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Beilage ;u Nr. 37 desGießener Anzeiger".

Der Pölielaufrilhr in London.

DerKöln. Ztg." wird aus London unterm 9. Februar geschrieben:Wo Var die Polizei^" Mit dieser Frage läßt sich die Möglichkeit der Entstehung des Gestrigen Pöbelaufruhrs allein erklären. Man denke sich eme Volksmenge von 25 000 Köpfen auf dem großen Trafalgarplatze int Herzen der Stadt, unweit von Westminster, Strand und Piccadilly. .Hier, am Sockel des Nelson-Denkmals, haben die Stellen­losen Fuß gefaßt. Sie konnnen als ordentliche Arbeiter und Mitbürger, um auf dem Wege der Erörterung sich Gehör für ihre Leiden zu schaffen. Ihnen gegenüber lagern auf dem Fahrweg über dem Steingeländer des Platzes dieRevolutionäre", Social- Lemokraten, im Schatten ihrer rothen Flagge und predigen unverhohlen Gewalt lind Umsturz. Es ist das nichts neues. Tie Ohren der Polizisten sind an "Alles gewöhnt, an Schmähungen gegen Königin und Minister, an Aufforderungen zu Raub und Mord; Grund zum Einschreiten lag also nicht vor. Anders aber ward die Lage, als Plötzlich Talffende auf dcnl Boden nach Steinen suchten und, der rothen Fahne folgend, den Weg nach dem Elublande einschlugen, nach Pall Matt, St. Iames's Street unb Piccadilly. Schon vor dein conservativen Earlton Elub, der keine 400 Schritte von Trafalgar oquarc entfernt ist, ward Halt gemacht und auf ein gegebenes Zeichen erfolgte ein Steinhagel, der säinintliche Scheiben des linken Flügels zerschmetterte. Ein einziger Polizisteuzug hätte hier die Fluth noch eindämmen tonnen, aber die Polizisten nahmen offenbar an, daß die Menge wie bei früheren Anlässen nach Hyde Park eile, um dort ihren Bitternissen in noch stärkeren Ausdrücken Luft zu machen; sie -verblieben daher auf dem Trafalgarplatze. Und so ward denn das alischeinend Un­mögliche möglich, daß in der größten Stadt der Welt, die über 13,000 Polizisten ver­fügt, in der Nähe der königlichen Paläste, mehrerer Cascrnen mit) des Generalpolizei­amtes ein Pöbelhaufe eine Stunde lang in den belebtesten Straßen sein Unwesen treiben, zerstören und plündern konnte, ohne auf irgend einen Wächter des Gesetzes zu stoßen. Der ungerichtete Schaden läßt sich noch nicht übersehen. Am größten wird die Glaserrechnung sein, denn der Steinvorrath in den Taschen war so groß, daß kaum ein Elubfenster der Zerstörung entging. Denn kaum hatte sich der Janhagel nach dem Angriff auf den Earlton Elub an Marlborough House, der Wohnung des Prinzen von Males, und St. Iames's Palast, dem veralteten Konigspalast, vorbeigewälzt, als sie das Zerstörungswerk regelrecht begannen. Der Thatched House Elub, der Eonservative, Arthurs, Brooks, Universitäts- und Devonshire Elub wurden bombardirt, letzterer am empfindlichsten. Ein Versuch, von Piccadilly nach Arlington Street, der Residenz Lord Salisburys, abzubiegen, scheiterte an dem Widerstande einiger entschlossener Männer. In Piecadilly kam die Reihe zunächst an die glänzenden Kaufläden, so an den Bürsten­händler Harris, den Großsattlcr Martingale, an den Papierhändler Harding; ferner das Bathhotel und den Turf-Club, dann an sämmtliche Häuser auf der Nordseite bis nach Halfmoon Street hin. Hier plünderten sie das an der Ecke befindliche Strumpf- waarengeschäft vollständig aus und verbreiteten sich dann nordwestwärts nach Louth Andley Street und Grosvenor Square hin und hier begann denn die eigentliche Plünderung im Großen. Ein Uhrmacher, welcher sie mit dem Revolver bedroht, ward übermannt und seiner Uhren und Geschmeide im Wcrthe von mehreren tausend Pfund beraubt; in Weinhandlungen drang man ein, leerte die Flaschen an Ort und Ltelle, um sich derselben später beim Werfen zu bedienen; zu demselben Zweck dienten HammelSkeulcn und Schinken, die mit vielem Geschicke nach den Fenstern der oberen Stockwerke geschleudert wurden. Zugleich vergriffen sich die Kerle an anständigen Fuß­gängern und Wagen, rissen den Leuten die Juwelen von den Kleidern; im Hyde Park beraubten sie die herrschaftlichen Kutscher ihrer Livreen. Nachdem noch Grosvenor Square und einige in der Nähe gelegene Straßen bedacht worden, ward der Kehraus im Hyde Park unter der Achilles-Bildsäule gefeiert, wo wie die Chronik sarkastisch meldet verschiedene soeialistische Führer zur Mäßigkeit aufforderten. Natürlich fragt sich jeder, ob dies die Vorzeichen kommender Erdbeben und Stürme in der gesellschaft­lichen Ordnung seien und ob im besonderen London von den Pöbelhaufen des Ost­endes bedroht werde. Vor einigen Jahren hatte ich eine längere Unterredung mit H. M. Hyndman, demselben, welcher gestern vor der Nationalgalerie die Menge zum Kampfe gegen das Spießbürgerthum aufforderte.

Er versicherte mir dauials, daß wir auf einem Vulkan wandelten, daß der Tag der Abrechnung nahe sei, und besonders, daß es nicht schwer wäre, hunderttausend

Arbeiter aus dem Osten nach dem Westcnde marschircn zu lassen. Seitdem ist Hyud- utan das Haupt des Dcmokratenbundes geworden, hat eine Geschichte des englischen Socialismus veröffentlicht und betheiligt sich noch heute an der Herausgabe der socialistischen WochenschriftTo - Day", in welcher er seine Ziele auseinandersetzt. Hyndman sieht überall Socialismus. Er glaubt, daß die gesammte deutsche Armee socialistisch untergraben sei und nur auf das Zeichen von England warte. Und Hynd­man will dieses Zeichen geben. Sein Vaterland hat zwar den Socialismus nicht er­zeugt er läßt diesen Ruhm Deutschland; aber England besitzt die vollkommenste wirthschaftliche Entwicklung und daher hat cs den Elassenkampf anzufangen. Hyndman ist überzeugt, daß Deutschland, Frankreich und andere Länder folgen werden, so daß, wenn das Jahr 1889, das hundertjährige Gedcnkfest der französischen Revolution, gekomnien, das Ziel Hyndman's, der Eottectivismus, der Staatssocialismus durch das Volk, nicht durch die Beamten, erreicht sein wird. Offenbar dauert aber dem heftigen Manne die Zeit bis dabin viel zu lange, denn schon vor einem Jahre erzählte er den Stellenlosen auf dem Themsestaden, ihr Grundsatz solle sein:Leben um's Leben'. Das Leben eines Ministers für das des Arbeiters!" Für diese Aufforderung zum Ministermorde ward er damals aus dem University Club ausgestoßen, demselben, der gestern Abend mit besonderer Sorgfalt beworfen ward. Gestern rächte er sich dafür, indem er die Menge durch das Clubland anführte.Weßhalb sollen wir mäßig sein", schrie er,da wir doch verhungern müssen! Hätten die Tausende um uns nur den Muth von wenigen, so würde die bestehende Ordnung bald Zusammenstürzen. Aber sie verlassen die Volksversammlung und vergessen alles, was sie gehört. Ich und meine Freunde wollen Euch führen" u. s. w.

Ebenso heftig war sein Mitwühler Burns, ein bei den lehren Parlameustwahlen verunglückter Candidat für Nottingham. Vom Parlamente, von den Capitalistcn und den Gutsherren sei nichts Gutes mehr zu erwarten; sie seien selbst für den Strick zu schlecht. Wer für Revolution sei, solle die Hand cmporhalten. (Allgemeine Hände-Erhebung.) Es sei besser, kämpfend als verhungernd zu sterben. Nächstens sollen die Bäckerläden geplündert werden.Wollt ihr mit uns ziehen, wenn wir das Loosungswort geben:" rief er zum Schluß, und darauf erfolgte die oben erwähnte Steine - Auflesung. Die biederen Stellenlosen gegenüber betrieben unterdessen in aller Ordnung ihr Werk. Ausdrücklich verwahrten sich die Redner (Kelly, Kenny u. a.) gegen die Gemeinsamkeit mit den revolutionären Anschau­ungen der Socialisten; ihre Wünsche brachten sie in drei Beschlüssen vor. Erstens verlangten sie öffentliche Unterstützungsarbeiten, zweitens Versorgung der Ackerarbeiter, um ihr Einströmeu in die Städte und damit die Arbeitsnoth zu verhindern, und drittens die Auferlegung eines Schutzzolles auf auswärtige Industrie-Artikel.

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