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Rr. 249, Zweites Blatt Sonntag den 25. Oktober 18$5
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Dureatt: Schulstraße 7. Erscheint täglich trat Ausnahme des MontagS. vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.
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Wochen - Uebersicht.
Gießen, 24. October.
Der Herbstaufenthalt Kaiser Wilhelms in Süddeutschland hat in dieser Woche sein Ende erreicht und ist der Kaiser am Freitag srüh in erwünschtestem Wohlsein wieder in Berlin eingetroffen, während sich seine erlauchte Gemahlin von Baden-Baden nach Coblenz begeben hat, um hier noch einige Wochen zu verbringen. Brachte der erste Theil seines Aufenthaltes in Süddeutschland durch die Manövertage in Vaden und durch die glänzenden Festlichkeiten in Karlsruhe und Stuttgart für den greifen Monarchen so mancherlei Anstrengungen mit sich, so war dafür der zweite Theil, der Aufenthalt in Baden-Baden, lediglich der Ruhe und Erholung gewidmet und durch keinerlei geräuschvolle Festlichkeiten unterbrochen. Die größeren Reisen des Kaisers haben nunmehr für dieses Jahr ihren Abschluß gefunden, an ihre Stelle werden jetzt die gewohnten Jagdausflüge treten, welche der hohe Herr bei Beginn des Spätherbstes von Berlin aus zu unternehmen pflegt und auf welche er wohl auch Heuer schwerlich verzichten wird.
Unter den Angelegenheiten der inneren Politik stand in dieser Woche die in Der braunschweigischen Regentschastssrage getroffene Entscheidung voran. Dieselbe ist so ausgefallen, wie sie nach Lage der Dinge nicht gut anders erwartet werden konnte. Einstimmig hat die braunschweigische Landesversammlung, entsprechend dem Vorschläge des RegentschaftSrathes, am Mittwoch den Prinzen Albrecht von Preußen, zum Regenten von Braunschweig gewählt und noch an demselben Tage eine Deputation nach Kamenz entsendet, um den Prinzen um die Annahme der Wahl zu bitten. Wir können füglich die Debatten, welche diesem für das Land Braunschweig so bedeutsamen Act im Landtage unmittelbar vorangingen, übergehen. Rur sei aus der Mittwochs-Sitzung heroorgehoben, daß der Präsident v. Veltheim nach der Abstimmung den Prinzen als den erwählten Regenten des Herzogthums Braunschweig proklamirte und hierbei äußerte, der Landtag habe einen Beschluß gefaßt, wie er wichtiger und folgenschwerer für das Herzogthum von der Versammlung nie gefaßt werden konnte. Gott möge den Entschluß segnen und dem Prinzen Kraft verleihen, die Regierung zum Heil und Segen des Landes und seiner Bewohner in gleicher Weise zu führen, wie es von dem Herzog Wilhelm geschehen sei. — Die Stadt Braunschweig begrüßte das Wahlergebniß sofort mit reichem Flaggenschmuck und hierin, wie in der Einstimmigkeit, mit welcher die Wahl des Prinzen Albrecht Seitens der Vertreter des braunschweigischen Volkes geschah, kann man ein bedeutsames Zeichen dafür erblicken, daß dem ritterlichen Prinzen aus dem Hohenzollernhause die lebhaftesten Sympathieen des Landes, an dessen Spitze er künftig wirken soll, gewiß sind. Mit der vollzogenen Regentenwahl ist die vom Bundesrathe beschlossene Ausschließung des Herzogs von Cumberland vom braunschweigischen Throne zur faktischen Thctt- sache geworden und mag der welfische Prätendent hiergegen auch noch fernerhin seine papierenen Proteste einlegen — die Geschichte schreitet über ihn und seine Ansprüche mit ehernem Schritte hinweg. Mit der Regentschafts-Uebernahme durch Prinz Albrecht erlischt das Mandat des Regentschaftsrathes. Auch der gewählte Regent wird nach dem Landesgesetze Mr Führung dec Regierung nur „bis zum Regierungsantritte des Thronfolgers" berufen, daß aber in diesem Falle der Regent Prinz Albrecht sich in den Thronfolger verwandeln wird, kann wohl nicht bezweifelt werden.
Von der preußischen Wahlbewegung liegen die üblichen Wahlnachrichten vor, wie sie sich nahe vor der Entscheidung zusammenzudrängen pflegen; etwas Besonderes ist aber heute hierzu nicht zu verzeichnen. Aus der preußischen General-Synode ist zu melden, daß sie in dieser Woche außer einer umfassenden Resolution in der Frage der Sonntagsruhe die Gesetze über das Diensteinkommen der Geistlichen und über das Pfarrwahlrecht der Gemeinden im Wesentlichen nach den Commissions-Anträgen angenommen hat. — Ueber den Termin für die Einberufung des Reichstages verlautet auch heute noch nichts Zuverlässiges; bezüglich des preußischen Landtages heißt es, daß derselbe in der ersten Decemberhälfte zur Erledigung des Etats zusammentreten solle.
Zur Karolinenfrage liegt jetzt von deutscher Seite eine bemerkenswerthe Kundgebung vor. Der „Reichs-Anz." veröffentlicht nämlich jene deutsche Rote an Spanien aus Friedrichsruhe vom 1. October, welche die von Spanien für seine Hoheitsansprüche auf den Karolinen angeführten Umstände eingehend erörtert und auf Grund dieser Erörterung es für Deutschland unmöglich erklärt, anzuerkennen, daß die Karolinen von Alters her und früher als in Folge der diesjährigen Occupation einen Theil des spanischen Gebietes geblldet oder unter Spaniens Hoheit gestanden haben. Die Frage der Priorität der spanischen Besitzergreifung auf Map werde Deutschland unbefangen prüfen, sobald die amtlichen Berichte deutscher Marine-Officiere eingegangen seien. Deutschland hoffe von den fortgesetzten birecten freundschaftlichen Verhandlungen bie Erzielung eines Einverständnisses; es fei in dieser Hoffnung durch die Annahme der von Deutschland vorgeschlagenen Vermittelung des Papstes bestärkt und werde die dem Kardinal-Staatssecretär Jacobini milzu- theilenden Informationen und Vergleichs-Vorschläge folgen lassen, sobald die erwarteten Berichte deutscher See - Officiere eingegangen seien. — Rach dieser Note zu urtheileu, ist eine baldige directe Verständigung zwischen Deutschland und Spanien in Der Karolinenfrage schwerlich mehr zu erwarten und wird demnach die Vermittelung des Papstes Platz zu greifen haben.
Die russische Kaiserfamilie ist nach Beendigung ihres Sommeraufenthalts am dänischen Hofe am Mittwoch Nachmittag wieder in Gatschina eingetroffen. Die Annahme, daß der Czar den Heimweg von Kopenhagen über Riga nehmen werde, um sich persönlich von den Zuständen in den Ostseeprovinzen zu überzeugen, hat sich demnach nicht bestätigt.
Die öffentliche Meinung Frankreichs wurde auch in der zu Ende gegangenen Woche noch durch den Ausgang der Wahl - Campagne vollständig in Anspruch genommen. Eine genaue Statistik der Wahlresultate läßt sich indessen immerhin noch nicht geben, da erstlich verschiedene Ersatzwahlen für Deputirte, welche doppelt gewählt erscheinen, vorzunehmen sind und da außerdem die den Monarchisten so günstigen Wahlergebnisse vom 4. October bei der Prüfung durch die neue Kammer, welche zu diesem Zwecke am 10. November zusammentritt, noch manche Berichtigung im republikanischen Sinne erfahren dürften. Für jetzt machen sich die nächsten Consequenzen der französischen Wahlen im Cabinet Brisson geltend. Die Minister für Ackerbau und für Handel, sowie zwei Unterstaatssecretäre scheiden, da sie nicht wieder zuDeputaten gewählt worden sind, aus ihren Aemtern. Die beiden erledigten Portefeuilles gedenkt Herr Brisson einem Opportunisten, resp. einem Radicalen anzubieten.
In Eu, dem Stammschlosse des Herzogs von Chartres, hat am Donnerstag die feierliche Vermählung des Prinzen Waldemar von Dänemark mit der Prinzessin Marie von Chartres in Gegenwart des dänischen Königspaares, der Prinzessin von Wales, der Herzogin von Cumberland und zahlreicher anderer distinguirter Persönlichkeiten stattgefunden.
In Annam ist es mit der Sicherheit des französischen Expeditionscorps noch immer nicht am besten bestellt. .In einer neuerlichen Depesche meldet General Courcy, daß in der Provinz Kuangtri Ruhestörungen vorgekommen seien, wobei eine Anzahl Christen ermordet wurde. Die Aufwiegler wurden von Chasseurs und tongkingnesischen Tirailleurs verfolgt; von den verfolgenden französischen Mannschaften sind hierbei mehrere gefallen.
Ueber die Lage auf der Balkanhalbinsel ist heute nichts besonders Bemerkenswerthes zu verzeichnen. Unter den Mächten wird über eine neue Conferenz verhandelt, doch ist deren Zustandekommen noch keineswegs gesichert. Einigermaßen unsicher lauten die Nachrichten über das Ver- hältniß zwischen Serbien und Bulgarien, allzu freundschaftlicher Natur scheint dasselbe aber nicht zu sein. Die Botschafter in Konstantinopel wollen angeblich den Mächten vorschlagen, eine Declaration, wie sie der bulgarischen Regierung überreicht worden ist, auch in Athen und Belgrad zu überreichen, da man hofft, daß eine derartige Erklärung auch in beiden letzteren Plätzen beruhigend wirken würde. Das müßte freilich erst abgewartet werden. — Die Nachricht, daß England, Frankreich und Italien die völlige Wiederherstellung des Status quo ante in Bulgarien für unthunlich halten, wird jetzt bestätigt. Es scheint somit, daß unter den Großmächten über die Neuordnung der Dinge in Bulgarien auch jetzt noch erhebliche Meinungsverschiedenheiten existiren.
Vermischtes.
X .Das Bestreben, eine Sprache von fremdsprachlichen Elementen freizuhalten ober zu reinigen, ist fast so alt als die Thatsache, daß bet regem Verkehr der Eultur- volker ttine Sprache sich des Eindringens fremder Elemente erwehren kann. Man muß sich deßhalb hüten, das theils gerechtfertigte, theils übertriebene Vorgehen unserer heutigen Sprachreiniger für etwas Originelles oder unserer Zeit Eigenthümliches zu halten. Einer der ältesten Puristen (die deutsche N. F. S. verzeihe uns das Fremdwort) war z. B. kein Geringerer als der römische Kaiser Tiberius. Sein Lebensbeschreiber („Biograph!") S ul ton erzählt uns, daß der Kaiser, obwohl er das Griechische fertig und fließend sprach, sich doch keineswegs desselben überall bediente. Namentlich aber vermied er es im Senate, und zwar so ängstlich, daß er einst um Erlaubnis bat, sich eines fremden Wortes bedienen zu dürfen, als er das Wort „Monopol“ nennen wollte. Ebenso stellte er einst, als in einem Senatsbeschlusse das Wort „Emblema“ (griechisch, bedeutet Bilder oder Figuren, Embleme) vorkam, den Antrag, man solle flott des fremden sich eines römischen Wortes bedienen und, wenn man ein solches uicht finden könne, die Sache durch Umschreibung ausdrücken. Einem Soldaten, den Jemand um die Ausstellung eines griechisch geschriebenen Zeugnisses gebeten hatte, befahl er, dasselbe lateinisch auszufertigen. Natürlich war selbst der Wille des Weltbeherrschers nicht im Stande, die lateinische Sprache von den griechischen Bestand- theilen zu reinigen, so wenig wie es uns jemals gelingen wird, die sog. Fremdwörter aus der deutschen Sprache hinauszuwerfen.
München, 20. October. Aus dem Gebirge trafen gestern und heute sehr schlimme Nachrichten ein. Ein heftiger Föhnwind hatte in Tegernsee, Kreuth, Ober- ammergau, Graswang, Greinau, Partenkirchen und ganz besonders in Garmisch mrchterliche Zerstörungen angerichtet, die herrlichsten Waldungen an ganzen Berghöhen entlang zerstört, von Pillen und Kirchen schwere Dächer abgeworfen, selbst den Thurm der alten Kirche schwer beschädigt, die Bäume der Straßenallee völlig entwurzelt. Die Bewohner einzelner Bergdörfer verließen flüchtend ihre Häuser: Post und Telegraph können nicht verkehren, weil die Leitungen gebrochen und die Straßen unwegsam geworden sirrd. Sieben Stunden währte vor und nach Mitternacht der fürchterliche Orkan. Der Verlust an Holz und der Schaden an Gebäuden ist noch unübersehbar; doch scheinen, soweit bis jetzt verlautet, Menschenleben nicht zum Opfer ge- "allen zu sein.__
gefl. Beachturrg.
Schriftliche Anfragen wegen Auskuustsertheikupg über Inserate rc. tonnen nur dann beantworten, wenn densekben eine Freimarke für die Rückantwort beizeleAl Ht. Ueber Inserate bezüglich deren Offerten einzurMen sind, ist die EMedi^.rn t? keinerlei Auskunftsertheilungen befugt OGerterckrLche find — soweit feine beHüwmlrs gegenteiligen Abmachungen getroffen würben — in der Expedition abruboken.


