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5.9.1886 Drittes Blatt
 
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Mr. 206 Drittes Blatt. Sonntag den 5 September 1886.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Virrearrr Schulstraße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montag-.

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Zunahme und Abnahme der Bevölkerung in den Staaten des Deutschen Reichs von 18711885.

Obwohl erst die vorläufigen Ergebnisse der deutschen Volkszählung vom 1. December 1885 vorliegen, so läßt sich doch die Entwickelung der Bevölkerungszahl in den einzelnen deutschen Staaten schon jetzt nach dem neuestenStatistischen Jahrbuch für das Deutsche Reich" mit ziemlicher Sicherheit feststellen.

Das Deutsche Reich zählte am 1. December 1871: 41,058,804 Einwohner, 1875: 42,727,375 Einwohner, 1880: 45,234,061 und 1885: 46,840,906Einwohner. Die durch­schnittliche jährliche Bevölkerungszunahme in der Volkszählungsperiode von 1871/75 betrug 1 pCt., 1875/80 1,14 und 1880/85 nur 0,70 pEt.

In der zweiten Volkszählungsperiode von 1875/80 hat in allen deutschen Staaten eine Zunahme stattaefunden, dagegen zeigte sich in der ersten Periode von 1871/75 eine Abnahme bei Mecklenburg-Schwerin, Mecklenburg-Strelitz, Waldeck und Elsaß-Lothringen und in der letzten Volkszählungsperiode 1880/85 hat wiederum eine Abnahme stattgefunden in Mecklenburg-Schwerin, Mecklenburg-Strelitz und Elsaß- Lothringen und außerdem in der preußischen Provinz Pommern und in Hohenzollern.

Die Bevölkerung hat abgenommen von 18801885 in Pommern von 1,540,034 auf 1,505,795 0,45 pCt., in Hohenzollern von 67,624 auf 66,709 0,27, in Mecklenburg-Schwerin von 577,055 auf 575,140 0,07, in Mecklenburg-Strelitz von 100,269 auf 98,371 0,38, in Elsaß-Lothringen von 1,566,670 auf 1,563,145 0,05 pCt.

Die Zunahme der Bevölkerung war in der Zeit von 18801885 in den einzelnen deutschen Staaten sehr verschieden. Während im ganzen Deutschen Reiche die durch­schnittliche jährliche Zunahme 0,70pEt. betrug, waren unter dem Durchschnitt Bayern mit 0,49 pCt., Württemberg hatte nur 0,24, Baden 0,39, Hessen 0,42, Sachsen-Weimar 0,26, Oldenburg 0,22, Sachsen-Coburg-Gotha 0,41, Waldeck 0,02, Lippe 0,49 pCt., dagegen übertrafen den Durchschnitt das Königreich Preußen mit 0,74pCt., das König­reich Sachsen hatte 1,34, Hamburg 2,67, Reuß jüngere Linie 2,02, Braunschweig 1,29, Anhalt 1,25, Lübeck 1,25, Bremen 1,20, Schaumburg-Lippe 1,01, Schwarzburg- Rudolstadt 0,89, Sachsen-Altenburg 0,77, Sachsen-Meiningen 0,72. Schwarzburg- Sondershausen erreichte mit 0,70 pCt. Zunahme gerade den Durchschnitt des Deutschen Reichs.

Innerhalb des preußischen Staates zeigen die einzelnen Provinzen gewaltige Unterschiede. Die Stadt Berlin vermehrte sich von 18801885 von 1,122,330 auf 1,315,297, d. i. 3,17 pEt., die Provinz Westfalen von 2,043,442 auf 2,202,^26 = 1,50, Rheinland von 4,074,000 auf 4,344,802 1,29, Provinz Sachsen von 2,312, ,07 mif 2,427,979 0,98 pCt. Alle übrigen preußischen Provinzen stehen in ihrer Zu­nahme unter dem Reichsdurchschnitt von 0,70 pCt.

Eine beachtenswerthe Erscheinung ist es, daß das dichtbevölkerte Königreich Sachsen seit 1880 schon wieder von 2,972,805 auf 3,179,168 Einwohner, d. i. um 1,34 pCt. gestiegen ist und mithin selbst den Durchschnitt des industriellen Rheinlands überragt, während es nur hinter der Provinz Westfalen in der Zunahme etwas zurück­geblieben ist.

vermischte H.

Lollar, 3. September. Der Gedenktag von Sedan wurde auch in diesem Jahre wieder in ganz würdiger Weise gefeiert. Der denkwürdige Tag wurde Morgens durch Böllerschüsse eingeleiteü Abends Vz9 Uhr vereinigten sich der Ortsvorstand, die beiden Gesangvereine, der Kriegeroerein, die freiw. Feuerwehr und der Turnverein^- und marschirten mit ihren Fahnen an den Fuß der Höhe vor Staufenberg: hier an­gekommen hielt Herr Baumann eine sehr gediegene Ansprache, in welcher derselbe in zündenden Worten auf die Bedeutung des Tages hinwies und dieselbe mit einem Hoch auf unseren geliebten deutschen Kaiser schloß. Während die überaus große Menge der Betheiligten dieWacht am Rhein" sang, wurde ein recht brillantes Feuerwerk ab­gebrannt und hierauf die Villa Buderus und die Anlage um dieselbe bengalisch beleuchtet, welches einen feenhaften Anblick hervorrief. Nachdem die bengalischen Flammen erloschen waren, wurde auf der hohen Drahtseilstation ein mächtiger Holz­stoß angezündet, welcher ein so intensives Licht verbreitete, daß die Ortsstraßen und die umliegenden nahen Berge hell erleuchtet waren. Daß die Buderus'schen Böller bei dieser Feier ein Wort mitsprachen, ist selbstverständlich.

Altenstadt, 29. August. [Pfahlgrabenforschung.j Die von Herrn Friedrich Koster im Auftrage und auf Kosten des historischen Vereins in Darmstadt stattstndenden Untersuchungen des Laufs des Pfahlgrabens in Oberhessen haben zur Aufdeckung eines Castells in Altenstadt geführt, dessen Terrain zum Theil der heutige Ort bedeckte. Die Gtöße des Castells ist annähernd auf 150:136 anzugeben. Die Porta Decumana wurde mit etwas Schwierigkeit freigelegt, natürlich auch der Unterbau der Thürme. Am gestrigen Tage mußten die Arbeiten hier ruhen. Herr Koster begab sich mit sieben Arbeitern nach Staden, fand auch dort das Castell und legte die eine Ecke frei. Der Boden ist durch die lange anhaltende Dürre so hart wie Stein, die Fortschritte bei den Arbeiten sind deßhalb nicht sehr groß.

Darmstadt, 31. August. Die Häupter einer Zigeunerbande, welche es gestern auf den Besuch unserer Stadt abgesehen hatte, sollten gestern wegenLandstreicherei" vorgeführt werden, da man jedoch bei den braunen Burschen Ungeziefer vermuthete, so wurden dieselben rasirt und das Haupthaar vollständig kurz geschoren. Wegen des Vergehens derLandstreicherei" freigesprochen und auf den Jnternirungsplatz auf dem städtischen Viehmarktplatz zurückgebracht, ging es den Aermsten erst recht schlimm, denn die, weiblichen Mitglieder der Bande, entsetzt ob des Aussehens ihrer Eheherrn, über­schütteten diese letzteren mit den bittersten Vorwürfen, wobei es an komischen ©eenen nicht gemangelt haben soll. Nachdem sich die erste Wuth gelegt, fuhr die Bande in raschestem Tempo in der Richtung nach Frankfurt a. M., unter Drohungen gegen die escortirende Schutzmannschaft davon. Wie es scheint, ist das geschilderte Mittel noch probater als die auf dem Lande gewöhnlich gegen die Zigeuner angewandte Feuerspritze".

Recklinghausen, 27. August. Am Mittwoch zu später Abendstunde waren der bei der Schulte-Oestrich'schen Ziegelei Stuckenbusch beschäftigte Ziegelmeister Joseph Paffrath und der 21jährige Arbeiter Wilhelm Wienkötter von dort in einen Wort­wechsel gerathen. Paffrath soll schließlich seinen Gegner mit einem Stocke geschlagen haben. Letzterer stürzte darauf mit gezücktem Dolche auf den Paffrath los und traf ihn so tief in die Brust, daß der Unglückliche wenige Stunden darauf auf dem Trans­port zum Krankenhause verschied. Da inzwischen der 11jährige Sohn des Paffrath weinend und schreiend hinzueilte, brachte der unmenschliche Verbrecher auch diesem einen sofort tödtlichen Messerstich bei. Die beiden Leichen wurden heute obducirt. Der Doppelmörder ist sofort verhaftet worden.

Recklinghausen, 30. August. Die beiden Opfer des hier verübten gräßlichen Doppelmordes wurden gestern Vormittag unter allgemeinster Theilnahme der Be­

völkerung beerdigt. Nach den nunmehr bekannt gewordenen Einzelheiten ist die Blut­that eine der schrecklichsten, die in unserer an Messeraffairen aller Art wohl gewöhnten Jndustriegegend jemals verübt sind. Die Leiche des Ziegelmeisters Paffrath zeigt, wie die in Anwesenheit des münsterischen Staatsanwalts ausgeführte gerichtsärztliche Section ergab, im Ganzen 13 Dolchstiche in Brust, Nacken, Kopf u. s. w.; Paffrath's lljähriger Sohn ist dagegen durch einen einzigen, tief in's Herz gedrungenen Stich getödtet. Es unterliegt keinem Zweifel, daß der Mörder, der erst 21jährige Arbeiter Wienkötter, die That bei völlig kaltem Blute und mit Ueberlegung ausgeführt und den vorhergegangenen Wortwechsel absichtlich provocirt hat. Das dolchartige Mordmesser hatte derselbe eigens von dem Bergmanne Mertens zu Stuckenbusch, der gleichfalls ver­haftet ist, geliehen. Paffrath war erst 39 Jahre alt; er hinterläßt eine Wittwe und drei unmündige Kinder.

Berlin, 31. August. Eine gefahrvolle Schlafstelle hatte sich am Samstag Nachmittag ein 16jähriger Laufbursche auf dem Hause Landsberger Straße 68 aus­gesucht; er war unbefugter Weise auf das Dach des Hauses geklettert und auf der Regenrinne eingeschlafen. Während des Schlafens hatte er sich soviel bewegt, daß schon ein Bein über der Dachrinne hinweghing, er selbst aber im nächsten Augenblick herabzustürzen drohte. Von Vorübergehenden wurde sein Lehrherr benachrichtigt und diesem gelang es mit eigener Lebensgefahr, ihn zu ergreifen und durch eins der Dach­fenster auf den Speicher zu ziehen. In der Nähe von Falkenberg hatte sich ,jüngst eine in Sommerwohnung befindliche Berlmerin eine Hängematte zwischen zwei Bäumen befestigt und war darin eingeschlummert. Plötzlich wurde sie aus ihrer Ruhe gestört und sah vor sich zwei Männer, von denen einer ihr den Mund zuhielt und, der andere bereits die Hand in ihrer Kleidertasche hatte und aus derselben die Geldbörse hervor­zog. Beide ergriffen die Flucht; obgleich sofort die Verfolgung ausgenommen wurde, ist es doch nicht gelungen, ihre Spur aufzufinden.

Rinteln, 30. August. Einer der gefährlichsten Wucherer der Grafschaft Schaumburg ist endlich gefaßt. Der Gastwirth, Samenhändler, Viehhändler, Güter­schlächter und Wucherer Siegfried Brill von hier wurde am 26. d. M. von der Straf­kammer zu Hannover wegen Wechselfälschung und Betrugs zu 2 Jahren 3 Monaten Zuchthaus und Ehrverlust und sämmtlichen Kosten verurtheilt. Brill ist schon einige zwanzig Mal bestraft und saß auch augenblicklich wegen Erpressung. Eine alte Ge­schichte, die vor langen Jahren passirte, kennzeichnet ihn. Vor vielen Jahren hatte er, laut derN. Wests. V.", etwas verbrochen und wurde vor dem Stadtthore erkannt. Um nun straffrei zu sein, lief er schnell nach einem eine Stunde von der Stadt ent­fernten Dorfe und ging in's Wirthshaus. Iöährend die Frau das Gewünschte holte, stellte er die Uhr auf 6 zurück. Um diese Zeit hatte er den Streich ausgeführt. Als bte Frau zurückkam, fragte er sie:Geht Ihre, Uhr richtig, ist es erst sechs?"Ja­wohl," antwortete die Wirthin, indem sie auf die Uhr sah und sich überzeugte, daß sie gehe. Er hielt sich noch längere Zeit in der Wirthschaft auf und stellte dann vor dem Weggehen die Uhr vor, so daß sie richtig die Zeit wieder angab. Als die Sache zur Verhandlung kam, beschwor der Beamte, daß Brill um 6 Uhr vor dem Rinteler Thor erkannt sei, während die Wirthin schwor, daß Brill um 6 Uhr in ihrer Gaststube ge­sessen habe. Der Beamte, der im Verdacht des Meineids stand, nahm sich dies so zu Herzen, daß er sich in die Weser stürzte und ertrank. Brill ging frei aus.

lieber die Gewissenhaftigkeit des deutschen Kronprinzen erzählt ein Augen­zeuge demWittenb. Kreisbl." folgende charakteristische Episode, die sich bei einer Gefechtsübung auf der Teucheler Flur zutrug: Um von einem Truppentheile zum anderen zu gelangen, ritt der Kronprinz mit seinem Gefolge über einen Sturzacker, an welchen ein mit Lupinen bestandenes Feld grenzte. Während das Gefolge über das Lupinenfeld ritt und der Kronprinz selbst eben im Begriff war, ein Gleiches zu thun, bemerkte er, daß das Ziel auch durch das Einschlagen eines schmalen Weges, welcher an dem genannten Ackerstück entlang führte, zu erreichen war. Der hohe Herr wendete deshalb sein Pferd und ritt mit seinem Gefolge den genannten Weg entlang, um auch seinerseits die Vorschrift, wonach bei Truppenübungen Flurschäden nach Möglichkeit vermieden werden sollen, zu respectiren.

[lieber electrische Beleuchtung von Eisenbahnzügen.j Die württembergische Staatseisenbahn-Verwaltung hat der electrotechnischen Fabrik in Cannstatt eine Anzahl Wagen aller Klassen zux Erprobung electrischer Beleuchtung überlassen. Der zwischen Stuttgart und Hall kursirende Zug hat 6 Wagen mit 27 Glühlampen. Jeder Wagen 3. Klasse hat im Innern 2 Lampen von 5 Normalkerzen und auf dem Perron zwei Lampen von 3 Normalkerzen. Das zur Anwendung gebrachte System benutzt Akku­mulatoren. Es ist dadurch die Möglichkeit geboten, ohne jede Störung in der Be­leuchtung einen Wagen vom Zuge abzutrennen. Die Betriebskraft geht von der Achse des Gepäckwagens aus. In demselben sind d'ie Dynamomaschinen mit den Akkumula­toren ausgestellt. Die Lampen haben eine Brenndauer von 56 Stunden. Sie sind an der Decke angebracht und führen einen Schieber, mittels dessen das Licht gedämpft oder auch ganz ausgeschaltet werden kann, um nach Wunsch sofort wieder her'gestellt zu werden.

Dieser Tage wurde vor der Stolper Strafkammer gegen den Monteur Jäutsch aus Herigsberg i. Schl, verhandelt, durch dessen Schuld der Brand der dem Fürsten Bismarck gehörigen Papierfabrik Hammermühle entstanden sein soll. Angeklagter war in der Fabrik im sogenannten Ausschußraum beschäftigt, eine neue Transmission an­zubringen und hatte zu diesem Zwecke einige Löcher in die Decke zu bohren. Von dem Arbeiter Tresmer wurde demselben eine glühende Eisenstange hinaufgereicht, um bainit ein schief gerathenes Loch auszubrennen. Nachdem der Angeklagte die Stange in Empfang genommen, beauftragte er den Tresmer mit der Herbeischaffung von Zink- platten, welche er auf das Gerüst zu legen beabsichtigte. Der Arbeiter Tresmer bheb etwas lange aus und damit das Eisen nicht kalt würde, bohrte Janisch darauf los. Bei dem Eintreten Tresmers bemerkte derselbe, daß unter dem Gerüst das -papier schon in vollen Flammen stand. Er versuchte zwar zu löschen, doch waren alle Losch- vcrsuche vergeblich. Mit welcher Schnelligkeit das Feuer um sich griff, lobt sich au' den Aussagen des Werkführers ersehen, der angiebt, er habe kaum Zeit gehabt, sich mit seinen Töchtern zu retten. In drei Minuten war die ganze Fabrik em £lanunen= meer. In.Anbetracht des großen Leichtsinns und des sehr bedeutenden Schadeno, 400,000 JL, beantragte der Staatsanwalt drei Monat Gefangmß. Co wurde dem­gemäß erkannt.

London, 30. August. Gestern Nacht wurde das Haus eines Farmers, Namens Brosnahan, in Curra, bei Castleisland vonMondscheinlern heimgesucht. Da er zugeben mußte, daß er seine Pacht bezahlt habe, so wurde er in den ^"^n geschoffen. Ein Gerichtsvollzieher, Namens Barrig, der sich verhaßt gemacht hatte, wurde gestern bei Listowel fast zu Tode geprügelt. Er erlitt einen Schadelbruch und sonstige schwere Verletzungen.

- [BoUcuriofum.] Eine Hamburger Dame, welche mit mehrer-n Damen eine kleine Fußparti- nach Bahrenield machte, nahm zu diesem Zwecke aus Altona sur M Kaffeekuchen mit und mußte dafür, nach der E. , an der Zollgrenze -0 Zoll bezahlen.