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Beilage ;u Nr. 55 desGießener Anzeiger".

Politische Ueberficht.

/ Gießen, 5. März.

Das Allgemein-Befinden des Kaisers läßt trotz des Unfalles, welcher dem hohen Herrn auf dem jüngsten Hofball zustieß, nichts zu wünschen übrig, wenngleich er einstweilen genöthigr ist, von den gewohnten täglichen Aus­fahrten Abstand zu nehmen. In der Erledigung der laufenden Regierungs- geschäile, der Entgegennahme von Vorträgen, dann der Gewährung von Audienzen u. s. w. hat der Kaiser nicht die geringste Unterbrechung eintreten lassen; die örtlichen KrankheitS'Erscheinungen nehmen einen normalen Verlauf.

Zm Berliner diplomatischen Corps steht eine bedeutsame Per- sonal-Veränderun z bevor. Der schon seit längerer Zeit signaltsirte Rücktritt des französischen Botschafters, Barons Courcel, gilt nunmehr als sicher; wie verlautet, wird Baron Courcel überhaupt aus dem Staatsdienste treten und bringt man die Ausgabe seiner Berliner Stellung damit zusammen, daß in den Pariser leitenden Kreisen die nahen Beziehungen des Botschafters zum Fürsten Bismarck, welche das freundschaftliche Verhältniß zwischen Deutschland und Frankreich so sehr gefördert haben, nicht richtig beurtheilt worden sind. Jeden­falls wird das Scheiden des bisherigen Vertreters der französischen Republik in den Berliner Hoskreisen wie in der Diplomatie lebhaft bedauert werden.

Auf parlamentarischem Gebiete herrschte in der ersten Hälfte dieser'Woche eine gewisse Stille, welche gegen die Lebhaftigkeit der Verhand­lungen, die in der letzten Zeit abwechselnd die Sitzungen des Reichstages und des preußischen Landtages charakterisirte, doppelt abstach. Das Plenum des Herrenhauses hat sich wieder auf unbestimmte Zeit vertagt und das gelb der zur Vocbecathung der Kirchen-Vorlage eingesetzten Commission überlassen. Das Abgeordnetenhaus befaßte sich in fernen Sitzungen am Montag und Dienstag m-t Gegenständen von fast nur untergeordneter Bedeutung und der Reichstag ließ am Mittwoch nach einer zweitägigen Unterbrechung seiner Plenararbeiten gleichfalls nur eine unerhebliche Sitzung folgen. Es machte sich eben überall nach den anstrengenden Debatten der vergangenen Wochen ein entschicdenes Ruhebedürsniß geltend und eine Ruhepause war namentlich für den Reichstag nothwendig, da derselbe mit der am Donnerstag begonnenen GeneraldiScussion über den Branntwein-Monopol-Entwurf wieder in heiße Kämpfe eingetreten ist. Allgemeiner Annahme nach dürste die GeneraldiScussion drei Tage umfassen und somit die zweite Halste dieser Woche vollständig aussüllen; die vorläufige Verweisung oes Monopol-Entwurfes an eine Commisston gilt als selbstverständ- lich. Ob das Monopol von d.r Commission wirklich nicht mehr au das Plenum zurückgelangen, sondern von letzterem alsdann in zweiter Lesung pure abgelehnt werden wird, wie man vielfach vermuthet, bleibt noch abzuwarten, da bei der parlamentarischen Behandlung der Monopol»Vorlage jedenfalls verschiedene taktische Züge und Gegenzüge der einzelnen Parteiführer zu erwarten sind.

Beim Fürsten Bismarck fand am Dienstag wiederum ein parlamen­tarisches Diner statt, bei welchem fast durchweg Reichstags-Mitglieder, den ver­schiedensten Fraktionen angehörig, anwesend waren.

In der bayerischen Abgeordnetenkammer ist am Dienstag ein vom Abg. Baumann eingebrachter, sehr zeitgemäßer Antrag einstimmi'g ange­nommen worden. Derselbe bezweckt, ein Verbot für den Verkauf von Kunstwein als Naturwein durch den BundeSrath herbeizusühren und erklärte Herr v. Feilitzsch, der Minister des Innern, im Verlause der Debatte, die bayerische Regierung werde, wenn diese Frage im BundeSrathe zur Erörterung gelangen sollte, den Antrag Baumann und die hieraus bezügliche Discussion berücksichtigen.

In der französischen Deputirtenkammer hat am Donnerstag wieder einmal eine große Haupt- und Staatsaction begonnen. An diesem Tage nahm die Generaldebatte über die auf die Ausweisung der Prinzen aus Frank­reich bezüglichen Anträge ihren Anfang und da die genannte Frage schon seit geraumer Zeit die öffentliche Meinung jenseits der Vogesen lebhaft beschäftigt, so wird es bei den betreffenden Kammerdebatten jedenfalls sehr heiß zugegangen sein. Zur Sache selbst ist zu bemerken, daß die Radikalen die sofortige Aus­weisung der französischen Thronprätendenten, wenn auch in etwas verblümter Form, beantragen, während von Seiten der gemäßigt-republikanischen Gruppen durch den Deputirten Rivet beantragt wird, die Regierung hinsichtlich der Aus­weisung der Prinzen mit discretionären Befugniffen auszustatten. Als selbst­verständlich nimmt man an, daß der radikale Antrag abgelehnt und dafür das Rivetffche Amendement genehmigt werden wird und ein neuer parlamentarischer Sieg des Cabinets Freycinet steht somit in sicherer Aussicht.

Zwischen Frankreich und China d.oyen neue Schwierigkeiten. Die Forderungen der chinesischen Commifsäre scheinen die Arbeiten der gemisch­ten Commission, welche mit der Absteckung der definitiven Grenze zwischen China und Tongking beauftragt ist, zu verzögern. Hiermit ist offenbar die aus Hanoi eingegangene Nachricht, wonach eine französische Truppenabtheilung unter Oberst Jamont die Position Vanbaucham besitzt und dann den Vormarsch gegen den 60 Kilometer entfernten Platz Laokaii wieder ausgenommen hat, zusammenzu­bringen. Laokaii liegt unweit der neuen chinesisch-tougkingnesischen Grenze und wird das erwähnte Detachement wohl den Auftrag haben, von Laokaii aus die Arbeiten der Grenzabsteckungs-Commission besser zu überwachen.

Nach mancherlei seltsamen Schwankungen sind endlich die serbisch - bulgarrschen Friedenövechandlung>m in Bukarest so weit gediehen, daß am Mittwoch der Friedensschluß perfect geworren ist. In der am Dienstag abgehaltenen osficiellen Sitzung 'der Bukarester Friedens Conferenz wurde über sämmtliche Fragen ein Einvernehmen erzielt und mit dieser verheißungsvollen Nachricht ftimmt auch die Pariser Meldung überein, daß in einem am Dienstag ftattgesunbenen Cabinetsrathe der Ministerpräsident Freycinet die erfolgte Her­stellung des Einvernehmens zwischen Serbien und Bulgarien bestätigt. Die Fassung des Friedensvertrages hat große Mühe gekostet, doch sind zuletzt die türkischen Vorschläge durchgedrungen, denen zufolge der Friede zwischen Serbien und Bulgarien nach Unterzeichnung des Vertrages als wiederhergestellt güt und daß die Ratificationen innerhalb 14 Tagen von diesem Termin ab in Bukarest ausgewechselt werden.

Das Sabinet Gladstone wird in seiner irischen Politik, bezüglich deren es über dis Ausstellung eines sihr verschwommenen Programmes noch nicht hinausgekommen ist, nun bald Farbe bekennen müssen. Holmes, der Generalfiskal für Irland unter Salisbury, kündigte in der Dienstags-Sitzung des englischen Unterhauses einen Antrag an, durch welchen der Regierungs­antrag, in die Berathung des Budgets der Civilverwaltung von Irland einzu­treten, bekämpft werden soll. Dem Holmeö'fchen Amendement zufolge soll das Haus erklären, es sei nicht gewillt, das insche Budget zu beratben, bevor es davon Kenntniß habe, welche Politik die Regierung zur Ausrechthaltung der socialen Ordnung in Irland befolge. Es ist freilich sehr die Frage, ob Mr. Gladstone so rasch im Stande sein wird, dieser unverblümten Aufforderung zur Darlegung seiner irischen Politik nachzucommen, da er bekanntlich die irische Frage' einstweilen noch immerRubin" und mit diesem Studium scheint der englische Premier noch nicht besonders weit gediehen zu sein.

Vermischtes.

Der Vertrag des Hoftheaters zu Meiningen mit Amerika ist abgeschlossen, nur soll an entscheidender Stelle, wie es heißt, das letzte Wort noch nicht gesprochen sein. Die Amerikaner erlegten 400,000 Jl. Kaution, die Schauspieler erhalten drei­fache Gage für die einzelnen Mitglieder und freie Station in den Gasthöfen, 60,000 «M. für Herrn Possart aus München. Mehrere ältere Mitglieder des Hoftheaters sollen keine große Lust für die Reise über den Ocean besitzen.

Zwei imOffenbacher Tageblatt" erschienene Annoncen eines erzürnten Liebespaares dürften wohl Ben Akiba'sAlles schon dagewesen" zu Schanden machen:

I. Ich, Peter Nir, hatte mit Marg. Appelmann uon Schweinheim l1/4 Jahr Verhältniß. Wir beabsichtigten, uns gestern (Dienstag) auf dem Standesamte trauen zu lassen, wer aber nicht erschien, war Margarethe Appelmann. Ich ging hierauf in ihre Wohnung, Frankfurterstraße 14, und erkundigte mich, wo sie sei, worauf mir erklärt wurde, Margarethe Appelmann sei nach Schweinheim, als ihren Heimathsort. Es ist aber nicht so, sie wohnt immer nod) Frankfurterstraße 14 bei Frau Lehr und eben diese Frau Lehr hat sie aufgehetzt und soll mich lausen lassen. Peter Nix.

II. (Entgegnung.) Antwortlich der Annonce des Herrn Peter Nix erkläre ich, daß ich noch zur rechten Zeit eingesehen habe, daß ich mit einem solchen unsauberen Menschen, dc-> Ungeziefer hat, ein eheliches Verhältniß nicht eingehen kann. Die Ver­dächtigung, die er gegen Frau Lehr ausspricht, daß mich dieselbe aufgchetzt hat, ist unwahr, da ich selbstständig genug bin, zu wissen, was ich zu lhun und zu lassen habe. Meinetwegen mag sich Herr Peter Nix eine Braut in Dörnigheim oder Kamerun suchen und verzichte ich ferner auf das Geld, welches er mir schuldig ift. Dies meine Ant­wort und werde ich mich auf weitere Verdächtigungen des Peter Nix nicht mehr ein- laffen. Margarethe Appelmann.

.sAus der Kaserne.) Feldwebel:Wenn ichLausschritt" kommandire, so müßt Ihr eine Schnelligkeit entwickeln, daß die Telegraphenstangen vor Weit) gelb werden!"

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