Kriegsminister v. Bronsart wendet sich gegen die voraufgegangenen Reden der Abgeordneten Richter, Payer und Windthorst und wird in der ersten Sitzung der Kommission Erklärungen geben, die seinen Wunsch, die Sache zu fördern, begründen würden.
Die Vorlage wird an eine Kommission von 28 Mitgliedern verwiesen.
Nächste Sitzung: Montag den 6. December (kleinere Vorlagen, Beginn der zweiten Lesung des Etats).
Telegraphische Depeschen.
Wolff'S telegr. Correspondenr - Bureau.
Paris, 5. December. Die Union der Linken gab in einer heute stattgehabten Versammlung ihre Geneigtheit zu erkennen, mit den anderen Gruppen der republikanischen Parteien sich wegen Aufstellung eines gemeinsamen Programms zu verständigen, auf welchem eine gouvernemenlale Mehrheit zu gründen möglich wäre. Die Versammlung beauftragte das Bureau, ein solches Programm zu entwerfen. Gleichzeitig fand eine Versammlung der radikalen Linken und der äußersten Linken statt, in welcher beschlossen wurde, daß das Bureau dieser beiden Gruppen sich mit dem Bureau der Union der Linken in Betreff der Ministerkrise verständige, da es sich um das Allen gemeinsame Interesse der Republik handele. Die Bureaus der drei Gruppen werden morgen früh zu einer gemeinsamen Sitzung zusammentreten. Dec Präsident Grevy hat bisher Niemand wegen Neubildung des Cabinets zu sich berufen; auch gilt es nicht für wahrscheinlich, daß derselbe sich vor der Leichenfeterlichkeit für den General Pittie, die am Dienstag stattfinden soll, mit dieser Frage beschäftigen wird. — Der „Temps" glaubt, daß Freycinet der Einzige sei, welcher einen hinreichenden Einfluß besitze, um ie verschiedenen republikanischen Fraktionen einander zu nähern. Allerdings scheine Freycinet immer weniger geneigt, ein Amt wieder zu übernehmen, das die Spaltungen der Parteien ihm zu einem so schwierigen gemacht haben.
Bukarest, 5. December. Die amtliche Zeitung veröffentlicht eine Verfügung des Gesundheitsraths, nach welcher wegen des Auftretens der Cholera in Belgrad alle Reisenden aus Serbien nur über Vercierooa, Severin und Kalafat Einlaß in Rumänien finden sollen; dieselben müssen mit einem Paß versehen sein und sind an dem Orte ihres Aufenthalts in Rumänien einer fünftägigen ärztlichen Ueberwachung zu unterziehen.
Belgrad, 5. December. Die bulgarische Deputation ist gestern Abend hier eingetroffen.
— An Stelle des verstorbenen Generals Nikolic ist der Finanzminister Mija- tovic zum königlichen Ordenskanzler ernannt worden.
L ok a l e h.
Gießen, 6. December. [Concertverein.] Das gestrige Concert festigte nur den günstigen Eindruck, den das eifrige Wirken des verehrten Vorstandes schon in der ersten Aufführung hervorgerufen hat.
Frau Joachim, die wir das Glück hatten, das vorige Jahr schon einmal im Kirchenconcert zu hören, hat gestern in bewundernswerther Weise dargetban, wie mustergiltig sie als Liedersängerin dasteht, und aus wie berechtigten Gründen das allgemein darüber herrschende Urtheil bervorgegangen ist. Der Gesammteindruck ihrer Erscheinung, ihres Gesanges, ihrer Geberd^n ist Harmonie. Alles ist Würde, Maß und Adel. Sie brillirt nicht mit Tonmassen, nicht mit technischen Mitteln, die sie meisterhaft beherrscht, weise hält sie sich in den ihr gezogenen Grenzen und herrscht darin als Königin. Ihr Ton ist edel, voll und abgerundet und namentlich in der Tiefe vsn ergreifender Wirkung, ihre Aussprache tadellos. Was sie singl, durchlebt sie, ist eigenes Empfinden, eigener Scherz und Schmerz.
Als Begleiterin stand ihr Fräulein Bock zur Seite, die auch als Solistin Hinen Theil des Abends ausfüllte. Ließ sie in früheren Jahren vielleicht zu sehr ihr glanzende Virtuosität in den Vordergrund treten, so verräth sie jetzt nach dieser Seite hin einen überraschenden Fortschritt zu Gunsten des musikalisch Reinen und Schönen. Ihre Begleitung der Lieder, eine der schwierigsten musikalischen Aufgaben, war musterhaft, ihre eigene Composition, der kubanische Tanz Habanero, das Spiegelbild ihres ganzen Wesens.
Hugo Becker, einst von seinem unvergeßlichen Vater in unserem Concertsaale eingeführt, ist von Jahr zu Jahr mehr zu unserem Liebling geworden. Musikalisch durch und durch, unterstützt von einer blendenden Technik und einem Instrument mit ausgiebigem, herrlichen Tone ist er der wahre Erbe des väterlichen Genies und Ruhmes. Daß er Boccherini's Sonate zum Eingang wählte, sind wir ihm noch zu besonderem Dank verpflichtet.
Sein Freund Rigutini begleitete ihn zart und bescheiden mit musikalischer Sicherheit.
Gießen, 6. December. Wie uns von befreundeter Seite mitgetheilt wird, bereitet Herr Musikdirector Krauße für das am Donnerstag den 8. d. M. stattfindende 5. Abonnements-Concert eine ganz eigenartige Aufführung vor, welche wohl angethan fein dürfte, das Gießener Publikum vollständig zu gewinnen und den Saal von Stein's Garten bis auf den letzten Platz zu füllen.
Seit Wochen schon ist unsere wackere Capelle mit dem Studium von Beet- hoven's „Egmont-Musik" beschäftigt, weiche demnach wohl vorbereitet am nächsten Donnerstag zu Gehör gebracht werden soll und zwar mit demnach Goethe's Schauspiel von Mosengeil und Bernays dazu geschriebenen hochpoetischen verbindenden Tert, dessen Declamation Herr Oscar Zack übernommen hat.
Das ganze Werk bildet den 2. Theil des Abends und hat in seinen Einzelheiten viel Aehnlichkeit mit Schumann's „Manfred", indem die Musik die im Text angedeuteten Stimmungen ausdrückt und einige melodramatisch behandelte Sätze den Eindruck vertiefen. Das Werk schließt mit der Recitation der Kerkerscene aus Goethe's „Egmont", welcher ein Orchester-Allezro „Sieges-Symphonie" genannt, folgt. Wir machen also die Concertbesucherinnen und Concertbesucher auf den Donnerstag Abend ganz besonders aufmerksam.
. Gießen, 6. December. [Theater]. Ueber die erste Aufführung des neuesten Kneisel'schen Schwankes „Die große Unbekannte" am Berliner Wallner-Theater wird geschrieben: Die Premiere fano auch hier großen Beifall und der stürmischen Heiterkeit war kein Ende. Das Stück ist harmlos angelegt, und durch die überaus drolligen, Situationen und schlagfertigen Bonmots ist ein drastischer Schwank aufgebaut, dessin lustige Handlung mindestens ebenso werthvoll ist, wie von unendlich vielen anderen Stücken, welche mit größter Emphase in die literarische Welt hinausgeschickt werden. Enfin: Die große Unbekannte wurde hier innerhalb 6 Tagen viermal unter dem denkbar größten Lacherfolge gegeben.
Wer im Theater ein paar Stunden Erholung sucht von den Mühseligkeiten des Tages und sich sattsam auslachen will, dem wird „Die große Unbekannte" gewiß hinreichende Befriedigung gewähren.
Unsere Gießener Theaterfreunde werden das Bestreben Der Direction, uns mit den hervorragendsten Novitäten bekannt zu machen, gewiß nicht unterschätzen und der Mittwochs-Aufführung mit großem Interesse entgegensetzen.
— Der Eisverein macht in einem Inserat diejenigen seiner Mitglieder, welche ihre Karten noch nicht abgeholt haben, darauf aufmerksam, daß sie ihrer Rechte verlustig gehen, falls sie das Versäumte nicht nachholen. Bei der voraussichtlich baldigen Eröffnung der Eisbahn glauben wir Interessenten hiermit nochmals darauf aufmerksam machen zu sollen.__
Vermischtes.
Aus dem Großherzogthum Hessen, 1. December. Eine im Zeitraum von fünf Jahren aufgestellte Statistik der Waldbrände hat zu dem Resultate geführt, daß die überwiegende Mehrheit der Waldbrände in den Monaten April und Mai vorkamen, in welchen der Wald am meisten besucht ist und Brände, namentlich beim Anzünden von Pfeifen und Cigarren, durch Wegwerfen von vorher nicht genügend ausgelöschten Zündhölzchen verursacht werden. In den 5 Jahren von 1881 bis Ende 1885 wurden in Hessen 272 oder pro Jahr durchschnittlich 54 Waldbrände berichtltch angezeigt.
X Darmstadt, 3. December. Heute Morgen wurde der seit einigen Tagen vermißte Färbermeister Böhler in einem Färberaum seiner Fabrik todt aufgefunden.
i Derselbe hatte Gift genommen. Was denselben zu diesem Schritte veranlaßt, ist um so unerklärlicher, da derselbe Junggeselle war und sich in den besten Vermögensoer- hältnissen befand.
X Lengfeld i. O., 12. Dec. Gestern Mittag hat ein junger Lehrer seine Geliebte und dann sich erschossen. Der Grund zu dieser schauerlichen That soll darin zu suchen sein, daß der Lehrer, welcher in Lengfeld stand, versetzt wurde und daß hierdurch eine Trennung der Liebenden herbeigeführt werden sollte.
— sSelbstmord wegen einer mißlungenen Operation.] In Petersburg erschoß sich am 23. d. M. der Professor an der meoicinisch-chirurgischen Akademie und Leiter der chirurgischen Klinik Dr. med. S. P. Kolomnin. Wie man berichtet, hat der Professor vor einigen Tagen eine Dame auf deren dringendes Verlangen operirt. Obgleich die Operation vollkommen regelrecht ausgeführt war, starb die Patientin doch nach drei Stunden. Das machte einen tieferschütternden Eindruck auf Kolomnin. Er erklärte, er habe den Tod der Dame verschuldet und war trotz der gegenteiligen Versicherungen seiner Collegen untröstlich. Er behauptete, er hätte die Operation nicht ausführen sollen, und sprach die Absicht aus, die Akademie zu verlassen, weil er nach einem so groben Versehen kein Zutrauen mehr beanspruchen dürfe. Den Argumenten seiner Collegen gegenüber hatte er stets nur die Antwort: „Ich habe ein Gewiffen und bin selbst Richter über mich."
Newuork, 2. December. Der hier heute von Antwerpen angekommene Dampfer „Wcsternlaud", von der Red Star-Linie meldet, daß er am 27. November in 43° 57' westlicher Länge einen furchtbaren Orkan aus West-Nord-West zu bestehen hatte. Eine riesige Woge zertrümmerte seinen „turtle-back“, wodurch 4 Matrosen und 2 Zwischen- deck-Passagiere Namens Livadiri und Max Frank, getödtet und 15 andere Seeleute und Passagiere mehr oder weniger erheblich verletzt wurden.
HanSeL tmfr
Grün berg, 4. December. lFruchtpreise.s Weizen JL 16.80, Korn JL 13.10, Gerste 12.60, Hafer JL 11.00, Erbsen JL 13 30, Linsen J4 21.00, Lein JL 00.00, Samen 00.00, Kartoffeln 0.00, Wicken 00.00.
Heilkräftige Wirkung u. Wohlgeschmack sind in keinem Liqueur so vollkommen vereinigt als in Widtfeldt's Magenbehagen. Nieder!- u. A. b. Emil Fischbach. [8728
— [Weihnachtsoerloosung.] Seit einer Reihe von Jahren hält der Darmstädter Gewerbehalleverein eine sog. Weihnachtsoerloosung ab, wobei nur Gewerbeerzeugnisse der Mitglieder verloost werden. Da bei dieser Verloosung durch die Gediegenheit der Gewinngegenstände einerseits die Zufriedenheit der Gewinner erreicht und andererseits ein gemeinnütziger Zweck dabei verfolgt wird, so wünschen auch wir, daß sich diesem Unternehmen die Gunst des hiesigen Publikums zuwende. Die Verkaufsstellen der Loose sind in der betr. Annonce angegeben.
Kirchliche Anzeigen der eoangel. Gemeinde.
Heute, Montag, Abend 8 Uhr, Bibelftunde in der Kleinkinderschule, Markus Kap. 3, von Vers 7 an, Pfarrer Dr. Naumann-
Donnerstag den 9. Dezember, Abends 8 Uhr, 2. Advents-Wochengottesdienst; der Advent des Herrn in der Gegenwart zu den Seinen, Pfarrer Dr. Naumann-
Am 3. Adventssonntag, den 12. December, wird Beichte und heiliges Abendmahl im Vormittagsgottesdienst, nicht im Abendgottesdienst gehalten werden.
Rchertoir der vereinigten Stadttheater zu Frankfurt a. At.
Opernhaus.
Dienstag den 7. December: Brigitta.
Mittwoch den 8. December: Fledermaus. Anfang 7 Uhr. Große Preise.
Donnerstag den 9. December geschlossen.
Freitag den 10. December: Fatinitza. Große Preise.
Samstag den 11. December: Neu einftubirt: Der Hüttenbesitzer. Große Preise.
Sonntag den 12. December: Die Journalisten. Große Preise.
Schauspielhaus.
Dienstag den 7. December: Trompeter von Säkkingen. Große Preise.
Mittwoch den 8. December, Nachmittags 3*/r Uhr: Vorstellung bei ermäßigten Preisen. Prinzessin Jrinia. Außer Abonnement.
Donnerstag den 9. December: Lohengrin.
Freitag den 10. December geschlossen.
Samstag den 11. December: Der Maskenball.
Sonntag den 12. December: 1. Vorstellung in Weber-Cyclus. Euryanthe.
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