Mittwoch den 8 December
1886
Preis vierteljährlich 2 Marl 20 Pf. mit »Mnyrktiu Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mart 50 Pt.
Erscheint täfliid) mit Ausnahme deS MoniagS
gturtatt t Schulftraße 7.
auch die Betonung der zweijährigen Dienstzeit und die einjährige Festsetzung der Friedensstärke jettens der Freisinnigen wird eine starke Klippe bilden — aber hoffentlich werden die Herren in der Commission mit sich reden laffen! Nachdem Minister v. Bronsart aus die Richter'sche Rede kurz erwidert, sprachen aus dem Hause noch Abg. Gras v. Soldan-Ahlimb (cons.) zu Gunsten der Vorlage und Abg. Payer (Volkspartei), welcher in seiner Rede mehr die hohe Politik heroortreten liest und die aus dem Munde eines „Volksparteilers" allerdings nicht überraschende Behauptung ansstellte, daß viele Vorgänge das Vertrauen der Volkspartei in die Leitung der auswärtigen deutschen Politik erschüttert hätten. — Die Militär-Vorlage ist am (Samstag, dem Anträge des Abg. Richter gemäß, einer besonderen Commission überwiesen worden und steht eine Erledigung ter Vorlage vielleicht doch noch vor den Weihnachtsserien in Aussicht, was Minister v. Bronsart in seiner Rede auch als dringend wünschenswerlh bezeichnete.__
Literarisches.
- Brockhaus' Conversations-L-xtton liegt in der mit Abbildungen und Karten reich illustrirten 13. Auflage nahezu vollendet vor, denn der Abschluß des.
ießener Anzeiger
Amts- und Anzeigtblatt für den Kreis Gießen.
Nr. 286. Zweites Blatt
Vermischtes.
Darmstadt. Unter den verschiedenen Vereinen, die in den letzten Jahren in's Leben getreten sind, nimmt der Deutsche Prioatbeamten-Verein unstreitig die erste Stelle ein. Schon seit einiger Zeit hat sich unter den hiesigen Prioatbeamten (Buchhalter, Chemiker, Fabrik-, Bureau- und Wirthschaftsbeamten) eine Bewegung geltend gemacht, die darauf gerichtet ist, die eigene Zukunft, sowie die der Familie sicherzustellen, da in den meisten Fällen bei plötzlicher Invalidität oder Tod des Familienoberhauptes Noth und Elend einkehren. Die hiesigen Privatbeamten haben nun unter der Leuung des frerrn Buchhalters K. Schneider, hier, Geroinusslraße 11, einen Zweigverein des Deutschen Prioatbeamten-Vereins in's Leben gerufen. Die Kassen des Deutschen Privatbeamten - Vereins genießen den Ruf unbedingter Sicherheit und find sowohl, gutsitnirten wie schlechtsitutrten, gesunden wie schwächlichen Privatbeamten zugänglich. Der Verein hat vor Kurzem die Corporationsrechte erhalten. Wenn auch der Hauptverein nicht in Hessen, sondern in Magdeburg seinen Sitz hat, so ist doch zu wünschen, daß die humanen Bestrebungen desselben viele von unseren Landsleuten veranlassen mögen, sich dem Darmstädter Zweigoerein anzuschließen.
Berlin, 3. December. In hiesigen Officierskreisen wird augenblicklich m lebhafter Weise von einem Duell gesprochen, das am letzten Samstag in der Umgebung Berlins stattgefunden hat. Der Herausforderer war, dem „B. T." zufolge, ein hiesiaer höherer Officier, der Adjutant eines unserer bekanntesten Generäle, sein Gegner der Amtsrichter H. aus Düsseldorf. Die Forderung lautete auf Pistolen unter sehr schweren Bedingungen. Der Ausgang des Duells war ein sehr unglückseliger. Amtsrichter H. erhielt einen Sckuß in den Unterleib und wurde, da die Verletzung sich als eine ungemein lebensgefährliche erwies, noch an demselben Tage nach dem königl. Klinikum in der ^iegelstraße gebracht, lieber die Entstehung seiner Verwundung verweigerte er dort jede Auskunft und ist trotz sorgfältigster Behandlung am Mittwoch, dem vierten Tage nach dem Duell, an den Folgen der erhaltenen Schußverletzung gestorben. H. war etwa 40 Jahre alt und oerheirathet, sein Gegner ist ebenfalls verheirathet. Heber die Ursache zu diesem Duell wird noch Folgendes mitgetheiU: Der betreffende Otsicier hatte vor einiger Zeit in seiner Wohnung nach wichtigen Papieren gesucht, dieselben jedoch nicht gefunden, statt deren fiel eine Reihe von Correspondenzen in seine Hande, von deren Vorhandensein er bis dahin keine Kenntniß hatte und die ihm Anlaß gaben, dem Urheber derselbe», dem Amtsrichter £>. in Düsseldorf, eine Herausforderung zu- zuschicken. Von dem unglückseligen Ausgang des Duells hat der Officrer selbst seinem Vorgesetzten Meldung gemacht und ist daraufhin bereits die militargerichtUche Untersuchung eingeleitet worden. (Der Getödtete war der als Vorkämpfer für die öffentliche Gesundheitspflege in weiten Kreisen bekannte Amtsrichter Hartwich. Rcd.)
— Eine Verhaftung unter schwierigen und komischen Umstanden ist, wie aus Paris geschrieben wird, dieser Tage von dem kleinsten Pariser Polizeibeamten, dem nur wenig über vier Fuß hohen Sarrai, bewerkstelligt worden. Der kleine Beamte in Civil hatte in später Abendstunde in einem verdächtigen Stadtviertel einen riesigen Mann gesehen, der zahlreiche Uhren bei sich trug, die er Borübergehenden -um Ver-^ kaufe anbot; da er bei seiner kleinen Figur nicht allein zur Verhaftung des Kolosses zu schreiten wagte und keinen Collegen in der Nähe bemerkte, folgte er dem Verdächtigen auf Schritt und Tritt; als er hinter ihm bet einem Wemwirth emtrat, faßte er einen kühnen Entschluß; im Handumdrehen bemächtigte er sich einer der Uhren, die der Riese auf einen Tisch vor sich hingelegt hatte und nahm mit ihr die Flucht der nächsten Polizeiwache zu, gefolgt von dem Niesen und dem Wirth. Vor der Wache angekommen, warf er sich plötzlich dem Koloß an die Brust und ihn, der vor Bestürzung sprach- und bewegungslos dastand, festhaltend, rief er feine Kameraden zu Hilfe, die den Riesen, der inzwischen zur Erkenntniß seiner gefährlichen Situation gekommen war und sich wie ein Verzweifelter wehrte, bald unschädlich machten. -Nan glaubt in ihm, der jede Angabe über seinen Namen und seine Wohnung verweigert, einen sehr gefährlichen und lange gesuchten Verbrecher gesunden zu haben.
— sAuch eine chemische Analyse.) Bei dem letzten Meeting der Bradforder Stadträthe bemerkte, wie aus London geschrieben wird, der Stadtrath Taylor, ein Mitglied des städtischen Nahrungs- und Arzneimittel - Ausschusses, day wahrend des verflossenen Vierteljahrs sechs Proben von Bier behufs Analysirung nach Guys Hospital in London gesandt worden seien und daß er, um die Richtigkeit der Analyse zu prüfen, in Gegenwart eines Chemikers in eine dieser Proben eine Quantität des stärksten Giftes habe schütten lassen, mit dem Resultat, daß die betreffende Probe mit folgendem Gutachten von London zurückkam: „Ich bestätige, daß die beifolgende Probe von Bier meines Erachtens nach echt und unverfälscht ist!" r,
— (Die Mutter eines zum Tode Verurtheilten.) Aus Bonbon schreibt man. Für den 24. v. Mts. wurde die Hinrichtung des 30jährigen William Narumor festgesetzt, der feine Frau in Folge eines Streites in die Themse gestoß^l, woselbst sie ertrank. Zehntausend Personen unterzeichneten ein Begnadigungsgesuch , die König n gab demselben Folge und die Mutter des Verurtheilten, welche die sitz en -Lage in namenloser Angst in der Nähe des Gefängnisses verbracht botte, sollte ihrem Sohne die glückliche Nachricht überbringen. Als die alte Frau in die Zelle trat, begann der Mörder, der meinte, daß es sich um den letzten Abschied handele, an all^Glieoern zu zittern; die Mutter rang nach Worten, doch ehe fie noch eine Silbe Sesprocken, sing sie an zu röcheln und sank als Leiche zu Boden. . . • EM der Kerkermeister fetzte Narumor von dem ihm gewährten Nachlaß der Todesstrafe in Kenntniß.
Politische AeberfickL.
GieHeu, 7. December.
Der schon längst angekündigt gewesene Besuch des Prinz-Regenten Luitpold von Bayern am Berliner Hose ist nun zur Thatsache geworben und trifft der Prinz an diesem Dienstag Vormittag mit größerem Gesolae in der Reichshauplstadt ein. Die Anwesenheit des greifen Fürsten, den die Königs- Katastrophe vom 13. Juni d. Js. zur Lenkung der Geschicke Bayerns berufen • hat, muß zwar zmächst als die Erwiderung des B-faches betrachtet werden, den Kaiser Wilhelm im vorigen Sommer der bayerischen Königrsamilie abstattete. Aber neben dieser mehr ceremoniellen Seite weist die Berlimr Reise les Prinz- Regenten Luitpold noch eine andere erhöhte Bedeutung auf, die auf politischem Gebiete liegt. Sie bekundet die immer innigere Gestaltung der zwischen den Höfen von Berlin und München obwaltenden herzlichen Beziehungen, welch' letztere schon in dem kürzlich stattgesundenen einwöchentlichen Besuche des präsum- liven bayerischen Thronfolgers, des Prinzm Ludwig, am Kaiserhofe zum Ausdrucke gelangten, und wenn nun Kaiser Wilhelm den Prinz-Regenten selbst als Gast bei sich empfängt, so erscheint hierdurch die innige, beide Fürsten verbindende , Freundschaft im hellsten Lichte; daß dieselbe aber auch auf die politi- fchen Beziehungen zwischen Berlin und München zurückwirlt, bedarf wohl keiner näheren Darlegung. — In Berlin gedenkt der Pnnz-Regent Luitpold, soweit bis jetzt bekannt, bis Mittwoch zu bleiben und wird er sich alsdann nach Dresden begeben; bekanntlich verbindet den Pcinz-Regenten auch mit dem König Albert die enafte persönliche Freundschaft.
Die General-Debatte über die Militär-Vorlage hat der Reichstag nun ebenfalls hinter sich, sie scheint sich aber gerade nicht zu der großen parlamentarischen Haupt- und Staatsaction gestaltet zu haben und deutet der ganze Verlauf der Debatte darauf hin, daß der Schwerpunkt der ferneren Verhandlungen über die Militärfrage in der Commissions-Thätigkeit liegen wird. Besonders der Rede des KriegSmimsters Bronsart v. Schellendorff war allseitig mit größter Spannung entgegengesehen worden, zumal da ja der Kaiser selbst beim Empfange des Reichstags-Präsidiums angedeutet hatte, daß Herr v. Bron- jart dem Parlamente wichtige Eröffnungen über die Dringlichkeit und Nothwen- digkeit der vorgefchlagenen militärischen Maßregeln machen würde. Statt deffen begnügte sich aber der preußische Kriegsminister in seiner Rede am Freitag, die Militär-Vorlage nur ganz im Allgemeinen und von bekannten Gesichtspunkten aus zu motUnren. Dagegen versprach er, die erwarteten Mittheilungen in der Commission zu geben, so 'daß in dieser, wie schon angebeutet, das Schwergewicht her weiteren parlamentarischen Behandlung der neuen SeptennalS'Vorlage liegen wird. Dafür concertrirte sich das Zntensse des Tages auf die Rede des Abg. Richter, welcher den Standpunkt der freisinnigen Partei in der Militärfrage in langer Rede, welche die halbe Sitzung ausfüllte, darlegte. Wir können an Weser Stelle natürlich nicht alle Einzelheiten der Ausführungen des freifinnigen Frak- Üons-Chefs wiederholen, sondern nur die wichtigsten Momente hervorhebcn und wollen da gleich bemerken, daß Herr Richter sich ganz ungewöhnlich gemäßigt aab und die Vorlage durchaus nicht von feinem sonst so stritt negativen Standpunkte aus beurteilte. Abg. Richter betonte, daß die Vorlage ja nicht die Kriegsstärke, sondern die Friedensstärke der Armee betreffe und fragte, weshalb denn die Regierung, wenn sie es mit der Vorlage io eilig habe, ^n Reichstag nicht früher einberufen habe. Er erklärte die Bereitwilligkeit feiner Partei, in sine'sachliche Prüfung der Vorlage auch nach der von der Regierung vorge- schlagenen Methode einzutreten, nämlich die militärffchen Verhältniffe der Nachbarstaaten mit den unserigen zu vergleichen. Wenn dabei aber die beiden aroßen Nachbarreiche, welche uns eventuell gegenüberstehm könn en, zul ammengerechnet würden, dann müßten auch die Stärkeverhältnisse unseres ^sterreichi- icken Älliirlen in Rechnung gestellt werden. Nach feiner Meinung werde die Heeresmacht namentlich Frankreichs überschätzt, während unsere Kiiegsstärke, mit der sich die milriärische Literatur nur wenig beschäftige, nicht ^fserniäßig bekannt fei mb baber unterschätzt werde. Der Redner erörterte dann die CadreS'Ver- hältniffe, die Dienstzeit u. s. w. in Rußland und ^kreich und gelangt zu dem Ergebniffe, daß aus diesen Verhältnissen die Nothwendigkeit einer Ver- stärkuna des gegenwärtigen Friedensbestandes unseres Heeres sich keineswegs rechtfertigen lasse. Nachdem oer Redner dann für die möglichste Herabsetzung der Dienstzeit eingetreten, die als ein Ausgleich der vom Volke zu tragenden Last bei Erhöhung der Activsiärke gefordert werden müsse, glaubte er, Hw sichtlich der wachsenden finanziellen Mehrbelastung auf die EtatSberathung verweisen ru müssen und sprach sich am Schlüsse seiner Ausführungen dahm aus, das feine Partei eine einjährige Feststellung der Präsenzstärke von jedem Standpunkte aus für das Beste und eine mehr als dreijährige Festsetzung nicht für consti- tutionell halt-'. Die Überzeugung, schloß Abg. Richter, daß wir ein starkes Friedensheer haben und behalten müssen, durchdringe alle Kreise de» Volkes und die Einzelfragen, in denen die Parteien uneinig feien, mären gering gegenüber dem was allen Parteien gleichmäßig am Herzen^ liege, der S ärkung unferer Wehrkraft - Aus diesen Darlegungen der freifinnigen Parteiführer geht vor Allem hervor, daß man auch in der freisinnigen Partei von dem Ernst der all- aemeinen Lage durchdrungen und bereit ist, den Zeitverhältniffen ^urch Stärkung unsrer Wehrkraft Rechnung zu tragen und somit steht zu erwarten, daß auch bi? fretfinn a $artd bei ber weiteren Ber-thung der MiMr-Vm °ge Haupt, «äckl L vom vatriMchen Standpunkte ausgehen wird. Freilich wirb bte finanzielle Seite ber Frage noch eine Menge von „Wenn" uno „Aber ergeben und


