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Mx. 2S7 Donnerstag den 4. November 1886.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Butten t Schulstraße 7.

Erscheint tt-ttch mit Sv4nshme beS Montag».

treiO vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. «tt Brtager^G«.

>urch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 60 Pf.

Amtlicher Hheil. Bekanntmachung.

Er wird hierdurch zur Kenntniß der Jntereffenten gebracht, daß von der Tabaks-Berussgenoffenschaft als Beauftragte ernannt worden sind:

1) für das ganze Deutsche Reichl

Herr Verwaltungs-Director Carl Brockman« zu Berlin (Limenstraße Nr. 153):

2) für den HessewNassau ausschließlich Schaumburg, Rinteln, die Rheinprovinz, Birkenfeld, den Krels Wetzlar und das Großherzogthum Hessen umfassenden Bezirk der Section HI: t .

Herr Handelskammer-Secretär Jos. Schloßmacher in Frankfurt a. M. (Roßmarkt 20).

Gießen, am 28. October 1886. Großherzogliches Kreisamt Gießen

Dr. Boekmann.

Bekanntmachung.

October 1886.

Großherzogliches Kreisamt Gießen. Dr. Boekmann.

Es wird hierdurch zur Kenntniß der Jntereffenten gebracht, daß von der süddeutschen Textil-Berussgenoffenschaft

J Herr L. Hornberger, Fabrikbesitzer zu Gießen, zum Vertrauensmann und Beauftragter und

Otto Schäfer, Fabrikant zu Büdingen, zum Stellvertreter desselben

für die Provinz Oberhessen ernannt worden sind. Gießen, am 28. October 1886.

Politische Ueberficht.

Gießen, 3. November.

Nach dem dem Bundesrathe zugegangenen Etat desReichs- amts des Innern für 188788 fino oie Einnahmen veranschlagt auf 1706 573 JL. also 138,768tu mehr als im Vorjahre. Die dauernden Aus­gaben'betragm 8,002.641 <X gegen 7,753.025 <X. des Vorjahres, darunter werden für Unterstützung der künstlichen Fischzucht 30,000 <X. statt wie bisher 20,000 tX. und für Förderung der Hochseefischerei 200,000 «X. statt wie bis­her 100,000 <X gefordert. Neu eingestellt sind 100,432 <X für die physika­lisch technische Reichsanstalt. Die einmaligen Ausgaben betragen 20.388,273 «X, darunter 200,000 »X als erste Baurate für das Patentamtsgebäude, 480,000 <X für Errichtung der Gebäude für die physikalisch - technische Reichsanstalt und 19 000,000 «X für den Nordoflseekanal.

In Leipzig ist kürzlich vom Reichsgericht ein Mitglied der anarchistischen Partei, der Schriftsetzer Drobner, zu 2 Jahren und 6 Monaten Zuchthaus oer- urtheilt worden. Die Verurtheilung erfolgte auf Grund des § 86 des Reichs- Strafgesetzbuchs wegen Abfassung und Herstellung eines Plakats anarchistischen Inhalts zum Zwecke der Verbreitung. Die Beweisaufnahme ergab eine enge Verbindung Drobner's mit ausländischen Anarchisten, insbesondere mit John Neve, dem Expedienten derFreiheit", und mit Bruno Reinsdorf in New- Dork, dem Bruder des wegen Hochoerraths Hingerichteten August Reinsdorf.

In Breslau sand am Sonntag die Trauerfeier für den verstorbenen lommanbirenhen General des 6. Armeekorps, General der Cavallerie v. Wich­mann, im Gouvernementsgebäude statt. Die Spitzen fämmtlicher staatlichen und städtischen Behörde, die Stabsosficiere des 6. Armeekorps und die ge­lammten Officierkorps der Breslauer Garnison wohnten der Feier bei. Die Trauerrede hielt der Militär-Oberpfarrer, Consistorialrath Dr. Richter.

Eine neue Maßregel gegen das Polenthum wird in der Köln. Ztg." angekündigt. Sie betrifft die amtliche Geschästssprache, als welche in dem Gesetz von 1876 die deutsche Sprache bestimmt war. Nur war in dem genannten Gesetz zur Erleichterung des Ueberganges in den sprachlich ge­mischten LandeStheilen festgesetzt worden, daß für die Dauer von höchstens 20 Jahren im Wege königlicher Verordnung für einzelne Kreise ober Kreis- theile der Gebrauch einer fremden Sprache neben der deutschen für münd­liche Verhandlungen und protokollarische Aufzeichnungen in Schulvorständen, Gemeinde- und Kreisvertretungen u. s. w. gestattet werden könne. Durch Ver­ordnung vom gleichen Tage war diese Erlaubniß in der Thal für eine ganze Reihe von Kreisen und Kreirtheileu, und zwar zunächst auf die Dauer von 5 Jahren gegeben und durch Verordnung vom 12. October 1881 auf weitere 5 Jahre verlängert worden. Es liegt jetzt also die Nothwendigkeit vor, über eine etwaige abermalige Verlängerung Beschluß zu fassen, wobei in erster Reihe die Provinz Posen in Betracht kommen wird. In derKöln. Ztg." wird die Hoffnung ausgesprochen, daß die Verfügung vom 12. October 1881 nicht er­neuert werden, sondern daß von jetzt an das Deutsche ausschließlich als Amts­sprache in der Provinz Posen gelten wird.

Auch aus Württemberg ertönt nunmehr in einem an dieNordd. Allg Zrg." gerichteten Schreiben die Klage über den allzu großen Zudrang zu den Staatsexamina. Findet doch in Stuttgart z. Z. philologische Profefforats- und Präceptoratsprüfung statt, an welcher nicht weniger als 67 Candidaten theilnehwen, und im Finanzdepartement haben sich in diesem Jahre zum ersten kameralistischen Examen 37 Candidaten gemeldet. Der Briefschreiber plaidirt darum energisch für das Kunstgewerbe und macht speciell den Müttern den Vorwurf, daß sie aus übergroßer Eitelkeit ihrs Söhne von der Erlernung eines Handwerks abhielten. , r A .

In Stuttgart tagten in voriger Woche die Vertrauensmänner der freiconservativen Partei Württembergs. Dieselben faßten folgenden Beschluß: Angesichts der Thatsache, daß trotz des großen Entgegenkommens der deutschen

Regierungen, und namentlich der preußischen Regierung, bei allen berechtigten Forderungen der katholischen Kirche die Führer des Centrums von einer ver- söhnlichen Haltung ihrerseits weit entfernt sind, vielmehr den offenen und ver­borgenen Kamps gegen die Reichsregierung sortsetzen, insbesondere angesichts der Thatsache, daß neuerdings von demselben sowohl in öffentlichen Versamm­lungen als in ihrer Presse die Zulassung der Jesuiten gefordert wird, des- jenigen Ordens, der bei seinen Mitgliedern grundsätzlich jede nationale Gesinnung ausschließt und sich die Wiederherstellung und Ausdehnung der Herrschaft des Papstthums, sowie die Bekämpfung und Ausrottung des Protestantismus zur Hauptaufgabe gestellt hat. erklärt die heutige Versammlung von Vertrauens­männern des conseroativen Vereins von Württemberg es für eine Gewiffens- und Bürgerpflicht aller evangelischen Männer, sich gleichfalls eng zusammen­zuschließen zur gemeinsamen Bekämpfung der Uebergriffe der Ultramontanen."

In Charleroi hat am Sonntag die angekündigte Arbeiterkundgebung ohne irgend welche Zwischenfälle stattgesunden. Die Theilnehmer an derselben versammelten sich am Morgen in den fast nur von Arbeitern bewohnten Vor- orten Roux und Jumet und setzten sich dann nach Charleroi zu in Bewegung. Im Zuge, der gegen 12,000 Personen zählte, wurden rothe Fahnen und Tafeln mitgeführt, welch' letztere dir Inschrift trugen:Allgemeines Stimmrecht" undAmnestie". Der Zug nahm seinen Weg an der Glashütte vorbei, wo am 27. März der blutige Zusammenstoß zwischen den Truppen und den strikenden Arbeitern stattgesunden hatte, doch kam es zu keinen auf diesen Vorfall bezüg- lichen Kundgebungen. Zwanzig Theilnehmer am Zuge wurden vom Bürger­meister und den Schöffen empfangen uno verlasen eine Adresse, in welcher das allgemeine Stimmrecht und Amnestie verlangt werden. Der Bürgermeister be- gnügte sich in seiner Erwiderung mit der Versicherung, daß er die Wünsche der Arbeiter Den Kammern übermitteln werde; die Regierung sei damit beschäftigt, den Uebelständen, die sich bei der vorgenommenen Enquete herausgestellt, ab­zuhelfen. Da es, wie schon angedeutet, zu irgendwelchen Ruhestörungen glück­licherweise nicht gekommen ist, so brauchte die constgnirte Bürgerwehr nicht in Action zu treten.

Die bulgarische Sobranje ist am Sonntag in durchaus nüchterner und geschäftsmäßiger Weise eröffnet worden. Die von den drei Regenten Stom- bulow, Karawelow und Mutkurow unterzeichnete Botschaft spricht die Heber* zeugung aus, daß die Sobranje einen Fürsten wählen werde, welcher sein Leben der Ausgabe widme, die Freiheit und Interessen des Vaterlandes zu schützen und die Nation den Weg des Fortschritts, der Größe und des Ruhmes führen werde. Es ist dies eine dem bisherigen Verhalten der bulgarischen Regierung vollkommen entsprechende, würdige und von allem Bombaste freie Erklärung, in der seitens des Cabinets von Sofia jede Herausforderung oder Reizung Ruß­lands vermieden worden ist und wird sie darum den Gefühlen und Gesinnungen des Bulgarenvolkes nur entsprechen. Vorerst ist die Sobranje mit Wahl- prüsungen beschäftigt, aber dieses Geschäft wird nicht zu lange dauern und es wäre ba allerdings sehr wünschenswerch, wenn sich die Mächte in der Zwischen­zeit über die Throncandidatensrage verständigten, Die Sobranje würde sonst in eine sehr peinliche Lage kommen. Sehr bezeichnender Weise hat General v. Kaulbars noch unmittelbar vor Eröffnung der Sobranje der bulgarischen Regierung peremptorisch erklärt, daß er mit seinem Personal das Land ver­lassen werde, wenn er nicht binnen drei Tagen eine befriedigende Antwort auf seine Note betreffs Mißhandlungen der russischer Unterthanen erhalte. Ob die sofort ertheilte Antwort, in welcher die bulgarische Regierung verspricht, mit Strenge über die Sicherheit der russischen Hnterthanen wachen zu wollen, aber zugleich um deren Namen und Adressen bittet, den General befriedigt hat, bleibt noch abzuwarten.

Die Londoner Socialdemokraten scheinen sich für den 9. No- vember, den Tag der üblichen Lordmayors - Banketts, mit einem kleinen Putsch versuchen zu wollen. Der Secretär der Londoner socialdemokratischen Ver«