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Nr. 291 Dienstag den 14 Dcccmbcr 1886.
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Bwrratlt Schulstraße 7.
Erscheint täglich mit Nusnehme be5 Montags.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bring erlös n.
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mar! 50 —BM—LIÄI*. IL Hg!A&-WÜC: .....
Aeutschtand.
Berlin, 11. December. In ihrer heutigen Morgensitzung, welche von 10 bis 1 Uhr dauerte, hat die Militärgesetz-Commission nur zwei Redner, den Herrn Richter und den KriegSmmister, gehört, welch' letzterer seinem Vertreter, dem Major Haberling, für die nächste Sitzung die in's Einzelne gehende Wider- legung der Richter'schen Ausstellungen und Berechnungen vorbehielt, während er selber in den großen Grundzügen die Jrrthümer des Fortschritts-Redners richtig stellte und die Lücken ausfüllte, welche Herr Richter in den frühern Darlegungen des Herrn v. Bronsart bemängelt hatte. In letzterer Beziehung entschuldigte sich der Kriegsminister damit, daß er gestern schon so lange gesprochen und nicht geglaubt habe, in der allgemeinen Berathung auf alle Einzelheiten seines Planes eingehen zu sollen. Richter sprach volle zwei Stunden und suchte, während er seine eigenen in der Plenarberathung gemachten Zahlenangaben aufrecht hielt, die in den vertraulichen Mittheilungen des Kriegsministeriums enthaltenen Angaben über Stärke und Formation der französischen, russischen und deutschen Armer zu widerlegen. Heute berief sich Herr Richter auf den Herrn Wtndt- horst bezüglich des Verlangens nach Aufklärung durch das auswärtige Amt. Auch er schien sich zufrieden geben zu wollen, wenn erklärt würde, daß man nichts erklären könne. Bei Licht besehen liegt dieser Standpunkt gar nicht weit ab von der Ansicht der Conservatioen, daß die Lage selbst und das Schweigen des Reichskanzlers deutlich genug sprechen. Der Führer der deutschfreisinnigen Partei nimmt das Zugeständniß an, Daß eine unmittelbare Kriegs- gefahr nicht drohe, und erblickt einen Beweis dafür auch darin, daß Oesterreich nicht stärker rüstet und von den Delegationen nur 4 Mill. Gulden gefordert hat. In der Richtung gegen Frankreich betont Herr Richter unfern Landsturm und behauptet, daß Frankreich jährlich 6000 Mann weniger aushebe als wir. Während man für Frankreich 70,000 Mann Truppen in den Kolonien abziehen müffe, feien bei uns 19,000 Mann Erfatzrefervisten nicht gerechnet. In Frankreich feien feit 1880 nur 8 neue Bataillone formirt, in der Rechnung des Kriegsministeriums feien Truppentheile enthalten, die man in Deutschland nicht mitzähle. Würden Boulangetts Pläne in Frankreich angenommen, fo werde -die Armee im Stadium der Reorganisation mehrere Jahre lang nicht kriegssöhig sein. Von Rußland behauptet der Redner, daß besten HeereSreform schon vor 1880 liege und dort seitdem nur die 8 finnischen Schützen-Bataillone gebildet worden seien, die noch dazu früher bestandene Truppentheile ersetzt hätten. Die Anfrage, wie sich das Kriegsministerium die Ausfüllung der neuen Cadres denke, führte zu der Erinnerung, daß zur Zeit des Pausch-Quantums eine wesentlich geringere Dienstzeit bestand. Eine Reihe Fragen bezog sich auf Gegenstände vertraulicher Natur. Der Kriegsminister wiederholte zunächst die Erklärung, daß eine „actuelle" Kriegsgefahr nicht vorhanden sei, berichtigte aber den Jrrthum des Vorredners, als wenn das etwa um Neujahr beschlossene Gesetz nicht schon am 1. April einen großen Theil seiner Wirkung äußern könnte. Es sei ein großer Unterschied zwischen auf dem Papier oder in Wirklichkeit for* mitten Cadres. Auch der Kriegsminister berührte Punkte, die fich der Mittheilung entziehen, erinnerte aber daran, wie wenig sich der Coefficient innerer Tüchtigkeit bei der Vergleichung mit andern Armeen berechnen lasse. Wenn Oesterreich vorgeblich nichts thue, so sei es um so mehr unsere Pflicht, selber zu sorgen. Mit Unrecht ziehe der Vorredner die französischen Truppen in Algier nicht mit in Rechnung; wie das Jahr 1870 gezeigt, seien algerische Truppen schon in den ersten Schlachten gegen uns verwendet worden. Ebenso nehme Herr Richter mit Unrecht keine Rücksicht auf die französische Marine- Infanterie, welche sich bei Sedan tapfer geschlagen, und auch die Kriegsmatrosen seien kein unbrauchbares Material. Sehr eingehend wurde das Verhältniß der deutschen und französischen Attillette besprochen. Wenn Herr Richter gemeint, daß die Annahme des Boulanger'schen Organisationsplans deshalb unwahrscheinlich sei, weil soviel dagegen geredet und geschrieben werde, so sei dies ja auch bei unserer Vorlage der Fall und er, der Kriegminister, hoffe doch, daß sie Annahme finde. Anlangend die Meinung Richters, daß der Plan Boulan- ger's, wenn angenommen, mehrere Jahre zur Durchführung brauche, machte sich der Kriegsminister anheischig, vielleicht abgesehen von der Bildung einiger neuen Kavallerie-Regimenter, wenn dafür die Remonten etwa noch nicht eingeritten seien, die Organisation in wenigen Monaten durchzuführen. Der Beginn der Plenarsitzung veranlaßte den Abbruch der Verhandlungen, welche morgen früh, je nachdem das Plenum Sitzung hält oder nicht, um 10 ober 11 Uhr beginnen soll. Die „Civilminister" waren nur durch den Minister v. Puttkamer als Zuhörer vertreten. (Köln. Ztg.)
Dresden, 11. December. Der König verlieh dem Prinz-Regenten Luitpold das dritte sächsische Infanterie-Regiment Nr. 102 (Zittau). Der Oberst desselben, zwei Hauptleute und ein Premier-Lieutenant überbrachten bereits heute dem Prinz-Regenten die Huldigung des Regiments. Nachmittags stattete der Regent dem bayerischen Gesandten einen Besuch ab und besichtigte das Panorama. Die Abreise erfolgte Abends 8 Uhr mit einem Extrazug über Regensburg. Von der Königin und der Prinzessin Mathilde verabschiedete sich der Regent im Schloß. Der König, Die Prinzen Georg, Friedrich und August begleiteten den Regenten auf den Bahnhof, wo sie fich sehr herzlich verabschiedeten. Eine Deputation des Zittauer Regiments war am Bahnhose anwesend.
Irankreich.
Paris, 11. December. Nachdem Billot die Uebernahme des Mniste-
riums bcfl Auswärtigen abgelehnt hat, traten die Mitglieder des neuen Cabinets zu einer Sitzung zusammen, in welcher beschlossen wurde, daß Goblet das Ministerium des Auswärtigen interimistisch übernehmen solle. Gleichzeitig wurde der Wort'.aut einer Erklärung sestgestellt, welche in der Kammer verlesen werden soll.
Paris, 11. December. Deputirtenkammer. Goblet verlas eine Erklärung des neuen Ministeriums, in welcher es heißt, daß dasselbe hinsichtlich der auswärtigen Politik die von dem vorigen Cabinet eingeschlagene, von der Kammer gebilligte Richtung einhalten werde. Die innere Politik anlangend, so würden die gewünschten Reformen in der Session von 1887 vorgelegt werden. Das Ministerium werde übrigens bemüht fein, das Vertrauen der Kammer weniger durch zahlreiche Versprechungen zu erreichen, als es sich zur Aufgabe machen werde, jede Zusage mit Gewissenhaftigkeit zur Ausführung zu bringen. Die Kammer möge ihr Vertrauen zu dem neuen Ministerium dadurch an den Tag legen, daß sie demselben die provisorischen Zwölftel der Jahreseinkünste bewillige. — Goblet beantragte hierauf die Vettagung der Kammer bis Dienstag, um alsdann diese provisorischen Kredite zu bewilligen. — Die Kammer vertagte fich diesem Anträge gemäß bis Dienstag.
Italien.
Rom, 11. December. Der Kardinal Franzelin ist gestorben. — Die Quarantäne für die Provenienzen aus dem gesammten österreichisch-ungarischen Küstengebiet ist aufgehoben.
Telegraphische Depeschen.
Wolffs telegr. Corresponderrr - Brrrearr.
München, 12. December. Der Prinz-Regent ist mittelst Sonderzuges heute Früh kurz nach 8 Uhr hierher zurückgekehrt. Derselbe wurde am Bahnhofe von dem Prinzen Arnulf und der Generalität empfangen und von dem sehr zahlreichen Publikum, welches sich am Bahnhofe und in dessen Nähe versammelt'oatte, mit lebhaften Hochrufen begrüßt.
Sofia^ 12. December. Die russische Regierung hat dem hier zurückgebliebenen Secretär der russischen Agentur, Sonow, befohlen, sich zur Abreise bereit zu halten.
Petersburg, 12. December. Die in Kiew erscheinende Zeitung „Sarja" ist auf Grund des Preßgesetzes durch einen Beschluß des Ministeriums verboten worden.
Lokales.
Gießen, 11. December. Herr Amtsrichter Gebhardt wurde heute mit bedeutender Majorität zum ersten Director des hiesigen Gesellschaftsveretns gewählt, ein Zeugniß dafür, wie dieser Beamte auch in seinem außerdienstlichen Wirken schätzt wird.
Gießen, 13. December. sTheater.) Für die große Beliebtheit der Rudolph'schen Gesellschaft sprach wiederum der glänzende Besuch bei der gestrigen Aufführung von Moser-Schönthan's unverwüstlichem Lustspiel „Krieg im Frieden". Man bedauert in unseren theaterfreundlichen Kreisen allgemein, daß die mit so anhaltendem Beifall begleitet gewesene Theatersaifon bereits am Montag ihren Abschluß finden soll.
Die hervorragendste Lustspiel-Novität dieser Saison, G. v. Moser's „Der Bureaukrat", welcher augenblicklich mit großartigem Erfolge über alle hervorragenden Bühnen geht, bildet am Dienstag Abend die drittletzte Abonnementsvorstellung. Wir haben auf den Inhalt dieses reizenden Stückes bereits an dieser Stelle hingewiesen.
Am Mittwoch hat unser beliebter Komiker, Herr Becker, sein Benefiz und gelangt bei dieser Gelegenheit die humorvolle Räder'sche Gesangsposse „Robert und Bertram" zur Aufführung. Bei den großen Sympathien, welche sich der geschätzte Künstler während der kurzen Zeit seines Hierseins durch sein vortreffliches Spiel erworben, kann dem Beneficianten Becker gewiß ein volles Haus an seinem Ehrenabend nicht ausbleiben. Herr Becker hat uns durch seinen Humor so manche vergnügte Stunde bereitet — also wollen wir ihm Meiches mit Gleichem vergelten.
Weihnachtsaufführung des evangelischen Kirchengesangvereins.
Gießen, 13. December.
Wir lasen in einem Vortrage, welcher auf dem diesjährigen evangelischen Kirchengesang-Vereinstage in Bonn gehalten wurde: „Unsere Kirchengesangoereine wollen im Heiligthum dienen; — das ist die Wurzel ihrer Kunst, das ist ihre Legitimation, das ist ihre Freude, das ist ihre Ehre." Auch bei der gestrigen Weihnachtsaufführung in unserer Lrtadtkirche wird die evangelische Gemeinde es dankbar und wohlthuend empfunden haben, wie unser Kirchengesangverein in diesem seinem innersten Zweck: im Helligthume zu dienen, gerecht geworden ist. Wmn weltliche Gesangvereine die Kunst zum Zweck sich stellen und deßhalb nach der höchstmöglichen künstlerischen Leistung streben, so stellt sich der Kirchengesang ein bescheideneres Ideal in Bezug auf die Kunstausübung — ein höheres in Bezug auf die innerliche Erbauung. Der weltliche Gesang kann nicht leben und gedeihen ohne Beifall, der geistliche bedarf dessen nicht, — hat er die Seelen für die Empfindung des Heiligen und Ewigen gestimmt, um sie durch das Kyrie eleison zur ernsten Einkehr, durch das Hosianna zum Preise des Herrn Himmels und der Erden geleitet: so hat er sich genug gethan. — Wir haben an Der Hand dieses Maßstabs auch-die gestrige Weihnachtsaufführung gemessen und glauben im Sinne der evangelischen Gemeinde unserem Gießener evangelischen Kirchengesangverein warmen und von Herzen kommenden Dank dafür aussprechen zu dürfen. Wir enthalten uns der Beurthellung von Leistungen Einzelner, betrachten überhaupt diese Art der Kritik als unangebracht bei einer kirchlichen Aufführung — ein Jeder dient mit der Gabe, die ihm geworden, dem Herrn. Aber auch dem berufenen Musikkenner, und wir zweifeln nicht, daß auch solche gestern anwesend waren, wird die Wiedergabe jener alten und neuen herrlichen Lieder und Weisen, volle Ve- ftiedigung in Bezug auf Auswahl der Eomposition, Präcision der Ausführung und


