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7®. Zweites Blatt Sonntag den 29. März 1886
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Gießen, 28. März.
Der datier ist von seinem jüngsten Unwohlsein, welches ihn auch an ^inem Geburtstage verhinderte, in der sonst üblichen ausgedehnten Weise die Deputationen und persönlichen Gratulationen zu empfangen, erfreulicher Wege roiever vollständig hergestellt. Indessen ist bei der anhaltenden rauhen Witte, -rung noch möglichste Schonung für den greisen Monarchen geboten und so dürfte er auch seine gewohnten Ausfahrten erst beim Eintritt besseren Wetters wieder ausnehmen. m A
Mit der parlamentarischen Osterpause hat der Reichstag am Vergangenen Dienstag den Anfang gemacht und vermuthlich werden ihm die Leiden Häuser des preußischen Landtages noch in dieser Woche gefolgt sem. Der Schwerpunkt des sitzt zu Ende gegangenen Sessions-Abschnittes lag überwiegend «us dem Gebiete der Colonialpolitik und bilden die Bewilligung des Nachtrags- Etats für Kamerun, vor Allem aber die noch kurz vor der Vertagung erfolgte definitive Annahme der Dampfer-Vorlage, wie sie aus den Beschlüssen der zweiten Lesung hervorgegegangen war, einen Erfolg der colonial-politischen Bestrebungen der Reichsregierung, wie er bei der Zusammensetzung des gegenwar- 3en Reichstages eigentlich gar nicht bester zu wünschen war. Außerdem rst die ließlrche BewMgung des vielumstrittenen neuen Directorsposten im auswärtigen Amte hervorzuheben. Sonst hat der Reichstag in seinem ersten Sessions- Lbschnitte — abgesehen vom Etat, dessen Berathung sich mehr als nöthig in die Länge zog — nur kleinere Vorlagen und mehrere Anträge definitiv erledigt; Positiv ist also von ihm in Anbetracht des Umstandes, daß sein Zusammentritt schon im vorigen November erfolgte, gerade nicht allzuviel geleistet worden. Nach den Osterferien wird den Hauptberathungs-Gegenstand des Reichstages die Zollraris'Novelle bilden, deren hauptsächlichste Positionen in zweiter Lesung allerdings schon ihre Erledigung gefunden haben. Die specielle Erörterung der vielen Minen Industrie-Zolle dürfte indessen auf die Reichsboten keine große Anziehungs- Äaft ausüben und so wird wohl der Reichstag nach Ostern an wiederholter Befchlußunsähigkeit laboriren, was für seine Arbeiten nichts weniger als förderlich sein wird. Ueber den Schluß der Session hört man bis jetzt nur Der- muthungen aussprechen, jedenfalls wird derselbe aber noch vor Pfingsten erfolgen.
Die preußische Regierung hat durch den Finanzminister v. Scholz ihre Zustimmung im Princip zu dem Hueneichen Antrag erklärt, nach welchem die den Betrag von W/2 Mill. JL übersteigenden Einnahmen Preußens aus den Getreide- und Viehzöllen den Communal-Verbänden überwiesen werden sollen; nur wünscht die Regierung einen andern VertheilungS-Modus eingehalten zu sehen. Ob diese Art der Erleichterung der Communal-Lasten sich wirklich ohne Schädigung anderer Jntereffen wird durchführen lassen, steht noch dahin.
Einer der verdienstvollsten deutschen Marine-Ofsiciere, Contre-Admiral v. Wickede, ist zum Vice-Admiral ernannt worden. Herr v. Wickede bekleidet zur Zeit die Stellung eines Chefs der Marine-Station der Ostsee.
In Oesterreich ist die Nordbahn-Frage zur Zett der hervorragendste Gegenstand der Tagesdiscussion. Nach mehrtägiger Generaldebatte hat das Abgeordnetenhaus am Dienstag gegen die Stimmen der Linken das Eingehen in die Specialdebatte über die Nordbahn-Vorlage beschlossen. Die Anträge der liberalen Minorität, welche theils die Vorlegung eines neuen Gesetz- Entwnrses, aus dem Princip der Verstaatlichung beruhend, theils die Vertagung der ganzen Frage, verlangten, wurden abgelehnt, wobei es sich herausstellte, daß auf der Linken ebensowenig Einigkeit herrschte, indem sich hierbei die wunderbarsten Partei-Constellationen herausstellten. Schließlich haben aber die Parteien der Rechten doch den Sieg davongetragen und fragt es sich nur, welche Gestalt der zu erneuernde Vertrag der Regierung mit der Nordbahn in der am Donners- iag begonnenen Specialdiscussion annehmen wird. Allem Anschein nach, ist man sich auf Seiten der Abgeordnetenhaus-Majorität hierüber noch nicht einig und dürfte die weitere Berathung über die Nordbahn-Vorlage wahrscheinlich noch Mancherlei Ueberraschungen bringen.
In Frankreich ist mit der von der Deputirtenkammer mit großer Stimmen-Mehrhrit beschlossenen Einführung des Listenscrutiniums eine wichtige Frage der inneren Politik definitiv zu Gunsten der Regierung entschieden worden. Rach dem hiermit angenommenen Wahlmodus werden bei den allgemeinen Wahlen jämmlliche Abgeordnete eines Departements gemeinsam aus derselben Liste gewählt, während bisher jedes Arrondissement einen besonderen Deputirten ernannte. Da die große Mehrzahl der französischen Departements entschieden republikanisch gesinnt sind, so können die einzelnen Arrondifiements innerhalb derselben, welche bisher monarchistische Deputirten wählten, jetzt nicht mehr zur Geltung kommen und so wird denn auch die Zahl der monarchistischen Deputirten bedeutend zusammenschrumpfen. Ob aber die gemäßigten Republikaner oder die Radikalen, Socialisten rc. am meisten vom Listenscrutinium profitiren werden, darüber muffen die nächsten allgemeinen Wahlen entscheiden, welche nach einem weiteren Kammer- bffchlusse zwischen dem 14. August und 14. October stattzusinden haben.
Der italienische Minister des Auswärtigen, Mancini, hat dieser Tage im Senate Erklärungen Über Die Colonialpolitik Italiens abgegeben, welche vor allen Dingen betonen, daß durch dieselbe und die deshalb erfolgte Anlehnung an England die guten Beziehungen zu Oesterreich und Deutschland N'.icht gestört worden sind. Es liegt in diesen Erklärungen eine Rehabilitirung
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Gietzen, 28. März. ^Entwurf zum Ortsbaustatut für die Pro«" vinzialhauptstadt Gteßen-s Fortsetzung und Schluß.
Z« Art. 29 der allgemeinen Bauordnnng.
8 19. Stauungen, Scheunen, Remisen, Waschküchen, Avtritte und ähnliche Nebengebäude dürfen nicht an öffentliche Straßen und Plätze gestellt werden.
Ausnahmen hiervon sind nur bet äußerster Raumbeschränkung und unter der Bedingung zulässig, daß derartige Nebengebäude mit dem Hauptgebäude in harmonische Verbindung gebracht werden, oder für sich das Aussehen eines Wohngebäudes erhalten.
8 20 Räume, in denen mit lästigem Geräusch verbundene Gewerbe betrieben werden, oder in denen Rauch, Dampf und Übelriechende Luft erzeugt wird, dürfen keine D£ffnUÄnfo%beetÄehK-7 bet Baufluchtlinie, fo muß die Entfernung der Oeffnungen « sind Fabrik- und sonstige An
lagen, welche in bebauten Quartieren für die Besitzer oder Bewohner der benachbarten Grundstücke oder für da« Publikum erhebliche Nachtheile oder Belästigungen ic. herbei- sühren kömrteu^b untet reiche» Bedingungen Bauten der tm S 21 bezeichneten Art, sowie villenact,g- Bauten außerhalb des Stadtbauplans errichtet werden können, darüber bat die Stadtverordneten-Versammlung von Fall zu Fall zu berathen und zu beschließe. T „
Zir Art. 30 der allgemeinen Banordnurrg.
8 23. DaS^urücklegen der Gebäude hinter die normale Baufluchtlinie kann ausnahmsweise mit Genehmigung der Stadtverordneten - BHammlung gestattet werden, wenn der Besitzer deS zurückliegenden Hauses sich verpflichtet, das zwischen der Baufluchtlinie und der Gebäudefront befindliche Gelände nach Vorschrift abzuschlteßen und anzulegen.
Zn Art. 34 der allgemeinen Bauordnung.
8 24. Jedes bebaute Grundstück soll mit einem Abtritt versehen sein, der übrigen« tn der Regel nicht an der Straßenflucht liegen darf. .
Die Abtrittsgruben müssen mindestens 1 m von der Nachbargrenze entfernt, absolut wasserdicht hergerichtet und zweckentsprechend ventilirt fehl.
Zu Art. 37 der allgemeinen Bauoednung.
8 25. Auf jedem Grundstück mutz wenigstens Vs der Gesammtgrundflächs um bebaut bleiben und zwar der Art, daß hinter dem Vorderhause ein Hofcaum von 8 bis 10 m Länge und 4 bf§ 5 m Brette frei bleibt.
Wo tn einem Baugrundstück die Anlage des Hofcaums hdem Vord.rhause unausführbar ist, kann solche ausnahmsweise neben dem Haus-gestattet werden.
Auf Grundstücken, welche bereits bebaut sind und deren Hofcaum wenigs 30 Quadratmeter beträgt, darf derselbe bet Neubauten wieder in der ttüheren Große angeordnet werden, wenn die Zahl der vorhandenen Stockwerke^ntcht überschritten wird. Eine Verkleinerung oder Uebnbauung solcher Hoftäume ist unstattyatt.
Löschgeräthe geeignete Durchfahrt von mindestens 2 m Breite und 2,60 m Hohe im Lichten eingerichtet w-rden. e e $5f., fo wuß zu jedem derselben, weicherden
einzigen Zugakg zu bewohMen ob" zu mehrstöckigen Hintergebäuden bildet, eine solch- Sufa&rt °°rh,nden sein. batfen In der Regel nicht früher erbaut werden,
als die Vordergebäude; zu einer Abweichung hiervon ist die Genehmigung der Stadt- verordntten-PersammIung erforderlich.
her überseeischen Politik der römischen Cabniets vor der öffentlichen Meinung Mittel-Europa« und diese Rehabilitirung war allerdings Angesichts der so plötzlichen Hinneigung Italiens zu England auch noth wendig. Die weitere Haltung der italienischen Regierung wird aber erst zeigen, ob es ihr in der That Ernst ist mit dem Festhalten an dem Bündnisse mit den central-europäischen Mächten, mit schönen Worten ist dies nicht allein abgemacht.
Die englischen Staatsmänner betrachten den Conflict mit Rußland wegen der afghanischen Grenze plötzlich wieder durch die schwarze Brille. Auf den Befehl zur Mobilisirung zweier indischen Armee-CorpS ist die Ordre gefolgt, daß alle beurlaubten Officiere der englischen Truppen in Indien und die beurlaubten Eingeborenen der indischen Regimenter unverzüglich zu ihren Regimentern zurückzukehren haben; ferner ist von der Admiralität angeordnet worden, daß die in Devenport, Chatam und Portsmouth befindlichen Kriegsschiffe sich in Bereitschaft zu setzen haben, um jederzeit auSlausen zu können- Diese kriegerischen Maßnahvten deuten darauf hin, daß man sich in London für alle Fälle bereit hält, einem Vorstoß der Russen in Centralasien entgegenzutreten und ein von der Londoner Börse ansgegangenes Gerücht, wonach Rußlands Antwort auf die englischen Vorschläge bezüglich Afghanistans keine befriedigende sei, würde diese Rtaßnahmen nur rechtfertigen. Dagegen erklärt die „Nordische Telegraphenagentur" in Petersburg, daß eine solche Antwort noch nicht ertheilt sei, was freilich nicht ausschließt, daß sie ablehnend lauten kann- ,
Neber die Kampfe derEugländer mit den Sudan-Rebellen unter Osman Sigma bei Suakim laufen jetzt specielle Berichte ein, die bestätigen daß die Araber in allen diesen Gefechten mit äußerster Todesverachtung, mit wildester Tapferkeit gekämpft haben. Trotz allen Niederlagen, welche die Sudan-Rebellen durch die Engländer schon erlitten, ist ihr Muth demnach noch nicht im Mindesten gebrochen und General Graham wird auf seinem beab- sicktigten Marsche gegen Tamai, dem Hauptstützpunkte Osman Digma's, hiervon jedenfalls weitere Proben erhalten.
In Central-Amerika hat der Präsident von Guatemala, Barnos, mit 15,000 Mann den Vormarsch gegen San Salvador begonnen, womit die kriegerischen Verwickelungen in Centtal - Amerika ihren Anfang genommen haben- ______________________


