-rr. 27. Dienstag den r. Februar 1886
Kießmer Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Amtlicher Hßei L
Betreffend: Das Ersatzgeschäft für 1886. Gießen, am 1. Februar 1886.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Grotzherzoglicherr Bürgermeistereien des Kreises.
Wir fordern Sie auf, nunmehr mit Aufstellung der Stammrollen sofort zu beginnen und dieselben mit denjenigen für 1884 und 1885 ungesäumt einzusenden.
Hierbei wollen Sie die dem Formulare vorgedruckte Anmerkung genau beachten, insbesondere alle Bestrafungen rc. unter Rubrik „Bemerkungen" eintragen.
Falls ein Bruder eines Militärpflichtigen schon im Heere dienen sollte, wollen Sie dies in der Stammrolle bemerken.
Reclamationen sind baldigst einzureichen bezw. die aus früheren Jahren zu erneuern.
_____________Dr. Boßkmann.__________________________________________________
Betreffend: Die Einsendung der Waisenbüchsengelder für 1885/16. Gießen, am 1. Februar 1886.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Grotzherzoglicherr Bürgermeistereien des Kreises.
Unter Hinweis auf unser Amtsblatt Nr. 3 vom 10. Februar 1877 erinnern wir Sie an Einsendung der Waisenbüchsengelder und zwar durch eine Kosten nicht veranlassende Gelegenheit.
Dr. Boekmann.
Deutschland.
Darmstadt, 30. Januar. Ein Gesetzentwurf über das Civildiener- Wittwen-Jnstitut ist der Kammer zugegangen
Berlin, 30. Januar. Dem Bundesrath ist ein Gesetzentwurf zugegangen, betreffend die Ausprägung von 20-Pfcnnigmünzen in Nickellegirung, wodurch eine Abänderung des Münzgesetzes nothwendig wird.
Berlin, 30. Januar. Abgeordnetenhaus. An der Debatte über den Antrag Achenbach belheiligen sich Tiedemann, Hagen, Hammerstein für den Antrag, Rickert, Jagdzewski gegen denselben. Im Laufe der Debatte betonte Minister v. Puttkamer Rickert gegenüber die schwere nationale Gefahr, welche das Treiben der Polen invol- vire, widerlegt, daß die Regierung mit unnöthiger Härle und Haß bei den Ausweisungen vorgegangen sei und weist dies durch Richtigstellung verschiedener von Rickert hervorgehobener Fälle nach. Der Minister fügte hinzu, er übernehme die volle Verantwortung für die Maßnahmen der Regierung. Der Kriegsminister erklärte, von einer Zurückdrängung der Katholiken in der Armee, wie Windthorst behaupte, könne gar keine Rede sein; man möge den Culturkampf nicht noch in die Armee tragen. Er könne auf Ehre und Pflicht als Minister erklären, daß für das Avancement in der Armee nur sachliche Gründe maßgebend seien. Nach einer Reihe von persönlichen Bemerkungen entspinnt sich eine längere, von Richter veranlaßte Debatte darüber, ob für den Antrag Achenbach, der in seinem zweiten Theile von Geldmitteln spricht, der bezügliche Paragraph der Geschäftsordnung Platz greife, also der Antrag an die Budgctcommission zu verweisen sei. v. Zedlitz-Neukirch und Wolff widersprechen dieser Ansicht, Windthorst, Hänel, Bachem, Virchow, Schorlemer treten dagegen dieser Ansicht bei. Der Antrag Richter wird hierauf mit 234 gegen 153 Stimmen abgelehnt. Schorlemer erklärte hiernach, daß seine Freunde die Abstimmung über die weiteren Anträge für hinfällig erachten und daran nicht theilnehmen würden. Das Gleiche erklären Kantak für die Polen, Virchow für die Freisinnigen. Diese Parteien verlassen hierauf den Saal. Nach der Ablehnung aller anderen Anträge durch die Con- servatioen und Nationalliberalen wird der Antrag Achenbach in namentlicher Abstimmung mit 244 Stimmen angenommen.
Nächste Sitzung Montag. Etat.
Straßburg, 30. Januar. Bei dem Statthalter fand heute ein Diner statt, welchem die Mitglieder des Landesausschusses und die Spitzen der Behörden bei- wobnten. In seiner Ansprache erinnerte der Statthalter daran, daß er selbst einer parlamentarischen Körperschaft angehörte, er vertraue auf den gesunden Sinn und die politische Erfahrung des Landesausschusses; er wolle kein politisches Programm entwickeln, denn selbst ein Staatsmann, der die Macht habe, Persprechungen zu erfüllen, wisse nicht, ob die Verhältnisse deren Durchführung gestatteten. Wer aber, wie er, mit Faktoren rechnen müsse, die außerhalb der Sphäre seiner Einwirkung ständen, müsse doppelt vorsichtig sein. Das beste Programm sei eine gute Verwaltung, darin erblicke er zunächst seine Aufgabe, er werde sie zu erfüllen suchen mit Gewissenhaftigkeit und Pflichtgefühl, mit dem Gefühl des Dankes für das Vertrauen, das das Land ihm entgegengebracht habe.
Arankreich.
Paris, 30. Januar. Die französischen Cardinäle Guibert, Caverot und Des- prez haben an den Präsidenten Greoy ein Schreiben gerichtet, in welchem sie gegen die Anschuldigungen protestiren, die in der ministeriellen Declaration wider den französijchen Elerus erhoben werden. Das Schreiben constatirt den Ernst der Lage vom religiösen Gesichtspunkte aus, tadelt die vereinzelten Handlungen einiger Geistlichen, welche in dem Wahlkampfe die ihnen durch ihr Amt gezogene Grenze vergessen konnten, und weist des Weiteren darauf hin, daß der Papst erst vor Kurzem daran erinnert habe, wie die Kirche keine Regierungsform an sich ablehne. Das Schreiben schließt: Dies wird stets die Regel für unsere Haltung gegenüber dem Staate sein und wir können nicht gestatten, daß man unsere Liebe zum Vaterland und unsere Hingebung an dasselbe verdächtige.
England.
London, 30. Januar. Die Königin hat nunmehr Gladstone mit der Bildung des neuen Eabinets beauftragt.
London, 30. Januar. Gladstone, welcher sich am Montag nach Osborne begibt, hielt heute Nachmittag eine Berathung mit den Führern der liberalen Partei ab. Wie verlautet, hat Gladstone eingewilligt, in das Eabinet zu treten.
London, 30. Januar. Bei der Ersatzwahl zum Unterhause in Süd-Edingburgh. wurde an Stelle des verstorbenen liberalen Abgeordneten Harrisson EhilderS (liberal) mit 4029 Stimmen gegen Polwart (cons.), welcher 1730 Stimmen erhielt, gewählt.
Spanien.
Madrid, 29. Januar. Heute fand hier seitens einer größeren Anzahl von unbeschäftigten Arbeitern eine öffentliche Kundgebung statt. Nachdem der Präfect indeß versprochen hatte, daß er für Arbeit und Beschäftigung sorgen wolle, gingen die Arbeiter wieder friedlich auseinander.
Serbien.
Belgrad, 30. Januar. Dem hiesigen russischen Gesandten sind nunmehr die Instructionen bezüglich der an die hiesige Negierung zu erichtenden Collectivnote zugegangen.
Belgrad, 30. Januar. Der serbische Friedensbevollmächtigte Mijatovic ist mit dem ihnl beigegebenen Secretär Zankovics heute nach Bukarest abgercist.
Rumänien.
Bukarest, 30. Januar. Der König unterzeichnete ein Decret, welches den bisherigen Kriegsminister Falconaju zum Generalstabschef ernennt. — Zu den bestehenden 18 Genie-Compagnien werden noch 2 neue errichtet.
Hriechenlano.
Athen, 29. Januar. In einem heute erschienenen zweiten Blatte der amtlichen Zeitung wird die auswärts verbreitete Nachricht von der Geneigtheit des griechischen Eabinets, sich dem Willen Europas zu fügen und zu dem Ende von der Regierung zurückzutrcten, als unbegründet bezeichnet, das griechische Eabinet habe nichts gethan, was zu einer derartigen Behauptung Anlaß geben könnte.
Türkei.
Konstantinopel, 29. Januar. Lord Salisbury hat dem Geschäftsträger White die Instructionen mitgetheilt, welche dem Admiral Hay gegeben und von Salisbury selbst unterzeichnet sind. Der Hauptpunkt derselben ist der Befehl, nöthigen- falls Gewalt gegen die Griechen anzuwenden, gleichviel an welchem Punkte dieselben die Türken angreifen würden. Der englische Aviso „Helicon" und ein österreichisches Schiff sind heute in der Bucht von Suda eingetroffen, das englische Geschwader wird morgen erwartet.
Rußland.
Petersburg, 30. Januar. Der „Regier.-Anz." giebt Auskünfte über, die 1885 im Weichselgebiete aufgedeckten Versuche einer social -revolutionärem Propaganda unter den Arbeitern. In Warschau und anderen größeren russig schen Städten, wo Polen in nicht unbedeutender Anzahl ansässig sind, haben sich sog. social-revolutionäre Gemeinden gebildet. Dieselben entsandten Delegaten in ein Warschauer Arbeiterschutz-Conseil. Ein besonderes Gericht mußte die Streitigkeiten zwischen Arbeitern und Arbeitgebern schlichten, Entscheidungen in Form von Warnungen, sogar Todesurtheile fällen. Nach der Verhaftung der Rädelsführer zerfiel die Organisation der Gemeinden. Aus ihren Trümmern entstanden mehrere Kreise. Dieselben bildeten eine leitende Revolutionsgruppe, welche unter Hinzuziehung von Repräsentanten der Arbeiterkreise und deren sog. „Arbeiter-Comitä" den Grund legte zu einer social-revolutionären Vereinigung. Die eingeleitete Voruntersuchung führte zur Anschuldigung von ca. 200 Personen, wovon 29 Hauptschuldige den Kriegsgerichten überwiesen, die übrigen der administrativen Bestrafung laut der Gerichtsordnung unterworfen wurden.
— Der „Regier.-Bote" sagt ferner über die social-revolutionäre Propaganda im Weichselgebiete: Das Kriegsgericht erkannte, daß die Vereinigung „Proletariat", welche durch Gewaltthätigkeit die staatliche, öffentliche und öcono- mische Ordnung Rußlands niederzuwerfen bezweckte, unter Anderem durch ihr Eentral-Comitä eine ganze Reihe Ermordungen und Mordversuche ausführerr ließ, überhaupt mit der Revolutions-Partei, welche sich „Narodnaja Wolja" (Volkswille) nennt, solidarisch war und daß der Edelmann Stanislaw Kunitzky


