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Nr. 60,

Mittwoch den 13 Januar 18KG

ielzencr Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Meßen.

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Amtlicher Hyeil.

Gießen, am 9. Januar 1886.

Betreffend: Das Gesetz vom 14. Mai 1879 über den Verkehr mit Nahrungsmitteln und Gebrauchsgegenständen.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Großberzoglicheu Bürgermeistereien der Landgemeinden des Kreises.

Unter Bezugnahme auf unser Ausschreiben vom 31. Januar v. I. (Anzeiger Nr. 30) geben wir Ihnen auf, innerhalb acht Tagen den vorgeschriebenen Jahresauszug aus der von Ihnen in obigem Betreff geführten Tabelle einzusenden.

______________ Dr. Boekmann.__

Bekan ntmachung.

Irr Gemäßheit des § 9 des Gesetzes vom 13. Februar 1875 über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Friede« werden hiermit nachstehende Durchschnittsmarktpreise vom Monat December veröffentlicht:

Hafer JL 13.10, Heu JL 5.70, Stroh JL 3.40 pro 100 Kilogramm.

Gießen, den 9. Januar 1886. Grsßherzogliches Kreisamt Gießen.

Politische Ueberficht.

Gießen, 12. Januar.

Kaiser Wilhelm hat anläßlich seine» Regierungs-Jubiläums auch vom Papste ein eigenhändiges Glückwunsch-Schreiben empfangen. In dem­selben spricht Leo XIII. u. A. seine Hoffnung auf baldige, zufriedenstellende Er­ledigung der schwebenden religiösen Fragen aus und empfiehlt der Gerechtigkeit und dem Wohlwollen des Kaisers die Sache der katholischen Missionen in den Reichs-Kolonieen. Der PariserMonde", welcher diese Nachricht bringt, be­richtet weiter, daß der Papst auch an König Ludwig von Bayern ein Schreiben gerichtet hat, in welchem der König gebeten wird, fich beim Kaiser für die katholischen Misstonen zu verwenden.

Der Reichstag hat am Freitag seine Arbeiten zunächst bei fthr schwach besetztem Hause wieder ausgenommen. Die Tagesordnung bot kein großes Interesse dar; nach Entgegennahme verschiedener geschäftlicher Mitthei­lungen genehmigte das Haus debattelos das Controlgesetz bezüglich des elsaß- lothringischen Etats in dritter Lesung und erledigte hieraus Wahlprüfungen, wobei lediglich die Wahl des Abg. Hänel eine kurze Debatte hervorrief. Zum Schluß genehmigte der Reichstag noch den Rest des Etats der Verwaltung der Eisenbahnen ohne besonders hervorzuhebende Discusfion. In der Samstags- Sitzung erledigte der Reichstag den Bernuth'schen Antrag, betr. die geschäftliche Behandlung von Resolutionen und begann dann die erste Lesung der Vorlage, betr. die Erbauung des Nordostsee-Kanals. Hiermit ist der Reichstag an die Berathung der ersten der großen Vorlagen abgesehen vom Etat seiner gegenwärtigen Sesfion herangetreten, aber man kann schon jetzt die Annahme dieser wichtigen Vorlage so gut als gewiß betrachten, denn alle Parteien, selbst die Socialdemokraten nicht ausgenommen, haben in ihrer Preffe schon die hohe wirthschastliche und politische Bedeutung dieses Kanals hervorgehoben. Wie be­kannt, veranschlagt die Vorlage die Baukosten auf insgesammt 150 Mill. J4, von denen 50 Millionen von der preußischen Staatskaffe vorweg als Beitrag gezahlt, die übrigen 100 Millionen im Wege einer Anleihe ausgebracht werden sollen. Der Zuschuß Preußens wird in der dem Entwürfe beigegebenen Denk­schrift durch den Hinweis gerechtfertigt, daß unter anderen Umständen, wenn der Kanalbau nicht erfolgen würde, Preußen auf die Instandsetzung des alten Eider- Kanals 40 Millionen zu verausgaben genöthigt sein würde. Der Ueberschuß von 10 Millionen bildet sicherlich ein genügendes Aequivalent für die besonderen Vortheile, die Preußen aus der neuen Wafferstraße in wirthschaftlicher Hinsicht zu erhoffen hat und zu welchen Vortheilen in erster Linie ein bedeutender Auf­schwung des Kohlenhandels aus den westsälischen Kohlenbezirken nach den Ostsee- Gebieten gerechnet wird. Für die Dampfer erwächst aus der Benutzung des Kanals eine Zeitersparniß von mindestens 22 Stunden und für Segelschiffe eine solche von ca. 3 Tagen. In strategischer Beziehung springt die Bedeutung des Kanals schon durch den Umstand in's Auge, daß seine aus 8V2 Meter ver­anschlagte Tiefe bei einer Breite von 60 Metern selbst den größten Kriegsschiffen die Durchfahrt gestattet. Die jährlichen Unterhaltungskosten sind auf ca. 2 Millionen berechnet.

Der am künftigen Donnerstag zusammentretends neue preußische Landtag bringt gewissen Beamten-Kategorien eine angenehme Überraschung. Der StaatshauShaltS-Etat enthält nämlich Vorschläge zu Gehaltsverbesserungen für die Bau-Jnspectoren und das Forstschutz-Personal, außerdem sollen eine Reihe unterer Beamten im Eisenbahnaußendienst Gehaltsaufbesserungen erfahren.

Die Fortsetzung der Landtags-Session scheint für Böhmen endlich die alten heftigen parlamentarischen Kämpfe zwischen Deutschen und Czechen wiederzubringen. In der am 5. Januar abgehaltenen ersten Sitzung nach Weihnachten des Ausschusses des böhmischen Landtages, an welchen der Plener'sche Antrag auf nationale Abgrenzung der Gerichts- und Verwaltungs- Bezirke verwiesen worden war, ist es bereits zu einer erregten Sprachdebatte gekommen. In deren Verlaufe offenbarte der Czeche Mattusch so recht die . ßavischen Wünsche aus sprachlichem Gebiete, indem er erklärte, daß die slavischen Nationalitäten sich weiter entwickeln müßten, daß ihr sprachliches Geltungs-

gebiet zunehmen, das der deutschen Sprache dagegen abnehmen müsse. Nun, dies ist wenigstens deutlich gesprochen und er kann hierin nicht nur für die Deutschen Böhmens, sondern auch des übrigen Oesterreichs blos ein neuer An­sporn liegen, ihr heiligstes Besitzthum, die deutsche Sprache, entschlossen gegen die anschwellende slavische Hochfluth zu vertheidigen.

Seit vorigen Donnerstag erfreut sich die französische Republik wieder eines definitiven Ministeriums und trägt dasselbe den Namen Freycinet^, des bisherigen Ministers des Auswärtigen. Dasselbe enspricht in seiner Zu­sammensetzung nothgedrungen den gegenwärtigen Parteiverhältnissen Frankreichs, denn neben den Opportunisten hat auch das radikale Element, welcher durch den Handelsminister Lockroy und den Kriegsminister Boulanger repräsentirt. wird, Aufnahme im neuen Ministerium gefunden. Besonders der letztere gilt . ein entschiedener Radikaler und dieser Umstand rechtfertigt gerade nicht den Charakter alsVersöhnungs-Ministerium", welches die meisten republikanischen Blätter dem Cabinet Freycinet beilegen. Von den Mitgliedern des früheren Cabinets Brisson gehören dem neuen Ministerium die Herren Goblet, Sadi- Carnot, Demole und Sarrien, sowie natürlich der Cabinets-Ches Freycinet selbst an, von den neu eingetretenen Ministern sind der Marine- und Colonial- Minister Aube, der Arbeits-Minister Baihaut, der Minister für Posten und Telegraphie Granet und der Ackerbau-Minister Develle politisch noch nicht weiter hervorgetreten. Im Wesentlichen erscheint das Cabinet Freycinet als das Resultat eines Compromisses zwischen den beiden großen republikanischen Parteien der Radikalen und der Opportunisten; ob es lebensfähig ist, wird die demnächst beginnende neue Kammer-Session ja bald beweisen. Vorläufig trägt sich das neue Cabinet mit den besten Absichten; seine Erklärung bei der Kam­mer-Eröffnung wird die Nothwendigkeit betonen, den Waffenstillstand herzustellen, um die Politik praktischer Reformen zu ermöglichen. Die Regierung werde die Mittel zur Herstellung des Gleichgewichts des Budgets erwägen. Vom Kriegs- Minister Boulanger wurde ein Tagesbefehl an die Armee erlassen, worin er sein Vertrauen auf die Unterstützung aller Grade der Armee ausspricht und erklärt, er werde den seit 15 Jahren verfolgten Weg der militärischen Renova­tion mit Energie weiter verfolgen. Wie derTempS" versichert, beabsichtigt Boulanger eine Reduction des Kriegsbudgets, womit die Beschränkung aller überseeischen militärischen Unternehmungen Frankreichs ausgesprochen sein würde.

Der osficiöse spanische Telegraph bringt seit einigen Tagen wiederum Cholera-Bulletins, wozu der Ausbruch der Seuche in Algesiras (Süd- Spanien) veranlaßt. Am 7. Januar kamen daselbst 22 Erkrankungen und 11 Todesfälle an Cholera vor, die Seuche scheint demnach in Algesiras mit verhältnißmäßiger Heftigkeit auszutreten.

Die unerwartete Vertagung der Cortes, welche einer Auf­lösung gleichkommt, da die Cortes vor den im März stattfindenden Neuwahlen nicht mehr zusammentreten werden, soll neueren Madrider Berichten zufolge wegen der Karolinen-Angelegenheit erfolgt sein. Die Regierung hatte erfahren, daß trotz des für Spanien günstigen Abschlusses dieser Affaire an die Vorlegung des Karolinen-Vertrages in der Deputirtenkammer ein großer Scandal geknüpft werden sollte und dem wollte die Regierung natürlich vorbeugen. In der spani­schen Presse werden allerhand thörichte Behauptungen von geheimen Abkommen und bergt., welche der Vertrag enthalten soll, verbreitet. Jedenfalls ist die end- giltige Erledigung der ganzen Karolinenfrage, die Genehmigung des bezüglichen Vertrages durch die Cortes, bis nächsten April vertagt, da erst zu diesem 3eit» punkte die neue spanische Volksvertretung zusammentritt.

Im Orient herrscht noch immer politische Windstille. Nur von Seiten Griechenlands wird ein wenig in die diplomatische Lärmtrompete gestoßen, wie das neuliche Rundschreiben des griechischen Ministerpräsidenten Delyannis beweist, in welchem man zwischen den Zeilen lesen konnte, daß Grie­chenland für seine bisherigeloyale" Haltung in der bulgarischen Frage auf irgend eine Belohnung rechnet. Indessen meldet ein Telegramm desReuter>- schen Bureaus", daß die griechische Regierung neuerdings der Pforte gegenüber ein versöhnliches Verhalten an den Tag lege und daß im griechischen Heere wegen des Weihnachtsfestes zahlreiche Beurlaubungen auf unbestimmte Zeit