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14.11.1886 Drittes Blatt
 
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266 Drittes Blatt. Sonntag den 14. November 1886.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeisitblatt für dm Kreis Gießen.

-------------------------- " 7 77~ " " Prei- vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Kvbigcrfcfctt.

vnrea« r Schulstraße 7. Erscheint täglich mrt «usnabme des MontagS. $Ur($ die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

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Amtlicher Hheil.

Bekanntmachung.

In Gemäßheit des § 9 des Gesetzes vom 13. Februar 1875 über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden werden hiermit nach, stehende DurchschnittSmarktpreife vom Monat October 1886 veröffentlicht:

v Hafer 12,45 M., Heu 6,- X, Stroh 5,75 JL pro 100 Kilogramm.

Gießen, den 11. November 1886. Grobherzogliches Kreisamt Gießen.

Dr. Boekmann.-----------------------------------------

Nr. 33 des Reichs-Gesetzblattes, ausgegeben den 9. d. Mts., enthält:

(Nr. 1688.) Verordnung, betreffend die Einberufung des Reichstages. Vom 8. November 1886.

Gießen, am 12. November 1886. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

Dr. Boekmann.______

Wochen - Ueberfkcht.

Gießen, 13. November.

Die Heimkehr des deutschen Thronfolgers von seinem Herbst­aufenthalte im sonnigen Süden eröffnete diesmal die Reihe der Wochen-Begeben- heilen. Mlt srohbewegtem Herzen ist der ritterliche Kaisersohn allüberall, wo er auf deutschem Boden während der Heimfahrt längeren Aufenthalt nahm, seitens der Bevölkerung empfangen worden und namentlich in Weimar, wo der hohe Herr die Hochzeitsfestlichkeiten am Hofe, und in Merseburg, wo er die Ein weil ung des restaurirlen Domes durch feine Gegenwart verschönte, wurde ihm eine überaus herzliche Ausnahme bereitet. In Berlin selbst hatte der Kronprinz die doppelte Freude, seinen kaiserlichen Vater im besten Wohlsein an­zutreffen und seinen ältesten Sohn, den Prinzen Wilhelm von Preußen, von dessen langwieriaem Ohrenleüen säst vollständig wieder hergestellt zu sehen. Die Thatsache, daß Prinz Wilhelm AnsanaS dieser Woche seine dienstlichen Obliegen­heiten als Commandeur des Garde - Husaren - Regiments wieder ausgenommen hat, widerlegt wohl am besten die gerade in der letzten Zeit aufgetauchten Ge- rüchte, daß der Zustand des Prinzen seiner Umgebung Anlaß zu Besorg- niffen gebe.

Prinz Ludwig von Bayern, der älteste Sohn des Prinz-Regenten Luitpold und folglich präsumtiver bayerischer Thronfolger, weilt seit Donnerstag als Gast der Kaffersamilie in Berlin. Prinz Ludwig hat im königl. Schlöffe Wohnung genommen und hat den Kaiser am gestrigen Freitag zu den Hos- jagden bei Letzlingen begleitet. Der Besuch des bayerischen Fürstensohnes in der Reichshauptstadt ist ein neuer Beweis für die überaus freundschaftlichen Beziehungen, welche zwischen den Höfen von Beilin und München seit der Be­grüßung zwischen Kaiser Wilhelm und dem Prinz-Regenten Luitpold in München sichtbarlich hervorgetreten sind und wird der noch bevorstehende Besuch des Prinz-Regenten Luitpold, selbst am Berliner Hose diese Beziehungen nur noch inniger gestalten. r,

Als die hervorragendste Nachricht aus dem Gebiete der inneren Angelegenheiten ist aus der a'ogelaufenen Woche die of fick He Bekannt- gebung des 25. November als des Tages der Reichstags-Eröffnung zu bezeichnen. Es trennt uns also wenig mehr als eine Woche von diesem Termine und wer­den nunmehr die Vorarbeiten zu dem parlamentarischen Winterseldzuge im Bun- desrathe und in den einzelnen Refforts des Reiches wohl mit verdoppelter Energie gefördert werden. Es ist gegründete Aussicht vorhanden, daß der Bundesrath mit der Vorberathung des Reichsbudgets bis zu dem genannten Zeitpunkte fertig werden wird, nachdem ihm in diesen Tagen auch die noch rückständigen Specialetats des Heeres und des auswärtigen Amtes zugegangen sind. Der letztere zeigt nur unbedeutende Veränderungen; unter den einmaligen Ausgaben besinden sich ein Posten von 150,000 Jt. als Unterstützung für die Förderung der auf die Erschließung Central-Afrikas und anderer Ländergebiete gerichteten wiffenschaftlichen Bestrebungen, und ein Posten von 30,000 all Unterstützung für die deutsche zoologische Station in Neapel, lieber den Militär- Etat hat man erst nähere Mittheilungen abzuwarten. Der wiederum ungewöhn­lich spät erfolgende Zusammentritt des Reichstages schließt die Möglichkeit, daß es ihm noch gelingen werde, den Etat in seinen wesentlichsten Theilcn bis Wech> nachten zu erledigen, vollständig aus und hieraus resultirt von selbst eine Ver­spätung auch in Den andern Arbeiten des Reichstages. Uebrigens wird osficiöserseits versichert, daß irgendwelche neue Steuer-Vorlagen den Reichstac nicht beschäftigen werden. Allgemein wird erwartet, daß die Finanzlage gleich zu Anfang der Session zu lebhaften Verhandlungen führen wird, obgleich der eigentliche Schwerpunkt in den nach den Weihnachtsserien stattfindenden Ver­handlungen über die Militärsrage liegt.

Der Reichskanzler Fürst Bismarck ist nebst Gemahlin am Mitt­woch Abend wieder in Berlin einzetroffen. Die Rückkehr des leitenden Staats­mannes an den Centralpunkt der Geschäfte dürfte in erster Linie mit der bevorstehenden Einberufung des Reichstages Zusammenhängen, doch werden wohl auch Fragen der auswärtigen Politik, speciell die neuesten Ereigniffe in Bulga- rien, den Reichskanzler zur Rückkehr nach Berlin veranlaßt haben, um Dem Kaiser persönlich Vorträge hierüber zu halten.

Bei der in Berlin am Donnerstag stattgesundenen Ersatzwahl im ersten Landtags-Wahlkreise ist der freisinnige Candidat, Dr. Hermes,

mit beoeutender Mehrheit gewählt worden und war an deffen Sieg nach den Ergebniffen der Urwahlen von vornherein nicht zu zweifeln.

Die Aussehen erregende Verhaftung einer größeren Anzahl von Arbeitern in Buckau bei Magdeburg soll nicht wegen hochverräterischer Pläne, sondern wegen Verbreitung socialistischer Schriften und ähnlicher Ver­gehen erfolgt sein. Die ganze Angelegenheit ist offenbar sehr ausgebauscht vorden, was schon daraus hervorgeht, daß mehrere der Verhafteten wieder ent» affen worden sind. t L ~ ,

Die württembergischen Kammern sind auf den 2d. November, also denselben Tag wie der Reichstag, einberufen worden.

Auf dem Felde der auswärtigen Politik beanspruchten die Nachrichten aus und über Bulgarien wieder einmal den Löwenantheil. Speciell ragt unter ihnen die Meldung über die seitens der Sobranje am Mittwoch vollzogene Fürstenwahl hervor. Prinz Waldemar von Däne­mark, der jüngste (1858 geborene) Sohn des dänischen Kömgspaares und demnach ein naher Verwandter der englischen Königsfamilie, wie des russischen Kaiserhauses, ist von den Vertretern der bulgarischen Nation zum Nachfolger des Fürsten Alexander erkoren worden. Eine Depesche der bulgarischen Regent­schaft hat dem dänischen Prinzen, der zur Zeit mit seiner Gemahlin, Prinzessin Marie von Orleans, in Cannes refibirt, von dem ihm zugedachten Glucke, das unter den obwaltenden Umständen freilich etwas zweifellos erscheint, sofort in Kenntniß gesetzt und eine aus sechs Sobranjemitgliedern bestehende Deputation steht im Begriff, dem Prinzen Waldemar die Wahlakte zu Überbringern So­weit wäre alles gut und schön, aber die große Hauptfrage ist, ob Rußland dieser Wahl zustimmen wird, zumal Prinz Waldemar schon früher erklärt haben soll, er würde die bulgarische Krone, falls man sie ihm anbieten sollte, nur mit Genehmigung Rußlands annehmen. Seitens der Sobranie ift bie Wahl des Prinzen Waldemar selbst unter Hinblick auf die Mißbilligung Ruß­lands erfolgt und die Regentschaft hat mit der Erklärung, demrfffomren zu wollen, wenn der Dänenprinz ablehne, augenscheinlich ihren letzten großen Trumpf ausaespielt. Der Umstand, daß der eine Regent, Karawelow, bereits zurückgetreten ist, läßt fast darauf schließen, daß die Tage der bulgarischen Regentschaft in der That gezählt seien, lieber die Haltung Rußlands gegen­über dem Wahlbeschlusse der Sobranje lag bis zum Nachmittag des 12. November allerdings noch keine Nachricht vor; lediglich eine Aeußerung derNeuen Zeit war bis dahin zu verzeichnen, welche besagt, daß die Ablehnung des Prinzen Waldemar außer allem Zweifel stehe. Diese Fassung ist etwas unklar, man weiß nicht recht, ob Rußland die Wahl des Prinzen Waldemer oder ob letzterer selbst die Wahl ablehnt; vielleicht ist beides zusammen richtig. Heber die Lage in Bulgarien selbst laufen höchst beunruhigende Nachrichten em. Die neuesten russischen Putschversuche von Burgas und Philippopel haben nur dazu beigetragen, die allgemeine Unruhe im Lande zu vermehren; m Ostrumellen soll eine Anarchisten - Bewegung sich stark bemerklich machen, welche die ost- rumelischen Notablen angeblich veranlaßt hat, Hilfe von der Pforte zu erbitten. Capitän Nabokoff, der Haupträdelssührer bei der Militärverschwörung von Burgas ist, wie sich dasBert. Tgbl." von seinem Wiener Korrespondenten depeschiren läßt, zum Tode verurtheilt worden; 'bie übrigen Meuterer, soweit die bulgarische Regierung ihrer eben habhaft werden konnte, seren zu fünfzehn Jahren Gefängniß verurthellt worden. (Bekanntlich hat der russische Con- sul in Burgas vom dortigen Militärgerichte die Auslieferung Nabokoff s DCra In England bildete die große Rede des Premiers Salisbury auf dem Londoner Lordmayors-Bankett unstreitig das politische Wochenerelgniß. Sie ist in der Hauptsache der bulgarischen Angelegenheit gewidmet und der eigentliche Kernpunkt der Salisbury'schen Ausführungen liegt, wie allgemem zugegeben wird, in der Betonung des Zufammengehens

reich und dieser Hinweis hat sich in der gesammten Londoner Presse des uw getheiltesten Beisalls zu erfreuen gehabt. Im klebrigen tragt aber die Qalis- bury'sche Rede ein unverkennbar friedliches Gepräge und laßt so die Hoffnungen der Friedensfreunde nach dem ernsten Tone der österreichischen Thronrede wieder doppelt^auflebeNglischb ^ar(ament ifl bis zum 9. December vertagt ro0rbt3n der serbischen Skupschtina ist bei der Berathiwg des neuen