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Beilage |u Ur. 202 desGießener Anzeiger".

Politische UeLerficht.

Gießen, 31. August.

Die Branntweinsteuersrage, welche eine Zett lang von der Bild­fläche der innerpolitischen Angelegenheiten gänzlich verschwunden war, taucht jetzt wieder aus. Jüngst gingen durch die Spalten der Tagespreffe allerhand Gerüchte, wonach dem Reichstage in seiner nächsten Sesston wiederum ein neuer Branntweinsteuer-Gesetzentwurf vorgelegt werden soll. DieAugsb. Abend- Zeitung" weiß indeffen aus das Bestimmteste mitzutheilen, daß gegenwärtig im Bundesrathe keine derartige Vorlage in Vorbereitung begriffen sei, daß dagegen in den Ministerien der Etnzelstaaten dieser Frage volle Aufmerksamkeit zuge­wendet werde. Speciell seien van Seiten des bayerischen Finanzministeriums Vorarbeiten im Gange, die einem späteren Reichsgesetze zur Grundlage dienen könnten. Das genannte süddeutsche Blatt weist darauf hin, wie gerade Bayern ein Interesse daran habe, rechtzeitig der Gefahr vorzubeugen, sich unter ungün­stigen Verhältnissen für die süddeutschen Brenner der norddeutschen Brennerei- Gemeinschaft anschließen zu müssen und das einzige Mittel zur Vermeidung dieser Gefahr bestehe in einer alle Interessen berückstchtigenden Reichsgesetz­gebung. Im Weiteren meint da» Blatt, daß der Gedanke der Rohspiritus- Besteuerung am meisten Aussicht auf Verwirklichung zu haben scheine, wobei die Hauptschwierigkeit in der Feststellung eines einheitlichen Preises für den durch die Landwirthe abzuliefernden Spiritus bestehen würde, über welche man aber bei allseitig gutem Willen Hinwegkommen könne. Hierzu wird jedoch wohl etwas mehr als der bloße gute Willen gehören, denn gerade die Feststellung des Ankaufspreises hat bislang in den Verhandlungen über die Spiritus-Besteuerung den schwierigsten Punkt gebildet, der sich aus keiner Selle beseitigen lassen wollte.

Die preußische Regierung bereitet sich vor, ihre Eisenbahn-Ver- staatlichungs-Politik zum Abschluß zu bringen. Wie Berliner Blätter vor Kurzem meldeten, ist der Ankauf von acht kleinen Privatbahnen Berlin-Dresden, Nordhausen-Erfurt, die Oberlausitzer Bahn, Angermünde-Schwedt, Dortmund- Enschede, Aachen-Jülich, die ostpreußische Südbahn und Marienburg durch den preußischen Staat beabsichtigt. Die Sonderexistenz der genannten Bahnen hat heute, wo sich der weitaus größte Theil des preußischen Bahnnetzes bereits im Besitze des Staates befindet, keine wirthschaftliche Bedeutung mehr und wird sich gegen die in Aussicht genommene Verstaatlichungs-Maßregel kein stichhaltiger Einwand erheben lassen. Wie es sich mit der Angemessenheit des angebotenen Kaufpreises verhält, ist freilich eine andere Frage.

Von derOder", dem ersten auf der Fahrt nach China begriffenen Reichspostdampfer, ist nach längerer Pause wieder ein Lebenszeichen eingegangen. DieOder" traf am 31. Juli im Hasen von Colombo aus Ceylon ein, wo das Schiff von der dortigen Kolonie auf das Freudigste begrüßt wurde. Am Nachmittag des 1. August gab Kapitän Pfeiffer den Deutschen Colombo'» an Bord derOder" ein glänzendes Diner, nach dessen Beendigung der Dampfer sofort wieder in See ging.

Fürst Bismarck ist nebst seiner Gemahlin am Samstag ftüh von seinen heurigen Badereisen wieder in Berlin eingetroffen, von wo aus sich der Kanzler noch auf einige Zeit nach Varzin zu begeben beabsichtigt. Die Kissinger wie die Gasteiner Quellen haben an demeisernen Kanzler" auch diesmal ihre volle Schuldigkeit gethan und soll er sich des besten Wohlbefinden» erfreuen. Bedeutsame Begebenheiten spielten in die heurige Badekur unsere» leitenden Staatsmannes hinein und verliehen ihr ein besonderes Relief. Zunächst erhielt er in Kissingen den mehrtägigen Besuch des Leiters der auswärtigen Politik

Oesterreich-Ungarns, des Grafen Kalnoky, und allgemein ist die Ueberzeugung, daß die KifsingerBesprechungen zwischen den beiden Staatsmännern das Deutsch­land und Oesterreich-Ungarn verbindende enge Freundschaftsband womöglich noch enger geknüpft haben, als dies schon bisher der Fall war. Dann folgte die Gasteiner Kaiserzusammenkunft, und die Theilnahme des Fürsten Bismarck, des Grafen Kalnoky und anderer hervorragender diplomatischer Persönlichkeiten be­kundete genugsam die eminente politische Wichtigkeit des diesjährigen Kaisertage» von Gastein. Endlich reihte sich den Zusammenkünften von Kissingen und Gastein der Besuch, welchen Fürst Bismarck aus der Rückreise dem in Fran­zensbad weilenden leitenden Staatsmanns Rußlands, Herrn v. Giers, in voriger Woche abstattete, würdig an. Die Begegnung zwischen dem Fürsten Bismarck und Herrn v. Giers beweist in klarster Weise, daß zwischen dem Czarenreich und' den beiden central-europäischen Kaisermächten das alte ungetrübte Einvernehmen wieder hergestellt ist und somit trägt auch die Franzensbader Minister-Confereuz dazu bei, den Glauben an die Erhaltung des europäischen Friedens zu stärken. Den Untergrund für die Besprechungen beider Staats­männer, bei denen eine ganze Anzahl russischer Diplomaten zugegen war, haben offenbar die Ereignisse in Bulgarien gebildet und obgleich man selbstverständlich über den Inhalt der auf Bulgarien bezüglichen Conferenzen zwischen Bismarck und Giers nur Vermuthunqen hegen kann, so ist doch mit Sicherheit das Eine anzunehmen, daß sich die Minister über da» den bulgarischen Vorgängen gegen­über einzuschlagende Verfahren verständigt haben. Jedenfalls geben die Be­sprechungen zwischen dem Reichskanzler und dem russischen Staatsmanne die beruhigende Gewißheit, daß, wie sich auch der bulgarische Zwischenfall weiter entwickeln möge, das Einvernehmen der drei Kaisermächte nicht gestört und der Friede demnach gesichert bleiben wird.

Die politische Sommerstille in Frankreich ist durch einen am Samstag in Paris unter dem Vorsitze Gr6oy's selbst stattgesundenen großen Ministerrath unterbrochen worden. Derselbe beschäftigte sich mit den zwischen Frankreich und dem Vatikan über die Errichtung einer diplomatischen Vertretung der Kurie in Peking schwebenden Fragen. Wenngleich über die Ergebnisse des Ministerrathes zur Stunde noch nichts Nähere» bekannt ist, so liegt doch, wie derTemps" meint, Grund zu der Annahme vor, daß eine Verständigung mit der Kurie wahrscheinlich sei und erscheinen demnach die sensationellen Gerüchte, wonach der Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Frankreich und dem Vatikan unmittelbar bevorstehen sollte, als völlig haltlos. Ueberdies wurde der päpstliche Nuntius in Pari» am Freitag vom Ministerpräsident Freycinet empfangen und hatten die beiden Würdenträger eine längere Unterredung mit einander.

Der Papst hat eine Encyclica anläßlich der Ofener Jubelfeier erlassen. In derselben wird auf das, was die Päpste für Ungarn gethan, hin- gewiesen, aber auch dem ungarischen Volke die Anerkennung des hell. Stuhle» ausgesprochen. Die Encyclica fordert im Weiteren die Bischöfe aus, die Gläu­bigen über die Civilehe und die Illegitimität oer Ehe zwischen Christen und Nicht- Christen auszuklären, spricht sich gegen die gemischten Schulen au» und verlangt die Rückgabe des Vermögens der katholischen Institute und deren Verwaltung an die Bischöfe. Der Grundton dieser päpstlichen Kundgebung wird in den leitenden Pesther Kreisen gerade kein freudiges Echo finden.

Die Adreß-Debatte im englischen Unterhause hat dem Mini­sterium Salisbury am Freitag einen bemerkenswerthen Erfolg gebracht, indem das regierungsfeindliche Amendement Parnell's zur Adresse mit 301 gegen 181 Stimmen abgelehnt wurde.

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