Nr. 77 Zweites Blatt Donnerstag den 1. April 1686
Kießener Anzeiger
Amts- und Anzeigcblatt für dm Kreis Gießen.
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Ruhestörungen und Verheerungen in Belgien.
Charleroi, 28. März. Wir entnehmen der „Kölner Zeitung" nachstehenden Bries:
Gestern früh traf ich hier ein, um Zeuge einer furchtbaren Ausregung zu sein. Die Ereignisse in Lüttich konnten kaum als Vorboten Desjenigen gelten, was Charleroi in diesen zwei Tagen erlebt. Vorbereitet war die Anarchie allerdings, vorbereitet durch die Verkennung des Autoritäts-Princips, durch das Fernhalten der Aermsten von der Schule, der Grundlage jeglicher Macht; durch ine Gleichgiltigkeit der leitenden Kreise, welche sich um das Loos der materiell wie geistig Leidenden nicht kümmerten und anstatt während der Krists des zum Theil aus veraltetem Grund und mit veralteten Mitteln arbeitenden Gewerbes aus Hebung des Volkswohls bedacht zu sein, sich untereinander der Religion oder leerer Verwaltungs- und Wahlsragen wegen besehdeten; und, um die sociale Frage einstweilen nur kurzweg zu erwähnen," durch jedweden Mangel an Arbeiterschutz'Gesetzgebung und Versicherungs-Gesetzen. Deshalb war Charleroi gestern aus einmal in Waffen. So überzeugend wirken diese Gründe aus alle Denkenden ein, daß die jetzige Regierung, welche das Nichteintreten des Staates zu ihrem Hauptgrundsatz gemacht, heute in den aufgeregtesten Ortschaften durch Maueranschlag das Versprechen gegeben hat, der Arbeiterfrage näher zu treten. Doch nun ein kurzer Ueberblick über die furchtbaren Thatsachen, die sich in den letzten 24 Stunden hier zugetragen haben. Banden von fünfzig, von hundert, von tausend durchzogen die Gegend und geboten Arbeitseinstellung. Die Arbeitenden gehorchten der Uebermacht, nicht aus Uebeczeugung, nicht aus Unzufriedenheit über die Löhne, die doch bei der Verschiedenartigkeit der Gewerbe für den Einen nur Elend, für den Andern aber wirklichen Wohlstand bedeuteten. Wo die zur letzten Stunde eingetroffenen Soldaten die Werke nicht besetzt hielten, gaben die Gemäßigten oft einer Minderzahl junger Meuterer nach, weil das Gift der Unzufriedenheit überall ausgestreui war, weil jahrelange Wühlereien den Glauben verbreitet hatten, alle Arbeiter seien den Besitzenden gegenüber Brüder, die zusamnlenhalten müßten. Hier war mittlerweile durch die Charakterfestigkeit des Oberbefehlshabers der 8000 Mann, die seit gestern Abend hier ihr Hauptlager haben, die Ordnung schon notdürftig gesichert. Rothdürstig nur, weil die Stadt ja unter dem Befehl des Bürgermeisters steht und General van der Smiffen nicht zur Uebernahme der Verantwortung ausgefordert wurde. In Marcinelle, dicht vor Charleroi, hatte sich eine Bande gebildet, welche in olle Häuser, auch in die der Armen drang und Geld, bei den als wohlhabend oder gar reich bekannten Leuten große Summen erpreßte. Manche lösten sich durch hohe Geldspenden, Andere durch Krüge mit Bier und Wein und athmeten erleichtert aus, als der Schwarm der Zerstörung vorübergezogen war. Es sollte ein Angriff auf die Stadt unternommen werden; glücklicher Weise waren die Zugänge in einer gewiffen Entfernung von dem Machtkreise der bürgerlichen Gewalt mit Soldaten besetzt und der Hauptstreich mißlang. Hingegen drangen nach und nach einzelne der Empörer in d e Stadt und gingen mit geballter Faust umher. Ich sah, daß ein Bataillon Fußsoldaten, welches am Spätnachmittag ankam, von einer Bande unheimlicher Gesellen verfolgt wurde, die den Nachtrab ganz offen verhöhnten. So mußte für die Nacht Fürsorge getroffen 'werden. Da die Banden sich nach und nach zerstreuten, konnte vie Zusammenziehung größerer Wehrkräfte an wenigen Punkten nur schädlich sein, sollte die Neubiloung der Banden verhindert werden; deshalb ließ General v. d. Smiffen auf viele Meilen Entfernung alle Wegkreuzungen durch kleine Truppeniheile, die unter einander Fühlung hielten, besetzen; es wurde aus den Schutz der Häuser, welche die Besitzer oder die Leiter der Werke bewohnten, Bedacht genommen. Diese Maßregel, welche schon vor der Nacht genommen war, bewirkte, daß die in Charleroi emgeschlichenen Meuterer, wiederum aus ihre eigene Sicherheit bedacht, schlendernd nach Hause zurückkehrten. Die nächsten Eingänge der übrigens mit den Vorstädten und Dörfern zusammenhängenden Stadt wurden durch die Bürgerwehr besetzt, welche allen Verdächtigen unbedingt den Einlaß verweigerte. Die Bürgerwehr, welche wegen ihrer geringen Zahl allerdings nichts ausrichten konnte, blieb nach einer durchwachten Nacht noch aus ihrem Posten und that ihre Pflicht. Gegen Mitternacht brachte eine Streisschaar mehrere Aufrührer ein, welche sich an das Wohnhaus eines Staatsanwalts wagen wollten. Die Bürger waren ebenfalls bereit, zum Schutz ihres EigenthumS Alles zu wagen, und Jedermann ging mit geladenem Revolver. Dennoch kamen einzelne Ausschreitungen außerhalb der Stadt vor und wiederum floß Blut. Gilly aus der Anhöhe bei Charleroi war besonders schwer bedroht. Dort schaarten sich alle zusammen, welche verlheidigungsfähig waren. _ Die nur in Städten eingerichtete Bürgerwehr wurde durch Streisschaaren bewaffneter Bürger ersetzt. Und so mußte es kommen ; die ganze belgische Armee wäre ja außer Stande gewesen, das Feld zu behaupten aus der ungeheuren Fläche, aus der die Meuterer gleichsam aus Dem Boden emporschossen, wenn die Sorge für den eigenen Herd nicht Alle aufgetrieben hätte. Auch Diejenigen, welche noch vorher für die leeren politischen Formeln in sogenannt sortschrittlichem Geiste sich begeisterten, traten als Conservative im engsten Sinne des Wortes auf. Und es war die höchste Zeit. Räuber stellten sich überall ein und forderten der Aerm- sten Habe, plünderten Läden, und wer weiß, was geschehen wäre, wenn nicht eine kleine Truppe Soldaten, die wie allgemein den Befehl hatte, keine Gnade zu üben und sofort dreinzuschießen, das Gemeindehaus, worin nicht weniger als 16 Anstifter gefangen saßen, besetzt gehalten hätte. Unfern von Gilly fielen
zwei Eindringlinge, welche sich in das Haus eines Ingenieurs wagen wollten, zu Tode getroffen, darunter ein bekannter Aufwiegler. Dies strenge Verfahren wirkte, und das Haus des Bürgermeisters von Chatelineau, unfern von G,lly^ das mit Dynamit gesprengt werden sollte, blieb verschont, weil die Soldaten rechtzeitig eintrafen. Denn Dynamit war vorhanden, wie das sich bei Bergleuten leicht denken läßt; es wurde sogar dieser furchtbare Stoff zu Sprengversuchen an den Schlössern der Häuser gebracht, wo die Räuber nicht sofort Eingang sanden. Das erzählten uns die bestürzten Einwohner, welche uns heute früh auf dem Gang nach der vernichteten Fabrik von Baudoux vorbeiziehen sahen. Auf diesem Wege bemerkten wir, wie die Ruhe wieder sich geltend machte. Wie überall seit unferm hiesigen Aufenthalt wurden wir auch diesmal auf die Gefahr aufmerksam gemacht, den Wilden mit einem Hut und nicht mit der Mütze des Arbeiters entgegenzugehen, doch heute erhielten wir keinen bösen Blick mehr dieserhalb, wie uns gestern geschehen, nur Hülseleistung wurde verlangt, und zwar durch die geplagten Frauen der zwangsweise Feiernden, welche sich verständigt hatten, um die erhaltenen Gaben zu theilen. Diesen Dulderinnen gegenüber, welche fast alle Die Branntweinpest in ihrer schrecklichen Rückwirkung auch in der ruhigen Zeit fühlen, blieb kein Mensch gegenüber taub, auch wenn siemicht sprachen. Wie werden die Frauen der 1200 bis 1500 Arbeiter um die Vaudoux'sche Anstalt das ertragen, was ihrer harrt? Auch die andern sind bedauernswerth, oenn es wird Wochen dauern, ehe Reue über die Verirrlm gekommen ist und wieder gearbeitet wird. Schon wird dies zunächst von allen erörtert, welche die Hoffnung auf Wiederherstellung der Ruhe wieder belebt. — In Roux, wo schon in der vorigen Nacht bei einem Angriff auf die große Spiegelglas-Fabrik 4 Todte und 8 Verwundete geblieben waren, zogen gegen Mittag etwa 2- bis 300 Ausrührer auf eine kleinere Glasbläserei zu, die von einer Compagnie Fußsoldaten besetzt war. Sie wollten auch dort die Arbeiter zum Feiern zwingen. Der Osficier forderte sie dreimal vergeblich auf, sich zu entfernen. Nun stellten sich die Soldaten gegen eine Mauer und legten an. Daraus drangen die Meuterer gegen sie vor und stürzten förmlich auf sie los: die Soldaten gaben Feuer, den Angreifern beinahe auf die Brust. Zehn sielen auf der Stelle tobt hin, andere lagen verwundet. Die Tobten wurden nachher in einen engen niedrigen Schuppen auf den Kirchhof gebracht. Im Gemeidehause wurden die Verwundeten niedergelegt. An ärztlicher Pflege fehlt es ihnen nicht, doch ist dieselbe für Viele leider überflüssig geworden. Von allen Seiten kommen die Angehörigen der Vermißten, um deren Leichen heraus- zusuchen. Auch Verwundete, welche sich umherschleppten, werden herbeigeführt. Die leicht Verwundeten, in Roux sowohl als anderwärts, sind sämmtlich in die Beine getroffen. Man sieht daraus, daß die Soldaten absichtlich niedrig hielten» In Folge der grausigen Vorfälle wurde die Arbeit überall eingestellt. Die Männer gehen mit geballten Fäusten umher und der Reitermajor, welcher die Soldaten befehligte, war nichts weniger als beruhigt für die Nacht. Bis zur Stunde hat jedoch nichts aus Roux verlautet.
Der Belagerungszustand ist in Charleroi und der Provinz verkündet worden. Das Militär hat Befehl erhalten, nach der erstmaligen Aufforderung sofort mit der Waffe gegen die Ruhestörer vorzugehen.
Universität- - Chronik.
— Professor E. Lo mmel in Erlangen ist zum ordentlichen Professor der Experimentalphysik und zum Vorstand des Physikalischen Instituts in der philosophischen Fakultät der Universität München, sowie zum Conservator des physikalisch- mctronomischen Instituts bei dem Generalconservatorium der wissenschaftlichen Sammlungen des bayerischen Staates ernannt.
Verwischte».
Köln, 26. März. An Stelle des in den Ruhestand tretenden Herrn Funk ist Dr. phil. Heck aus Darmstadt zum Director des hiesigen Zoologischen Gartens erwählt worden. Der Betreffende ist ein noch junger Mann (27 Jahre alt), hat in Berlin, Leipzig, Straßburg und Gießen Naturwissenschaft studut und war im Begriff, als Docent für Naturwissenschaft bei einer Universität einzutreten, als seine Anstellung für unseren Zoologischen Garten erfolgte. Die Anstellung hat vorläufig, auf die Dauer von zwei Jahren, den Character eines Provisoriums.
— Das Umpfropfen von Obstbäumen, ein gutes Mittel, dieselben wieder tragbar zu machen. Obstbäume, welche bei vollständig gesundem Wachsthum keine oder nur selten geringe Erträge liefern, können durch das Umpfropfen mit guten willig tragenden Sorten in kurzer 3eit in schöne, ertragreiche Obstbäume verwandelt werden. Das Umpfropfen geschieht in den Monaten März, April und Anfangs Mai. Bei dem Steinobst muß diese Arbeit schon vor Eintritt der vollen Vegetation geschehen. Bei Kernobst ist es noch bei mehr vorgeschrittener Vegetation möglich, zu veredeln. Am sichmten wendet man das Propfen hinter die Rinde an. Die Edelreiser wachsen bet dieser Vercdlungs- art sehr leicht an, und die Verwundung des Baumes i)t nicht so groß wie bei der älteren Methode des Spaltpfropfens. Im Monat Juli entferne man alle in der Nähe der Edelreiser befindlichen Wildschosse, alles Uebrige lasse man bis zum Herbste wachsen. Die Edeltriebe befestige man an Stäbe, damit dieselben nicht vom Winde abgebrochen werden können. Im Herbst oder Frühjahr entferne man alle wilden Tnebe und kürze die Edeltriebe um ein Drittel ihrer Länge. Später hat man bei der Bildung der Krone alle zu dicht stehenden Aeste und Wasserschosse zu entfernen. Schon im vierten Jahre wird man seine Mühe durch den Ertrag belohnt finden.
— Die Pasteur'sche Tollwuthkurmethode wird bereits von den Lcbens- versicherungs-Gesellschaften als ein Mittel betrachtet, um den Fälligkeitstermin von Versicherungssummen hinauszuschieben. So ist neuerdings wieder ein Fabrikdirector aus Sachsen, welcher vor etwa 14 Tagen von einem tollen Hunde gebissen wurde, auf Veranlassung und Kosten der Unfallversicherungs-Gesellschaft „Zürich", bei welcher der Betreffende gegen Unfälle versichert war. nach Paris gereist, um sich der Kur des genannten Professors zu unterwerfen.


