Nr. ZO Freitag den 5. Februar LS8G
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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Amtlicher Hheit.
Betreffend: Revision der Hypothekenbücher.
An sammtliche Ortsgerichte des Amtsgerichtsbezirks Gießen.
Wir werden in Kürze mit Revision der Hypothekenbücher beginnen und fordern Sie daher auf, die seit der letzten ReVision vorgenommenen Einträge in Spalte A und B einer sorgfältigen Durchsicht und Vergleichung mit den amtsgerichtlichen Verfügungen zu unterziehen und die dabei in Bezug ans die Form sich ergebenden Anstände, wie beispielsweise: fehlende Unterschriften, Auslaffung von Worten und dergleichen, alsbald zu beseitigen — wir verweisen hierbei auf § 9 der Ortsgerichts-Jnsiruction vom 1. December 1861 — nicht minder auch sich davon zu überzeugen, daß die Einträge und Löschungen in dem Ramen-Verzeichniß und in dem topographischen Pfandregister nach Vorschrift vollzogen worden sind, und daß die Acten sich in Ordnung befinden.
Gießen, am 3. Februar 1886. Großherzogliches Amtsgericht.
Stammler.
Politische Ueberstcht.
Gießen, 4. Februar.
Dem Bundesrathe ist nunmehr der längst erwartete Antrag Preußens auf Verlängerung des Socialistengesetzes zugegangen. Derselbe bringt insofern eine Ueberraschung, als er die Verlängerung des Socialistengesetzes nicht auf 2 oder 3, sondern aus 5 Jahre, also bis zum 1. October 1891, ausspricht. Die Begründung ist kurz gehalten und stützt sich im Wesentlichen darauf, daß das Gesetz sich als ein dringendes Bedürsniß und trotz der dringenden Einwände dagegen sich als heilsam erwiesen habe. Besonders sei nicht zu verkennen, daß die revolutionäre Strömung in der socialdemokratischen Partei unter dem Ein- slusse des Socialistengesetzes erheblich zurückgedrängt worden sei und das Bestreben innerhalb der Partei, sich positiv an den socialpolitischen Ausgaben zu betheiligen, an Ernst und Umsang gewonnen habe. Der Zeitpunkt liege noch fern, wo man das Gesetz ausheben dürfe; wenigstens könnte man es nicht, ohne der revolutionären Bewegung plötzlich einen weiten Spielraum zu schaffen.
In Begründung des Antrags aus Verlängerung des Socialisten- Ge setz es bis zum 30. Sept. 1891 wird weiter ausgesührt: „Den Gegnern des Gesetzes sei es nicht gelungen, in der Nation den Glauben an die ersprießlichen Wirkungen desselben zu erschüttern; es ließe sich auch nicht behaupten, daß düse Wirkungen bereits derart und dauernd fühlbar hervorgetrelen seien, daß aus den Fortbestand des Gesetzes verzichtet werden könnte. Die erhebliche Vermehrung der Reichstags-Abgeordneten, welche der socialdemokratischen Fraktion angehören, sowie die Ermordung des Polizeiraths Rumpfs seien Momente, welche für den Fortbestand des Gesetzes sprächen. Der Einwand, daß diese Momente gerade zeigten, daß das Socialistengesetz weder das Anschwellen der socialdemokra- tischen Bewegung, noch die anarchistischen Attentate zu verhindern vermocht habe, sei nicht stichhaltig; man könne das Gesetz nicht darum schon verwerfen, weil man den erwarteten Erfolg nicht vollständig damit erreicht habe; man müsse daneben erwägen, daß gegenüber den Zuständen, in welche Deutschland ohne den Erlaß des Gesetzes vom 21. October 1878 durch eine völlig ungehinderte Entfaltung der zu Tage getretenen Umsturzbestrebungen gerathen sein würde, Deutschlands heutige durch dieses Gesetz und seine energische Handhabung geschaffene Lage ungeachtet des nur theilweise erreichten Zieles immerhin als eine sehr hoch anzuschlagende Verbesserung betrachtet werden müsse. Man werde nicht sehlgehen, wenn man annähme, daß, was die socialdemokratische Bewegung an Breite gewonnen, sie an Intensität und revolutionärer Energie wenigstens zum Theil eingebüßt habe. Die socialdemokratijchen Wähler verlangten von ihren Vertretern heute eine ernsthafte Betheiligung an den Aufgaben der legislativen Gewalten, namentlich die zur gesetzgeberischen Lösung der socialpolitischen Probleme führten. Man muffe an der Hoffnung festhalten, daß vor dem Ernste dieser Ausgaben die revolutionären Tendenzen auch bei der Parteileitung in den Hintergrund treten würden, oder, wenn dies nicht geschähe, daß die ihren Führern blindlings folgenden Massen zu der Einsicht gelangen würden, daß auf dem Wege einer gewaltsamen Aenderung der bestehenden staatlichen und gesell- fchastlichm Einrichtungen kein Heil zu erwarten sei. Noch sei aber dieser Zeitpunkt nicht gekommen, und die verbündeten Regierungen könnten daher eine Verantwortung dafür nicht übernehmen, jetzt durch Verzicht auf die Fortdauer des Gesetzes den Agitatoren der Umsturzpartei wieder die Wege frei zu machen."
Die energischen Worte des Fürsten Bismarck gegen den Polouismus anläßlich der Polendebatten im preußischen Abgeordnetenhause haben auch in Deutsch-Oesterreich ein begeistertes Echo gesunden. Die deutschliberale wie die osficiöse Presse feiert den nationalen Gedanken, von welchem die Reden Bismarck's durchglüht waren; freilich geschieht dies in sehr verschiedener Weise. Die Wiener Regierungsorgane thun hierbei so, als ob er in Oesterreich gar keine Polen gäbe, als ob man hier von den Sonderbestrebungen der galizischen Polen gar nichts wüßte, während bte deutsch-liberalen Blätter den großartigen nationalen Zug in den Ausführungen Bismarck's zu einem Vergleich mit den polenfreundlichen Gesinnungen des Grasen Taaffe benutzen. Wie sehr übrigens die Worte des Kanzlers auch in Den Kreisen Der deutschliberalen Mitglieder des öfterreichisch-m Abgeordnetenhauses gewirkt haben, beweist der Beschluß des deutschen Clubs desselben, dem Fürsten Bismarck für seine Worte bei den Polendebatten die Zustimmung und Anerkennung des Clubs auszudrückm. Fürst Bismarck wird über diese Ovation der parlamentarischen Vertreter des liberalen Deutschthums in Oesterreich um so mehr erfreut sein, als aus ihr hervorgeht, daß man in diesen Kreisen die herbe Kritik des Kanzlers j Aber die „Herbstzeitlosen" nicht länger mehr nachempfindet. 1
Die „Kreuz-Zeitung" bestätigt heute, daß es in der Absicht liegt, unter Auflösung des Regimentsstabes und Hinzusügung von zwei neuen Bataillonen das bisherige Eisenbahn-Regiment von zwei Bataillonen in eine Brigade von vier Bataillonen zu verwandeln. Die Nothwendigkeit dieser Maßregel liegt aus der Hand, da allgemein erkannt ist, daß ein kräftiger Angriffskrieg mit den großen Armeemassen der Gegenwart nur noch auf dem Untergründe der eisernen Verkehrswege durchzuführen ist und daß die Truppenoerschiebung, die ganze Verpflegung wie der Munitionsersatz nur dann gesichert sind, wenn die Bahnen den Raum überwinden und die Mittel des Krieges und die Erzeugnisse des Landes den sich vorwärts wälzenden Kolossen rechtzeitig nachführen. Daß zu dem Zwecke manche Bahnen neu zu beleben und mit neuen Strängen zu durchziehen sind, liegt aus der Hand, und ebenso, daß eine durchgebildete Truppe vorhanden sein muß, um diesen vielseitigen Anforderungen in einer Zeit gerecht zu werden, welche die neueste Kriegssührung so kurz wie möglich bemißt; jede Stärkung Mer Truppe kommt der deutschen Schlagkraft und damit der Stärkung des deutschen Reiches zu Hülse.
Herr Gladstone hat bei seinen Bemühungen, das neue eng* lische Cabinet zu Stande zu bringen, von einigen seiner politischen Freunde c-ne empfindliche Zurückweisung erfahren. Vor Allem ist es von Lord Hartington, dem früheren Krtegsminister unter Gladstone, entschieden abgelehnt worden, in das neue Ministerium einzutreten, und zwar weist Lord Hartington bei seiner Weigerung ganz offen auf die irische Politik Gladstone's hin, die Hartington nicht billigt. Aus diesem Grunde haben es auch Lord Derby, Lord Selborne und Sir Reynold James und andere angesehene Mitglieder der libe-> raten Partei abgelehnt, in dem neuen Cabinet Portefeuilles zu übernehmen. Es mag dies für den Ches der englischen Liberalen unangenehm fein, um so mehr wird er sich aber nun Persönlichkeiten aussuchen, die bereit sind, mit ihm durch Dick und Dünn zu gehen, auch was die irische Frage anbelangt. Bezüge lich letzterer hält jetzt Mr. Gladstone nicht, länger mehr hinter dem Berge; durch seine Special-Organe läßt er es offen verkünden, daß den Iren wirklich ein eigenes Parlament in Dublin zugestanden werden soll. Dasselbe soll allerdings nur rein irische Fragen behandeln unter der Bedingung, daß für die. Aufrechterhaltung der Integrität des britischen Gefammtstaates und der Rechte der Krone ausreichende Garantien gegeben werden. Wird aber Herr Parnell,. der „ungekrönte König" von Irland, Willens und im Stande sein, diese „ausreichenden Garantien" zu geben?
Fürst Nikita von Montenegro ist am Montag Abend von Paris nach Petersburg abgereist. Der Umstand, daß der Beherrscher der Czernagorzen während seines Pariser Aufenthaltes mit Herrn Grvvy, Herrn de Freycinet und anderen distinguirten Persönlichkeiten conferirt hat, ist die Ursache zu allere Hand Muthmaßungen gewesen, die alle darauf hinlaufen, daß Fürst Nikita m Paris auch politische Zwecke verfolgt habe. Vielleicht hat der montenegrinische Herrscher Herrn de Freycinet gar ein Bündniß zwischen Frankreich und dem Fürstenthum der „Schwarzen Berge" angetragen ?
Dem Manchester „Guardian" zufolge findet aus der Flotte Li-Hung-- Tschangs in China ein großerDeutschen-Schub statt. Alle dort angestellten Deutschen, der Admiral Sebelin (?) eingeschloffen, sollen durch Engländer ersetzt werden. Da Li-Hung-Tschangs eigener persönlicher Rathgeber ein Deutscher ist, so wird der Beschluß auf einen unmittelbaren Befehl von der Central-Regierung in Peking zurückgesührt. Die Peking „Gazette" hat auch den Wortlaut der Absetzungs-Urkunde gegen den früheren Gesandten am Berliner Hofe, Li-Fong- Pao, veröffentlicht. Sein Verbrechen bestand bekanntlich in der Bestellung der Kriegsschiffe auf der Stettiner Werste. Es heißt in dem Schriftstücke: „Li-Fong-Pao, welcher einen Knops zweiten Ranges trägt, ist eine Person von gemeinem Charakter und verderbtem Betragen. Er ist Schüler in der Kunst selbstsüchtiger Handlungen und seine Miffethaten sind häufig der Gegenstand allerhöchsten Tadels gewesen. Wir befehlen, daß er entlassen und nie wieder in amtlicher Eigenschaft beschäftigt werde." Li-Fong-Pao soll aus Peking nach Schanghai entflohen sein-
England.
London, 3. Februar. Das Cabinet ist noch nicht endgiltig gebildet und es sind mehrere Veränderungen in der Vertheilung der Posten zu gewärtigen. Die officielle Ministerliste soll morgen veröffentlicht werden. In Betreff des Portefeuilles des Aeußern schwankt die Wahl noch zwischen Roseberry und Kimberley.


