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Freitag den 8. Januar L88C
ießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Schulstraj« 7. WW .S«.ich mit SjwS' 2^?”^
Amtlicher HHeil.
Betreffend: Die Aufnahme einer Armenstatistik. Gießen, am 5. Januar 1886.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Grotzherzoglichen Bürgermeistereien des KreiseS.
Unter Hinweis aus unsere Verfügung vom 23. December 1884 — Anzeiger Nr. 1 pro 1885 — erinnern wir Sie daran, daß bis zum 15. L Ms. die Uebersicht nach Formular C an uns einzusenden ist, wobei wir bemerken, daß dieser Termin pünktlich einzuhalten ist, gegenfalls wir Ihnen ohne weitere Erinnerung Wartboten zusenden werden.
Politische Uebersicht.
, Gießen, 7. Januar.
Die festlichen Klänge vom 3. Januar sind nun verhallt, aber in den Herzen aller echten Deutschen in- und außerhalb der Reichsgrenzen klingt die Jubelseier Kaiser Wilhelms nach. Dieselbe bewegte sich allerorten, wo man sie beging, nur im einfachen Nahmen und dies entsprach ja nur den Wünschen des greisen Monarchen, eine Ausnahme machte jedoch die Reichs- hauptsiadt, wie das ja auch ganz natürlich erscheint. Bei der Feier am Hofe bot die Gratulations-Cour, welche die kaiserlichen Majestäten im Weißen Saale des Palais abhielten, ein glänzendes Bild dar, dessen Mittelpunkt selbstverständlich das erlauchte Herrscherpaar bildete, dem die ehrfurchtsvollen Ovationen der festlichen Versammlung galten. Während die Kaiserin unter einem Thronhimmel Platz genommen hatte, nahm der Kaiser, seiner erlauchten Gemahlin zur Rechten, die Glückwünsche der Versammlung stehend entgegen und da die Gratulations- Uour über eine halbe Stunde dauerte, so kann man schon aus dem erwähnten Cmstande einen erfreulichen Schluß aus die Rüstigkeit des erhabenen Jubilars ziehen. Die Feierlichkeit im Weißen Saale bot zwei besonders zugleich weihevolle und rührende Momente dar: Einmal die Beglückwünschung des Kaisers durch den Reichskanzler Fürsten Bismarck und dann durch den General-Feldmarschall Grafen Moltke. Der Kanzler wie Graf Moltke wurden vom Kaiser durch Umarmung und Kuß auf die Wange ausgezeichnet und man sah dem kaiserlichen Herrn die tiefe Bewegung an, in welche ihn diese Scene versetzte. — Von den deutschen Souveränen war neben den fürstlichen Verwandten der kaiserlichen Familie, den Großherzbgen von Baden und Weimar, noch der König von Sachsen zur persönlichen Beglückwünschung des Kaisers erschienen, durch welche unerwartete Aufmerksamkeit dec Kaiser sichtlich angenehm überrascht wurde.
Die Bevölkerung der Reichshauptstabt bewies durch ihre leb' haste Antheilnahme an der Jubiläumsfeier wieder einmal, mit welcher Innigkeit sie an ihrem Herrscherhause hängt, den politischen Partei«Unterschieden zum Trotz, welche sonst gerade in Berlin hervorzutreten pflegen. Die Illumination der Stadt am Abend des Jubiläumstages war großartig und kaum hatte Berlin V in einem solchen Lichtmeere gestrahlt.
In dieser Woche hat zunächst der Bundesrath seine durch die Weihnachtspause unterbrochene Thäligkeit wieder begonnen, indem seine Ausschüsse am Dienstag eine Sitzung abhielten. Am Freitag folgt der Reichstag mit seiner ersten Plenarsitzung im neuen Jahre nach, womit sein zweiter Sessionsabschnitt eröffnet wird. Derselbe ist der bei Weitem wichtigste Theil der im November vorigen Jahres eröffneten Session, denn erst in ihm wird die Entscheidung Über die verschiedenen den Reichstag bewegenden Fragen fallen und die dieser Entscheidung vorangehenden parlamentarischen Kämpfe dürsten sich aller Voraussicht nach sehr bewegt gestalten. Es ist ja auch in der politischen Atmosphäre des Reichstages eine Menge Zündstoff angelagert, wovon schon die scharfen Auseinandersetzungen, welche zwischen dem Reichskanzler und der Opposition in den vier parlamentarischen Wochen vor Weihnachten anläßlich der Polenfrage, der Missionsthätigkeit in den deutschen Schutzgebieten u. s. w. stattfanden, Zeugniß ablegten. Indessen steht nicht zu befürchten, daß im Reichstage eine Katastrophe, d. h. die Auflösung desselben im Falle einer Niederlage der Regierung in dieser oder jener Frage, erfolgt. Von competenter Seite ist wiederholt versichert worden, daß bje Regierung keineswegs an eine derartige Maßregel denke und so darf man einem normalen Schluffe der Reichstags-Arbeiten und hoffentlich auch positiven Ergebnissen derselben entgegensehen.
Die Meldung von privater Seite, daß sich auf der Kreuzer- Fregatte „Stein" in Folge Explosion eines Keffels ein schwerer Unfall ereignet bade, soll sich erfreulicher Weffe als grundlos Herausstellen. Die Fregatte gehört zu dem vor einiger Zeit in Wilhelmshaven gebildeten Schulgeschwader, welches am 19. December v. Js. in Trinidad, also vor der Mündung des Amazonenstromes, eingelroffenM und von da am 10. Januar 1886 weitergehen sollte.
Die lange Ministerkrisis in Frankreich kann wohl endlich als beseitigt betrachtet werden. Herr Freycmet hat sich nun doch entschloffen, die Neubildung des Cabinets zu übernehmen und sollte die Veröffentlichung der neuen Ministerliste bereits am Mittwoch erfolgen. Es verlautet, daß auf derselben mehrere der bisherigen Minister sungiren würden. Dem „National" zufolge würde das Programm des neuen Ministeriums drei Hauptpunkte umfassen: Reform des Budgets, Reform der Verwaltung und schließlich Organi- jation des Protectorats über Tongking und Anam, welches aus das Nothwen- I
digste beschränkt werden soll. In der Botschaft des Präsidenten würde das Programm des Cabinets genau dargelegt werden. — Offenbar ist die in dem ministeriellen Programme enthaltene Versicherung, daß das Protektorat über Tongking und Anam „auf das Nothwendigste" beschränkt werden solle, ein. Zugeständniß an die Radikalen, welche bekanntlich die Räumung Tongkings- fordern. Dieses Zugeständniß steht indessen in Widerspruch mit der Haltung Freycinetts während der großen Tongking-Debatte in der Deputirtenkammer, wo der Minister versicherte, die Regierung sei entschlossen, die Besetzung Tongkings in allen Stücken aufrecht zu erhalten. Herr de Freycinet hat sich mittlerweile höchst wahrscheinlich überzeugt, daß ohne bedeutende Concessionen in dieser Frage an die Radikalen die Unterstützung des neuen Ministeriums durch di". Radikalen nicht zu haben sei. Ob aber das Cabinet Freycinet wirklich mehr als ein „Verlegenheits-Ministerium" sein werde, bleibt denn doch noch ab- zuwarten.
Der Anfang zu Friedensverhandlungen zwischen Serbien und Bulgarien ist nun gemacht worden, indem erstgenannter Staat seinen Gesandten in London, Staatsrath Mijatovic, zum serbischen Delegirten für die Friedensverhandlungen ernannte. Hoffentlich wird jetzt auch Bulgarien seinerseits einen Vertreter zu diesen Konferenzen ernennen und es dürste nur noch erübrigen, den Oct für dieselben zu wählen. Ursprünglich war Sofia hierzu in Aussicht genommen worden, wahrscheinlich, um den Bulgaren eine sofortige kleine Genug- thuung für ihre Siege zu gönnen. Doch ist diese Idee wieder fallen gelaffen worden und werden die Verhandlungen auf neutralem Boden, wie es heißt, in einer rumänischen Stadt, geführt werden.
Das neue Jahr hat für die englische Politik in Bezug auf Egypten mit einer erfreulichen Nachricht aus dem Sudan begonnen: Mit derjenigen vom Siege des Generals Stephenson bei Koseh und Ginnis über die aufständischen Sudanesen. Die Niederlage der letzteren stellt sich nach neuerlichen Meldungen noch bedeutender dar, als zuerst, denn die Aufständischen haben allein an Todten über 600 Mann verloren und sind in völliger Aufllssung nach Don- gola zu geflüchtet. Ihren Sieg vollständig auszubeuten, werden aber die Engländer durch ihre numerische Schwäche gehindert; letzteres erhellt auch aus einer Depesche Mukthar Paschas, des türkischen Special-Bevollmächtigten für Egypten. In derselben meldet Mukthar Pascha nach Konstantinopel, daß die Herstellung friedlicher Zustände nur durch Mitwirkung türkischer Truppen möglich sei. Diese Auffassung der Dinge wird in ^London gerade nicht sonderlich angenehm berühren.
Das neu gewählte englische Unterhaus wird nicht am 19., sondern am 21. Januar eröffnet.
Die griechische Regierung hat ein Rundschreiben an die Vertreter Griechenlands im Auslande gerichtet, in welchem auf die loyale Haltung Griechenlands in der serbisch-bulgarischen Frage hingewiesen wird. Das Schreiben bezeichnet weiter die Situation an der Nordgrenze des Königreiches als voll von Gefahren und giebt dann Der Hoffnung Ausdruck, daß die Mächte bei Regelung der bulgarisch - ostrumelischen Frage den vitalen Interessen Griechenlands- Rechnung tragen würben. In Athen scheint man allen Ernstes gewillt zu fein, aus den jetzigen Balkanwirren irgend etwas für Griechenland herauszuschlagen.
Darmstadt, 5. Januar. Se. König!. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht:
Am 23. December den Straßenmeister Johann Peter Sahlseld zu Grünberg zum Kreisbauaufseher bei dem Kreisbauamte Grünberg zu ernennen;
den Stationsvorsteher und Expeditor der Station Zwingenberg der Main- Neckar-Bahn Konrad Pfannmüller auf fein Nachsuchen unter Anerkennung feiner langjährigen treugeleisteten Dienste in den Ruhestand zu versetzen und Demselben aus diesem Anlaß das silberne Kreuz des Verdienst-Ordens Philipps des Großmüthigen zu verleihen;
am 31. December den vortragenden Rath bei der Abteilung des Ministeriums des Innern und der Justiz für öffentliche Gesundheitspflege und Kreis- Veterinärarzt zu Offenbach, Ober-Medkcinalralh Dr. Gustav Lorenz unter Enthebung von seiner Stelle als Kreis-Veterinärarzt zu Offenbach, zum Landgestüts-Veterinärarzt zu ernennen.
Darmstadt, 5. Januar. Ein weiterer Bericht des Finanz-Ausschusses bezieht sich auf die Anträge 1) der Abgg. Ohly und Wolfskehl auf Vereinigung der Vorschule für das Gymnasium zu Darmstadt mit dieser Anstalt und Uebernahrne der entstehenden Kosten auf den Staat; 2) des Abg. Metz (Gießen), die in Gießen thatsächlich in Verbindung mit dem Gymnasium be-


