln die Mitglieder des Chors und die kleinen Solisten am Monnaie - Theater in Brüssel (das Opernhaus der belgischen Hauptstadt) darüber nach, weßhalb ihr gestrenger Herr Kapellmeister plötzlich so äußerst höflich und gewählt in seinen Apostrophen gegen sie geworden, eine Neuerung, die bei seiner bekannten — Offenherzigkeit fast beängstigend wirkt. „Boudoir" erzählt nun den Grund dafür. Ihre Majestät die Königin von Belgien, eine der eifrigsten Besucherinnen der Oper, war burd) die Hoftrauer uni König Alfonso von Spanien dem Moimaie-Thenter serngehalten, aber wozu hätte man das Telephon erfunden? Ihre Majestät ist vielleicht bie Erste, welche es für Opern- Zwecke zuerst aus Versuchen zu regelmäßiger Benutzung brachte und sie war von ihrem Erfolg so entzückt, daß sie die Benutzung der Telephon-Verbindung vom Opernhause bis Schloß Laeken bis auf die Proben ausdehnte. Eines Morgens aber ließ Ihre Majestät mit allen Zeichen des Schreckens das Lauschrohr fallen — und ihre Erregung ließ ein heftiges Unwohlsein vermuthen. Aber nur die Ohren der hohen Frau waren von einem „Anfall" getroffen. „O, mein Gott, dieser Kapellmeister — wie er flucht und schimpft — — die armen Choristen." Am anderen Tage erzählte ein Kammerherr dem Herrn Kapellmeister sub rosa, daß Ihre Majestät oft die Proben anhöre, auch gestern, als er die Herren Choristen „eine Heerde Ochsen und Esel" und „cochons“ genannt habe----Seit dieser Stunde regieren nur noch parlamen
tarische Ausdrücke diese „Heerde."
— Vor einigen Tagen feierte in Paris der junge Seidenwaarenfabrikant Barnard feine Hochzeit mit dem 18jährigen Fräulein Lydie Dubois. Zwischen der Trauung und dem Festmahle überredete der junge Ehemann seine Frau, mit ihm seinen seit zehn Jahren in einer Einzelzelle des Irrenhauses befindlichen Vater Charles Barnard besuchen zu wollen. Die junge Frau erklärte sich einverstanden, und als sie zu dem Vater kamen, versicherte ihnen die Wärterin, der alte Herr sei ganz ruhig und werde sich gewiß freuen, seine Verwandten zu sehen, da er bereits seit Wochen von der Hochzeit erzähle. Das junge Paar trat ein und während die Frau aus ihrer Tasche mitgebrachtes Zuckerwerk hervorholte, schrie der Irre plötzlich: „Du bist die böse Fee, die mich hierher verbannte!" sprang gleid) einem Naubthiere auf die Unglückliche los und begann sie am Halse zu würgen, während er ihren Leib mit den Zähnen zerfleischte. Auf den Lärm kamen von allen Seiten Leute herbei, man befreite die bewußtlose Frau, doch dieselbe siel infolge der Aufregung in Krämpfe und starb nach wenigen Stunden.
London, 9. Januar. Der strenge Winter, der sich hier mit dem großen Schneefalle vor einigen Tagen eingestellt hat, hält an und verursacht unsagbares Elend unter den ärmeren Klassen, die in Folge der großen Arbeitslosigkeit kaum das tägliche Brod erringen können und jetzt auch mit Schnee und Kälte zu kämpfen haben. In Folge der mangelhaften Anstalten zur Wegschaffung des Schnee's und Reinigung der Straßen befinden sich letztere, namentlich in den Vorstädten, in fast unpaffirbarem Zustande und der Wagenverkehr ist in vielen Theilen der Metropole gänzlick) unterbrochen. Zu dem scharfen Froste gesellte sich gestern ein heftiger Sturm, der namentlich im Norden Englands große Verheerungen und zahlreiche ed)iff§unfäüe verursachte. c ... _ „ ,
— ^Englische Geizhälse.) Aus Lsndon wird der „Franks. Ztg." geschrieben . Es ist schwer zu sagen, ob England reicher ist an Geizhälsen als andere Länder und ob klimatische Verhältnisse oder die Erziehungsmethode in gewissen Leuten die aun sacra fames auf Kosten anderer Eigenschaften Übermäßig entwickeln. Sicher ist jedoch daß die Habsucht und der Geiz in seiner nacktesten, abschreckendsten Form in der guten Gesellschaft wenigstens zur Seltenheit gehört; solche Eigenthumlichkeiten find nicht gentlemanly, und es muß schon ein Herzog oder mindestens em Earl sein, der stch Schäbigkeit oder gar Geiz erlauben darf. So sind auch alle Geizhälse, deren Absterben in der letzten Zeit gemeldet wurde, aus den niedrigen Ständen; am besten sttuirt war vielleicht der ehemalige Bankkommis in Croydon, der vor Kurzem im vorgerückten Alter todt in seinem Bette gefunden wurde. Er war in seinem Wohnorte als Sonderling bekannt; jedes Kind kannte die seltsame Gestalt, die seit einem Menschenalter anscheinend im selben schäbigen Rock zur selben Stunde um die Ecke huschte, um Nahrungsmittel einjutaufen. Der alte Herr pflegte sie eigenhändig zuzubereiten, und daß er sich nie überaß, das konnten die Krämer ihm bezeugen. Niemand durfte feine ärmlich möMirte Wohnung betreten, er besorgte Alles selbst, flickte Alles selbst. Da überraschte aud) ihn der Tod, der Keinen schont, und ein Schwesterkind des Verstorbenen machte die erfreuliche Entdeckung, daß ihm ein Vermögen von über Lst. 100 000 (2 Millionen Mark) zugefallen sei; der alte Herr hatte vor etwa 40 Jahren, zur Zeit der Eisenbahn- speeulationen den Grundstein zu einem Vermögen gelegt, das jetzt Verwandten gehört, um die er sich zeitlebens nie gekümmert. — Männer und Frauen imb gleid) schlimm, nur mit dem Unterschied, daß die ersteren ihr zusammengescharUes Geld gemeiniglich profitabel anlegen, die letzteren es einfad) bei ^oeite legen. Wenigstens hat Mrs. JJiinnett in Newark, die dieser Tage starb, nach diesem Grundsatz gehandelt. Sie wohnte aUem in einem Häuschen außerhalb der Stadt und lebte fo armselig, daß die Nadibain ihr häufig Speisen schickten, die sie mit Zeichen der größten Dankbarkeit entgegennahm. Nack) ihrem Tode fand man, daß die Schnüre ihres Bettes mit Banknoten umwickelt waren, eine 5 Pfd.-Note stak, in einen Staublappen gewickelt, in einem Loch in der Mauer. Geldstücke im Betrage von Lstrl. 35 waren unter den Kohlen versteckt und in einem Schrank stak ein Bündel Noten, so dick, daß man es mit bewert Händen kaum fassen konnte. Eine Kiste voll Gold- und Silbermünzen wurde aus dem Haus geschafft und das ganze Vermögen, das einem Neffen zufallt, wird auf Lstrl. 11000 (225 000 X) geschätzt, soweit jetzt ermittelt ist. Em Testament, das dem Stadtpolizisten Lstrl. 500 vermachte, war nicht rechtsgültig unterzeichnet. — Die Wohlthatigen m Leamington werden sich hüten, wieder einem bedürftigen alten Mann zu helfen. Seit 16 Jahren sah man regelmäßig jeden Tag den alten Edward Gib,an zur Encnbahn- station gehen und dort Kohlenstückchcn und Späne auflelen, die er IN eine alte Schuh- nachermerkstätte trug, wo man ihn ans Mitleid schla,°n ließ Mitl-idig- Siachborn unterstützten ihn, und nie gab er mehr als 2'/--Schilling-per Woche aus. Nach seinem Tode tand man W-rthschristen im Betrage oon Citri. 10000 ans welche zwei in London residirende Neffen als Jntcstaterben Anspruch erhoben habet,. Im Bergleich mit diesen geizigen Reichen ist sreilich der alt- John I. Saul der vor e,n paar Tagen m Camdentown Hungers starb, ein bloßer Bettler. Er verdiente lemen Lebensunterhalt indem er gedruckte Gesänge in den Straßen von Somers Town feil hielt wo er leit 34 Jahren bekannt war. In seiner Tasche |and |ich ein Bankjchem lur Lstrl. 60, die I nun der Krone zufallen, da keine Anverwandte bekannt sind.


