Nr. 178 Mittwoch den 4. August 1886.
ichener Anzeiger Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen. t - ........
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Amtlicher HHeit.
Dienstag den 10. August soll die Provinzial-Conferenz im SLein'schen Garten abgehalten werden. Anfang 10 Uhr.
Lang-Göns, den 2. August 1886. oT . m ,_ ±
In Auftrag des Herrn Prälaten:
Dr. Strack, Dekan.
Politische Ueberficht.
GieHen, 3. August.
Der deutsch^ Kronprinz ist am Sonntag nach Heidelberg abgereist, um der 500jährigen Jubelfeier der Heidelberger Universität als Vertreter seines kaiserlichen Vaters beizuwohnen. Die glänzenden Festlichkeiten, welche aus Anlaß dieses seltenen Jubiläums in der herrlichen Neckarstadt stattfinden, werden die ganze gegenwärtige Woche ausfüllen, nachdem sie schon in voriger Woche durch einen in der neu hergestellten Universitäts-Aula am Donnerstag stattgefundenen ersten öffentlichen Festact eingeleitet worden waren. Nicht nur in Deutschland, sondern überhaupt in der ganzen gebildeten Welt hat die Jubelfeier der ältesten deutschen Universität den freudigsten Widerhall gesunden und weder Unterschiede des Glaubens, noch der Nationalität haben vermocht, dieser allgemeinen Theilnahme an den Heidelberger Festlichkeiten irgendwelche Schranken zu setzen. Selbst Papst Leo XIII. nimmt sichtlich Interesse an der Heidelberger Universitätsseier, indem von ihm der Kämmerer Enrico Stevenson nach Heidelberg als außerordentlicher Abgesandter abgeschickt wurde. Stevenson überbringt der Heidelberger Ruperto-Carola als Festgabe des Papstes einen kostbar ausgestatteten Katalog der Palatintschen Bibliothek, die von Tilly 1623 nach der Einnahme Heidelbergs weggeführt und von Herzog Max von Bayern dem Papste Gregdr XV. geschenkt wurde.
Marquis Tseng, der seitherige Gesandte Chinas am englischen und- russischen Hofe, traf, von Kissingen kommend, wö der Gesandte dem Fürsten Bismarck den schon erwähnten Besuch abgestattet, am Donnerstag Abend in Berlin ein. Der interessante Gast wurde am Bahnhofe von dem chinesischen Gesandten in Berlin, Hsir-Ching-Cheng, empfangen und nach dem Hütel „Kaiserhof" geleitet. Am Freitag stattete der Marquis Tseng mehrere osficielle Besuche ab und wurde am Samstag auch vom Kronprinzen in Potsdam empfangen. Am Montag beabsichtigte die chinesische Excellenz, sich behuss Besichtigung der Werke des „Vulkan" zunächst nach Stettin zu begeben und erst von dort aus die Weiterreise nach Petersburg anzutreten, wo der Gesandte sein Abberufungs- Schreiben übergiebt. Uebrigens ist Marquis Tseng während seines gesammten Berliner Aufenthaltes nebst seiner Reisebegleitung in jeder Beziehung der Gast des Kaisers gewesen.
Am Sonntag traf Fürst Bismarck in München, anläßlich seiner Durchreise von Kissingen nach Gastein, ein, und zwar als Gast des Prinz-Regenten Luitpold.
Der Prinz-Regent von Bayern hat mittelst Handschreibens an das Ministerium vom 1. August ab die Aushebung des Cabinets-Secretariats versügt. Die Besorgung der ersorderlichen Kanzleigeschäste wird fortan der Geheimkanzlei unter Leitung des General-Adjutanten v. Freyschlag übertragen.
Man meldet aus München: Eine der zu Lebzeiten des Königs Ludwig II. sehr entschieden sestgehaltenen bayerischen Eigenthttmlichkeiten, die Helmraupen in der Armee, wird anscheinend binnen Kurzem verschwinden und einer zeitgemäßeren Ausstattung Platz machen. Dem Vernehmen nach ist auf Befehl des Prinz-Regenten Luitpold bereits eine aus höheren Officieren bestehende Commission in München zusammengetreten, um in dieser Beziehung Näheres zu vereinbaren. Zum Vorsitzenden derselben ist Prinz Arnulf bestellt worden. Die Wahl dieses bayerischen Prinzen, der bekanntlich vor zwei Jahren zum Ches des 6. brandenburgischen Infanterie-Regiments Nr. 52 ernannt worden ist und der von jeher eine besondere Vorliebe für das preußische Heerwesen bekundet hat, deutet daraus hin, daß an maßgebender Stelle in München für die neuen bayerischen Helme von ^vornherein ein Anschluß an das preußische Muster in's Auge gefaßt worden ist.
Die „Berliner Polit. Nachr." versichern nochmals, daß die norddeutschen und süddeutschen Minister in dem Bedauern über die Ablehnung der Branntweinsteuer-Vorlage einig seien. Ebenso einmüthig seien sie aber auch in der Ueberzeugung von der Nutzlosigkeit einer neuen Vorlage, so lange nicht die Wähler die Nothwendigkeit einer anderweitigen Besteuerung des Branntweins erkannt und dementsprechend bei den Wahlen gestimmt hätten. So schnell wird sich indessen der Umschwung in den Wählerkreisen zu Gunsten der Branntweinsteuer wohl nicht vollziehen, wie anscheinend die Berliner Osficiösen meinen.
In militärischen Kreisen giebt sich schon jetzt eine lebhafte Bewegung für eine würdige Feier des vollendeten 90. Lebensjahres unseres allverehrten Kaisers kund. Man hofft, daß das Officiers-Corps der gesammten deutschen Armee zu irgend einer gemeinsamen öffentlichen Kundgebung bei dieser seltenen Feier sich vereinigen, und daß insbesondere die Gründung einer gemeinnützigen Stiftung das Andenken an diesen Tag auch den Nachkommen dauernd erhalten werde. Ebenso wird in den Kreisen der Kriegervereine diese Angelegenheit schon vielfach besprochen und auch hier eine großartige Feierlichkeit
geplant, zu der die Vorbereitungen so zeitig wie möglich in Angriff genommen werden sollen.
Die deutschen Postdampfer nach Ostasien und Australien sind schon bei den ersten Fahrten auch von fremden Postverwaltungen zur Versendung von Briesjäcken in erheblichem Umfange benutzt worden. Neuerdings hat auch die japanesische Postverwaltung die nötigen Maßnahmen getroffen, um mittelst der deutsches Postdampfer Briefsäcke aus Jokohama, Koba und Nagasaki zu verschiedenen Ländern des Weltpostvereins regelmäßig befördern zu lassen.
Erzherzog Karl Ludwig von Oesterreich und seine Gemahlin Maria Theresia sind Ende voriger Woche in Peterhof, der gegenwärtigen Sommerresidenz der russischen Kaiserfamilie, eingetroffen. Fast zur selben Zeit sieht man in Peterhof auch dem Besuche des dänischen Känigspaares, der Königin von Griechenland und ihrer beiden ältesten Söhne, des Kronprinzen und .des Prinzen Nicolaus, sowie der Herzogin von Cumberland entgegen, so daß 'sich dort ein glänzender Kreis gefürsteter Gäste zusammenfinden wird. Gerade in dem Zusammentreffen so vieler fürstlicher Persönlichkeiten erblickt man aber ein Zeichen dafür, daß die Reise des österreichischen erzherzoglichen Paares an den russischen Kaiserhof nicht jene hohe politische Bedeutung besitze, die ihr anfänglich beigelegt wurde. Namentlich vertritt der „Pesther Lloyd" diese Ansicht, wobei das ungarische Blatt daraus hinweist, daß Erzherzog Karl Ludwig sich stets von den politischen Geschäften fern gehalten habe und daß sein gegenwärtiger Besuch in Peterhof aus eine Einladung zurückzuführen sei, die ihm und feiner Gemahlin vom Kaiser Alexander III. bereits gemacht worden sei, als das erzherzogliche Paar den Krönungs-Feierlichkeiten in Moskau beiwohnte und diese Einladung habe sich Jahr für Jahr wiederholt. — Trotzdem wird man dem Besuch des erzherzoglichen Paare» bei der russischen Kaiserfamilie eine symptomatische Bedeutung in friedlichem Sinne nicht absprechen können, denn diese Peterhoser Reise hätte schwerlich stattfinden können, wenn irgendwelche Trübungen zwischen den Höfen von Petersburg und Wien existirten.
Die Meldung französischer Blätter, daß die Schweiz da» Schiedsrichteramt in den Streitigkeiten zwischen Frankreich und dem Congostaate übernommen habe, hat sich bis jetzt noch nicht bestätigt. Im Gegenthelle berichtet man aus Paris, daß Ministerpräsident de Freyctnet noch immer auf ein directes Einverständniß mit der Regierung des Congostaates hoffe und sei deshalb beim Bundespräsidenten auch nur osficiös angefragt worden, ob die Schweiz erforderlichen Falls bereit fei, das Schiedsrichteramt zu übernehmen.
Die Beziehungen zwischen Frankreich und Italien haben sich bis jetzt nicht gebessert. Der italienische Botschafter hat zwar dem französischen Conseils-Präsidenten die freundschaftlichsten Versicherungen gegeben, ober alle Berichte der französischen Consuln in den italienischen Häfen melden von nichts weniger als freundschaftlichen Gesinnungen der Italiener und selbst der Zollbehörden, welche der Einfuhr der französischen Erzeugnisse allerlei Schwierigkeiten entgegenstellen. Noch größere Erbitterung herrscht unter den italienischen Fischern an der afrikanischen Küste, welche unter der so plötzlichen Veränderung der Verhältnisse besonders hart zu leiden haben und sich aus jede Weife der Ueberwachung der französischen Kriegsschiffe zu entziehen versuchen. Da die Franzosen eintretenden Falls gezwungen sein würden, gegen diese ungefügigen Fischer Gewalt anzuwenden, so steht man der weiteren Entwickelung dieser Angelegenheit nicht ohne Befürchtungen entgegen.
Nachrichten aus Konstantinopel zufolge hat nicht nur der dortige russische Botschafter, v. Nelidow, bei seiner Rückkehr von einem längeren Urlaub dem Sultan mündlich die bündigsten Versicherungen über die freundschaftliche Haltung der russischen Regierung der Pforte gegenüber abgegeben, vielmehr enthielt auch der Brief des Czaren, den er dem Sultan zu Überreichen beauftragt war, die erfreuliche Versicherung von der großen Bedeutung, die der Czar auf ein inniges Zusammengehen mit dem Sultan lege. Mit diesem Handschreiben überreichte Herr v. Nelidow gleichzeitig ein werthvolles, aus Pelzwerk bestehen* des Geschenk des Czaren an den Sultan. Der russische Botschafter, der jetzt in der Heimath reiche Gelegenheit hatte, die Gesinnungen seines Kaisers und der maßgebenden russischen Kreise zu erforschen, hat in mehrfachen Unterhalt tungen betont, daß die Gerüchte, die über ein militärisches Einschreiten der Russen in Bulgarien verbreitet waren, jeden Anhalts entbehren. Wenn der Czar nach wie vor über die Haltung des Fürsten Alexander erbittert fei, fo habe er doch eingesehen, daß er vorerst der weiteren Entwickelung der Dmge in Bulgarien ruhigen Lauf lassen müsse. Das werde denn auch unzweifelhaft geschehen; insbesondere sei es unrichtig, daß, wie so vielfach verbreitet wurde, in Bessarabien russische Streitkräfte zusammengezogen würden. Zwei dortige Divisionen seien allerdings auf Kriegsfuß, aber schon ihre gegenwärtige Ausrüstung beweise, daß sie nur zu Manöver-, nicht zu Kriegszwecken verstärkt seien, ganz


