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Beilage ;u Nr. 289 des „Gießener Anzeiger".
Politische Uederficht.
Gießen, 10. December.
Der Besuch des Prinz-Regenten Luitpold von Bayern in Berlin ist ein Ereigniß, dessen außergewöhnliche Bedeutung schon aus dem glänzenden EmpsarHe erhellt, den der hohe Gast unseres Kaiserhauses bei seiner Ankunst in der Reichshauptstadt gesunden hat. Am Dienstag Vormittag Punkt 10 Uhr traf der Prinz-R^gent, welchem der bayerische Gesandte und Bundes- rarhs.Bevollmächtigte, Gras v. Kösering-Lerchenseld, und der Militär-Bevollmächtigte Bayerns am Berliner Hose, Oberst v. Tylander, bis Leipzig entgegengesahren waren, aus dem Anhalter Bahnhose ein. Der Kaiser hatte es sich nicht nehmen lassen, fernen erlauchten Gast uno Freund bereits auf dem Bahnhofe zu begrüßen uno trug die Begrüßung -wischen den beiden greisen Fürsten einen ebenso herzlichen wie rührenden Charakter. Von den anderen Mitgliedern des Kaiserhausewaren außerdem der Kronprinz, die Prinzen Wilhelm und Alexander von Preußen und der Erbprinz von Sochscn-Meiningen aus dem Bahnhose anwesend; aus demselben hatte auch die vom 2. Garde-Regiment gestellte Ehrenwache, sowie ein sehr glänzendes und zahlreiches Officier - Corps Aufstellung genommen. Nach den üblichen Vorstellungen des Gefolges u. s. w. fuhren der Kaiser und der Prinz-Regent in geschlossener Gala-Equipage unter den brausenden Hochrufen des zahlreich versammelten Publikums nach dem königlichen Schlosse, wo Prinz Luitpold Absteigequartier genommen hat. — Die Presse der Reichshauptstadt widmet dem Prinz-Regenten sympathische Begrüßungs-Artikel. Unter Anderm schreibt die „Nat.-Ztg." : „Wenn König Ludwig II. es niemals über sich gewann, in der Reichshauptstadt zu erscheinen, so hat dies das Vertrauen in die reichstreue Gesinnung der Regierung und der Bevölkerung Bayerns nicht vermindert; aber es blieb bei alledem ein schmerzlich empfundener Mangel, daß zwischen dem führenden und dem zweitgrößten Staate des Reiches diejenige sympathische Verbindung fehlte, welche in dem herzlichen persönlichen Verkehre der Herrscher zum Ausdruck kommt. Um so freudiger wird in den weitesten Kreisen der Besuch des Prinzen Luitpold begrüßt werden, welcher mit starker Hand und nationalem Sinne Bayern durch eine traurige Krisis hindurch geführt und in ganz Deutschland die Uederzeugung befestigt hat, daß der Hader der deutschen Stämme für immer beseitigt, die nationale Einheit unerschütterlich be- giünoet ist."
An diesem Freitag gedenkt der Prinz-Regent Luitpold in Dresden einzutreffen, um der sächsischen Königssamilie einen Besuch abzustatten.
Der Reichstag hat, nachdem er an den beiden ersten Tagen dieser Woche neben den ersten Lesungen der Vorlagen über die Veränderung des Servisiariss und über die Errichtung eines orientalischen Sprachen-Seminars verschiedene Etatstheile nach meist unerheblicher Debatte erledigt, am Schluffe der DienStagSfltzung in seinen Arbeiten eine zweitägige Pause eintreten lassen. Allgemein war erwartet worden, daß das Plenum die Sitzungen dis kommenden Montag vertagen würde, um vor Allem der Militär-Commission Zeit zu ihren Berathungen zu gewähren; es scheint nun, als ob diese Pause mit Rücksicht aus die Dringlichkeit der Etatsderathung abgekürzt worden ist.
Die Militär.Commission des Reichstag» hat am gestrigen Donnerstag ihre Sitzungen unter dem Präsidium des Centrums-Mitgliedes, Grafen Ballestrem, eröffnet. Bekanntlich sollen die Verhandlungen vertraulich geführt werden, da der preußffche Kriegsminister nur unter dieser Bedingung die von ihm verheißenen wichtigen Mittheilungen machen wollte. Da aber jedes Reichstogsmitglied das Recht hat, den Commissions-Sitzungen beizuwohnen, so wird die Sache der Geheimhaltung ziemlich schwierig und ein Gesetz- oder j Zwargsmittel, die Reichstags-Abgeordneten zur Amtsverschwiegenheit zu ver-
I pflichten, giebt es nicht. Bis jetzt läßt sich noch nicht absehen, wie der vorliegende eigenthümliche Fall, der sich in den parlamentarischen Annalen noch nie ereignet hat, seine Lösung finden wird.
Beim Bundesrathe ist ein Antrag eingegangen, den in voriger Session unerledigt gebliebenen Gesetzentwurf über den Ausschluß der Oeffentlichkeit bei Gerichtsverhandlungen wieder vorzulegen, da das Bedürfniß nach Beseitigung der Mißstände, gegen welche der Gesetzentwurf gerichtet ist, unverändert sortbestehe.
Die gleichzeitig am vergangenen Montag im ersten Berliner Wahlkreise und im Wahlkreise Mannheim-Schwetzingen stattgefundenen Nach- wählen zum Reichstage haben in jenem Den Sieg des freisinnigen und in diesem den de» nationüÜiberalen Candidaten ergeben. Die Wahl ves freisinnigen Can- didaten In Berlin I., de» „alten" Klotz, konnte nicht besonders überraschen, Denn in diesem Wahlkreise hat die fortschrittliche Partei von jeher vorgeherrscht, dagegen war der Ausgang der Mannheimer Stichwahl höchst ungewiß. Hatte doch schon im ersten Wahlgange der socialistische Candivat, Dreeüdach, nur einige hundert Stimmen weniger, als sein nationalliberaler Hauptgegner, Com- merzienrath Diffenö, erhalten und da die in Mannheim stark vertretene Volkspartei für ihre Anhänger die Parole ausgegeben hatte, in der Stichwahl Tür den SocialDemokraten zu stimmen, so mar deren AuScang höchst schwankenv. Mit um so größerer Genugthuung muß die Wahl de« reichstreuen Candidaten begrüßt werden und die absolute Mehrheit von über 1000 Stimmen, mit der er feinen Gegner schlug, berechtigt zu der Erwartung, daß es gelingen werde, Den Mannheimer Wahlkreis auch bei den allgemeinen N u wählen des kornmer- den Jahres glgenüder den Angriffen Der Umsturzpartei im Besitze der gemäßigt- liberalen Partei zu behaupten.
Aus Zanzibar meldet da» „Reuter'che Bureau", daß Dr. Jühlke, der verdienstvolle Vertreter der deutsch-ostafrikanischen Gesellschaft, in Kesmayor durch Somanlis ermordet worden sei. Erst dieser Tage wurde berichtet, daß sich Dr. Jühlke wohl und munter befinde, um so erschütternder würde sein plötzlicher tragischer Ausgang berühren. Hoffentlich bringt ter afrikanische Telegraph ein Dementi dieser Hiobspost.
Der Schweizer Bundesrath hat sich wieder einmal veranlaßt gesehen, gegen die Uebergriffe der klerikalen KantonS'Regierungen vorzugehen. Von der Regierung zu Luzern war den Altkatholiken die Mitbenutzung der für sie und die Katholiken bestehenden Simultankirchen verboten worden, welche« Verbot der Bundesrath jedoch wieder aufgehoben hatte. Gegen tiefe Entschei- düng des Bundesrathe« recurirte die Luzerner Kantons-Regierung beim Rational- rathe, aber auch letzterer hat sich mit 88 gegen 43 Stimmen dahin entschieden, daß das obige Verbot auszuheben sei.
Am Donnerstag ist die Wintersession sämmtlicher österreichischer Landtage eröffnet worden und kann kaum bezweifelt werden, daß die hohe Politik auch in den Landstuben der K.onländer nochmal» eine Rolle spielen wird, nachdem sie bereits das Leitmotiv bei den Delegations-Verhandlungen abgegeben hat. Jedenfalls ist es ein merkwürdige« Zusammentreffen, daß Die bulgarische Deputation so kurz vor der Landtagssession, nämlich am Dienstag 1 Abend, in Wien angelangt ist und wird ihre Anwesenheit in der österreichischen Hauptstadt sich wohl zu einem politischen Tagesereigniß gestalten. In Pesth hat die Deputation einen geradezu enthusiastischen Empfang gefunden, was sich unschwer begreift, Denn die Magyaren hatten da wieder einmal eine billige Gelegenheit, gegen Rußland zu demonstriren. Bei der Begrüßung der Deputation i auf dem Pesther Bahnhofe zeichnete sich besonders die akademische Jugend au», während hervorragende osficielle Persönlichkeiten gefehlt zu haben scheinen.
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