Samstag den 10. April
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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
«reis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit B Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mw
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In Gemäßheit des S 9 des Gesetzes vom 13. Februar 1875 über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden werden hiermit nachstehende Durchschnittsmarktpreise vom Monat März veröffentlichte
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Gießen, am 8. April 1886. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
Dr. Boekmann. ________
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Die Ernennung des Heinrich Schäfer I. von Oppenrod zum Wasenmeister in ift auf Mfen 92^^ ^urü(f^09«t,
Philipp Arnold II?von Burkhardsfelden ist zum Wasenmeister für die Gemeinde Burkhardsfelden bestellt und in dieser Eigenschaft verpflichtet worden.
Gießen, am 7. Aprll 1886. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
vr. Boekmann. _______ _
Politische Ueberficht.
Gießen, 9. April.
Im Reichstage hat endlich am Dienstag die Specialberathung über denjenigen Gesetzentwurf begonnen, in welchem die Socialresorm ihre weitere Fortsetzung findet - den Entwurf über die Ausdehnung der Unfallversicherung aus die in den land- und sorstwirthschastlichen Betrieben beschäftigten Arbeiter. Der Gesetzentwurf gehört zu denjenigen Vorlagen, welche mit am längsten in den Commissionen gewesen sind, denn er ist der betr. Commission noch vor den Weihnachtsserien überwiesen worden und daß er aus derselben erst jetzt an das Plenum zurückgelangt ist, beweist, welche Schwierigkeiten in der Borberathung zu überwinden waren. Was nun zunächst die Ergebnisse der Cdmmissions-Verhandl'.lngen anbelangt, so ist hauptsächlich hervorzuheben, daß dieselben in den drei ersten Paragraphen (Umfang der Versicherung) den Landesgesetzgebungen erheblich weitergehende Befugnisse einrüumen — namentlich hinsichtlich der Organisation dieser Versicherung — als solche die Vorlage der Negierung enthält und als sie auch in dem Znduftrie-Unfallgesetz gegeben sind.
Das Aussehen des Reichstages wird immer lückenhafter und es war daher hohe Zeit, daß der Semoren-Convent zusammentrat und sich am Montag über das vom Reichstage noch zu erledigende Arbeitspensum schlüssig machte. Entgegen den ursprünglichen Meldungen, wonach der Senioren-Convent die Verlängerung der Reichstagssession bis über Ostern hinaus in Aussicht genommen habe, wird aber nachträglich gemeldet, daß ein bestimmter Entschluß hierüber noch nicht gefaßt worden ist, daß aber die Vertreter aller Parteien es im Senioren-Convent als wünschenswert bezeichneten, die Regierung möge m dieser Session aus die Berathung der neuen Branntweinsteuer-Entwürfe verzichten. Falls sich die Regierung hierzu noch verstehen könnte, würde sich der Schluß der Session — und nicht die Vertagung — an diesem Samstag Diel* leicht doch ermöglichen lassen.
Seit voriger Woche beschäftigt bie Specralberathung der Polen-Vorlagen das preußische Abgeordnetenhaus vorwiegend und werden die hauptsächlichsten derselben noch in dieser Woche ihre definitive Erledigung finden, soweit dies nicht schon zur Stunde geschehen ist. Am Dienstag wurde zunächst die am vorigen Samstag begonnene Specialdiscussion über das Gesetz, tetr, die Bestrafung der Schulversäumnisse in der Provinz Preußen, in Schlesien und der Grafschaft Glatz, zu Ende geführt und das Gesetz unter Ablehnung Lines Centrums-Antrages für die Provinz Preußen in dieser Beziehung besondere Bestimmungen zu erlassen, nach den Commissions-Anträgen in zweiter 'Lesung angenommen. Definitiv genehmigte das Haus hieraus die Secundär- bahn-Vorlage und begann alsdann die dritte Lesung der Colonisations-Vorlage. Daß sowohl deren schließliche Annahme, als auch diejenige der übrigen Polen- Vorlagen erfolgt, ist nicht zu bezweifeln.
Die kirchenpolitische Situation wird vorläufig durch die Erklärungen beherrscht, welche Cultusminister v. Goßler in der Montagssitzung der kirchenpolitischen Commission des preußischen Herrenhauses abgegeben hat. Aus denselben geht hervor, daß die Kurie sich in Betreff der Anzeigepflicht noch zu gar nichts Bestimmtem verpflichtet hat und daß dem gegenüber die Regierung zu dem Entschlüsse gekommen ist, erst die Kundgebungen der beiden Häuser des Landtages über die kirchenpolitische Vorlage abzuwarten, ehe sie sich zu einer .weiteren Aeußerung entschließt. Im Uebrigen heißt es jetzt, daß das Herrenbaus sich in seiner nächsten Plenarsitzung am Montag nur mit kleineren Vorlagen beschäftigen und daß die Kirchen-Vorlage daher erst am Dienstag zur Specialberathung gelangen werde.
Aus Danzig wird gemeldet, daß die Hochwassergefahr für die Stadt nunmehr als beseitigt betrachtet werden könnte und das Wasser im Fallen ^ßüffeit sei.
Von der deutschen Flottenstation an der westafrikanischen Küste kommt eine allarmirende Nachricht. Der Commandant des Kanonenbootes „Cyclop", Kapitänlieutenant Stubenrauch, meldet telegraphisch, daß er Moneu-Bimbia beschossen, Mannschaften gelandet und die Stadt zerstört habe. Vom „Cyclop" sei Niemand verwundet; der Gouverneur von Kamerun sei an- wesend. — Die Nachricht von diesen aufregenden Vorgängen wirkt um so über*
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raschender, als bis jetzt noch nicht das Geringste darüber verlautete, daß die Stimmung unter den eingeborenen Stämmen an der Kamerun-Küste auf s Neue eine sehr erregte gegen die Deutschen sei. Die Depesche des Commandanten des „Cyclob" giebt in ihrer laconischen Ausdrucksweise nicht den mindesten Anhalt darüber, was den Anlaß zu diesem abermaligen ernsten Conflict der deutschen Macht in Weflafrika mit der dortigen Neger-Bevölkerung gegeben hat und ist jedenfalls eine baldige Aufklärung über die Vorfälle in Money-Bimbia dringend geboten. t w ,
In Frankreich steht man fortdauernd unter dem Eindrücke der beim* rubigenden Nachrichten aus D e cazev ille, wo der Arbeiterstrike jeden Tag zu einem gewaltsamen Ausbruche der erregten Leidenschaften der systematisch aufgehetzten Menge führen kann. Decazeville ist förmlich zu einem Tummelplätze der socialistischen Agitatoren geworden, zu denen die Vertreter der socialistischen und communistifchen Pariser Blätter ein bedeutendes Kontingent stellen. Namentlich unverschämt trieben es die Mitredacteure des Rochefort'schen „Jntrai:- sigeant", Roche und Ducquercy, deren Verhaftung denn auch bekanntlich vor einigen Tagen erfolgt ist. Gegen diesen „Gewaltact" der Regierung prote|tiren nun die Pariser Radikalen in ihrer Presse und auf Versammlungen in maß- losen Ausdrücken und war außerdem von dieser Seite für die Donnerstags- sitzung der Deputirtenkammer eine Interpellation über die Vorgänge und die Lage in Decazeville angekündigt. Hoffentlich läßt sich die französische Regierung durch dieses Treiben in ihren Maßregeln zur Verhütung von Ausschreitungen Seitens der stinkenden Arbeiter nicht beeinflussen. ,
Jenseits der Alpen scheinen besondere Dinge vorzugchen. Em königliches Dekret wird dieser Tage erwartet, durch welches das italienische Parlament zunächst vertagt und alsdann in Folge eines zweiten signalisirten Dekrets des Königs ausgelöst werden soll. Offenbar läßt die parlamentarische Situation des Cabinets Depretis viel zu wünschen übrig. . ,n .
Die Konstantinopeler Botschafter-Conserenz ist in einer einzigen, kurzen Sitzung über die Forderungen des Fürsten von Bulgarien in der rumelischen Frage zur Tagesordnung übergegangen. Die Conferenz hat einfach die unveränderte Acte über die bulgarisch - ostrumelische Angelegenheit unterzeichnet. ...
Der 6. April, der Jahrestag der Unabhängigkeits-Erklärung Griechenlands, ist vorübergegangen, ohne daß es in Achen zu einer bedenk- lichen militärischen Demonstration gekommen wäre. Er wurde zwar unter großer Theilnahme der Bevölkerung gefeiert, aber der Chauvinismus der Helle, neu scheint sich hierbei nicht weiter breit gemacht zu haben; ob das als ein Zeichen beginnender Einsicht unter dem Griechenvolke zu betrachten ist, muß freilich noch abgewartet werden. (Eine Athener Depesche meldet aber inzwifchen, daß am Montag Nachmittag eine zahlreiche Volksversammlung in Athen stattfand, deren Teilnehmer durch die Hauptstraßen der Stadt zog. Auf den größeren Plätzen wurden kriegerische Reden gehalten, welche die Wiederher- Rettung der „alten ehrwürdigen Stellung" Griechenlands berlangen.)
Die Pforte hat dem Fürsten von Bulgarien und dem Athener Cabinet eine gleichlautende Mittheilung über das Ergebniß der Conferenz vom Montag zugehen lassen. Auch Seitens der Botschafter ist. der griechischen Regierung die Unterzeichnung des Conferenz-Protokolls unter einer nochmaligen dringenden Vermahnung zum Frieden mitgetheilt worden.
Aus London kommt die überraschende Kunde, daß Gladstone in einem am Dienstag stattgefundenen Cabinetsrathe elngewilligt hat, feine irischen Resormpläne wesentlich zu modificiren. Nur hierdurch ist es dem Premier gelungen, den Austritt noch weiterer Cabinets-Mitglieder zu verhindern schwer qenug maq eä Mr- Glavstone freilich geworden ,em, dieses Zuzeständniß äu machen, lieber den Umfang dieser Modificationen verlautet zedoch noch nichts Näheres.
Berlin, 8. April. Das Abgeordnetenhaus genehmigte in wenig erheblicher Debatte in dritter Lesung den Gesetzentwurf, betr. die Fortbildungsschulen in Posen und Westpreußen. Die Anträge Hammerstein und Windthorst, dm. Unterricht an Sonntagen und Festtagen zu verbieten, wurden abgelehnt, nach' dem Staatssecretär Bötticher dagegen gesprochen und erklärt hatte, es fei ge-
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