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Mittwoch den 12. Mai

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politische Ueberficht.

Gießen, 11. Mai.

Die Abreise der Kaiserin nach Baden-Baden, welche bereits . für Mitte vergangener -Woche in Aussicht genommen war, ist einstweilen noch verschoben worden.

Der russische General ä la suite des Kaisers, Fürst Dolgoruki, welcher bisher dem Kaiser Wilhelm attachirt war, ist von seinem Berliner Posten abberufen und durch den Flügeladjutanten, Obersten Grafen Golemistches- Kutusow vom Chevalier-Garderegiment, ersetzt worden. Ueber den Grund dieses VersonalwechselS verlautet noch nichts Näheres.

Der kirchenpolitische Kampf ist zu Ende. Die am vorigen Freitag im preußischen Abgeordnetenhause in specieller Berathung erfolgte unver­änderte Annahme des neuen Kirchengesetzes drückt dieser bedeutsamen Thatsache das Siegel auf. Allerdings stand noch die dritte Lesung und mit ihr die end­gültige Abstimmung aus, aber letztere hat nach den vorausgegangenen Ver­handlungen kaum mehr als eine formale Bedeutung und wurde der Gesetzentwurf in dritter Lesung mit großer Mehrheit gegen die Stimmen der Nationalliberalen, sowie eines Bruchtheiles der Freiconservativen und der Deutsch-Freisinnigen definitiv angenommen. Die Specialberathung selbst bewegte fich im Gegen­sätze zu dem scharfen und erregten Ton der zweitägigen Generaldebatte in ver- hältnißmüßig sehr ruhigen Grenzen, man mochte allseitig das Bedürsniß haben, mit der Sache nunmehr ohne weitere große Verhandlungen zu Ende zu kommen. Eine längere Debatte rief eigentlich nur Art. 2 der Vorlage hervor, welcher von der Wiedereröffnung der kirchlichen Seminare handelt und in seinem Schluß­sätze bestimmt, daß die Wiedereröffnung der Seminare in den Diöcesen Gnesen- Posen und Kulm königlicher Verordnung vorbehalten bleibt. Diesen Zusatz zu streichen, beantragte Abg. v. Jazdzewki Namens der polnischen Fraktion, doch wurde dieser Antrag mit großer Mehrheit abgelehnt, nachdem Cultusminister v. Goßler für die Nothwendigkeit dieser Bestimmung eingetreten war und der Centrumssührer Dr. Windthorst kurz und bündig erklärt hatte, die Centrums­partei halte an den Beschlüssen des Herrenhauses fest und sei daher auch gegen den Antrag Jazdzewski. Im Uebrigen trugen diesmal die Nationalliberalen abgesehen von der oppositionellen Haltung der Polen bei Artikel 2 die Kosten der Opposition ganz allein; auf deutschsreisinniger Seite herrschte vollständiges Stillschweigen und auch auf Seiten der Freiconservativen verhielt man sich äußerst reservirt. Von den Nationalliberalen machte Dr. Gneist nochmals die Bedenken seiner Partei gegen den vorliegenden Entwurf im Allgemeinen,, wie auch gegen die einzelnen Artikel geltend, erklärte jedoch bezüglich des Schluß- Artikels (Freigebung des Messelesens und des Sacramente-Spendens), daß für denselben auch seine Partei stimmen würde. Man kann jetzt nur noch wün­schen und hoffen, daß der Ausgleich zwischen der preußischen Regierung und der katholischen Kirche wirklich ein dauernder sei und keinen Scheinfrieden bedeute, denn daß in letzterem Falle der Staat den kirchenpolitischen Kampf unter viel ungünstigeren Verhältnissen für ihn wieder ausnehmen müßte, bedarf wohl kaum einer näheren Erörterung.

Im Bundesrathe haben am Samstag die Plenar-Verhandlungen über die neue Zuckersteuer-Vorlage begonnen und dürften zu deren Fertig­stellung Seitens des Bundesraths nur wenige Sitzungen nöthig sein. Demnach wird der Reichstag bei seinem am Montag erfolgenden Wiederzusammentritt diese Vorlage bereits vorfinden und sich ihr sofort widmen können; am Montag selbst kann dies allerdings noch nicht geschehen, da für diese Sitzung kleinere Sachen auf der Tagesordnung stehen. Ueber die Verhandlungen der Bundes- raths-Ausschüffe, betr. die neue Branntweinsteuer-Vorlage, ist noch nichts Be­stimmtes bekannt geworden.

Oberst Giehrl ist zum Ches des Generalstabs des ersten bayerischen Armee-Corps ernannt worden. Der seitherige Inhaber dieser Stellung, Oberst Ritter von Xylander, wurde zum Commandeur des fünften Infanterie-Regi­ments ernannt.

Prinz Wilhelm von Württemberg und seine Gemahlin haben die königliche Sommer-Residenz Marienwahl bei Ludwigsburg bezogen.

Die griechische Frage, aus welche sich gegenwärtig die Orientkrisis reducirt, hat zum zweiten Male eine so drohende Wendung genommen, daß der Ausbruch des so lange befürchteten kriegerischen Zusammenstoßes zwischen der Pforte und Griechenland nunmehr fast unvermeidlich erscheint. Die Gesandten der fünf Mächte Frankreich allein sondert sich bekanntlich von den übrigen Äroßmächten ab haben Athen in Folge der wenig befriedigenden abermaligen Antwort der griechischen Negierung aus das Ultimatum der Mächte am Freitag früh verlassen. Auch der türkische Gesandte verließ am gleichen Tage Athen und zwar mit dem gesammten Personal, während von den Gesandtschaften der fünf Mächte einstweilen noch die Secretäre in der griechischen Hauptstadt zurück­geblieben sind. Das vor Phalerun ankernde internationale Geschwader ist nach der Suda-Bucht zurückgekehrt und die griechische Flotte ihrerseits verließ ihren bisherigen Stationsort bei Salamis und soll nach Porros abgegangen sein. Das griechische KanonenbootSalaminia" erhielt Ordre, unverzüglich nach Konstantinopel abzudampfen und den Gesandten Conduriotis abzuholen. Der schleunigste Abmarsch der Athener Garnison nach Theffalien, wo ein Einfall der Türken befürchtet wird, wurde angeordnet und ging am Freitag das erste Regiment der Athener Garnison, welche durch die in Calamata und Sparta stehenden Regimenter ersetzt werden soll, nach der Grenze ab. Hiernach zu !

urtheilen, ist der Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen der Pforte und Griechenland als eine vollendete Thatsache zu betrachten und es erübrigt nur noch die formelle Kriegserklärung. Hingegen haben diefünf Mächte^ ihre diplomatischen Beziehungen zu der griechischen Regierung noch nicht vollständig abgebrochen, da ja, wie schon oben mitgetheilt, d-e Gesandtschafts-Secretäre in Athen zurückgeblieben sind. Ob die Mächte den nun fast unvermeidlich gewor­denen Kampf zwischen Griechenland und der Türkei von den beiden feindlichen Parteien allein aussechten laffen oder ob sie nun endlich actio gegen Griechen­land vorgehen werden, läßt sich noch nicht genau beurlheilen. Allerdings meint dieTimes" bezüglich des jetzigen Standpunktes der griechischen Frage, die Mächte würden die griechischen Häfen blokiren und es Griechenland überlassen, sein Glück mit den Türken an der Grenze zu versuchen, sowie auch bestrebt fein, den eventuellen, hoffentlich nur kurzen Krieg möglichst zu localisiren. Indessen trotz der Abberufung der fünf Gesandten hat es doch den Anschein, als ob Die Mächte über ein weiteres Vorgehen gegen Griechenland nicht recht einig seien und so dürfte es denn auch mit der oft erwähnten Blokade noch gute Wegq haben.

Deutschland.

Berlin, 10. Mai. Der Kaiser und die Kaiserin besuchten heute Nach­mittag die große Markthalle in der neuen Friedrichsstraße und wurden am Eingang vom Oberbürgermeister Forckenbeck und einer Deputation des Magistrats und der Stadtverordneten empfangen. Sie durchfuhren die Markthalle, deren Einrichtungen nach den Erläuterungen Forckenbeck's und des Stadtkämmerers Runge in Augenschein nehmend. In der Markthalle wurden dem kaiserlichen Paare mehrere Bouquets überreicht. Bei Ankunst und Abfahrt wurden dem­selben begeisterte Hochs dargebracht.

Das Abgeordnetenhaus genehmigte in dritter Lesung der Kirchen- Vorlage die einzelnen Artikel unverändert nach den Beschlüssen der zweiten Lesung und das ganze Gesetz in namentlicher Abstimmung mit 260 gegen 108 Stimmen. Rur das Centrum stimmte geschlossen für die Vorlage; die Polen enthielten sich der Abstimmung. Bei der zweiten Lesung des Gesetzes über die Anstellung von Lehrern und Lehrerinnen in den vormals polnischen Landestheilen befür­wortet Wessel die Commissionsbeschlüsse. Seyffarth (Liegnitz) und Porsch sind aus nationalen Gründen und Bedenken wegen der Verfassungsmäßigkeit gegen die Vorlage. Rauchhaupt spricht für die Vorlage und für seinen Antrag, welcher die Beseitigung der Verfassungs-Bedenken bezweckt. Die Berathung wird morgen Vormittag 11 Uhr fortgesetzt werden.

Pofen, 10. Mai. Der Oberpräsident Günther empfing heute nach Rückkehr von seinem Urlaub die Spitzen der Civil- und Militär-Behörden, den Landtags-Marschall, die Mitglieder der Provinzial- und städtischen Behörden, die Commissionen und Deputationen der Städte Posen, Gnesen, Meseritz, sowie viele Notabeln, deutsche wie polnische aus der Provinz, welche ihre Glückwünsche anläßlich des am 5. Mai stattgehabten 50jährigen Dienst'Jubiläums des Ober­präsidenten darbrachten. Die städtischen Behörden übereichten dem Jubilar den Ehrenbürgerbrief der Stadt Posen.

München, 10. Mai. Die Königin Isabella von Spanien ist zu län­gerem Aufenthalt heute Nachmittag hier eingetroffen.

Schweiz.

Bern, 10. Mai. Bei den gestrigen Stichwahlen im Kanton Bern für den Großen Rath gewannen die Conservativen fast die Hälfte der noch verfüg­baren Sitze; doch verbleibt der freisinnigen Partei die Mehrheit im Großen Rathe. Die Landesgemeinde Glarus beschloß eine Revision der Kantonal- Verfassung.

Türkei.

Konstantinopel, 9. Mai. In dem Rundschreiben der Pforte über die Abreise des türkischen Gesandten Feridun Bei von Athen heißt es, Feridurr Bei habe den Befehl erhalten, Athen zu verlassen, um das Einvernehmen der Großmächte in Betreff der Erhaltung des Friedens zu bekräftigen.

Das Befinden des englischen Botschafters Thornton, welcher, wie ge­meldet, mit dem Pferde gestürzt war, ist ein befriedigenves.

Kanea, 9. Mai. (Meldung desReuter'schen Bureaus.") Die heute nach den griechischen Gewässern in See gegangenen Schiffe des internationalen Geschwaders sind wegen stürmischen Wetters in die Suda-Bucht zurückgekehrt.

Telegraphische Depesche«.

uw» «orrisponderrr - Bureau.

London, 10. Mai. Unterhaus. Bryce erklärt, er habe den Schriftwechsel über die griechische Angelegenheit auf den Tisch des Hauses niedergelegt, die Vertheilung werde in wenigen Tagen erfolgen. Die Blokade sei in's Werk gesetzt, aber cs bestehe kein Kriegszustand zwischen England und Griechenland oder einer andern Macht und Griechenland. Die Blokade sei eine friedliche. Bryce theilte ferner mit, der Handelsvertrag mit Spanien sei unterzeichnet; derselbe gestehe England die Behandlung der meistbegünstigten Nation zu. England habe der Herabsetzung der Eingangszölle auf Wein durch Abänderung der Alkohol-Scala zugestimmt und Weine von 30 Grad zum Zollsatz von einein Schilling per Gallone zugelassen. Der Vertrag werde den Eortes und dem englischen Parlament unterbreitet. Die Grcnzabsteckungs-Arbciten in Afghanistan seien suSpendirt worden, weil Instructionen über gewisse Punkte erwartet