Ausgabe 
7.4.1886 Erstes Blatt
 
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Nr. 81, Erstes Blatt. Mittwoch den 7. April 1886

Hießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

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Amtlicher Hheil.

Betreffend: Das Einhalten der Tauben zur Saatzeit.

Bekanntmachung.

Diejenigen Einwohner von Gießen, welche Tauben halten, werden hiermit bei Meidung der in Art. 79 des Feldstrafgesetzes angedrohten Strafen aufgefordert, dieselben ohne Ausnahme vom 7. April bis 5. Mai l. I. in den Schlägen eingesperrt zu halten.

Gießen, am 5. April 1886. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

Fresenius.

Deutschland.

Darmstadt, 3. April. Se. König!. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht:

Am 27. März den Oberförster der Oberförsterei Feldkrücken, Karl Rull* mann zu Schotten, in gleicher Diensteigenschast in die Obersörsterei Zellhausen zu versetzen und den Forstaffeffor August Diefenbach aus Schwarz zum Oberförster der Obersörsterei Feldkrücken zu ernennen.

Darmstadt, 5. April. Se. König!. Hoheit der.Großherzog haben Allergnädigst geruht:

Am 1. April l. Js. dem Hofsecretär Friedrich Nau den Charakter als Hoskammerrath zu ertheilen-

Berlin, 5. Avril. In der heutigen Sitzung der kirchenpolitischen Com­mission erklärte Minister Goßler, nachdem in der letzten Commissions-Sitzung ein Mitglied (Bischof Kopp) erklärt, die Kurie wolle nur eine einmalige An­zeigepflicht für die gegenwärtig zu besetzenden Stellen zugestehen, berief die Re- Öben Gesandten beim Vatikan, v. Schlözer, nach Berlin, welcher dies Je und weiter mittheilte, der Papst hätte die Ueberzeugung geäußert, daß nach hergestelltem Frieden die weitere Anzeigepflicht gewährt werden könnte; hinsichtlich des Einspruchsrechts des Staates sei der Papst einverstanden, daß die Sache so gehalten werde, wie in Württemberg. Die Regierung werde dem Könige rathen, nicht eher zu der Frage Stellung zu nehmen, bis der Landtag sich darüber geäußert habe.

England.

London, 5. April. (Unterhaus.) Ashmead Bartlett fragt an, ob Griechenland den Rath der Mächte jetzt angenommen habe und sich des euro­päischen Friedensbruches enthalten würde. Bryce antwortet, Griechenland habe die Annahme des Rathes der Mächte nicht angedeutet; die Regierung habe keine Nachricht, die sie in den Stand setze, den letzten Theil der Anfrage zu beantworten.

Rußland.

Sebastopol, 4. April. Der Kaiser und die Kaiserin nebst dem Groß­fürsten Thronfolger und den übrigen Kindern, sowie die Großfürsten Sergius nebst Gemahlin und Paul sind heute Vormittag 10 Uhr wohlbehalten hier ein* getroffen und alsbald nach Livadia weitergereist. In dem kaiserlichen Gefolge befindet sich auch der Minister des kaiserlichen Hauses Graf Woronzow-Daschkow. Der Verkehrsminister Possiet begleitet den kaiserlichen Bahnzug. Das Kaiser- vaar benutzte zur Fahrt von hier nach Jalta den DampferGedächtniß Mer- kur's", während die Fahrt von Jalta nach Livadia per Wagen ausge­führt wurde.

Türkei.

Konstantinopel, 5. April. Die Botschafter hielten gestern unter sich eine Besprechung, worin ein vollständiges Einvernehmen der sechs Mächte für die heutige Conferenzsitzung constatirt werden konnte.

Reichstag.

E. B. Berlin, 5. April 1886.

In der heutigen Sitzung kam zunächst der Gesetzentwurf wegen Ergänzung des $ 809 der Civilprozeßordnung (betreffend die Zustellung des Arrestbefchls durch die Post) zur dritten Berathung, der nach einigen Bemerkungen der Abgg. Meyer (Halle), v. Cuny und Klemm, sowie des Geh. Ober-Reg.-Rath Hagens mit großer Majorität angenommen wurde.

Es folgt die erste Berathung des Handelsvertrages mit dem Sultan von Sansibar.

Abg. Barth (dfr.) sprach der Negierung seinen Dank für diesen Abschluß aus, speciell dafür, daß es gelungen, den Sultan zu bewegen, daß kein Monopol in Sansibar cingeführt werden soll.

Geh. Rath Kr an el bemerkt, daß diese Bestimmung bereits in dem alten hanseati­schen Vertrage enthalten gewesen sei.

Der Handelsvertrag wurde daraus in zweiter Lesung angenommen.

Es folgt die zweite Berathung des Antrags v. Jagdzewski, betreffend die Gerichtssprache in ehemals polnischen Landestheilen.

Die Commission, der dieser Antrag zur Vorberathung überwiesen gewesen, beantragt die Ablehnung desselben, schlägt aber eine beschränkende Fassung vor, die dann nach längerer Debatte, an der sich dieAbgg. Hermann (dfr.), v. Jagdzewski (Pole), v. Cuny (natlib.), v. Neinbaben (Reichsp.) und Geh. Ober-Reg.-Rath Er. Meyer betheiligten, mit einem redactionellen Zusatz des Abg. Klemm (Reichsp.) angenommen wird.

Es folgt die zweite Berathung der allgemeinen Rechnung über den Reichshaus­halt pro 1881/82.

Die Commission beantragt:

1) eine Reihe nachträglicher Genehmigungen,

2) den Vorbehalt auszusprechen, daß der Reichskanzler bezüglich der be­zeichneten Ausgaben die Verantwortlichkeit für die ergangenen Allerhöchsten Ordres durch deren Gegenzeichnung nachträglich übernimmt.

Abg. Rickert (dfr.): Eigentlich hätte die Decharge so lange verweigert werden müssen, als die Regierung sich weigere, materielle Gründe für ihr Verhalten anzugeben.

Abg. v. Benda (natlib.): Ich muß auch heute wiederum erklären, daß die angeregte Frage nur auf dem Wege des Gesetzes zu lösen ist; ich bedauere, daß daS schon so lange erwartete Gesetz noch immer aussteht.

Geh. Ober-Reg.-Rath Meyer führt aus, daß die beanstandeten Ordres sich auf das preußische Militärcontingent beziehen; es bedürfe also nicht der Gegenzeichnung des Reichskanzlers, sondern des preußischen Kriegsministers.

Abg. Dr. Hänel (dfr.) und Meyer-Jena (natlib.) verweisen darauf, daß cs wohl verschiedene Militärcontingente giebt, daß die betreffenden Ordres sich aber aus das reichsfinanzielle Gebiet beziehen.

Preuß. Kriegsminister v. Bronsart: Diese Ausführungen würden den Erfolg baben, daß die mehr als tausend Ordres, die Seine Majestät der König von Preußen in Bezug auf die Armee erläßt und die jetzt von mir gcgengezeichnet werden, vom Reichskanzler contrasignirt werden, was doch eine Unmöglichkeit sein würd?.

Der Antrag der Commission wird gegen die Stimmen der Conservativen an­genommen.

Nächste Sitzung Dienstag. Ausdehnung der Unfallversicherung auf die land- wirthschaftlichen und forstwirthschastlichen Arbeiter.

Telfgra-Hirche Depesche«.

Wolsf'S telegr. «orrespondenr-GsLea«.

Berlin, 5. April. Der Bundesrath ertheilte heute dem Socialistengesetz in der vom Reichstag beschlossenen Fassung seine Zustimmung.

Der Senioren - Convent des Reichstags einigte sich dahin, daß der Gesetz- Entwurf betteffs der Rechtspflege in den überseeischen Schutzgebieten, noch die dritte^ und die Unfallversicherung der landwirthschaftlichen Arbeiter die zweite Lesung vor Ostern passiren soll. Das Militärgesetz soll fertiggestellt werden, die Preßgesetznovelle die erste Berathung durchmachen, um einer Commission überwiesen zu werden. Außer einigen Petitionen und der Rcchnungs - Commission zuzuweisenden Vorlagen sollen auch noch die die Pensionsverhältnisse des Statthalters von Elsaß-Lothringen betreffende Vorlage zum Abschluß gebracht werden. Man nimmt in parlamentarischen Kreisen an, daß es möglich sein wird, das erwähnte Pensum bis Samstag den 10. April zu absolviren. Die Osterferien sind dann bis zum 10. Mai in Aussicht genommen. Wie verlautet, findet die Plenardebatte der Kirchenvorlage im Herrenhause am 12. d. M. statt.

DerPost" zufolge ist der Staatssecretär Burchard, welchem hauptsächlich die Feststellung der Branntweinsteuervorlage obliegt, erkrankt.

Danzig, 5. April. Bei der Plehnendorfer Schleuse lösen sich die Soldaten Tag und stacht im Kampfe gegen das Hochwasser ab. Neue Schleusenwände werden herzustellen versucht, zahlreiche Prähme mit Steinen und Sandsäcken versenkt. Soeben geht ein großer Transport mit Sandsäcken, Feldsteinen und Faschinen ab. Die Schließung des Dammbruches bei Weßlinken ist ziemlich gelungen. Das Hochwasser ist noch immer sehr bedeutend. Den Bewohnern der seit vier Tagen vom Hochwasser eingeschlossenen Nehrung versucht man durch Eisbrechdampfer Nahrungsmitteln zu- zuführen.

Danzig, 5. April. Die Schleusenwände in Plehnendorf sind unterspült und die Schleuse ist in großer Gefahr, fortgerissen zu werden. Man versucht jetzt mit dem Aufgebot aller Kräfte, einen Schutzdamm herzustellen. Das Wasser fällt. Auf der Nehrung haben mehrere Dammbrüche stattgefunden, durch bedeutende Uferabrisse wurden die Dammbrüche gegen den Werder geschlossen. Bei Pieckel ist der Sommerwall ge­brochen, die Häuser sind anderthalb Meter im Wasser.

Königsbera, 5. April. Nach östündtger Fahrt ist der Eisbrech-Dampser der Kaufmannschaft von Pillau hier eingetroffen und kehrt sofort zurück. Man erwartet demnächst das Heraufkommen anderer Dampfer.

Stettin, 5. April. Die Schiffe desStettiner Lloyd" laufen auf der Aus­reise nach Newyork und auf der Heimreise von jetzt ab regelmäßig Gothenburg an und ist denselben die Beförderung der schwedischen Post nach Newyork übertragen worden.

Bremen, 5. April. Der Dampfer des Norddeutschen Lloyd,Werra", ist heute früh 2 Uhr in Newyork eingettoffen.

Brüssel, 5. April. Nach eingegangenen Nachrichten sollen 1500 Arbeiter in den Steinbruchen Quenasi (Provinz Brabant) die Arbeit eingestellt haben. Ruhe­störungen sind nicht vorgekommen. t t ± .

Charterst, 5. April. Die Führer der Strikenden wurden vom Gerichtshöfe wegen Bannbruchs, einfachen Bettelns, Bettelei unter erschwerenden Umständen bei Nacht, verbunden mit Drohungen, Erpressung, sowie wegen Angriffs auf die Arbeits­freiheit zu dreimonatlichem bis fünfjährigem Gefängniß verurtheilt. Die Stadt ich ruhig. Bon den etwa 10,000 beschäftigungslosen Arbeitern dürfte morgen der größte Theil die Arbeit wieder aufnehmen können.

Paris, 5. April. Eine Anarchistenversammlung, die gestern Abend abgehalten wurde, protestirte gegen die Verhaftung der Nedacteure Duc-Quercy und Roche in Decazeville. Der socialistische Deputirte Camelinat und der Redacteur des(Sri du Peuple", Massard, sind gestern nach Decazeville gereist; die Redacteure desJntran- sigeant" und desRadical" gehen heute ebenfalls nach Decazeville.

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