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Nr. 83. Zweites Blatt. Donnerstag den 23. April 1883
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Politische Uebersicht.
Gießen, 22. April.
Die Verhandlungen des Reichstages über die Zolltarif-Novelle tragen zur Zeit eine gewisse Monotonie zur Schau und nur dadurch, daß sich die Redner der verschiedenen Parteien öfters gegenseitig Liebenswürdigkeiten sagen, gewinnt das parlamentarische Bild etwas an Lebhaftigkeit. Es sind aber auch die Positionen, mit denen sich der Reichstag seit seinem Zusammentritte dis setzt beschäftigt hat, gerade nicht darnach angethan, allgemeines Interesse für die Verhandlungen hierüber zu erwecken. Cement, Schlemmkreide, Steine, Schiefer — für solche Sachen kann sich das große Publikum schwerlich in* leressiren und um so weniger, wenn — wie dies von der Samstags-Sitzung galt — Die Debatten keinerlei Würze durch diese oder jene Rede erhalten. Die Zölle für Kaffee, Cacao und deren Surrogate riefen eine nur unwesentliche Debatte hervor und auch über einen immerhin so „anregenden" Gegenstand wie Cavi'ar, ging der Reichstag ziemlich schnell hinweg. Der freien volkswirlhschaft- Iichen Vereinigung gelang es hierbei, den Satz von 150 durchzusetzen, weniger Glück hatte sie aber mit ihrem Antrag, den Zoll für Austern und Hummern aus 100 eX zu erhöhen, da derselbe abgelehnt und dafür den Zoll für Austern und Hummern, entsprechend einem Anträge des Abg. Kalle, auf 50 vtL normirt wurde; die Liebhaber dieser schmackhaften Meeresbewohner müßten sich daher eigentlich dem genannten Abgeordneten gegenüber zu einem Dankesvotum verpflichtet fühlen. Die Discussion über Steine und Schiefer bot sür weitere Kreise absolut nichts Bemerkenswerthes dar und erst die Verhandlungen über die Viehzolle dürsten den parlamentarischen Vorgängen im Reichstage wieder ein lebhafteres Colorit verleihen.
Rach dem amtlichen Ergebnisse der im Wahlkreise Teltow- Beeskow - Storkow'Charlottenburg stattgehabten Reichstagswahl wurden im Ganzen 23,281 Stimmen abgegeben. Hiervon erhielt Regierungspräsident Prinz Handjery (cons.) 13,473, Dr. Barth (bfreif.) 5262 und Medailleur Kroh m (Soc.) 4515 Stimmen. Der erstere ist sonach gewählt.
Das Somitv der Basler Missions-Gesellschaft hat an den Fürsten Bismarck eine eindringliche Petiton um möglichste Beschränkung der Branntwein.Einfuhr in West-Afrika gerichtet. Das Vorgehen wird im Eingang Mmit begründet, daß dieser Gesellschaft sehr viele Deutsche, namentlich Süddeutsche, angehören, die Frage also zugleich eine deutsche sei. Sodann seien im Deutschen Reichstage von einem Mitgliede deffelben Aeußerungen gefallen, welche die Schnaps-Einfuhr unter die Reger gar als ein entschuldbares Handelsgeschäft, das der Humanität zwar widerstreite, darstellten. Dem gegenüber beruft sich ber Vorstand der Gesellschaft auf seine Erfahrungen, welche er aus feinen zahlreichen Stationen an der Goldküste feit 60 Jahren gemacht habe und welche die verderblichen Folgen nachweisen, die dec Vertrieb und Genuß von Branntwein aus die Reger haben. Darum ist auch der Handel mit Alkohol auf den Stationen und Factoreien der Missions-Gesellschast gänzlich verboten, dagegen benjenigen Artikeln, welche die Civilisation wirklich fordern, die Einfuhr gestattet und damit auch den Anforderungen des Handelsgeschäftes auf billigen Gewinn Genüge geleistet. Die Verleitung der Reger zum Bcanntweingenuß führe den moralischen, ökonomischen und physischen Ruin derselben herbei, ähnlich wie beim Opium. Die Reger trinken, so lange sie etwas haben, und wenn sie nichts mehr haben, so machen sie Schulden, um trinken zu können und werden dann nach dortigem alten Recht Leibeigene ihrer Gläubiger. Am Schluffe appellirt die Petition an das sittliche Gefühl des deutschen Volkes und vor Allem an die Zusage des .Fürsten, welcher versprochen habe, das praktische Christenthum zur Grundlage seiner Politik machen zu wollen.
Das französische Ministerium des Auswärtigen ist von der chinesischen Regierung amtlich benachrichtigt worden, daß die „Pekinger Zeitung" vom 13. d. Mts. ein vom 6. d. Mts. datirtes Dekret publicirt hat, in welchem die Convention von Tientsin genehmigt und den chinesischen Truppen die Räumung von Tongking anbefohlen wird. In Folge besten haben die Franzosen am 16. b. Mts. die Blokade von Formosa ausgehoben und darf man wohl hoffen, daß nunmehr Die Verständigung zwischen Frankreich und China durch keine weiteren Zwischenfälle verzögert wird.
Die Gerüchte über Militär-Aufstände, welche an drei oder vier Punkten Spaniens stattgefunden haben sollen, werden von der spanischen Botschaft in Paris für durchaus unbegründet erklärt. Man nimmt an, daß es sich hierbei lediglich um ein Borsen-Manöver der Anhänger Zorilla's handelt.
Die jüngsten Nachrichten über den Stand des englisch-russischen Conflitts klingen zur Abwechslung wieder bedrohlicher. Der „Standard" schreibt: „Die Grenzverhandlungen nehmen ein weniger günstiges Aussehen an, weil Nußlanb wieder Fragen ausgenommen habe, welche als endgiltig geregelt betrachtet wurden." Was für Fragen das sind, verschweigt das Blatt, es kann sich aber in der Hauptsache doch wohl nur um die Abtretung von Pendjeh an Rußland handeln, in welche England ja bereits eingewilligt haben sollte. Run erfahren aber die „Daily News", daß die Gerüchte von ber Abtretung Pendjchs vollständig erfunden seien und besorgen die „Daily News", daß militärische Vorkehrungen noch durchaus nothwenbig seien. Wenn England wirklich nicht iit die Abtretung Pendjehs willigen sollte, dann .wäre allerdings ber Kamps un- ve-cmeiblich, denn freiwillig wird Rußland diese vorgeschobene Position nicht he-rausgeben; inbesten steht immer noch zu hoffen, daß es nicht zum Aeußersten kommen wird.
Wirthschastsgeld und Wirtschaftsbücher.
In sehr wenigen Familien ist es Sitte, daß die Hausfrau ein feststehendes Wirthschastsgeld zur Bestreitung aller wirthschaftlichen Bedürfnisse erhält. Es haben aber der Fabrikarbeiter sowohl wie der besser situirte Beamte, der Taglöhner wie der reiche Kaufmann, der Fabrikant ebenso wie der Gewerbtreibende, alle zusammen in gleicher Weise die Pflicht, ihre Haushaltungskosten im Voraus zu überschlagen und fest zu regeln. Leider geschieht dies l'o wenig. Und daher kommt es, daß Familien mit einem jährlichen Einkommen von 1500 JL mit geregelter Wirthschastsbuchführung nur zu oft ein glücklicheres und besseres Leben führen können als Familien mit einer höheren Jahreseinnahme ohne Buchführung.
Da die specielle Wirtschaftsführung, d. h. die Ausgaben für die tägliche Be köstigung und Instandhaltung der dazu nöthigen Geräthe, immer Sache der Ehefrau ist, so sollte ihr unbedingt monatlich, sobald dies thunlich, oder wöchentlich, wie dies bei dem Arbeiterstande der Fall ist, ein bestimmtes Wirthschastsgeld vom Manne übergeben werden. Ueber die Ausgaben selbst hat dann die Frau gewissenhaft Buch unb Rechnung zu führen.
In einer guten Ehe, wie sie sein soll, wird der Mann sowohl als die Frau fortrvährend über die Höhe des jederzeitigen Einkommens im Klaren sein, und es ist nur zu wünschen, daß beide Theile, und zwar aleich bei der Einrichtung, wie endlich auch später in allen dringlichen Fällen miteinander berathen, wie wenig oder wie viel sie auszugeben im Stande sind.
Es wird, wie bereits erwähnt, in fast allen Ständen sehr häufig dadurch gc- fehlt, daß die Frau kein bestimmtes Wirthschastsgeld erhält, sondern es sich geben lassen soll, sobald sie es braucht.
Für eine feinfühlende Frau ist dies ein schwerer Punkt; ihr wird es immer unbehaglich sein, schon wieder nach Geld zu ftageN. Wie oft muß sie dann wohl hören: „Was, Dein Geld ist schon wied'eL alle?" Und der Mann bedenkt nicht, daß von der Geldsumme, die er zur Bestreitung der wirthschaftlichen Bedürfnisse gegeben hat, einige größere auch zur WirthschaftSführung gehörige Ausgaben sich nothwendig gemacht haben.
In anderer Weise wiederum ist es falsch, wenn der Mann seinerseits aus Zartgefühl dem Wirthschaftsbuche seiner Genossin keinen Blick würdigt und vielleicht noch ärgerlich wird, soll er den status quo des Haushalts in Augenschein nehmen. Männer wissen selten, wie viel die Lebensmittel kosten und wie viel in der That täglich verbraucht und aufgezehrt wird, ^ie machen oft größere Ansprüche an den Mittagstisch, als sie die Mittel dazu hergeben, und würden sicher eher zur Einsicht gelangen, wenn sie sich Schwarz auf Weiß überzeugten, was die Beschaffung ihrer Wünsche kostet.
Hierin liegt ein großer Werth der wirthschaftlichen Buchführung.
Wie könnte auch der Mann der Frau das Wochen- oder Monatsgeld gewissenhaft zutheilen, als auf Grund vorhergegangener genauer Buchung? Nur so kommt die Hausfrau nicht in die Verlegenheit, vom Manne ein Mehr zu fordern, oder in die Versuäfung. einen etwaigen Ueberschuß unproductiv anzulegen.
Wird aber, wie man zu sagen pflegt, aus einem Beutel gewirthschaftet, so entstehen häufig nicht nur häusliche Differenzen, sondern auch Differenzen über Einnahme und Ausgaben, und das ist der Ruin vieler Ehen.
Hat der Mann ein bestimmtes Einkommen, so muß er auch der Frau ein bestimmtes Wirtschaftsgeld wöchentlich oder monatlich übergeben. Die Höhe des letzteren ist von beiden Theilen gemeinschaftlich nach dem was eben verbraucht und verzehrt werden kann, festzustellen. Die Vorrechnung der Ausgaben, übrigens eine geringe Mühewaltung, ergibt sehr bald, ob überhaupt und wozu viel Geld verausgabt wird. Eine Einschränkung ist eben leicht zu bewirken. Man kann sich viel besser einrichten, wenn man weiß, wo der Fehler liegt, und der Mann muß eben damit zufrieden sein, ivas für das angesetzte Wirthschastsgeld auf den Tisch zu beschaffen ist. Dies gilt besonders für denjenigen Mittelstand, in welchem die Frau nur Erhalterin, nicht Miterwerberin ist. Wo sie aber das letztere ist, da kann sie dafür ihre Kleidung selbst beschaffen, und der Mann hat nicht nöthig, ihr zu diesem Zwecke ein Taschengeld zu gewähren. Uebrigens ist es besser, und es mögen alle, auch die wirthschaftlichen Frauen im Voraus um Verzeihung gebeten sein — wenn auch die Anschaffung von Kleidungsstücken und Putzsachen nur mit Hinzuziehung der ehemännlichen Anschauung bewirkt wird. Nicht alle Frauen, aber die Mehrzahl handelt hierin etwas schwach.
Ein Hauptarundsatz der Frau und des Mannes muß sein: Keine Schulden machen. Es soll nie auf einen erträumten Glücksfall gerechnet werden, durch den jene bezahlt werden könnten. Der hinkende Bote kommr stets nach. Wenn dann die alten Schulden endlich bezahlt iverden müssen, sobald es überhaupt noch angeht, werden neue Schulden kreirt; der Volksmund sagt hier: Es wird ein Loch aufgemacht, uni das andere zuzustopfen.
Viele Frauen werden nun sagen, daß Schulden viel eher durch das Wirths- hausleben der Männer entstehen als durch die weibliche Putzsucht oder durch Beschaffung von Lebensmitteln.
Hier wird nun die beste Grenze gesetzt, wenn Mann und Frau aufhören, einander und sich selbst zu verheimlichen, was ihnen Restauration, was die Toilette kostet.
Wiederum ist die Hauptsache, alles aufschreiben und klarlegen. Zahlen sprechen, Zahlen beweisen und ein gewissenhaftes Buchen verhütet vor Allem Diejenigen Ausgaben, die ohne Wissen des einen der beiden Ehegatten geschehen.
Eine gute häusliche Buchführung hat aber noch einen hohen Werth. Es wirkt die Sitte des Aufschreibens fördernd auf das Gemüth der Kinder; sie lernen den Werth des Geldes besser verstehen und schätzen und ein wirtschaftlicher ^inn wird schon frühzeitig in ihnen geweckt. Ganz bestimmt aber ist dieser das beste Hochzeitsgut, das ein junges Weib der Ehe zubringen kann.
Einer solchen Hausftau wird der Trost „einmal ist keinmal", der bei den häuslichen Ausgaben so gern als Versucher herantritt, nie nahen, ihm wird aller Boden bei sorgfältigem Buchen entzogen, denn die Reihe der am Schlüße des Jahres summirten Ausgaben reden laut ins Gewissen.
Von vielen Seiten, und namentlich von den Beamten, wird nun zunächst geltend gemacht, daß es bei ihnen einer sorgfältigen Buchung der Ausgaben nicht bedürfe, nach ihrem bestimmten und regelmäßig wiederkehrenden Einkommen wüßten sie, wie viel im Laufe eines Jahres verausgabt worden sei oder ausgegeben werden dürfe. Viele sagen, wenn das Geld „dünne" wird, ist der erste des folgenden Monats nicht mehr weit, zu was soll da gebucht werden rc. Alle diejenigen, die solche Reden bei der Hand haben, halten das Aufschreiben und gewissenhafte Buchen für unnöthig. Daß dem nicht so ist, müßte eigentlich leicht einleuchten.
Wenn jene auch in Bausch und Bogen isi'fen, was für den Jahresunterh erforderlich gewesen ist, so sind sie doch keines ? gs im Stande, anzugeben, wiev dann auf Nahrung, Kleidung, Wohnung, geistige Bildung, gesellige Zerstreuung un^


