— Eine Verordnung des Königs stiftet eine goldene und eine silberne Tapferkeits-Medaille.
— Aus Zaicar werden abermals Überschreitungen der Demarkations- Linie Seitens bulgarischer Truppen bei Recovica und Kirijevo gemeldet.
Italien.
Rom, 9. Januar. Der osficiöse russische Vertreter beim Vatikan, Buleneff, ist hier eingetroffen.
Türkei.
Konstantinopel, 9. Januar. Gadban Effendi reist morgen nach Sofia zurück.
Afrika.
Sansibar, 9. Januar. Der Reisende Fischer ist nach Australien abgereist.
Amerika.
Washington, 9. Januar. Senator Eustis brachte im Senate eine Resolution ein, welche erklärt, daß der Congreß der Ansicht sei, die Obligationen, deren Amortisation der Schotzkanzler kürzlich bekannt machte, könnten in Sllber-Dollars zurückgezahlt werden. Die Resolution wurde einer Commission überwiesen.
— Der Senat nahm die Bill Edmund's gegen die Vielweiberei an. Die Bill stellt die Mormonensecte unter Curatoren, welche der Präsident ernennt.
Reichstag.
E. R. Berlin, 9. Januar 1886.
Bei der heutigen Verhandlung war das Haus wiederum sehr schwach beseht. Eingegangen ist ein Entwurf, betr. die Ausdehnung der Unfall- und Krankenversicherung auf die land- und forstwirthschaftlichen Arbeiter.
Der Antrag des Abg. v. Bcrnuth, die Behandlung der Resolutionen zum Etat von der Geschäftsordnungs - Commission prüfen zu lassen, wird debatteloö angenommen.
Bezüglich des Entwurfs eines Gesetzes, betr. die Herstellung eines Nord-Ostsee- Canals, bemerkt
Abg. Brö mel (freit): Der vorliegende Entwurf ist für die Entwickelung unserer Wasserstraßen und des Handels sehr bedeutungsvoll. Freilich kann dadurch der erleichterte Import ausländischer Waaren ebenso leicht wieder durch neue Zölle erschwert werden. Leider ist der Vorlage nur eine schwache Befürwortung beigegeben, namentlich vermisse ich den Hinweis auf die Rede des Grafen Moltke vor dreizehn Jahren, welche dieses Project seiner Zeit beseitigt hatte. Warum ist denn nun in der Zwischenzeit seitens unserer Marine nie das Bedürfniß nach diesem Canal betont worden, weßhalb kommt die Vorlage gerade jetzt? Bei unserer Finanzlage ist doch solche Vorlage nicht leicht zu nehmen. Wir müssen die Vorlage des Canals für Kriegs- undHandelsmarine und die Kosten des Projectes abwägen; denn der Vortheil, nur Zeitersparniß zu schaffen, genügt doch nicht für die Anlage. Die nautischen Vereine sind dafür eingetreten, aber nicht die Handelskammern rc. und dann hätten doch erst die abweichenden Ansichten von Hamburg, Lübeck und Bremen über die Möglichkeit einer Finanzabgabe zu einer abschließenden Einigung geführt werden müssen. Von den vielen technischen Schwierigkeiten und finanziellen Rücksichten schweigt die Vorlage ganz. Nach Ansicht des Grafen Moltke ist der Canal nur während der Hälfte des Jahres möglich. Die Berechnung der Vorlage steht überhaupt nur auf dem Papier; bei der in Aussicht genommenen Abgabe von den den Hafen passirenden Handelsschiffen würde man lieber den alten Weg beibehalten. Früher glaubte man, daß der Nord-Ostsee-Canal möglichst kurz sein und direct von der Ostsee in die freie Nordsee führen müsse; solche Anlage wäre für die Ostseeplätze viel wichtiger gewesen als das jetzige Project, das vom Standpunkte der Nordsee gemacht scheint. Wir müssen uns der Verantwortung für die Sicherheit des Reiches bewußt bleiben, aber auch der Erwägung, ob die Ausgabe von 150 Millionen für diesen Zweck wirklich angebracht ist. (Beifall links.)
Abg. Graf Holstein (cons.) hofft, daß die Marineverwaltung in der Corn- mission die noch fehlenden nothwendigen Aufschlüsse ertheilen werde; auch für die Handelsbeziehungen Schleswig-Holsteins seien noch mehrere Specialwünsche in Bezug auf diesen Canal auszusprechen. Redner macht dann eine Reihe weiterer Bedenken geltend, so die der Landwirthschaft aufs Neue anwachsende Concurrenz. Das Zufrieren des Canals ist jedoch nicht zu befürchten, sollte es wirklich einmal geschehen, so müßte es dazu so kalt sein, daß die Schifffahrt auch außerhalb des Canals in der Ost- und Nordsee nicht möglich ist. Die Bedeutung des Canals für die Kriegsmarine ist zweifellos, die Marine wird durch den Canal verdovpelt. Falls man uns in der Commission genügende Erklärungen gibt, aber auch nur dann, werden wir für die Vorlage stimmen. (Beifall.)
Staatssecretär v. Bötticher: Abg. Broemel hat, nach anfänglicher warmer Begrüßung der Vorlage, dann alle möglichen Gründe dagegen vorgebracht und das mangelhafte Material getadelt. Dem Bundesrathe hat dieses Material genügt; hätte ich gewußt, daß cs dem Abg. Broemel nicht genug ist, so hätte ich mehr Material gegeben und werde dies nun in der Commission lhun. Ich wünschte, der Abg. Broemel folgte dem Abg. Graf Moltke, auf den er sich heute berufen, nur häufiger, er würde dann nicht mehr lange die Reihen der Freisinnigen zieren. (Heiterkeit rechts.) Es ist richtig, daß Abg. Graf Moltke sich 1873 gegen den Canal ausgesprochen und eine Vermehrung unserer Marine ihm vorgezogen hat. Deren Lage und Stärke hat fich aber geändert und schon 1881 hat sich Graf Moltke für den Canal ausgesprochen. Wenn Abg. Broemel meint, daß für die Zeitersparniß einer Stunde bei Benutzung des Canals die Ausgabe von 150 Millionen sich nicht lohnt, so stimme ich ihm ganz bei (Heiterkeit), es handelt sich aber auch um andere Vortheile. Auch zahlreiche Vertretungen des Handelsstandes haben sich für diesen Canal ausgesprochen, das bestätigte uns in der Gewißheit, das; der Canal dem Handel keinen Nachtheil bringt. Daß eine Unterscheidung zwischen Dampf- und Segelschiffen rc. gemacht werden soll, finde ich berechtigt, aber daß der Tarif zum Gesetz festgestellt werden soll, scheint mir nicht angemessen, und auch nicht im Interesse der Rhedereien. Die Frage, ob bei diesem Projectc die Nordsee günstiger wird als die Ostsee, darf gar nicht gestellt werden, sondern nur die Frage, nützt das Unternehmen der Allgemeinheit? Und diese ist zweifellos zu bejahen! (Beifall rechts.)
Abg. Graf Behr (Reichspartei) bedauert gleichfalls das mangelhafte Material bei dieser Vorlage. Wenn es für den Bundesrath ausreicht, so ist damit nicht gesagt, daß es uns genügen muß. Besonders fehlt der Nachweis, warum Preußen einen Beitrag von 50,000,000 X ä fonds perdu zahlen soll. Hat es denn an dem Canal mehr Vortheil als Deutschland, das gewissermaßen durch diesen Beitrag ein gutes Geschäft macht. — Redner beantragt sodann die Ueberweisung der Vorlage an eine Commission von 28 Mitgliedern.
Abg. Dr. Bamberger (dfr.): Der Abg. Broemel spricht, wie Jeder von uns hier weiß, immer sachlich, — wozu also die scharfen Angriffe. Die Replik des Ministers bezüglich der früheren Aeußerungcn des Grafen Moltke war doch sehr schwach und die heutige Abwesenheit desselben beweist mir, daß er auch heute der Vorlage noch nicht zustimmen kann. Wir sollen uns auf eine Autorität wie den Grafen Moltke nicht berufen können, ohne die Bänke der Freisinnigen zu verlassen, wie der Minister verlangt? Dann könnte man sich auch nicht auf eine Rede des Ministers verlassen, ohne feine Aufforderung gewärtigen zu müssen, erst Minister zu werden. Je mehr wir Alle einen solchen Canal wünschen, desto größer ist die Verpflichtung einer genauen Prüfung, und das Vorbringen sachlicher Bedenken sollte keine so scharfe persönliche Behandlung finden.
Staatssecretär v. Bötticher: Ich habe nur meiner Verwunderung Ausdruck gegeben, daß Abg. Broemel sich erst so sympathisch für die Vorlage ausgesprochen und
dann so reiche Argumente dagegen beigebracht hat. Ich habe nur völlig sachlich ge- prochen, wie es meine Gewohnheit ist.
Abg. Dr. Hammacher (nat.-lib.) ist für die Vorlage. Die Nordsee wird durch dieses Project keineswegs auf Kosten Der Ostsee begünstigt; das Unternehmen wird von allem Anderen abgesehen, unsere Küstenschifffahrt heben und stärken und dadurch wird auch für unsere Marine das uns so notwendige Mannschafts-Material geschaffen werden. In der Commission wollen wir die Details eingehend prüfen.
Abg. Blos (Socdem.) hofft von der Vorlage, daß sie die Pest der Arbeitslosigkeit bekämpfen wird; auch müsse die Regierung Sicherheit betreffs der Arbeitslöhne und der Arbeitszeit geben.
Staatsminister v. Bötticher: Das Reich wird die Arbeit gar nicht ausführen, sondern die preußische Regierung ersuchen, diese zu übernehmen.
Abg. Dr. Wind thorst: Die Hauptsache ist hierbei, woher das Geld genommen werden soll; wenn mir in der Commission nachgewiesen werden wird, wie dasselbe zu beschaffen, so stehe ich im Großen und Ganzen der Vorlage mit gewogenen Augen gegenüber.
Die Vorlage wird zur weiteren Berathung an eine Commission von 21 Mitgliedern verwiesen.
Nächste Sitzung Dienstag den 12. Januar.
Telegraphische Depesche«.
Wolff'- telegr. Correspondenz - Bureau.
Berlin, 10. Januar. Der Kaiser empfing heute Nachmittag den Unterstaats- ecretär Grasen Bismarck zum Vortrag.
— Se. Maj. Kreuzer „Albatros", Commandant Capitän - Lieutenant Graf von Baudissin I., ist am 25. December v. I. in Apia eingetroffen und beabsichtigt am 14. Januar er. wieder in See zu gehen.
Köln, 10. Januar. Die englische Post von gestern früh ist wegen Unwetters im Canal ausgeblieben.
London, 10. Januar. Graf Hatzfeldt hatte geftem mit Lord Salisbury eine Unterredung im Auswärtigen Amte.
Kiew, 10. Januar. In der Werkstatt des Arsenalmagazins fand gestern eine Explosion statt. Die Werkstatt ist vollständig zerstört; vier darin beschäftigt gewesene Soldaten sind dabei um's Leben gekommen; drei andere sind schwer verwundet worden.
Belgrad, 10. Januar. Der König empfing heute Deputationen aus dem Schabaher, dem Valjevoer und dem Vranjaer Kreise, welche der Treue und Ergebenheit der Bewohner dieser Kreise Ausdruck gaben.
— Die Nachricht, daß die serbische Regierung den Abschluß eines Handelsvertrags mit Bulgarien anzuregeu beabsichtige, ist völlig unbegründet.
Lokale-.
Gießen, 11. Januar. Die hiesige Ruder-Gesellschaft hielt am Sonntag den 10. d. M. ihre diesjährige Haupt-Generalverfammlung ab, deren zahlreicher Besuch das Interesse bethätigt, welches die activen wie die passiven Mitglieder an dem schönen Rudersport nehmen. Die Rechnungsablage ergab, daß die Gesellschaft, welche einen eigenen Bootsplatz und ein werthoolles Bootsmaterial besitzt, schuldenfrei ist und hat dieselbe auch im verflossenen neunten Jahre ihres Bestehens einen erfreulichen Fortgang genommen. Die Ruderabende in der verflossenen Saison waren stets zahlreich Seitens der activen Mitglieder besucht und wurde auch, wohl zum ersten Male, eine Ruderparthie lahn- und rheinabwärts von Gießen nach Coblenz ausgeführr.
Als Vorstand für 1886 wurden folgende Herren gewählt: J^ Kirch, 1. Vorsitzender, Fabrikant Ad. Busch, 2. Vorsitzender, A. Bieler und W. Busch, Schriftführer, C. Reiber, Cassier, C. Kreiling, Verwalter, F. Scharmann, Jnstructor, A. Berger und E. Balser, Ruderälteste, Herm. Mettenheimer und H. Wallach, Vertreter der passiven Mitglieder.
Wünschen wir der Gesellschaft unter Leitung des neuen Vorstandes ein fröhliches Gedeihen! —r.
Gießen, 11. Januar. In der Nacht vom 8. aus 9. d. M. sind in der Nordanlage, Asterweg und Steinstraße 11 Straßenlaternen in roher Weise theilweise ganz zerstört worden, wodurch der Stadt, resp. Gasfabrik bedeutender Schaden erwachsen ist. Thäter zur Anzeige gebracht.
— Am Samstag Mittag wurde am Seltersthor eine ruhig ihres Wegs daher kommende Frau aus Großen-Buseck von einem Arbeiter durch einen Wurf mit einem Schneeballen so erheblich verletzt, daß sie ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen mutz. Der Betreffende wird sich wegen fahrlässiger Körperverletzung zu verantworten haben.
Vermischte-.
Großen-Linden, 10. Januar. In dankenswerther Weise hat die Königliche Bahnoerwaltung die Errichtung einer Haltestelle an der Main-Weser- Bahn zwischen den Orten Großen-Linden und Leihgestern genehmigt.
Heidelberg, 9. Januar. Bei der heute stattgehabten Wahl des Prorectors für das Jubiläumsjahr wurde der Pandektist Professor Becker gewählt.
Eitorf, 8. Januar. Als gestern Abend ein Personenzug in den hiesigen Bahnhof einlief, zog man einen Schaffner schwer verletzt unter den Rädern des dritten Wagens hervor. Trotz sorgsamster ärztlicher Hilfe starb der Unglückliche schon nach wenigen Stunden. Derselbe ist aller Wahrscheinlichkeit nach von dem durch den Frost glatt gewordenen Trittbrett heruntergefilllen und hat so seinen Tod gefunden.
Aachen, 9. Januar. Die Spinnerei Kayser u. Biesing ist abgebrannt. Sie beschäftigte hundert Arbeiter. Acht Arbeiter werden vermißt; es wird befürchtet, daß dieselben beim Brande umgekommen sind.
— Zu dem gestrigen Brande meldet die „Volkszeitung", daß 13 Personen vermißt werden; sechs Leichen sind bis jetzt aufgefunden worden.
Aachen, 10. Januar. Die Zahl der seit dem Brande des Kayser u. Biesing- schen Fabrikgebäudes hierselbst Vermißten und höchst wahrscheinlich dabei Verunglückten beträgt nach weiteren Ermittelungen 17. Bisher sind 5 Leichen aufgefunden worden.
— sAus der Kaserne.j Gefreiter (bei den Rekruten): „Herr Unterofficicr, ich weiß nicht, woran das liegt, daß der Helm dem Manne nicht fitzen will!" Unterofficicr (sich den Mann ansehend, nach kurzer Pause) : „Woran das liegt? Der verdammte Kerl hat ’nen vollkommen unvorschriftsmäßigen Kopf — an dem Helm ist alles in Ordnung."
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Handel und Verkehr.
Grünberg, 9. Januar. (Fruchtpreise.) Weizen X 16.30, Korn X 13.70, Gerste X 12.50, Hafer X 12.50, Absen X 15.00, Linsen X 00.00, Lein X 00.00, Samen X 00.00, Kartoffeln X 0.00, Wicken 00.00.
Für die Hinterbliebenen des verunglückten Conrad Keßler gingen ferner bei uns ein:
A. G. 1 X, W. I. 1 X, Ungenannt 1 X, F. Textor 5 x, L. K. 1 X, Turnclub 4 X, Amtsrichter Gebhardt 3 X, Fr. M. Heichelheim 4 x, K. 50 Summa 20.50 X Jnsgefammt 75 X
Weitere Gaben werden gerne entgegengenommen.
Die Expedition des „Gießener Anzeiger".
Bei Herrn Bürgermeister Bramm gingen ferner ein: Von mehreren Herren, welche ungenannt bleiben wollen, 29 X.
Bei Herrn Postdirector Ritsert: Von den Herren Negierungsrath v.Bechtold 1 X, Pachter Burg auf der Berger Mühle 2 X, Anton Petri 2 x, E. 3 X, von 20 Beamten des Kaiserlichen Postamts 17 X, von 43 Unterbeamten 21 x, Frau Hensel Wittwe 5 X
Kirchliche Anzeigen der eoangel. Gemeinde.
Heute, Montag, Abend 8 Uhr, Bibelstunde in der Kleinkinderschule, 1. Joa hannesbrief Kap. 3, Pfarrer Dr. Naumann.


